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	<title>Pitstories &#187; History</title>
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		<title>Replay &#8211; Buch 1</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Sep 2010 00:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>David</dc:creator>
				<category><![CDATA[Replay]]></category>
		<category><![CDATA[History]]></category>
		<category><![CDATA[Science Fiction]]></category>

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		<description><![CDATA[Replay – 1. Buch
Vorwort des Autors
oder: Was kann ich von dieser Geschichte erwarten und was nicht?
Die Story ist zwar in einem Science-Fiction-Szenario  des Jahres 2086 angelegt, spielt aber &#252;berwiegend in der Vergangenheit. Es geht um einen Jungen, der als erster Mensch ausgew&#228;hlt wurde, durch die Zeit zu reisen. Doch es kommt anders, als alle dachten…
Elemente <a href="http://www.pitstories.de/2010/09/05/replay-buch-1/">[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Replay – 1. Buch</strong></p>
<p><strong>Vorwort des Autors<br />
</strong><em>oder: Was kann ich von dieser Geschichte erwarten und was nicht?</em></p>
<p>Die Story ist zwar in einem Science-Fiction-Szenario  des Jahres 2086 angelegt, spielt aber &#252;berwiegend in der Vergangenheit. Es geht um einen Jungen, der als erster Mensch ausgew&#228;hlt wurde, durch die Zeit zu reisen. Doch es kommt anders, als alle dachten…</p>
<p>Elemente wie Action, Spannung, (homoerotische) Gef&#252;hle und Szenen sind Teile der Geschichte. Wer eine Coming-Out oder reine Lovestory sucht, wird eher entt&#228;uscht sein.</p>
<p>Diese Geschichte wird nicht ohne Grund <em>1. Buch</em> genannt. Wenn ihr bis zum Ende lest, werdet ihr feststellen, dass es keinen dramatischen Cliffhanger gibt. Die Story ist eine geschlossene Einheit, aber durchaus auf Fortsetzung(en) ausgelegt.<br />
Wenn ihr sie gelesen habt und euch eine Fortsetzung w&#252;nscht, dann schreibt mir ruhig ein positives oder kritisches Feedback. Das motiviert dann zum Weiterschreiben <img src='http://www.pitstories.de/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';)' class='wp-smiley' /> </p>
<p>Und nun w&#252;nsche ich viel Vergn&#252;gen beim Lesen!<em></em></p>
<p><strong>Kapitel 1</strong></p>
<p>Der Wachmann gr&#252;&#223;te kurz, aber freundlich, als ich die Sicherheitsschleuse betrat.</p>
<p>„Viel Gl&#252;ck“, setzte er noch hinzu, nachdem der Biometrie-Scanner durch sein gr&#252;nes Licht signalisierte, dass ich tats&#228;chlich Phillip Marten war und Zugangsberechtigung Eins besa&#223;.</p>
<p>„Ich hoffe nicht, mich darauf verlassen zu m&#252;ssen“, gab ich schmunzelnd zur&#252;ck und setzte meinen Weg durch das G&#228;nge-Labyrinth fort. Doch aus dem ruhigen und unbesorgten Klang, den ich meiner Stimme zu geben versuchte, sprach keineswegs meine innere &#220;berzeugung. In Wirklichkeit war ich &#228;u&#223;erst nerv&#246;s und fieberte dem Kommenden mit gemischten Gef&#252;hlen entgegen.</p>
<p>„Good morning, Phil!“<br />
Lisa, genaugenommen Dr. Lisa Bolzano, ihres Zeichens Leiterin des ATR-Projekts und meine beste Freundin, kam l&#228;chelnd auf mich zu.</p>
<p>„Dir auch einen guten Morgen“, antwortete ich prompt und nat&#252;rlich auf Englisch, denn das war Amtssprache hier am CERN. Lisas Muttersprache Italienisch beherrschte ich leider eben so wenig, wie sie das Deutsche. Zwar faszinierte mich die Sprache, doch mein hin und wieder aufflammendes Interesse wurde vom Zeitmangel erstickt.<br />
<em>Zeitmangel </em>– seit ein paar Monaten beschlich mich immer ein merkw&#252;rdiges Gef&#252;hl, wenn ich ein Wort mit dem Pr&#228;fix <em>Zeit</em> gebrauchte.</p>
<p>Lisa musterte mich nachdenklich und fragte: „Nerv&#246;s?“</p>
<p>„Ein wenig, ja. Man ist ja auch nicht alle Tage Versuchsperson Nummer Eins von einem Haufen verr&#252;ckter Wissenschaftler“, konterte ich spa&#223;haft.</p>
<p>Lisa lachte, wurde dann aber wieder ernst. „Es wird alles wunderbar funktionieren, du wirst sehen! Schlie&#223;lich haben wir die letzten sechs Monate nichts anderes gemacht als Kalibrieren, Simulieren und wieder Kalibrieren…“</p>
<p>„Was nicht hei&#223;en will, dass sich nicht doch irgendwo ein Fehler in die Gleichungen geschlichen hat, oder unsere Theorien schlichtweg falsch sind.“</p>
<p>Lisa blieb stehen und warf mir einen leicht besorgten Blick zu. „Du willst es dir doch nicht anders &#252;berlegen, Phil?“</p>
<p>„Nein“, entgegnete ich beschwichtigend und mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht, „niemals w&#252;rde ich mir diese Reise entgehen lassen, auch wenn es noch so gef&#228;hrlich w&#228;re!“</p>
<p>„Das ist mein Phil, so wie ich ihn kenne und liebe.“</p>
<p>Letzteres war nat&#252;rlich nicht w&#246;rtlich gemeint. Schlie&#223;lich h&#228;tte Lisa mit ihren 43 Jahren meine Mutter sein k&#246;nnen, denn ich war lediglich 24. Und insbesondere war ich nicht am weiblichen Geschlecht interessiert – was aber weder Lisa noch sonst irgendwer wusste.</p>
<p>Ja, das mag einem merkw&#252;rdig vorkommen, 24 und das Coming Out noch nicht hinter sich. Aber wenn ich recht &#252;berlegte, so lag das vor allem daran, dass ich die letzten vier Jahre nicht gerade so verbracht habe, wie man sich das bei einem Jungen meines Alters vorstellt.</p>
<p>Mein Studium der Physik hatte ich mit 20 abgeschlossen. Meine Promotion am CERN, der <em>Europ&#228;ischen Organisation f&#252;r Kernforschung,</em> stellte ich zwei Jahre sp&#228;ter fertig.<br />
Meiner Oma war das immer ein wenig suspekt. Ich musste ihr dann jedes Mal erkl&#228;ren, dass die Wissensvermittlung im Jahre 2086 eben etwas schneller vonstattenging als zu ihren Zeiten.</p>
<p>Nach meiner Promotion blieb ich dann am CERN und arbeitete am ATR-Projekt weiter, was f&#252;r <em>Advanced Time Research</em> steht. Vor zwei Jahren lernte ich auch Lisa n&#228;her kennen, wobei wir mit der Zeit sogar enge Freunde wurden.</p>
<p>Ihr wurde schnell klar, dass ich perfekt ins Profil des <em>Subject Zero,</em> der vorhin erw&#228;hnten Versuchsperson Nummer Eins, passte.<br />
Ich sah weder besonders umwerfend aus, noch h&#228;sslich &#8211; zu mindestens hoffte ich letzteres. Mein Haar war braun und relativ kurz geschnitten. Von 1,84m hoher Statur war ich zwar schlank, aber nicht ohne Muskeln.<br />
Das sah vor ein paar Jahren allerdings noch ganz anders aus, schlie&#223;lich hatte ich diesen Aspekt der K&#246;rperkultur bis dahin au&#223;er Acht gelassen. Das &#228;nderte sich aber mit meiner Auswahl als Subject Zero, mit der ein ausgiebiges Trainingsprogramm in vielerlei Bereichen, eben auch k&#246;rperlichen, einherging.</p>
<p>Kurzum – ich w&#252;rde, die richtige Kleidung vorausgesetzt, an keinem Ort besonders auffallen und insbesondere, zu keiner<em> Zeit.</em></p>
<p>Ein Blick auf die Uhr lie&#223; mich meine Gedankeng&#228;nge unterbrechen. Es war 9:55 Uhr, oder anders gesagt, T minus 35 Minuten.</p>
<p>„Ok, Lisa. Ich muss dann in die Umkleide, wir sehen uns gleich.“</p>
<p>Die <em>Umkleide</em>, wie wir sie scherzhaft nannten, war wesentlich mehr als das. Es war das Ausstattungslabor, in dem man neben Rekonstruktionen von Kleidungsst&#252;cken vieler Epochen auch meine sonstige Ausr&#252;stung bereithielt.<br />
Der Raum war gro&#223; und fast quadratisch, eingeteilt in verschiedene Bereiche, die durch h&#252;fthohe Trennwende separiert waren.</p>
<p>Mein Blick schweifte &#252;ber die Glasschr&#228;nke im ersten Bereich. Sie enthielten Gew&#228;nder, Umh&#228;nge, T-Shirts, Anz&#252;ge, ja sogar Unterhosen, alles geordnet nach Jahreszahlen, sowie in m&#228;nnlicher und weiblicher Ausf&#252;hrung. Ob jemals auch nur ein Bruchteil davon zum Einsatz kommen w&#252;rde?</p>
<p>Pl&#246;tzlich fiel mir auf, dass ab der Beschriftung „17. Jahrhundert“ und abw&#228;rts der f&#252;r die Unterw&#228;sche reservierte Platz leer war. Stand &#252;ber diese Minimalbekleidung nichts in den Geschichtsb&#252;chern? Oder hat man damals schlicht keine getragen?</p>
<p>Bevor ich jedoch diese Vorstellung durchdenken konnte, kam bereits der Laborleiter Dr. Carrol auf mich zu und musterte mich mit einem kritischen Blick.</p>
<p>„Guten Morgen, ich hoffe Sie haben gut geschlafen Phillip!“</p>
<p>Tja, hatte ich das? Eigentlich kaum, wenn man von einem gelegentlichen Eind&#246;sen absah. Zu viele Fragen schwirrten in meinem Kopf herum. Eigentlich die gleichen, die mich schon seit Monaten plagten.<br />
Was w&#252;rde mich erwarten? Okay, es gab Geschichtsb&#252;cher und Aufzeichnungen, aber in wie weit spiegelten diese das tats&#228;chliche Leben vergangener Zeiten wieder?</p>
<p>„Ich denke, es muss ausreichen“, antwortete ich ihm mit einem entwaffnenden L&#228;cheln.</p>
<p>Er setzte sogleich zu einer neuen Frage an. Deren Inhalt erahnend kam ich ihm zuvor:<br />
„Und ja, ich bin ein wenig aufgeregt.“</p>
<p>„Dann lassen Sie uns mal keine Zeit vertr&#246;deln“, antwortete er in seinem makellosen Oxford-Englisch. „Ich habe schon alles bereitgelegt.“</p>
<p>Der Ablauf des Ankleideprozesses war bis aufs kleinste Detail festgelegt und wurde von Dr. Carrol und seiner Assistentin genau &#252;berwacht. Und das war auch gut so, denn bei meiner von Minute zu Minute steigender Nervosit&#228;t h&#228;tte ich sicher irgendetwas vergessen.</p>
<p>Schritt Eins ist die Desinfektion. Nachdem ich mich ausgezogen hatte kam ich unter die Dusche und wurde mit einer speziellen Fl&#252;ssigkeit abgespritzt. Das diente dazu alle eventuell vorhandenen Keime, Bakterien usw. abzut&#246;ten, die sich auf meiner Haut befanden. Auch spezielle Antibiotika musste ich schon seit Tagen schlucken. Diese Sicherheitsvorkehrungen dienten einfach dazu, um mit mir keine Mikroorganismen aus der Gegenwart in die zur&#252;ckliegende Zeit zu bef&#246;rdern.</p>
<p>Dass ich bei diesem Reinigungsprozess naturgem&#228;&#223; nackt war, machte mir nichts aus. Alle Anwesenden waren entweder weiblich oder &#252;ber 40. Oder auch beides, wie zum Beispiel Dr. Carrols Assistentin.<br />
Die Jungs in meinem Alter arbeiteten meist als Ingenieure oder Assistenzmitarbeiter. Diese hatten entweder keinen Zutritt zum Hochsicherheitsbereich oder arbeiteten in den technischen Abteilungen, die ich nur selten betrat.<br />
Das ist umso verst&#228;ndlicher wenn man bedachte, dass sich die Anlage &#252;ber einige Quadratkilometer auf mehreren &#252;ber- und unterirdischen Ebenen erstreckte. Zurzeit befanden wir uns in Ebene <em>U5</em>, also f&#252;nf Stockwerke unter der Oberfl&#228;che, was circa 50 Metern entsprach.</p>
<p>Schritt zwei ist das Ankleiden. Gl&#252;cklicherweise gab es 1886, die Zeit in die ich reisen w&#252;rde, bereits Unterhosen.<br />
Was letztlich aber egal war, schlie&#223;lich hatte ich nicht vor meine Hose w&#228;hrend des Ausflugs herunter zu lassen und bekam daher ganz normale, wei&#223;e Boxershorts.<br />
Dann kam meine neue Kleidung an die Reihe. Ein wei&#223;es Unterhemd machte hier den Anfang.</p>
