Von Wellensittichen und ihren Menschen

27. Januar 2008
Autor: magru
Genre:
Alle Rechte dieser Geschichte liegen beim Autor.

Hi, Ihr. Ich bin Felix. Man erkennt mich an meinem glänzenden, gelb-grünen Gefieder und der einmaligen Schnabelkrümmung. Bin ja selbst hin und weg, wenn ich mich so im Spiegel betrachte – meine erste Lieblingsbeschäftigung den ganzen Tag. Meine zweite Lieblingsbeschäftigung ist die Unterhaltung mit den vielen anderen Vögeln hier an diesem Ort, wo es viel Natur gibt. Und was man da alles erfahren kann! Die schönste Nachrichtenzeit ist, wenn die Zugvögel über uns hinweg ziehen. Wir sind über alle Vorgänge in der Welt bestens informiert.

Diese Menschen sind schon sehr komisch in ihrem Tun und Verhalten. Die sitzen oft sehr traurig in ihren großen Käfigen. Allein und sich sehr einsam fühlend, sehnen sie sich nach Liebe und der Nähe anderer Menschen. Wir Vögel kennen so was nicht. Wenn uns jemand gefällt, haben wir sofort Sex, und manchmal verheiraten wir uns auch umgehend für ein ganzes Vogelleben. Nur, wie wollen diese unglücklichen Menschen sich jemals kennen lernen, nur ständig allein in ihren Käfigen hockend? Mein Futterknecht, Peter heißt er, sitzt schon wieder vor diesem eckigen Rahmen mit den vielen zuckenden, mich total nervös machenden Bildern. Ich mache mir echt Sorgen um ihn! Er ist ja so was von lieb, und ich war damals überaus froh, als er mich aus dieser Massenaufzuchtsstation, von der Enge dort, befreite. Ich habe mich ja auch gleich nach vorne gedrängt, denn auf Anhieb wollte ich ihn haben. Ich bezweifle, ob diese Entscheidung richtig war. Er sitzt leider oft wie ein Häufchen Unglück vor Bildern anderer junger Menschen so wie er. Da er dann manchmal sogar weint, habe ich gut verstanden, was ihn bedrückt. Das macht mich wuschig.

In diesem großen Haus wohnen noch andere Wellensittiche mit ihren Versorgern. Sogar genau unter uns. Und Theo, meinem Kumpel dort, geht es genauso. Das stelle man sich einmal vor: Die wohnen nur 2,5m voneinander entfernt, könnten zusammen ihre Probleme lösen und kennen sich nicht mal! Und dann in den vielen anderen Etagen erst. Man könnte dieses Haus auch als Irrenhaus kennzeichnen.

Was mich sehr wundert, sind die Bilder, die Peter sich oft anschaut. Fliegenpilz und Knollenblätterpilz – das weiß schon der dümmste Vogel in seinem Ei, dass man davon die Krallen lassen soll. Mir wird total schlecht. Dann noch diese Texte, die er oft liest. Echt böse wohl, der Inhalt. Wir Vögel können nicht lesen, ist schon klar, aber anhand der Zeichenfolge erkennen wir ihren Sinn und Charakter. „Strychnin“, diese Zeichen erkenne ich oft. Ganz in Rot. Allem bösesten Unheil. Mir zittern dabei alle Federn.

Bei Theo liegen neuerdings viele scharfe Dinge umher. Er muss sogar richtig aufpassen bei seinen täglichen Rundflügen, dass er sich nicht verletzt. Wenn der Versorger auf seiner Ruhestätte liegt und sich in die Haut ritzt mit einem kalt blinkenden Teil, über ganz empfindlichen Stellen, dann mache auch ich mir große Sorgen, wenn ich Theos aufgeregtes Zwitschern höre.

Nun steht ein großes rundes Teil mit „Strychnin“ drauf vor Peter, ein kleines rundes Teil mit diesen bösen Zeichen vor meinem Futternapf. Ich habe allerhöchste Panik! Als er nun direkt an meinen Futternapf geht, fliege ich sofort hoch. Alarmstart und nicht mit Präzision. Leider kommt mir dabei ein langer Ast von diesem neuen Frühlingsstrauß in die Quere – die sehr große Vase kippt auf Grund der Hebelwirkung um, und zerschellt auf dem Boden. Viel Wasser läuft, sucht sich seinen Weg.

„Kann man denn hier nicht mal in Ruhe sich umbringen in diesem Irrenhaus! Das gibt wieder einen Ärger mit der Versicherung…“ Da ist unten jemand sehr, sehr wütend. Schritte nähern sich schnell. Sicherheitshalber suche ich mein Versteck auf, ganz oben links, hinter der Gardine.

* * *

Wir wohnen jetzt alle zusammen in der neuen Wohnung. Theo und ich, wir haben einen neuen Käfig. Da die beiden Turteltauben wissen, wem sie ihr Glück zu verdanken haben, gibt es immer „Aller erster Sahne“ – Futter. Nur wundern wir uns, dass die ständig zusammen liegen und schnäbeln. Schon drei Tage. Ununterbrochen.

Jetzt eine neue Situation: Zwei blanke Hintern. Ganz empfindliche Stellen, auch bei Vögeln. Theo und ich – wir erkennen die Situation blitzschnell. Wir bewundern kurz noch unsere spitzen, kräftigen Schnäbel, fahren schon mal die Krallen aus. „Attacke!!!“

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