<p>Das wurde damals zwar nicht getragen, wie mich Dr. Carrol aufkl&#228;rte, aber man w&#252;rde es ja unter dem Rest nicht sehen. Au&#223;erdem erf&#252;llte es noch eine interessante Zusatzfunktion. In den Stoff waren spezielle Nanoteilchen eingearbeitet, die sich bei starker physikalischer Kr&#228;fteeinwirkung kurzzeitig zu einer ultraharten, kristallinen Struktur zusammenschlossen.<br />
Oder anders gesagt, die Schutzweste des ausklingenden 21. Jahrhunderts, die mich vor eventuellen Messer- oder Schussattacken besch&#252;tzen sollte. Wozu es aber kaum kommen w&#252;rde.</p>
<p>Schlie&#223;lich war meine Mission simpel. Heil ankommen, Zeit und Ort mit den Zielkoordinaten abgleichen, etwas die Umgebung erkunden und heil zur&#252;ckkehren. Eigentlich nicht so schwer – abgesehen von den 1000 Dingen die so schief gehen k&#246;nnten.</p>
<p>Fertig angezogen betrachtete ich mich im Spiegel. &#220;ber die Unterw&#228;sche war in der Zwischenzeit ein dunkelgrauer Anzug samt wei&#223;em Hemd und schwarzer Krawatte gekommen. Auch schwarze Schuhe gab es dazu.<br />
Eine ganz normale Stra&#223;enbekleidung f&#252;r M&#228;nner des 19. Jahrhunderts also, auch wenn es mir vorkam als w&#228;re ich gerade auf dem Weg zu einem Business-Meeting, aber in den Tr&#228;umen meines Ur- Gro&#223;vaters. Oder noch ein paar <em>Ur</em> mehr.</p>
<p>„Gut sehen Sie aus!“, kommentierte Dr. Carrol und schritt voran in den n&#228;chsten, weitaus gr&#246;&#223;ten Bereich des Labors.<br />
Hier herrschte rege Betriebsamkeit. Wissenschaftler, die sich unterhielten, diskutierten oder konzentriert an ihren Computerterminals arbeiteten. In der Mitte des Raums befand sich ein gro&#223;er Tisch, in den allerlei Kalibrierungs- und Messinstrumente integriert waren.  Oben drauf lag der wohl f&#252;r mich wichtigste Ausr&#252;stungsgegenstand, mein R&#252;ckkehrticket.</p>
<p>Es handelte sich um das <em>Time Travellers Essentials Kit</em>, kurz TTEK.<br />
Das Kit, scherzhaft auch Zeit-Reisenecessaire genannt, bestand aus drei Komponenten.</p>
<p>Der volle Name des TTEK erinnerte mich irgendwie an einen Artikel zum Selbstzusammenbauen aus dem M&#246;belmarkt. Mit dem kleinen Unterschied, dass es sich um eine Einzelanfertigung handelte, die teurer war als der ganze M&#246;belmarkt samt Grundst&#252;ck.<br />
Ich erinnere mich noch, dass ich beim Einrichten meiner ersten Wohnung versucht hatte, einen Selbstbau-Schrank mithilfe der beigelegten ‘Bauanleitung‘ in die abgebildete Form zu &#252;berf&#252;hren. Das Resultat hatte tats&#228;chlich einige &#196;hnlichkeit mit der Version des Hochglanzpapiers, fiel nur leider nach ein paar Tagen in sich zusammen.</p>
<p>Die wohl auff&#228;lligste Komponente des Ger&#228;ts war ein Paar metallener Armreifen von je 1cm Dicke und 10cm L&#228;nge. Das war zwar an sich etwas ungew&#246;hnlich und entsprach weder dem heutigen Modegeschmack, noch dem des 19. Jahrhunderts, doch war es der zurzeit bestm&#246;gliche Kompromiss aus Unauff&#228;lligkeit und Funktionst&#252;chtigkeit. Letztere war unerl&#228;sslich f&#252;r meine R&#252;ckreise.</p>
<p>W&#228;hrend in der Anfangszeit die f&#252;r den R&#252;cksprung ben&#246;tigte Elektronik noch die Gr&#246;&#223;e eines Kleinwagens aufwies, war es in den letzten Jahren gelungen diese immer weiter zu miniaturisieren. Insbesondere die gro&#223;en Fortschritte in der Nanotechnologie waren uns dabei zu Pass gekommen.</p>
<p>Trotz meiner allzu verst&#228;ndlichen Nervosit&#228;t standen, statistisch gesehen, meine Chancen f&#252;r ein Widersehen mit meinen Freunden und meiner Familie gut. Seit Beginn der hei&#223;en Phase des Projekts waren 23 <em>Raumzeit-Tunnelings</em> durchgef&#252;hrt worden. W&#228;hrend bei den ersten zehn Transporten noch jedes dritte, freilich nicht-menschliche, Testobjekt verschollen ist, waren die letzten sechs Tests alle erfolgreich.</p>
<p>Deutlich unauff&#228;lliger war die zweite Komponente, die Visorlinsen. Es handelte sich um elektronische Kontaktlinsen, welche Umgebungsinformationen, Warnhinweise und weitere n&#252;tzliche Daten direkt in meinem Sichtfeld anzeigen konnten.<br />
Ich brauchte also keinen extra Monitor daf&#252;r, was es mir leichter machen w&#252;rde, nicht aufzufallen. Denn nur so w&#252;rde ich ungest&#246;rt die Leute und das Leben von 1886 studieren k&#246;nnen.</p>
<p>Das Armteil des TTEK wurde, wie an den Kontrollanzeigen des Instrumententischs ablesbar, erst heute Morgen ein letztes Mal &#252;berpr&#252;ft.</p>
<p>Zuerst trug ich jedoch die Kontaktlinsen auf, was mir nicht sofort und nicht ohne einige Tr&#228;nen gelang, da ich wegen meiner guten Sehst&#228;rke sonst keine ben&#246;tigte.<br />
In der Zwischenzeit nahm Carrol die Armschienen aus der Ablage, was die Tischelektronik mit einem ver&#228;rgerten Piep kommentierte. Ich nahm Sie entgegen und streifte die Teile &#252;ber meine beiden Arme. Die Verriegelung schnappte mit einem Klicken zu.<br />
Unter den Hemd&#228;rmeln w&#252;rden Sie von allen Blicken verborgen sein.</p>
<p><em>„Verbindung hergestellt“,</em> s&#228;uselte eine computermodulierte Frauenstimme &#252;ber den in meinem rechten Ohr angebrachten Mikrolautsprecher, der dritten Komponente.<br />
Das war <em>Elisa</em>, der integrale Bestandteil des TTEKs. Elisa war eine <em>VI</em>, was f&#252;r <em>Virtuelle Intelligenz</em> steht. Sie fristete ihr Siliziumdasein in den Armteilen und koordinierte alle Funktionen.</p>
<p>Im Grunde war sie ein besserer Computer, der sich in gewissen Grenzen an ver&#228;nderte externe Parameter anpassen konnte. Das war besonders wichtig f&#252;r die Berechnung der hochkomplizierten vierdimensionalen Gleichungen, die von der um mich herrschenden Raumzeit abhingen… aber ich schweifte ab. Jedenfalls w&#252;rde sie daf&#252;r sorgen, dass ich in einem St&#252;ck und &#252;berhaupt wieder hierher zur&#252;ckkehren konnte.</p>
<p>„Schaut mal her, Dr. Bolzano gibt gerade die letzte Pressekonferenz.“<br />
Einer der Mitarbeiter hatte das Fernsehprogramm auf eine der gro&#223;en Monitorw&#228;nde geschaltet und nun lauschten alle gespannt und gebannt Lisas Worten.</p>
<p>Der Programmpunkt Fragestunde war wohl gerade an der Reihe.</p>
<p>„… jedoch wird die R&#252;ckreise wesentlich schwieriger sein. Bei der Hinreise reicht es die Raumkoordinaten m&#246;glichst exakt zu fixieren. Das ist auch n&#246;tig, schlie&#223;lich wollen wir nicht das Dr. Marten pl&#246;tzlich 100m &#252;ber der Erdoberfl&#228;che materialisiert, oder gar irgendwo im All.<br />
Daf&#252;r reicht es vollkommen, ein grobes Intervall f&#252;r die Zielzeit festzulegen. Abweichungen von bis zu mehreren Wochen oder gar Monaten sind im jetzigen Projektstadium v&#246;llig normal.</p>
<p>Bei der R&#252;ckreise jedoch m&#252;ssen wir nicht nur seine exakte &#246;rtliche, sondern auch seine exakte zeitliche Position bestimmen und zwar auf ein paar Millisekunden genau.<br />
Stellen Sie es sich vor, als w&#252;rden wir mit einem Suchscheinwerfer, dessen Lichtkegel ein Meter misst, die ganze Erde nach ihm absuchen m&#252;ssen. Wir haben keine Chance, wenn wir nicht wissen, wo genau wir suchen m&#252;ssen.<br />
Dr. Marten wird also eine Art temporales Leuchtfeuer entfachen, um uns den Weg zu ihm zu weisen. Dann k&#246;nnen wir ihn zur&#252;ckholen.</p>
<p>Haben Sie sonst noch Fragen?“</p>
<p>Nat&#252;rlich gab es immer weitere Fragen.</p>
<p>„Wieso m&#252;ssen Sie die Position von Dr. Marten bestimmen? Kann er nicht die Ger&#228;te mitnehmen, um selbst zur&#252;ckzuspringen?“</p>
<p>„Nein, so einfach ist das nicht. Zum einen werden f&#252;r ein Raumzeit-Tunneling, beziehungsweise Zeitsprung f&#252;r den Laien, gro&#223;e Aggregate und Energiemengen ben&#246;tigt. Je weiter und genauer es sein soll, desto mehr Energie ist n&#246;tig. Mehrere Etagen dieses Geb&#228;udes sind allein f&#252;r die notwendige Elektronik reserviert.<br />
Au&#223;erdem ist es &#252;berhaupt nicht m&#246;glich mit dieser Methode in die Zukunft zu reisen. Und nichts anderes w&#228;re unsere Gegenwart aus Sicht von 1886.<br />
Wir m&#252;ssen ihn also quasi abholen.“</p>
<p>„Wieso ist ihr Proband noch so jung?“, lautete die n&#228;chste Frage.</p>
<p>Ich h&#246;rte nicht mehr zu, denn ich kannte das alles bereits. Schlie&#223;lich hatte ich mich seit zwei Jahren darauf vorbereitet.<br />
Die letzte Frage war meine erste gewesen, als Lisa mir damals den Vorschlag machte. Die Antwort lag darin, dass Niemand wei&#223;, wie stark die Belastung f&#252;r das menschliche Nervensystem sein w&#252;rde. Versuche mit M&#228;usen hatten jedoch gezeigt, dass junge Tiere das Passieren der Raumzeitspalte besser &#252;berstanden.</p>
<p>„<em>T minus 10 Minuten</em>“, teilte mir Elisa mit. H&#246;chste Zeit also, mich in die Transferkammer zu begeben. Ich verabschiedete mich kurz von Dr. Carrol und machte mich auf den Weg.</p>
<p>Schon am Vorabend hatte ich mich von meiner Familie verabschiedet. Obwohl ich diesen Teil der Abreisevorbereitungen lieber ausgespart h&#228;tte, f&#252;hrte daran kein Weg vorbei.<br />
Nat&#252;rlich hatte es Tr&#228;nen gegeben, meine Mutter hatte geweint. Mein Vater sah das ganze etwas gelassener und hatte mir noch geraten, blo&#223; keinen Urahn von mir versehentlich zu erschlagen.</p>
<p>Die Sorge war nat&#252;rlich v&#246;llig unbegr&#252;ndet. &#196;nderungen in der Vergangenheit w&#252;rden keinen Einfluss auf unsere Gegenwart haben, da es sich streng genommen gar nicht um <em>unsere</em> Vergangenheit handelte, sondern um ein zeitlich verschobenes Paralleluniversum.<br />
Sicher, das sind wissenschaftliche Spitzfindigkeiten, aber doch beruhigend zu wissen.</p>
<p>Lisa hatte die Pressekonferenz scheinbar beendet. Sie kam gerade den Flur entlang, als ich in das Zentrallabor einbog.</p>
<p>„Ah, Phil! Schon in Schale geschmissen. Und gut siehst du auch aus.“</p>
<p>Wieso fanden blo&#223; alle, dass ich in diesem pseudo business-m&#228;&#223;igen Retrolook gut aussah. Ich konnte das beim besten Willen nicht finden.</p>
<p>Mittlerweile standen wir beide auf dem kreisrunden Feld in der Mitte einer kugelf&#246;rmigen Kammer mit um die sechs Meter Durchmesser.<br />
Dies war die Transferkammer, die sich wiederrum in der Mitte des Zentrallabors befand. Bei einem erfolgreichen Transfer w&#252;rde der gesamte Inhalt der Kammer durch die erzeugte Spalte im Raumzeit-Kontinuum ans Ziel transportiert.<br />
Ebenso w&#252;rde ein gleich gro&#223;es Volumen am Ziel in diese Kammer zur&#252;cktransportiert. Das war auch der Weg, den ich zu meiner R&#252;ckkehr beschreiten w&#252;rde.</p>
<p>Nachdem ich im Zentrallabor bereits zahlreiche ermutigende Kommentare und H&#228;ndedr&#252;cke verabreicht bekam, war es nun auch f&#252;r Lisa Zeit sich von mir zu verabschieden.</p>
<p>„Ich w&#252;nsche dir wirklich alles Gl&#252;ck und viel Erfolg! Und denk daran, dass…“<br />
Hier brach sie ab.<br />
Es war wohl einfach zu viel, was sie mir noch ein letztes Mal in Erinnerung rufen wollte. Doch zugleich war alles bereits gesagt. Ich war auf alle Eventualit&#228;ten vorbereitet. Zu mindestens die, welche unser Team sich vorstellen konnte.</p>
<p>„Pass einfach auf dich auf, Phillip“, schloss sie und umarmte mich ein letztes Mal kr&#228;ftig.</p>
<p>„Nat&#252;rlich“, beruhigte ich sie, „mach dir nicht zu viele Sorgen um mich. Ich kann auf mich aufpassen und bin ja auch sp&#228;testens in ein paar Stunden zur&#252;ck. Bis dann also!“</p>
<p>„T minus f&#252;nf Minuten“, kam es gleichzeitig aus meinem Mikrolautsprecher und der Lausprecheranlage des Labors. Letztere setzte noch ein „Bitte r&#228;umen Sie den Transferbereich“ hinzu.</p>
<p>Lisa drehte sich noch einmal kurz um, bevor sie die Kammer verlie&#223;, und winkte.<br />
Dann schloss sich die T&#252;r.</p>
<p>Der Raum war nun komplett leer, bis auf eine kleine wei&#223;e Kapsel aus einem schaumstoff&#228;hnlichen Material. Diese war in der Mitte aufklappbar und bot Platz f&#252;r eine Person in ihrem Inneren, den ich jetzt auch einnahm.<br />
Die Kapsel erf&#252;llte vor allem den Zweck, einen Sturz aus einigen Metern H&#246;he abzufedern. Denn da die &#246;rtliche Zielkoordinate nur bis auf ein Paar Meter genau war, wurde das Ziel etwas &#252;ber dem Boden gew&#228;hlt. Damit wurde die Wahrscheinlichkeit gesenkt, dass ich einige Meter tief im Erdboden materialisierte.<br />
F&#252;r den Fall der F&#228;lle befand sich dennoch eine kleine Atemmaske und entsprechendes Werkzeug f&#252;r eine Ausgrabaktion in der Kapselwand.</p>
<p>Die Zeit verging hartn&#228;ckig langsam w&#228;hrend ich mit pochendem Herzen auf die Ger&#228;usche von au&#223;en lauschte. Die Kapsel hatte ich mittlerweile geschlossen und der Zentrale von meiner Seite aus gr&#252;nes Licht gegeben.</p>
<p>„<em>T minus 30 Sekunden. Zielkoordinaten 53° 52&#8242; 37&#8243; n&#246;rdliche Breite, 10° 42&#8242; 00&#8243; &#246;stliche L&#228;nge fixiert</em>“, meldete Elisa.</p>
<p>Diese kryptischen geographischen Daten hatten auch einen Ortsnamen: L&#252;beck, genauer gesagt in einem Waldst&#252;ck davor.<br />
Der Ort wurde zum einen gew&#228;hlt, da recht genaue Beschreibungen und Landkarten aus der angesteuerten Zeit davon vorlagen. Zum anderen interessierte er mich einfach, da ich im Rahmen meiner Vorbereitungen einen guten Roman gelesen hatte, der in jener Zeit an diesem Ort spielt.</p>
<p><em>„T minus 10 Sekunden.</em></p>
<p><em>Countdown startet.</em></p>
<p><em>9…  8…“</em></p>
<p>Jetzt wurde es erst. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Verdammt zum Nichtstun und Hoffen harrte ich aus.</p>
<p><em>„5… 4…“</em></p>
<p>Es wurde laut um mich.</p>
<p><em>„2… 1…“</em></p>
<p>Pl&#246;tzlich wurde mir spei&#252;bel. Ein Sekundenbruchteil sp&#228;ter f&#252;hlte es sich an, als w&#252;rde mein K&#246;rper in alle Richtungen gleichzeitig gerissen. Und zerfetzt in tausend Einzelteile…</p>
<p><strong>Kapitel 2</strong></p>
<p>Langsam kam ich wieder zu mir.</p>
<p>Meine erste Empfindung war Hitze. Es f&#252;hlte sich an, als w&#252;rde ich in einem Hochofen gebraten.</p>
<p>Dann sp&#252;rte ich auch meine Arme und Beine wieder.<br />
Es kam mir vor, als ob dort tausend kleine Nadeln in meiner Haut steckten.</p>
<p>Keuchend versuchte ich mich zu Bewegen. Es gelang mehr schlecht als recht, denn ich befand mich ja immer noch in der Kapsel.</p>
<p>Sehen konnte ich noch nichts. Oder vielleicht gab es einfach kein Licht.<br />
Ja, nat&#252;rlich, der Strom wird ausgefallen sein.</p>
<p>Ich ignorierte das Brennen in meinen Armen und versuchte die Wand nach dem Hauptschalter abzutasten.<br />
Schlie&#223;lich fand ich die entsprechende Vertiefung und legte m&#252;hsam den Hebel um. Vorhin im Labor gelang mir das mir das mit zwei Fingern. Jetzt musste ich die Kraft meines ganzen Arms darauf verwenden.</p>
<p>Es wurde Licht. Der Innenraum der Kugel erhellte sich und ein kleiner in die Wand eingelassener Diagnosebildschirm flackerte auf. Doch irgendwie war das Display unscharf.<br />
Nein, korrigierte ich mich, ich sah nur verschwommen. Auch die Umrisse der Kugel waren nur schemenhaft zu erkennen.</p>
<p>Okay, du hast ja Zeit. Also sch&#246;n langsam angehen, das Ganze.</p>
<p>Ich schloss die Augen wieder und versuchte mich so gut zu entspannen, wie es in meiner zusammengekauerten Lage eben ging.</p>
<p>Es mussten ein paar Minuten vergangen sein, als ich aus meiner Starre hochschreckte. Ich war wohl beinahe eingeschlafen.<br />
Die Schmerzen hatten sich zu einem ertr&#228;glichen Hintergrundrauschen meiner Nervenzellen reduziert und als ich die Augen &#246;ffnete, kl&#228;rte sich auch mein Blick. Nur die Hitze plagte mich noch.</p>
<p>Als erstes sah ich auf das Kontrolldisplay.</p>
<p>Die erste Zeile war eine Fehlermeldung: <em>TTEK energy drained. </em><em>Self-recharge finished in about 2 hours.</em></p>
<p>Okay, das war nicht weiter schlimm. Die Energie im Hochleistungsakku des TTEK hatte sich verfl&#252;chtigt, der w&#252;rde aber in zwei Stunden wieder fit sein.<br />
Kein Grund zur Besorgnis also.</p>
<p>Die Zweite Angabe war eine Warnmeldung und gab an, dass sich der Notfallschirm ge&#246;ffnet hatte, da die Fallh&#246;he ca. 160 Meter betrug.<br />
Wow, das war viel zu viel. Eigentlich sollte es h&#246;chstens f&#252;nfzehn Meter nach unten gehen, doch scheinbar war die Kalibrierung etwas ungenau gewesen.<br />
Vielleicht lag es am hohen Anteil lebendigen Materials. Egal, f&#252;r schlaue Spekulationen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.</p>
<p>Das Display gab auch an, dass der Zeitsprung bereits vor ungef&#228;hr 50 Minuten erfolgte. Ich war also schon eine ganze Weile bewusstlos gewesen.</p>
<p>Jetzt aber raus hier. Wieso ist es auch so verdammt hei&#223; hier drinnen?<br />
Ich schwitzte erb&#228;rmlich in meinem Retro-Anzug. Vieleicht h&#228;tte ich ein Deodorant einpacken sollen, ging es mir scherzhaft durch den Kopf.</p>
<p>Schnell sah ich die Umweltdaten auf dem Display durch.<br />
Luft atembar, normale Zusammensetzung.<br />
Temperatur 46° Celsius.</p>
<p><em>Wie zum Teufel sollte das gehen?! </em>Wir hatten als Zeitpunkt zwar die Jahresmitte anvisiert, aber so hei&#223;t war es damals doch sicher nicht.<br />
Der Sensor musste beim Aufprall besch&#228;digt worden sein. Oder doch nicht? Schlie&#223;lich kam es mir auch hier drinnen seltsam hei&#223; vor.</p>
<p>Es half nichts, ich musste es selbst herausfinden. Mit dem Bet&#228;tigen des Verschlussriegels l&#246;ste sich schmatzend die luftdichte Verriegelung der Kugel.</p>
<p>Die obere H&#228;lfte schwang selbstt&#228;tig auf und ich blickte in den sonnenklaren Himmel.</p>
<p>So weit so gut. Was mich jedoch deutlich mehr beunruhige, war was sich zu meinen F&#252;&#223;en befand und sich um mich herum erstrecke soweit das Auge ging: <em>Sand!</em></p>
<p>&#220;berall und ringherum, Sand. <em>Das durfte nicht wahr sein!</em> Das war doch einfach unm&#246;glich. Wo verdammt noch mal war ich hier?</p>
<p>Dies war nicht L&#252;beck. Dies war keinesfalls Deutschland. Dies war nicht einmal Europa.</p>
<p>Aber es war offensichtlich eine W&#252;ste. Auch meine Geographiekenntnisse halfen mir bei der Ortsbestimmung nicht weiter, denn W&#252;sten gab es auf so ziemlich jedem Kontinent au&#223;er Europa.</p>
<p>Bei einer so gro&#223;en Abweichung der Ortskoordinaten grenzte es an ein Wunder, dass ich nicht tief im Erdinneren oder irgendwo im Weltraum materialisiert bin.<br />
Und nat&#252;rlich schlie&#223;t sich dann die berechtigt Frage an, in weit es auch Abweichungen bei der Zeitkoordinate gegeben hat.</p>
<p>Doch diese Frage w&#252;rde sich mir erst beantworten, wenn Elisa ihr Siliziumgehirn wieder anschmei&#223;en konnte.<br />
Solange hie&#223; es ausharren und &#252;berleben. Was bei dieser Hitze gar nicht so einfach werden w&#252;rde.</p>
<p>Siedend hei&#223; fiel mir ein, dass ich ja gar nichts zu trinken dabei hatte. Daf&#252;r bestand normalerweise auch keine Notwendigkeit, denn mein Aufenthalt in der fremden Zeit sollte laut Plan h&#246;chsten vier Stunden betragen.</p>
<p>Man sagt wohl nicht zu Unrecht: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Nur sooo anders h&#228;tte es nun nicht sein m&#252;ssen.</p>
<p>Ich konnte nicht hier rumsitzen und auf den Akku warten. Selbst wenn das TTEK wieder l&#228;uft, k&#246;nnte es bei dieser Abweichung von den Zielparametern Stunden dauern, meinen genauen Standort in Raum und Zeit zu bestimmen. Und vorher war eine R&#252;ckkehr nicht m&#246;glich.</p>
<p>Wenn ich also nicht zuvor an Dehydrierung sterben wollte, musste ich etwas unternehmen.<br />
Die n&#228;chste Stadt finden. Oder eine Oase. Irgendetwas mit Wasser.</p>
<p>Zuerst zog ich alle &#252;berfl&#252;ssige Kleidung aus.<br />
Wenn es nicht um mein Leben ginge, w&#228;re der Anblick fast schon komisch gewesen. Ein junger Mann steht im Anzug mitten in der W&#252;ste.</p>
<p>Besagtes Kleidungsst&#252;ck warf ich in die Kugel, zusammen mit dem Hemd, der Krawatte und der Hose.</p>
<p>Erleichtert atmete ich auf, denn unter der Sonneneinstrahlung hatte sich der dunkle Stoff noch um ein vielfaches erw&#228;rmt.<br />
Nur noch in meinen Boxershorts und dem Unterhemd stand ich also da. Obwohl die schwarzen Anzugschuhe &#228;u&#223;erst unpassend wirkten, behielt ich auch sie an. Der Sand war einfach zu hei&#223;, um sich ohne Schuhe darauf zu wagen.</p>
<p>Was nun, in welche Richtung sollte ich mich wenden?</p>
<p>Ich drehte mich noch einmal um die eigene Achse und betrachtete dabei die Umgebung. In der Ferne erkannte ich etwas, das aussah wie Felsen. Diese Richtung w&#252;rde ich f&#252;rs erste einschlagen.</p>
<p>Die Kapsel hatte mich sicher auf den Boden gebracht und damit ihre Aufgabe erf&#252;llt. Es gab nichts mehr darin, was f&#252;r mich von Nutzen sein k&#246;nnte.<br />
Damit nicht versehentlich jemand dar&#252;ber stolperte, aktivierte ich den Selbstzerst&#246;rungsmechanismus und ging los.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Nach einer gef&#252;hlten Stunde, die in Wahrheit nur eine Viertel war, begann ich zu ahnen, dass dies mein sicherer Tod sein w&#252;rde.<br />
Es kam mir vor, als ob ich &#252;berhaupt nicht vom Fleck gekommen w&#228;re. Au&#223;erdem war ich noch erheblich geschw&#228;cht und meine Kr&#228;fte begannen bereits zu erlahmen.</p>
<p>So hatte ich mir diese Reise nicht vorgestellt. Gefangen, mitten in einer W&#252;ste, verendet an der elenden Hitze. So stellte sich mir mein Schicksal dar.</p>
<p>Bereits halb im Delirium erinnerte ich mich an meine Worte zu Lisa: „Niemals w&#252;rde ich mir diese Reise entgehen lassen, auch wenn es noch so gef&#228;hrlich w&#228;re!“<br />
Das hatte ich gesagt. Wenn ich es mir doch nur anders &#252;berlegt h&#228;tte.<br />
Zuhause sitzen, im angenehm temperierten Wohnzimmer meiner Genfer Wohnung. Ein k&#252;hles Bier, das meine Kehle herunterrinnt. Es waren verlockende Vorstellungen, denen ich mich im Geiste hingab. Ein ausgedehnter Spaziergang &#252;ber den Nordpol war ebenso darunter, wie ein Bad in einer Wanne voll Eisw&#252;rfeln. Ich w&#252;rde…</p>
<p>Pl&#246;tzlich kam ich aus dem Gleichgewicht und fiel der L&#228;nge nach hin. Ich versuchte mich abzust&#252;tzen, rutschte aber im feinen Sand ab und rollte die D&#252;ne herunter.</p>
<p>M&#252;hsam versuchte ich, mich wieder aufzurappeln. Ich durfte nicht liegen bleiben, denn dann war ich endg&#252;ltig verloren. Beschwerlich kam ich wieder auf die F&#252;&#223;e.</p>
<p>Ich versuchte mich zu orientieren, soweit das in einer immer gleich aussehenden Landschaft m&#246;glich war.<br />
Die Felsen, auf die ich zun&#228;chst zugesteuert hatte, waren nicht mehr zu sehen. Daf&#252;r befand ich mich in einer Art Schneise zwischen zwei D&#252;nenz&#252;gen, die sich wohl eine ganze Weile dahin zog.</p>
<p>Also beschloss ich, diesen nat&#252;rlichen Weg, den die Landschaft hervorgebracht hatte, zu verfolgen.</p>
<p>Abermals verging Zeit, in welchem Ma&#223;e konnte ich unm&#246;glich sagen. Es kam mir vor wie Stunden, doch die Sonne hatte ihren Stand am Zenit kaum verlassen.</p>
<p>Meine Beine wurden immer schwerer, das Vorw&#228;rtskommen immer m&#252;hsamer. Da ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, kam ich auch nur unwesentlich voran. Der Zeitsprung hatte mich bereits erheblich geschw&#228;cht und die W&#252;ste nahm mir auch die letzte verbliebene Kraft.</p>
<p>Mit verschwommenem Blick sah ich irgendetwas Dunkles vor mir im Sand liegen. Es k&#246;nnte der Kot eines Tieres sein, ging es mir durch den Kopf.</p>
<p>Das Etwas kam n&#228;her. Nein, falsch. Ich war umgekippt und dem Etwas n&#228;her gekommen.</p>
<p>Vielleicht war es auch nur ein Haufen Steine gewesen, ich wusste es nicht.</p>
<p>Ich wusste gar nichts mehr.</p>
<p><strong>Kapitel 3</strong></p>
<p>Ich schloss die T&#252;r zu meinem Arbeitszimmer im dritten Stock des ATR-Geb&#228;udes auf.</p>
<p>Doch nach der ersten T&#252;r befand sich eine weitere, die ich auch aufschloss. Eine dritte T&#252;r versperrte mir den Weg, direkt nach der vorherigen.<br />
Ich wollte auch sie entriegeln, aber der Schl&#252;ssel klemmte. Er blieb stecken und bewegte sich weder vor, noch zur&#252;ck.</p>
<p>Ich drehte mich um, in dem Versuch einen anderen Weg ans Ziel zu finden. Doch mit Entsetzen musste ich feststellen, dass sich die zweite T&#252;r inzwischen wieder verschlossen hatte.</p>
<p>Ich r&#252;ttelte daran, doch nichts tat sich. Auf einmal nahm ich ein Fenster wahr, das vorhin noch nicht dagewesen war. Ich empfand es als logisch, das Fenster zu &#246;ffnen und hinauszuspringen.</p>
<p>Ich fiel und fiel. Der Sturz schien kein Ende nehmen zu wollen. Alles wurde dunkel um mich herum.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>„Meine Herren, ich bitte Sie…“, ich sa&#223; in roter Robe auf dem Richterstuhl und versuchte den aufgebrachten Saal zu beruhigen. „Beherrschen Sie sich, oder ich werde das Gericht r&#228;umen lassen.“</p>
<p>Der Staatsanwalt erhob sich und wies auf einen nackten Jungen, der in der Saalmitte mit dem R&#252;cken zu mir an einen Marterpfahl gebunden war. „Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, sich dem unsittsamen Kontakte zwischen zwei m&#228;nnlichen Individuen schuldig gemacht zu haben. Er ist mit einer Geldstrafe von 10.000€ zu belegen, ersatzweise 20 Tage gemeinn&#252;tzige Arbeit als Stricher.“</p>
<p>Die Verteidigerin des Jungen, welche die Gesichtsz&#252;ge Lisas aufwies, protestierte energisch.</p>
<p>„Die Liebe, meine Herren. Ist sie nicht die treibende Kraft des menschlichen Schaffens, ja des Lebens &#252;berhaupt?</p>
<p>Ist sie nicht Ausdruck und Befriedigung des humanen Strebens nach Vollkommenheit?</p>
<p>Wenn zwei Menschen zusammenfinden und sich vereinigen, in dem Bestreben eine vollst&#228;ndigere Einheit zu bilden, so ist dies Ausdruck dieser menschlichen Schaffenskraft. Es ist der Motor der Progression, es ist die manifestierte Menschlichkeit selbst.</p>
<p>Ist Liebe nicht der Entschluss, das Ganze eines Menschen zu bejahen, die Einzelheiten m&#246;gen sein, wie sie wollen?</p>
<p>Wer sind jene, die urteilend in diese Kr&#228;fte der Natur eingreifen wollen? Sie sind nichtig und ihre Meinung ohne Gewicht vor einer reinen Seele.</p>
<p>Dies wird auch das hohe Gericht erkennen m&#252;ssen und meinen Mandanten freisprechen.“</p>
<p>Ich war zu Tr&#228;nen ger&#252;hrt von dieser bewegten Rede.<br />
Auch der Saal war ganz still geworden und alle Blicke ruhten jetzt auf mir, der die finale Entscheidung treffen, das bindende Urteil f&#228;llen musste. Denn es gab keine h&#246;here Instanz mehr, der Ausgang des Verfahrens lag in meiner Hand allein.<br />
Mir wurde ganz flau im Magen.</p>
<p>„Die Beweislage ist nicht ausreichend f&#252;r ein abschlie&#223;endes Urteil dieses Gerichts“, richtete ich mich an die Anwesenden. „Herr Staatsanwalt, ich bitte Sie den Tathergang zusammen mit dem Angeklagten zu rekonstruieren.“</p>
<p>„Mit Vergn&#252;gen“, antwortete der angesprochene Staatsdiener und schritt in die Mitte des Saals hinter den Angeklagten. „Die Penetration erfolgte von hinten, genau so“, fuhr er fort, lie&#223; seine Hose herunter und nahm den Jungen von hinten.</p>
<p>Ich nickte zustimmend. „Nehmen Sie das bitte ins Protokoll“, wies ich die Protokollantin an.</p>
<p>Die Verteidigerin mahnte mich: „Hohes Gericht, es wird Zeit f&#252;r das Urteil. Ich verpasse sonst den Tee mit meiner Schwiegermutter.“</p>
<p>Die Leute sahen mich erneut erwartungsvoll an. Nun konnte ich nicht mehr ausweichen.</p>
<p>Ich schwitze und mein Kopf war leer. Ich blicke in tausende Gesichter, die bald die schlimmste Strafe, bald den Freispruch forderten. Mir schwante, dass ich etwas Wichtiges vergessen, irgendein Detail oder Indiz nicht bedacht hatte.<br />
Mir wurde schwindlig. Alles drehte sich.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>&#220;belkeit empfing mich, als ich das Bewusstsein wiedererlangte. Wilde Tr&#228;ume hatten mich geplagt, doch ich erinnerte mich kaum noch daran.</p>
<p>Was war passiert? Ach ja, ich war in einer unbekannten W&#252;ste, fernab von meinem planm&#228;&#223;igen Zielort materialisiert und bei meinem Marsch durch die Gluth&#246;lle in Ohnmacht gefallen.</p>
<p>Das st&#228;rkste Gef&#252;hl neben der &#220;belkeit war jedoch Durst. Mein Mund f&#252;hlte sich an wie eine staubige D&#252;ne, ich meinte sogar den Sand zu schmecken.</p>
<p>Ich &#246;ffnete m&#252;hsam die Augen und nahm die Szene um mich herum auf.</p>
<p>Ich erschrak heftig!<br />
Mein Herz schlug schneller und ich war nun g&#228;nzlich wach.</p>
<p>Nicht nur, dass sich das Umgebungsbild entschieden gewandelt hatte, ich befand mich auch nicht mehr auf hei&#223;em W&#252;stensand, sondern festgeschnallt auf dem R&#252;cken eines Kamels!</p>
<p>Dieses Reisevehikel schaukelte bedenklich hin und her und war wohl die Ursache meiner &#220;belkeit.</p>
<p>Vor mir waren noch weitere Kamele zu sehen, alle mit einer Leine verbunden. Sie bildeten scheinbar eine Art Karawane. Um uns herum war zwar immer noch W&#252;stensand das vorherrschende Element, aber in der Ferne meinte ich, bereits einige Geb&#228;ude ausmachen zu k&#246;nnen.</p>
<p>Auf manchen Kamelen sa&#223;en Reiter, aber die meisten waren mit allerlei Gep&#228;ck beladen.<br />
Die Reiter waren seltsam gekleidet, oder besser gesagt, kaum bekleidet. Sie trugen lediglich wei&#223;e Lendenschurze, die fast bis zu den Knien gingen. Au&#223;erdem noch einigen Schmuck um den Hals oder die Arme, wie ich ihn sonst nur von Frauen kannte.</p>
<p>Andererseits sah ich bis auf meinen wei&#223;es Unterhemd in den Boxershorts auch nicht viel besser aus. Und nat&#252;rlich die Schuhe, dachte ich und stutze gleich darauf.<br />
Ich konnte mich zwar nicht umdrehen, da ich auf dem Bauch lag und die saubere Verschn&#252;rung meinem K&#246;rper keinen Spielraum gab, aber ich f&#252;hlte keine Schuhe mehr an meinen F&#252;&#223;en. Man hatte sie mir offensichtlich ausgezogen.</p>
<p>Wenigstens schienen die Armger&#228;te des TTEKs unversehrt. Zwar waren sie aus einer sehr resistenten Verbundlegierung gefertigt und nicht ohne weiteres von meinen Armen entfernbar, aber man konnte ja nie wissen.</p>
<p><em> „Sie sind wach Dr. Marten.“</em><br />
Ich zuckte zusammen, hatte ich doch fast vergessen, einen elektronischen Begleiter zu haben.</p>
<p>Da Elisa wieder aktiv war, musste ich wiederrum eine ganze Weile bewusstlos gewesen sein.</p>
<p><em>„Statusbericht folgt.</em></p>
<p><em>Dr. Marten, Sie befinden sich in einem kritischen Zustand. Sie leiden an akuter Dehydration, starkem Sonnenbrand und haben einem Hitzeschlag erlitten.</em></p>
<p><em>Ich habe ihnen fiberhemmende, schockl&#246;sende und kreislaufst&#228;rkende Medikamente injiziert, sowie ein schwaches Schmerzmittel.</em></p>
<p><em>Eine weitergehende Behandlung ist aufgrund der beschr&#228;nkten Mittel des Medizinischen Notfallsystems nicht m&#246;glich.</em></p>
<p><em>Sie m&#252;ssen unbedingt Fl&#252;ssigkeit zu sich nehmen.“</em></p>
<p>Deshalb ging es mir also noch halbwegs ertr&#228;glich, ich war vollgepumpt mit allen m&#246;glichen Medikamenten. Zwar war ich froh darum, jedoch erleichterte mir das nicht gerade, einen klaren Kopf zu bewahren.</p>
<p>Ich wollte Elisa fragen, wie es um die Raumzeitpeilung stand, bekam aber au&#223;er einem Kr&#228;chzen nichts &#252;ber meine rissigen Lippen.<br />
Das war aber f&#252;r die Verst&#228;ndigung zwischen uns nicht weiter hinderlich, denn sie erkannte das Gesagte so wie so anhand eines Stimmbandsensors.</p>
<p><em>„Peilung unm&#246;glich. Die Abweichung der aktuellen Raumzeitposition von der anvisierten &#252;berschreitet den bearbeitbaren Grenzwert.</em></p>
<p><em>Sobald eine grobe Absch&#228;tzung der aktuellen Position auf der Erde und des Zeitabschnitts vorliegt, kann ich versuchen, die Gleichungen zu korrigieren.“ </em></p>
<p>Mir war elend zumute. Ich hatte gehofft, Elisa w&#252;rde die Peilung abgeschlossen haben und k&#246;nnte jetzt sofort das R&#252;ckkehr-Signal senden. Ich w&#252;rde einfach verschwinden, weg von diesem furchtbaren Ort und in mein heimisches Bett zur&#252;ckkehren. Oder erst mal auf die Krankenstation des ATR-Baus.</p>
<p>Ich versuchte mich ein wenig zu beruhigen. In dieser Sache w&#252;rde ich eben abwarten m&#252;ssen, bis wir an einem belebteren Ort kamen. Vielleicht lie&#223;en sich dort R&#252;ckschl&#252;sse auf meinen Aufenthaltsort ziehen. Und ewig durch die W&#252;ste wandern, w&#252;rde diese Karawane wohl nicht.</p>
<p>Mein Gekr&#228;chtze von eben war dem Reiter vor mir nicht unbemerkt geblieben. Er drehte sich um und musterte mich.</p>
<p>Ich r&#228;usperte mich und brachte mit einiger Anstrengung schlie&#223;lich die gew&#252;nschten Laute hervor: „Wasser“, versuchte ich es auf Deutsch. „L’eau… Water“, schloss ich das gleiche auf Franz&#246;sisch und Englisch noch an. Alle diese L&#228;nder hatten im 19. Jahrhundert noch Kolonien besessen und es war immerhin m&#246;glich, dass ich mich in einer davon befand.</p>
<p>Der Mann hatte sonnengebr&#228;unte Haut und war wohl um die 25. Den Eindruck, als h&#228;tte er das Gesagte verstanden, machte er jedoch nicht.<br />
Er betrachtete mich fast mitleidig von oben bis unten &#8211; oder besser gesagt von vorne nach hinten, denn ich lag ja immer noch horizontal auf dem Kamelsattel.</p>
<p>Auch ohne meine Worte zu verstehen, schien er mein Problem zu begreifen. Er l&#246;ste eine Art Beutel mit schlauchartiger Verl&#228;ngerung aus dem Gep&#228;ck seines Kamels.<br />
Zwar war die braun-ledrige Au&#223;enhaut des Beh&#228;lters nicht durchsichtig, aber ich vermutete in ihm eine trinkbare Fl&#252;ssigkeit.</p>
<p>Der Reiter l&#246;ste den Verschluss am Schlauchende und nahm einige Schlucke. Dann hielt er mir das Gef&#228;&#223; hin.</p>
<p>Obwohl es nicht gerade einen hygienisch einwandfreien Eindruck machte, h&#228;tte ich seinen Inhalt sofort geleert. Nur waren meine H&#228;nde ja immer noch unter dem Bauch des Kamels zusammen gebunden.</p>
<p>Der Mann lachte und schien die Situation auch noch komisch zu finden. Was mich noch st&#228;rker besorgte war, dass er weniger &#252;ber seine Ungeschicktheit zu lachen schien, als &#252;ber mich.</p>
<p>Er lachte mich tats&#228;chlich aus.<br />
Langsam stieg in meinen ausged&#246;rrten Gehirnwindungen der Verdacht auf, dass ich nicht etwa aus F&#252;rsorge und der Angst ich k&#246;nnte herunterfallen so gr&#252;ndlich an das Reittier gebunden war, sondern um mich zu fesseln.</p>
<p>War ich ein Gefangener dieser omin&#246;sen W&#252;stenleute?</p>
<p>Inzwischen schien auch mein Vordermann zu der Erkenntnis gelangt, dass ich – ob nun Gefangener oder nicht – ohne eine Dosis aus seinem Wasserschlauch, die Reise nicht &#252;berleben w&#252;rde.</p>
<p>Endlich hielt er mir die &#214;ffnung an den Mund. Ich schluckte gierig das lauwarme Nass.</p>
<p>Nach einer viel zu kurzen Zeit riss er den Beh&#228;lter jedoch zur&#252;ck und verschloss ihn wieder. Dann richtete er noch einige Worte in einer mir unbekannten Sprache an mich und drehte sich wieder um.</p>
<p>Das war also mein erster Kontakt zu einem Menschen aus fr&#252;herer Zeit. Ich hoffte, dass die folgenden etwas besser und mitteilsamer verlaufen w&#252;rden.<br />
Doch dazu m&#252;sste ich die Menschen hier ja erst einmal verstehen.</p>
<p>„Was ist das f&#252;r eine Sprache, Elisa?“ fragte ich lautlos.</p>
<p><em>„Keine hinreichende &#220;bereinstimmung mit einer bekannten Sprache oder einem ihrer Dialekte erkannt.</em></p>
<p><em>Es werden weitere Proben zur Analyse ben&#246;tigt.“</em></p>
<p>Das wurde ja immer mysteri&#246;ser. Die Sprache dieser W&#252;stenmenschen war nicht einmal in der Datenbank.<br />
Ob es sich um Ureinwohner handelt, irgendein bisher unentdeckter Stamm?</p>
<p>Aber das wohl abwegig, denn die Umrisse einer gr&#246;&#223;eren Stadt zeichneten sich immer deutlicher am Horizont ab. Zweifellos war sie das Ziel dieser Karawane. Aber bis wir es erreichten, w&#252;rden noch einige Stunden vergehen.</p>
<p>Was Lisa wohl gerade dachte? Es m&#252;sste jetzt ungef&#228;hr die Zeit sein, in der ich sp&#228;testens das Signal h&#228;tte senden sollen.<br />
Sie kam sicher fast um vor Sorge. Doch sie konnten nichts tun, um mir zu helfen.</p>
<p>Die M&#252;digkeit nahm nun wieder &#252;berhand. Trotz des st&#228;ndigen Schaukelns und der eher unbequemen Liegeposition war ich bald eingeschlafen.</p>
<p><strong>Kapitel 4</strong></p>
<p>Mein Schlaf war unruhig und seicht gewesen. Immer wieder schreckte ich hoch, geplagt von d&#252;steren Vorstellungen, ungewissen &#196;ngsten und dem Geschaukel des W&#252;stenschiffs.</p>
<p>Die Sonne stand bereits Nahe des Horizonts und die Hitze war nicht mehr so dr&#252;ckend wie am Mittag. Vor allem aber lag die Stadt jetzt direkt vor uns.</p>
<p>Die Gr&#246;&#223;e der Ortschaft war beeindruckend. Sie war umz&#228;unt von einer mittelhohen Stadtmauer, die von zahlreichen Toren durchl&#246;chert war.<br />
Noch bevor wir ein solches passierten, kamen wir bereits an einigen Geb&#228;uden vorbei. Es waren allesamt kleine, einst&#246;ckige H&#252;tten, die nicht wirklich stabil oder f&#252;r die Dauer gemacht erschienen.</p>
<p>M&#228;nner, Frauen, aber auch Kinder begegneten uns. Teilweise waren sie auf der Stra&#223;e unterwegs, die wir seit einigen Minuten befuhren, teils sa&#223;en Sie vor oder in den H&#228;usern.<br />
Gekleidet waren sie fast noch minimalistischer als meine Begleiter und trugen kaum Schmuck. Ich vermutete, dass es sich um einen &#228;rmeren Bev&#246;lkerungsteil handelte. Viele von ihnen schienen Bauern zu sein, welche die Felder am nahen Fluss bestellten.</p>
<p>Bis auf ein paar herumtobende Kinder waren die Leute eher wortkarg und leisteten so Elisas Sprachstudien wenig Vortrieb.</p>
<p>Mittlerweile hatte aber etwas ganz anderes meine vollst&#228;ndige Aufmerksamkeit gefesselt. Ein Schauer lief &#252;ber meinen R&#252;cken.<br />
Das Stadttor war jetzt nur noch an die hundert Meter von uns entfernt. Eine Inschrift dar&#252;ber hatte meinen Blick gefesselt. Doch ich war mir nicht sicher, ob es das war wof&#252;r ich es hielt.</p>
<p>„Zoom“, befahl ich tonlos. Sofort wurde das Tor stark vergr&#246;&#223;ert in einem Fenster meines Sichtfelds eingeblendet. Den Visorlinsen sei Dank.<br />
Tats&#228;chlich! Ich hatte zwar keine Ahnung, was die Inschrift bedeutete, die Zeichen erkannte ich jedoch sehr wohl.<br />
Es waren Hieroglyphen!</p>
<p>Ich brauchte Elisas Analyse gar nicht erst abzuwarten, um &#196;gypten als unseren Aufenthaltsort zu bestimmen.</p>
<p><em>„Der Schriftzug besteht aus alt&#228;gyptischen Schriftzeichen, den Hieroglyphen. Er enth&#228;lt den Namen der Stadt. Waset.<br />
Dies ist die alt&#228;gyptische Bezeichnung f&#252;r Theben.“</em></p>
<p><em>„Ich schlie&#223;e daraus, dass wir uns in Theben, &#196;gypten befinden.“</em><br />
Oh, wirklich messerscharf, diese Schlussfolgerung.</p>
<p><em>„Des Weiteren l&#228;sst sich aus dem Erhaltungszustand des Objekts und der es umgebenden Bauten, sowie allen weiteren bereits gesammelten Informationen folgende Schlussfolgerung ziehen:</em></p>
<p><em>Die Lokalzeit liegt mit 98% Wahrscheinlichkeit zwischen 1600 und 1200 vor Christus. Das entspricht dem Neuen Reich des alten &#196;gypten.“</em></p>
<p>Mein Gott, der hatte gesessen! W&#228;re ich nicht festgebunden, w&#228;re ich mit Sicherheit vom Kamel gefallen.<br />
<em>Vor Christus?! </em>Das war v&#246;llig unm&#246;glich. Der Fusionsreaktor des CERN lieferte nicht mal genug Energie f&#252;r einen genauen Transfer &#252;ber 500 Jahre, geschweige denn 3500!</p>
<p>„Wie ist das m&#246;glich?“ fragte ich und sprach es in meiner Verwirrung sogar laut aus.</p>
<p><em>„Dar&#252;ber liegen keine gesicherten Informationen vor.“</em></p>
<p>„Und was ist mit den ungesicherten, irgendwelche Vermutungen?“ fragte ich jetzt wieder lautlos.</p>
<p><em>„Das Aufstellen von Vermutungen geh&#246;rt nicht zu meinem Kompetenzbereich.“</em><br />
Wenn ich es nicht besser w&#252;sste, w&#252;rde ich diese Antwort zickig nennen.</p>
<p><em>„Eine m&#246;gliche Ursache ist jedoch folgende. Angenommen es wurde f&#252;r den Transfer die vorgesehene Energiemenge verwendet. Dann kann diese Zeitspanne nur durch eine extrem ungenaue Ortskoordinate erreicht worden sein.</em></p>
<p><em>Diese Theorie ist jedoch nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 1,6% zutreffend, da dies der Chance entspricht, bei solchen Parametern noch in der N&#228;he der Erdoberfl&#228;che zu materialisieren.“</em></p>
<p>Mir wurde ganz anders. Wenn diese Theorie stimmte war es ein echtes Wunder, dass ich jetzt hier lag und nicht als schockgefrostete Leiche im leeren All umhertrieb.<br />
Es war also die Wahrheit. Dies war das alte &#196;gypten, irgendwo sa&#223; der Pharao auf seinem Thron und hier unten auf dem Kamel lag ich, ein verirrter Zeitreisender aus dem 21. Jahrhundert.</p>
<p>Ich kam mir verdammt verloren vor. Ob ich jemals w&#252;rde zur&#252;ckkehren k&#246;nnen?<br />
<em>Mist!</em> Es schien nicht so. Die Basis hatte schlicht nicht genug Strom f&#252;r einen solchen Transfer.</p>
<p>Andererseits war ich ja auch hierhergelangt. Sehr merkw&#252;rdig…<br />
Aber nochmal w&#252;rde ich mich nicht auf eine &#220;berlebenschance von 1,6% einlassen.</p>
<p>Ich hoffte nur, dass Elisa die Raumzeitpeilung jetzt durchf&#252;hren konnte. Dann w&#252;rde sie auch den Funkkontakt zur Basis herstellen k&#246;nnen. Elektromagnetische Signale lie&#223;en sich n&#228;mlich wesentlich leichter zwischen den Zeiten beziehungsweise Welten &#252;bertragen.<br />
Und wenn mir einer helfen konnte, dann Lisa und ihr Team.</p>
<p>Inzwischen hatten wir die Stadtmauern passiert und wankten &#252;ber breite Stra&#223;en einem unbekannten Ziel entgegen.</p>
<p>Die Bauten nahmen an Ausma&#223; und Prunk zu, je weiter wir in die Stadt eindrangen. W&#228;hrend die H&#252;tten vor der Stadt eher br&#228;unliche W&#228;nde besa&#223;en und aus Lehm gefertigt schienen, war Wei&#223; die im Inneren vorherrschende Mauerfarbe.<br />
Es war unverkennbar, dass der wohlhabendere Teil der Bev&#246;lkerung ein Leben in der Innenstadt vorzog.</p>
<p>Wir &#252;berquerten eine Reihe von Kreuzungen nach den unterschiedlichsten Himmelsrichtungen. Ich konnte wir den Weg zwar nicht merken, aber es reichte ja auch, dass Elisa alles speicherte was ich sah. Sie w&#252;rde den Weg zur&#252;ck wissen, sollte es n&#246;tig sein.</p>
<p>Nun n&#228;herten wir uns einem gro&#223;en Platz. Viele St&#228;nde waren dort aufgebaut, an denen H&#228;ndler die unterschiedlichsten Waren anzupreisen schienen. Hier wurde nicht nur ununterbrochen diskutiert, verhandelt und gefeilscht, es schien auch das Ziel meiner Karawane zu sein.</p>
<p><em>„Ich habe auch eine gute Nachricht f&#252;r Sie, Dr. Marten.“</em><br />
Oh, na wenigstens etwas.</p>
<p><em>„Die Informationen &#252;ber die alt&#228;gyptische Sprache aus der Datenbank waren zwar sehr l&#252;ckenhaft, aber mithilfe der gesammelten Sprachbeispiele konnten diese korrigiert und vervollst&#228;ndigt werden. Es ist nun eine Simultan&#252;bersetzung m&#246;glich.“</em></p>
<p>Das war wirklich eine gute Nachricht. So w&#252;rde ich wenigstens verstehen, was die Leute mir sagten – oder <em>&#252;ber</em> mich sagten. Auch wenn ich ihnen schlecht antworten konnte.<br />
Nat&#252;rlich k&#246;nnte Elisa mir &#252;bersetzten, was ich sagen wollte und ich w&#252;rde es dann vorlesen. Aber diese umst&#228;ndliche M&#246;glichkeit w&#252;rde ich mir f&#252;r den Notfall aufsparen.</p>
<p>Die Karawane hatte gestoppt und einige Arbeiter kamen herbeigeeilt, um die Waren abzuladen. Mein Vordermann war inzwischen abgestiegen und wandte sich dem &#228;lteren Mann zu, der mit gro&#223;en Schritten auf ihn zugeeilt kam.</p>
<p>„Vater, sei gegr&#252;&#223;t! Ich hoffe es ging dir gut in meiner Abwesenheit.<br />
Und die Gesch&#228;fte, wie laufen sie?“</p>
<p>„Gut, mein Sohn, beides gut. Ich sehe du hast einiges mitgebracht.“ Dabei blickte er mich an und krauste die Nase. „Was ist das denn f&#252;r einer? So wei&#223; und merkw&#252;rdig gekleidet. Es ist hoffentlich kein fremdl&#228;ndischer Adliger, die sind immer so zimperlich.“</p>
<p>„Keine Ahnung, was das f&#252;r einer ist. Lag einfach auf der W&#252;stenstra&#223;e, als ich ihn fand. Hatte nichts zu Trinken bei sich und war schon halb tot.“</p>
<p>„Egal“, antwortete der herbeigeeilte, „er wird zwar keinen hohen Preis machen, aber gib ihn zu den anderen in einen K&#228;fig. Und gib ihm noch etwas Wasser. Wenn er tot daliegt, will ihn erst recht keiner mehr.“</p>
<p>Ups! Das war es also. Die Herren handelten unter anderem mit Sklaven und ich sollte als solcher verkauft werden.<br />
Das war zwar ein wenig be&#228;ngstigend, aber irgendwie auch lustig. Vielleicht lag der letzte Aspekt auch nur an den Medikamenten oder dem Hitzeschlag. Oder meine Synapsen waren schon gr&#246;&#223;tenteils ausgetrocknet.<br />
Wenigstens wartete noch etwas zu trinken auf mich.</p>
<p>Ich bekam kaum noch mit, wie meine Fesseln gel&#246;st und ich in den besagten K&#228;fig getragen wurde. Die M&#252;digkeit &#252;bermannte mich und nachdem ich die bereitgestellte Schale geleert hatte, schlief ich schlie&#223;lich ein.</p>
<p><strong>Kapitel 5</strong></p>
<p>Es war schon fr&#252;h hell als ich erwachte.</p>
<p>Das erste was ich sp&#252;rte waren die Schmerzen des Sonnenbrands auf fast allen K&#246;rperteilen. Erst jetzt merkte ich, was mir das Schmerzmittel gestern alles erspart hatte.</p>
<p>Elisa begr&#252;&#223;te mich gleich mit einer netten Einblendung.</p>
<p><em>12. August 1443 v. Chr.<br />
Uhrzeit 06:12<br />
Temperatur 27° C, Luftfeuchte 49%</em></p>
<p>Sollten die Zeitreisen eingestellt werden, w&#252;rde sie eine gute Wetterstation abgeben.</p>
<p>Es war jedenfalls deutlich angenehmer als gestern. Ich f&#252;hlte mich auch wesentlich frischer, wenngleich der Durst nicht weniger geworden war und ich auch geh&#246;rigen Hunger versp&#252;rte.<br />
Au&#223;erdem musste ich mal.</p>
<p>Halt, Moment!<br />
<em>12. August 1443</em> hie&#223; es dort. Das hei&#223;t, Elisa hatte die Raumzeitpeilung durchf&#252;hren k&#246;nnen!<br />
Das war ein Hoffnungsschimmer am Horizont.</p>
<p>„Wie ist der Status, Elisa?“ fragte ich lautlos.</p>
<p><em>„Ich habe die Raumzeitpeilung vor einer halben Stunde abgeschlossen. Daraufhin habe ich einen kurzen Bericht an die Basis geschickt, aber noch keine Antwort erhalten. Ich wiederhole die &#220;bertragung alle zehn Minuten.“</em></p>
<p>Wie es dort wohl gerade aussah? Ich war immerhin schon seit mehr als 12 Stunden &#252;berf&#228;llig.<br />
Hoffentlich erhielten sie die Nachricht, Lisa w&#252;rde sicher schon krank vor Sorge sein.<br />
Wozu ja auch aller Grund bestand. Meine R&#252;ckkehr war mehr als fraglich und mein &#220;berleben in dieser Zeit wenig sicherer. Schlie&#223;lich war ich ein Sklave und dazu noch ein recht unverk&#228;uflicher.</p>
<p>Der Marktplatz war noch fast leer, obwohl einige erste H&#228;ndler bereits ihre Auslagen zu f&#252;llen begannen. Es gab dort allerlei Fr&#252;chte und Gem&#252;se, mir teils bekannt, teils nicht. Aber auch lebende Tiere zum Schlachten, wie Schweine oder Tauben, waren darunter.<br />
Selbst Katzen wurden verkauft. Hoffentlich als Haustiere und nicht zum Verzehr.</p>
<p>Neben meinem K&#228;fig gab es noch einige weitere. In der H&#228;lfte davon sa&#223;en oder lagen andere Mitgefangene. Sie unterschieden sich alle mehr oder weniger von den Menschen jenseits der Gitterst&#228;be.<br />
Man hielt wohl &#252;berwiegend Sklaven von fremden V&#246;lkern – wie meistens bei der Sklaverei.</p>
<p>Der &#228;ltere Mann, scheinbar der Vater meines gestrigen Reitbegleiters, kam gerade auf die K&#228;fige zu. Wobei die Bezeichnung „&#228;lter“ nur im Vergleich mit dem hiesigen Durchschnittsb&#252;rger angebracht war, denn er war nicht &#228;lter als 35.</p>
<p>„Es ist Zeit euch frisch zu machen. Heute ist Hauptmarktag und ich will ein gutes Gesch&#228;ft machen.“ Wer nicht wusste, dass der Euro noch nicht erfunden war, h&#228;tte meinen k&#246;nnen, dass ihm die Eurozeichen in den Augen standen.</p>
<p>Zwar hatte ich mich bei meinen vorbereitenden Geschichtsstudien aus naheliegenden Gr&#252;nden auf das 18. bis 20. Jahrhundert konzentriert, doch besa&#223; ich auch einige Grundkenntnisse des Altertums.<br />
Zum Beispiel wusste ich, dass es im alten &#196;gypten keine W&#228;hrung gab und Gesch&#228;fte daher als Tauschhandel abgewickelt wurden.</p>
<p>Es gab eine Recheneinheit, den Deben, der eigentlich eine Gewichtseinheit war. Er diente dazu, den Wert aller Waren im Vergleich zu ihrem Gewicht in Gold, Silber oder Kupfer festzulegen.</p>
<p>Ob mein Preis wohl auch vom Gewicht abh&#228;ngen w&#252;rde?<br />
Ich grinste in mich hinein. Sehr komisch, Phil.<br />
Na wenigstens dein Galgenhumor ist dir noch geblieben.</p>
<p>Bei Zeit w&#252;rde ich mein Wissen &#252;ber Land und Leute mit einiger Lekt&#252;re aus der Datenbank des TTEK erg&#228;nzen.</p>
<p>Jetzt stand aber erst die S&#228;uberung an. Wir wurden von einigen kr&#228;ftigen M&#228;nnern aus den K&#228;figen geholt. Wir waren zwar in keiner Weise gefesselt, doch machten die bewaffneten W&#228;chter ihren Standpunkt auch so klar.</p>
<p>Die anderen schienen die Prozedur schon zu kennen und so machte ich ihnen einfach alles nach. Es standen einige Tongef&#228;&#223;e mit Wasser bereit, die wir zur Reinigung wohl &#252;ber uns gie&#223;en sollten.<br />
Dazu mussten wir uns nat&#252;rlich ausziehen, was mir auf einem Marktplatz mit einigen dutzenden Leuten nicht gerade gefiel.</p>
<p>Die anderen schienen damit jedoch kein Problem zu haben und waren schon flei&#223;ig in nacktem Zustand mit ihren Tonkr&#252;gen besch&#228;ftigt. Mehr als einen kurzen Seitenblick auf diese Szene traute ich mich jedoch nicht. Eine Erektion w&#228;re das letzte, was ich bei meiner Waschaktion gebrauchen k&#246;nnte.<br />
Ich zog also Unterhose und –Hemd aus, wobei ich letzteres nicht aus dem Augen lie&#223;. Schlie&#223;lich war es beruhigend, dadurch einen gewissen Schutz vor den meisten Waffen dieser Zeit zu besitzen.</p>
<p>Ich genoss es, das k&#252;hle Wasser langsam &#252;ber meinen K&#246;rper flie&#223;en zu lassen. Diese Erfrischung war wirklich n&#246;tig. Auch trank ich einiges davon, denn ich war immer noch durstig.<br />
Es gab auch ein Leinentuch zum Abtrocknen. Aber nur eins, f&#252;r alle vier nassen K&#246;rper. Zum Gl&#252;ck stand ich am linken Rand und bekam das Handtuch zuerst. Gut, dass es nicht der rechte war…</p>
<p>Ich sah, wie einer der anderen Sklaven in seinen Krug pinkelte, nachdem er ihn &#252;ber sich geleert hatte. Ein anderer setzte sich sogar darauf, um ein gr&#246;&#223;eres Gesch&#228;ft zu erledigen.<br />
So machte man das also.</p>
<p>Ich versuchte einfach nicht an die anderen Leute zu denken, die sich noch auf dem Platz befanden. Abgesehen davon schienen sie sich auch nicht f&#252;r uns zu interessieren.<br />
Nachdem ich mich erfolgreich erleichtern konnte, wurde ich wieder in meine vergitterte Behausung zur&#252;ckgebracht.</p>
<p>Der H&#228;ndler, dessen Sohn mich gestern aus dem W&#252;stensand gerettet hatte, ging jetzt zu jedem einzelnen hin und wechselte einige Worte.</p>
<p>Schlie&#223;lich kam er auch zu meinem K&#228;fig. „Kannst du mich verstehen?“ fragte er.</p>
<p>Ich sch&#252;ttelte den Kopf.</p>
<p><em>„Diese Handlung war unlogisch“</em> tadelte mich Elisa.<br />
Oh Phillip… Nat&#252;rlich hatte sie vollkommen Recht. Wenn ich vorgeben wollte, ihn nicht zu versehen, dann war mir das gr&#252;ndlich misslungen.</p>
<p>Der Mann lachte.<br />
„Jedenfalls verstehst du genug f&#252;r einen Sklaven. Also h&#246;r gut zu.</p>
<p>Du kannst ein gutes Leben f&#252;hren. Du bekommst Brot und Bier von deinem Herrn und wohnst auf seinem Grundst&#252;ck. Du hast alles zu tun, was dein Herr dir befiehlt. Und wenn du alt bist, dann l&#228;sst er dich vielleicht sogar frei.</p>
<p>Wenn du ihm aber Kummer bereitest, dann wird er dich bestrafen. Wenn es sein muss auch mit dem Tode.</p>
<p>Hast du verstanden?“</p>
<p>Diesmal nickte ich.</p>
<p>„Gut, da ist aber noch etwas. So kann ich dich nicht verkaufen, du brauchst andere Kleidung. Zieh deine alte aus und das hier an.“<br />
Er hielt mir ein wei&#223;es Leinentuch hin, wie es auch die anderen um die Lende geschlungen hatten.</p>
<p>Mist! Ich musste unbedingt vermeiden, dass mir das Unterhemd abgenommen wurde.</p>
<p>Der H&#228;ndler musste meinen erschreckten Gesichtsausdruck gesehen haben, denn er meinte, dass es Sklaven erlaubt sei Eigentum zu besitzen und ich meine alte Kleidung behalten d&#252;rfte – nur eben nicht anziehen.</p>
<p>Somit beruhigt legte ich gleich den neuen Leinenschurz an. Ich musste mich dabei jedoch so ungeschickt angestellt haben, dass der H&#228;ndler laut auflachte. „Du bist vielleicht ein komischer Sklave. Verstehst unsere Sprache, aber wei&#223;t nicht wie man sich anzieht.“</p>
<p>„Sieh hin, wie es geht.“ Er nahm seinen eigenen Lendenschurz ab und entbl&#246;&#223;te sich damit. Die &#196;gypter schienen im Gegensatz zu unserer Anzieh-Kultur kein Problem mit der Nacktheit zu haben.<br />
Mit schnellen und fl&#252;ssigen Bewegungen knotete er das Leinentuch wieder um seine H&#252;ften.</p>
<p>Diesmal hatte ich aufgepasst und tat es ihm gleich, wenn auch nicht so elegant.</p>
<p>Der H&#228;ndler nickte zufrieden. „Gut, als letztes brauchst du noch einen einheimischen Namen. Da du ja nicht sprechen kannst, suche ich dir einen aus. Ich nenne dich… Ameniu.“</p>
<p>Ameniu, das klang nett. Ich signalisierte ihm meine Zustimmung mit einem Kopfnicken.<br />
Zufrieden wandte er sich wieder ab.</p>
<p>Langsam f&#252;llte sich auch der Markt mit Kundschaft. Die &#196;gypter schienen Fr&#252;haufsteher zu sein.</p>
<p>Anhand ihrer Kleidung konnte man die Besucher leicht in Gruppen einteilen. Die armen Bauern, einfache bis mittelst&#228;ndischen Handwerker und Gelehrte, sowie Reiche.<br />
Wer es sich leisten konnte, trug aufw&#228;ndige Seidentuniken um die H&#252;fte und verschiedensten Schmuck. Auch die M&#228;nner.<br />
Selbst Armreife &#228;hnlich den meinen bekam ich zu Gesicht, nur waren diese wesentlich kunstvoller gearbeitet und h&#228;ufig aus Gold. Deshalb hatten meinen H&#228;ndler die Armteile des TTEK auch nicht weiter gest&#246;rt, sie waren in seinen Augen nur billiger Schmuck.</p>
<p>F&#252;r den Sklavenstand interessierten sich gerade nur sehr wenige Leute und alle die es taten, geh&#246;rten zu den oberen Bev&#246;lkerungsschichten. Nat&#252;rlich konnten sich die armen Bauern oder einfachen Handwerker keine Sklaven leisten. Daf&#252;r kauften sie viel Brot und andere einfache Nahrungsmittel.</p>
<p>So interessant es auch war, das Markttreiben zu beobachten, beschloss ich lieber etwas Sinnvolles zu tun. Ich vertiefte meine Kenntnisse von Land und Leuten anhand der historischen Datenbank Elisas.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Nach ein paar Stunden beendete ich ersch&#246;pft die Lekt&#252;re. Die letzte Seite verschwamm schon fast vor meinen Augen, die angefangen hatten zu schmerzen.<br />
F&#252;r l&#228;ngeres Lesen waren die Visorlinsen wohl nicht so geeignet. Das sollte f&#252;rs n&#228;chste Mal optimiert werden.</p>
<p>Tja, das n&#228;chste Mal. Ob es das &#252;berhaupt geben w&#252;rde, nach diesem Fehlschlag? Und wenn ja, wer w&#252;rde gehen? Ich fiel als Raumzeit-Gestrandeter jedenfalls aus.</p>
<p>Immerhin hatte mich meine Lekt&#252;re ein gutes St&#252;ck schlauer gemacht. So wusste ich jetzt zum Beispiel, dass das &#228;gyptische Familienideal das Zeugen m&#246;glichst vieler Kinder war. Familien ohne Kinder kamen gar nicht vor und Zeugungsunf&#228;higkeit war das Schlimmste, was einem &#196;gypter passieren konnte.<br />
Abgesehen davon war die Sterblichkeit im Kindbett sowohl f&#252;r die Kleinen als auch die M&#252;tter sehr hoch. Was auch immer mir diese ganzen Infos nutzen sollten.</p>
<p>Der Marktplatz hatte sich nun endg&#252;ltig belebt. Gesch&#228;ftiges Treiben an fast allen St&#228;nden war die Regel. Auch zu uns kamen jetzt mehr Leute und betrachteten die <em>Ware</em>.<br />
Die Blicke der Leute auf der anderen Gitterseite waren mir unbehaglich, obwohl sie nicht besonders neugierig oder penetrant waren. Aber dieses zur Schau gestellt werden gefiel mir nicht.<br />
Ob die Tiere im Zoo sich genauso f&#252;hlten?</p>
<p>„Taugt er denn etwas f&#252;r die Gartenarbeit?“ hakte gerade ein Interessent bez&#252;glich meines Nachbargefangenen nach. G&#228;rten waren wichtige Statussymbole, wie ich seit meiner kleinen Recherche wusste.</p>
<p>Der H&#228;ndler beeilte sich, jedwede Eignung des zuk&#252;nftigen Sklaven zu beteuern. Er war sichtlich in seinem Element und steuerte geradewegs auf einen Verkauf zu.</p>
<p>„Aber versteht er sich denn auch mit Kindern, ich habe n&#228;mlich zwei S&#246;hne und eine Tochter“, zweifelte der Kunde weiter.</p>
<p>„Oh, das ist hervorragend. Nameph hier ist selber Vater gewesen in seiner Heimat und kennt sich mit Kindern hervorragend aus“, s&#228;uselte der H&#228;ndler.<br />
Ich wusste nicht wieso, aber ich hatte doch meine Zweifel an seinen Worten.</p>
<p>„Und was verlangst du f&#252;r ihn?“</p>
<p>„F&#252;r dich mache ich ein Sonderangebot. Nur 2000 Deben Kupfer.“</p>
<p>„Pah, das ist ja mehr als f&#252;nfzehn Rinder Wert sind. Und die haben wenigstens mehr auf den Rippen.“</p>
<p>„Daf&#252;r k&#246;nnen die aber keine Gartenarbeit leisten. Jedenfalls keine, nach der du deinen Garten noch wiedererkennen w&#252;rdest.“</p>
<p>„Also gut“, gab der reiche Kunde nach, „f&#252;r 1000 Deben w&#252;rde ich ihn nehmen.“</p>
<p>„Keinesfalls. Sieh nur wie muskul&#246;s er ist. Ich gebe ihn dir f&#252;r 1500.“</p>
<p>„1300 und ich nehme ihn.“</p>
<p>„Abgemacht“, stimmte nun auch der H&#228;ndler zu. Nun handelten sie noch eine Weile die Details aus.</p>
<p>Das Feilschen war also keine Erfindung der Neuzeit. Wie viel man wohl f&#252;r mich zahlen w&#252;rde?<br />
Ich hoffte blo&#223;, dass ich einen gescheiten Herrn bekam und nicht gerade die Drecksarbeit w&#252;rde machen m&#252;ssen.<br />
Ich sah mich schon irgendwelche S&#228;cke durch die Mittagshitze schleppen. Aber erst mal abwarten, vielleicht war ich ja wirklich unverk&#228;uflich. Was dann wohl passieren w&#252;rde? Sicher nichts Gutes.</p>
<p>Was auch immer auf mich zukommen w&#252;rde, ich plante nicht l&#228;nger als unbedingt n&#246;tig ein Sklavendasein zu fristen. Wenn nur Lisa endlich meine Nachricht empfangen w&#252;rde. Ober vielleicht hatte sie das ja, konnte aber nicht antworten?</p>
<p>Ein Junge, vielleicht an die 13, kam mit einigen Sch&#252;sseln heran und setzte jedem von uns eine vor. Das Fr&#252;hst&#252;ck war angerichtet. Wenn man eine schlammige graue Gr&#252;tze so nennen konnte.</p>
<p>„Was zum Teufel ist das?“</p>
<p>Der Junge hatte mich nat&#252;rlich nicht verstanden, las aber meine Bedenken aus meiner gerunzelten Stirn.<br />
Er lachte. „Das ist gut, meine Mutter bereitet es selbst zu. Ich esse es auch zum Fr&#252;hst&#252;ck.“</p>
<p>Wenn letzteres stimmte, konnte ich ja beruhigt sein. Immerhin machte der Junge einen sehr lebendigen Eindruck auf mich.<br />
Aber irgendwo musste ja auch das mit den 35 Jahren mittlere Lebenserwartung herkommen…</p>
<p><em>„Die Hauptbestandteile der Mischung sind Bier und Brot“,</em> kl&#228;rte mich Elisa auf.</p>
<p><em>„Die Spektralanalyse verzeichnet noch einige andere geringdosierte Inhalte, deren Aufz&#228;hlung jedoch ihren Appetit mindern k&#246;nnte.<br />
Sie sollten die Nahrung zu sich nehmen.“</em></p>
<p>Wie f&#252;rsorglich von ihr, meinen Appetit erhalten zu wollen. Vielleicht war es auch besser so.<br />
Ich lange also zu, erst z&#246;gerlich, dann kr&#228;ftiger. Okay, es war kein Gaumenschmaus, aber man konnte es durchaus essen. Und es machte satt.</p>
<p>Soweit gest&#228;rkt widmete ich mich wieder meiner Umgebung. Es war nur ein Kunde in der N&#228;he, ein Mann – oder sollte ich besser sagen Junge – von vielleicht 20 Jahren.<br />
Anders als bei uns waren die &#196;gypter in diesem Alter schon verheiratet und besa&#223;en einen eigenen Hausstand.</p>
<p>Der junge Mann war ein paar Zentimeter kleiner als ich und hatte kurzes, schwarzes Haar, wie die meisten hier. Ebenso war sein Oberk&#246;rper frei und muskul&#246;s. Nicht so wie bei den Leuten, die schwere k&#246;rperliche Arbeit zu leisten hatten, aber auf ihre Form schienen alle &#196;gypter gern zu achten.<br />
Um die H&#252;fte trug er das &#252;bliche Tuch, das plissiert und aus feinem Stoff gewebt war. Auch ein wenig dezenter Schmuck war vorhanden, der ihm durchaus stand.<br />
Ich musste schon sagen, dass mit dem Schmuck f&#252;r M&#228;nner sollten man auch bei uns einf&#252;hren.</p>
<p>Jetzt ging er die Reihe der K&#228;fige entlang und musterte jeden Insassen. Der H&#228;ndler versuchte zugleich einen diskreten Abstand zu wahren und doch immer nah genug zu sein, um in den Augen seines potentiellen Kunden lesen zu k&#246;nnen.</p>
<p>Als dieser mich erreichte, blieb er stehen und betrachtete mich eingehend. Sein Gesicht hellte sich merklich auf und er wandte sich zum H&#228;ndler um.</p>
<p>„Den nehme ich“ sagte er und zeigte dabei auf mich. „Er sieht zwar nicht so kr&#228;ftig aus, hat aber eine so sch&#246;n helle Haut. Das ist sehr vornehm, genau das Richtige f&#252;r meinen pers&#246;nlichen Diener.“</p>
<p>Der H&#228;ndler, die Reaktionen seines Gegen&#252;bers scharf beobachtend, erwiderte:<br />
„Das freut mich, dass er dir gef&#228;llt. Aber er ist auch der Beste in meinem Sortiment und hat daher seinen Preis. 3000 Deben Kupfer.“</p>
<p>Obwohl ich es versuchte mir zu verkneifen, musste ich lachen. In Wirklichkeit war der H&#228;ndler heilfroh einen Abnehmer f&#252;r mich – den schlechtesten Sklaven in seinem  Sortiment – gefunden zu haben. Daher w&#252;rde bei dem Preis sicher noch einiges gehen.</p>
<p>Er warf mir auch einen b&#246;sen Blick zu, verlagerte sich dann aber darauf seinen Klienten mit einem seligen L&#228;cheln einzulullen.</p>
<p>„Gut, ich nehme ihn.“</p>
<p>Das kam wirklich &#252;berraschend. Immerhin hatte mein deutlich potenter aussehender Nachbarh&#228;ftling nur einen Erl&#246;s von 1300 Deben erzielt.</p>
<p>Es z&#228;hlten eben auch die inneren Werte.<br />
Wobei, wenn mein K&#228;ufer von meinen Inneren Werten w&#252;sste… Und damit meine ich nicht nur das kleine Zeitreisedilemma, sondern auch meine Homosexualit&#228;t. Die stand im alten &#196;gypten n&#228;mlich in einem sehr schlechten Ruf, schlie&#223;lich gingen keine Kinder daraus hervor. Und das war immer noch das Hauptziel &#228;gyptischen Familienlebens.</p>
<p>Der H&#228;ndler, zun&#228;chst ganz perplex, schien nun doch so etwas wie Gewissensbisse zu bekommen. „Er ist ein guter Sklave und hat mir keinen Kummer gemacht. Du solltest aber wissen, dass ihn die G&#246;tter mit der Krankheit der Stummen gestraft haben. Er versteht unsere Sprache, kann aber nicht sprechen.“</p>
<p>„Umso besser, da kann er keine Geheimnisse ausplaudern.“</p>
<p>Diesen Aspekt hatte der H&#228;ndler noch gar nicht bedacht und er notierte ihn sich sicher gedanklich f&#252;r &#228;hnlich gelagerte F&#228;lle in der Zukunft.</p>
<p>Die beiden hatten sich damit geeinigt und der H&#228;ndler kam mit sichtlich erfreutem Gesichtsausdruck auf mich zu, um die Gittert&#252;r zu &#246;ffnen. „Denk an das, was ich dir gesagt habe“, fl&#252;sterte er mir noch als letzte Warnung zu.</p>
<p>Dann &#252;bergab er mich auch schon meinem neuen <em>Herrn</em>. „Der Name deines neuen Sklaven ist Ameniu. Er stammt aus dem Norden, jenseits des Meeres.“</p>
<p>Letzteres entsprach sogar der Wahrheit. Ob der H&#228;ndler aber wirklich daran glaubte, wusste ich nicht. Er wollte nur nicht zugeben, dass er eigentlich keine Ahnung von mir hatte.</p>
<p><strong>Kapitel 6</strong></p>
<p>„Komm mit, Ameniu. Wir gehen zu meinem Haus und ich erz&#228;hle dir unterwegs von deinen Pflichten.“</p>
<p>Mein neuer Dienstherr hie&#223; &#252;brigens Imanuthep, wie er mir gleich zu Beginn er&#246;ffnete, wurde von seiner Familie aber einfach Manu genannt.</p>
<p>So gingen wir also nebeneinander die Stra&#223;e entlang. Nur am umfangreichen Schmuck meines Nachbarn war der Rangunterschied zwischen uns erahnbar.<br />
Aus der N&#228;he sah er &#252;brigens noch ansehnlicher aus, als vorhin. In einer anderen Zeit unter anderen Umst&#228;nden h&#228;tten wir Freunde sein k&#246;nnen. Solche oder jene.</p>
<p>„Mein Vater ist Richter im Gro&#223;en Haus von Theben.“<br />
Dieses Gro&#223;e Haus, war in etwa vergleichbar mit einem Landesgerichtshof, wie Elisa kurz annotierte.</p>
<p>„Ich arbeite auch am Gericht. Es gibt viel zu tun, aber es ist eine ehrenwerte Arbeit.“</p>
<p>„Als mein pers&#246;nlicher Diener bist du eigentlich f&#252;r alles zust&#228;ndig, was mit meinem k&#246;rperlichen und geistigen Wohl zu tun hat.“</p>
<p>Er musste meinen skeptischen Blick bemerkt haben, denn er f&#252;gte l&#228;chelnd hinzu: „Also Kochen musst du nicht, oder W&#228;sche waschen. Du wirst dich einfach immer in meiner N&#228;he aufhalten, f&#252;r den Fall, dass ich dich brauche.“</p>
<p>„Du begleitest mich auch fast &#252;berall hin. Dann kannst du ein wachsames Auge auf die Leute und die Umgebung haben, wenn ich im Gespr&#228;ch verwickelt bin.</p>
<p>Dass du stumm bist, ist zwar auf der einen Seite schade. Aber so kann dich wenigstens Niemand mit einer Unterhaltung ablenken.“</p>
<p>Worin nun eigentlich meine Aufgabe bestand, war mir trotz der Erkl&#228;rungen Manus nicht wirklich klar. Es schien fast, als wusste er es selbst noch nicht genau. Auch h&#228;tte ich ihn gerne gefragt, wieso er bereitwillig einen so hohen Preis gezahlt hatte. Doch das ging nun mal nicht.</p>
<p>W&#228;hrend wir seinem Domizil entgegenwanderten, besah ich mir die Gegend, die wir passierten.</p>
<p>Die Stra&#223;en waren nicht gepflastert, aber vom regen Verkehr gepl&#228;ttet. Sauber waren sie jedenfalls nicht, so dass ich eher ungern mit nackten F&#252;&#223;en dar&#252;ber ging. Aber meine Schuhe hatte ich ja nicht mehr und es war hier so wie so &#252;blich barfu&#223; zu gehen. Nur in Geb&#228;uden oder auf hei&#223;em Sand zogen die Einheimischen Sandalen an.</p>
<p>Wir n&#228;herten uns einem imposanten Bauwerk, das inmitten der Stadt lag. Es war offensichtlich ein Tempel und je n&#228;her wir kamen, desto gr&#246;&#223;er wurden die H&#228;user und desto weitl&#228;ufiger die Grundst&#252;cke. Die wohlhabenderen wohnten anscheinend gerne in der N&#228;he ihrer G&#246;tter.</p>
<p>Indessen waren wir vor einem zweist&#246;ckigen Haus angelangt, etwa von den Ausma&#223;en eines modernen Reihenhauses. Nur war es nicht ganz so hoch und hatte wie alle Behausungen hier ein Flachdach, das man sogar begehen konnte.</p>
<p>„Wir sind da“ sagte Manu. Und ich meinte einen Anflug von Stolz aus seiner Stimme herauszuh&#246;ren.</p>
<p>Das Grundst&#252;ck war von einer schulterhohen Mauer umgeben, um die Bewohner vor neugierigen Blicken zu sch&#252;tzen.<br />
Als wir durch die Pforte traten, empfing uns als erstes ein h&#252;bscher Vorgarten. Die &#196;gypter hielten also tats&#228;chlich etwas auf ihre G&#228;rten. Ich war sichtlich erfreut von dem Anblick dieser gr&#252;nen Oase, die im Vergleich zur W&#252;ste vor den Stadtmauern geradezu trostspendend wirkte.</p>
<p>Manu schien sich &#252;ber meine Bewunderung zu freuen und gab an, dass der Garten hinter dem Haus noch sch&#246;ner sei.</p>
<p>„Es ist nicht so gro&#223; wie die Villa meines Vaters. Aber die liegt auch eher au&#223;erhalb und da ist einfach mehr Platz. Ich wollte aber unbedingt in der Innenstadt leben. Man ist so einfach n&#228;her dran am Geschehen.“</p>
<p>Das konnte ich verstehen. Meine Eltern hatten mit mir auch in einem Vorort gelebt, bis ich dann zu Beginn meines Studiums auszog. Mich zog es ebenso in die Gro&#223;stadt.</p>
<p>Wir schritten nun durch die Eingangst&#252;r und betraten den ersten Raum. Drau&#223;en wurde es langsam wieder hei&#223;er, aber hier drinnen war es noch angenehm k&#252;hl.<br />
Der Raum war relativ klein und besa&#223; au&#223;er einem Wandregal und einem kleinen Abstelltischchen keine weitere Ausstattung. Er diente wohl nur als Puffer zu einem gr&#246;&#223;eren Raum, in den der Hausherr z&#252;gig voranschritt.</p>
<p>„Das ist der Empfangsraum. Hier empfange ich meine G&#228;ste  und speise mit ihnen. Wenn ich allein bin, esse ich aber lieber auf der Dachterrasse. Dort ist es im Sommer einfach erfrischender.<br />
Ich wei&#223;, noch ist es k&#252;hl, aber es heizt sich schnell auf.“</p>
<p>Dieser Raum war nicht nur gr&#246;&#223;er, sondern auch sehr behaglich eingerichtet. Neben einigen relativ niedrigen St&#252;hlen, die zu zweit an kleinen Tischen standen, gab es einige bunte Wandverzierungen. Auch fand ich frische Blumen in kleinen Tonvasen auf den Tischen.</p>
<p>Ich hatte kaum Zeit, das Gesehene zu verarbeiten, da wurde der Rundgang auch schon fortgesetzt.</p>
<p>„Weiter hinten befindet sich die K&#252;che, du wirst meine K&#246;chin sicher noch kennenlernen.<br />
Im Keller sind die Werk- und Lagerr&#228;ume, da m&#252;ssen wir aber nicht hin.“</p>
<p>Mein F&#252;hrer stieg jetzt die Treppe zum zweiten Stock empor, die gleich hinter dem Empfangsraum und vor der K&#252;che lag. Wir durchschritten einen langen Flur.</p>
<p>„Zur Linken liegt mein Arbeitszimmer.“</p>
<p>Wir betraten den Raum und ich blieb &#252;berrascht stehen.<br />
Das Zimmer war l&#228;nger als es breit war und besa&#223; f&#252;nf kleine Fenster an der der T&#252;r gegen&#252;berliegenden L&#228;ngsseite. An den drei anderen W&#228;nden bedeckten Schriftrollen aus Papyrus lange Regale.<br />
Dies war mehr eine Bibliothek als ein Arbeitszimmer.</p>
<p>Au&#223;erdem gab es einen gr&#246;&#223;eren Tisch, der wohl zum Arbeiten gedacht war. Es waren einige Papyri darauf ausgebreitet.<br />
In der Zimmerecke lagen auf dem Boden Matten und Kissen. Hier konnte man es sich scheinbar auch gem&#252;tlich machen.</p>
<p>Manu hatte mein Erstaunen bemerkt und schien sich dar&#252;ber zu freuen – oder auch zu am&#252;sieren, da war ich mir nicht so sicher.</p>
<p>„Die Schriftrollen zur Linken enthalten Aufzeichnungen alter F&#228;lle meines Vaters, er hat sie mir zum Studium &#252;berlassen. Diejenigen an der rechten Wand enthalten meine F&#228;lle, die erledigten und die aktuellen. Du siehst, sie ist noch ein wenig Leer, aber ich arbeite ja auch erst seit ein paar Jahren am Gericht.<br />
An der L&#228;ngsseite, den Fenstern gegen&#252;ber, lagern schlie&#223;lich die allgemeinen Schriften. Es gibt da Texte &#252;ber die Rechtsprechung, Medizin, Geschichte, aber auch Romane und poetisches.<br />
Als Schreiber ist es von Vorteil eine eigene Schriftensammlung zu besitzen.“</p>
<p>Lesen und schreiben zu k&#246;nnen war damals ein Privileg und keinesfalls selbstverst&#228;ndlich. Nur wer darin ausgebildet war, konnte hohe Berufe ergreifen.<br />
Kinder wohlhabender Leute wurden alle auf die Schule geschickt, Jungen wie M&#228;dchen. Bei den mittelst&#228;ndischen Handwerkern lernten immerhin einige der Jungen das Schreiben.</p>
<p>Pl&#246;tzlich drang eine Stimme aus dem Flur zu uns.<br />
„Manu, mit wem redest du denn da. Haben wir Besuch?“</p>
<p>Eine junge Frau – nein ich korrigiere – ein M&#228;dchen, vielleicht an die siebzehn, betrat den Raum.</p>
<p>„Das h&#228;tte ich fast vergessen.“ ergriff jetzt Manu das Wort. „Darf ich vorstellen, das ist mein neuer pers&#246;nlicher Diener, Ameniu. Ich hatte dir ja heute Morgen erz&#228;hlt, dass ich mir Jemanden zulegen wollte. Ameniu, das ist Naha, meine Frau.“</p>
<p>Nat&#252;rlich hatte Manu eine Frau, vielleicht hatte er sogar schon Kinder. Trotzdem war ich &#252;berrascht, wie jung sie war. Andererseits hatte ich ja auch gelesen, dass M&#228;dchen hier schon ab dreizehn, vierzehn Jahren verheiratet wurden.</p>
<p>Naha blickte zun&#228;chst etwas irritiert, weshalb ich mich beeilte eine kleine Verbeugung vor ihr zu vollziehen. Ich wusste zwar nicht, ob das hier so &#252;blich war. Es erschien mir aber besser als nichts zu tun, denn ein freundliches Hallo war mir nun mal verwehrt.</p>
<p>„Sei willkommen in unserem Haus. M&#246;ge Amun dich st&#228;rken, auf dass du meinem Mann gute Dienste leistest“, begr&#252;&#223;te sie mich nun. Lag es nur an Elisas &#220;bersetzung oder w&#228;hlte sie wirklich f&#246;rmlichere Worte als Manu?<br />
Es war eben ein Nachteil, die Sprache nicht direkt zu sprechen. Ich musste darauf vertrauen, dass Elisa die feinen Nuancen in der menschlichen Ausdrucksf&#228;higkeit korrekt interpretierte.<br />
Immerhin konnte ich den Tonfall auch so heraush&#246;ren. Und der klang freundlich, aber reserviert. Eben so, wie man es im Gespr&#228;ch mit deutlich niedriger gestellten zu tun pflegt.</p>
<p>„Du siehst nicht aus wie in diesem Lande geboren. Wo kommst du her?“ fragte sie mich im selben Tonfall.<br />
So gern ich ihr diese Frage auch beantworten w&#252;rde – nat&#252;rlich nicht wahrheitsgem&#228;&#223; – ging es nun einmal nicht. Ich hatte mich bereits in die Position des Stummen man&#246;vriert.</p>
<p>Die Alternative w&#228;re gewesen, so zu tun als wenn ich die Sprache nur schlecht beherrschte, was wegen meiner zwangsl&#228;ufig schlechten Aussprache ja auch der Wahrheit entsprochen h&#228;tte. Aber daf&#252;r war es nun zu sp&#228;t. Ich schwieg also und sah Manu hilfesuchend an.</p>
<p>„Er kommt aus dem Norden, jenseits des Meeres“, antwortete er an meiner Stelle.</p>
<p>„Und er kann nicht einmal f&#252;r sich selbst sprechen? Sag, Diener, bist du sch&#252;chtern in Gegenwart von Frauen?“, setzte sie leicht erheitert nach.</p>
<p>„Er kann dir nicht antworten, weil er stumm ist, Naha. Die G&#246;tter haben ihm die Gabe des Sprechens verwehrt.“</p>
<p>„Das verstehe ich nicht, Manu. Was f&#252;r einen Nutzen soll er dann f&#252;r dich haben? Und auch noch als dein pers&#246;nlicher Diener.<br />
Du hast mir heute Morgen erst erz&#228;hlt, dass du dich mit dem Gedanken tr&#228;gst so Jemanden einzustellen. Und dann kommst du schon am Nachmittag mit diesem hier heim.<br />
Hast du dich mal wieder zu vorschnell entschieden? Und wo hast du &#252;berhaupt so schnell Jemanden gefunden?“</p>
<p>„Mach mal langsam, Naha. Ich habe ihn gerade eben auf dem Markt als Sklaven erstanden.“</p>
<p>„Was?! Du machst auch noch einen Sklaven zu deinem pers&#246;nlichen Diener. Es gibt so viele ehrenwerte &#196;gypter aus geringerem Hause, die sich um diese Stelle rei&#223;en w&#252;rden.“</p>
<p>„Versteh doch, ich m&#246;chte niemanden von hier, die sind alle zu sehr miteinander bekannt und vernetzt. Ameniu scheint mir genau der richtige.<br />
Und au&#223;erdem ist es eine berufliche Entscheidung, die dich gar nichts angeht. Du redest ja auch alles immer gleich schlecht.“</p>
<p>Mit einem w&#252;tenden Blick auf ihren Mann, verlie&#223; Naha den Raum.</p>
<p>Ich hatte hier wohl gerade einen &#228;gyptischen Ehestreit mitangeh&#246;rt. Obwohl dieser &#252;ber 3000 Jahre vor unserer Zeit lag, verlief er nicht viel anders als sein neuzeitliches Pendant.</p>
<p>Ich h&#228;tte mich am liebsten bei Manu entschuldigt f&#252;r den &#196;rger, den ich ihm mit seiner Frau beschert hatte. Anstelle der Worte versuchte ich einen m&#246;glichst betroffenen Gesichtsausdruck aufzusetzen, kombiniert mit der entsprechenden Gestik.</p>
<p>Manu seufzte auf, als seine Frau das Zimmer verlassen hatte. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, sie ist manchmal etwas schwierig. Wir sind jetzt seit einem guten Jahr verheiratet und sie ist immer noch nicht schwanger. Das &#228;rgert sie, denn wenn sich in den n&#228;chsten Monaten in dieser Sache nichts tut, kommt sie ins Gerede der Leute.“</p>
<p>„Egal, nichts mehr davon. Komm, ich zeige dir noch das zweite Stockwerk. Das Zimmer hier auf der anderen Seite des Flurs meiden wir lieber. Es geh&#246;rt meiner Frau.“</p>
<p><em>„Warnung! Die Belastungsgrenze dieser Treppe liegt unter dem zul&#228;ssigen Grenzwert, gem&#228;&#223; EU-Verordnung 1-274-B.“</em></p>
<p>„Nun, damit muss ich wohl leben Elisa. Wir sind hier schlie&#223;lich nicht in der EU. Solange sie nicht akut einsturzgef&#228;hrdet ist, brauchst du es mir nicht zu erz&#228;hlen“, zischte ich stumm zur&#252;ck.</p>
<p>Wir beschritten also die Treppe und kamen auch wohlbehalten oben an. Br&#252;chig sah sie nun wirklich nicht aus.</p>
<p>Anstatt eines langen Flurs wie im ersten Stock empfing uns hier direkt ein ger&#228;umiges Zimmer. Es gab drei Durchg&#228;nge zu weiteren R&#228;umen an den drei anderen W&#228;nden.</p>
<p>„Das ist der private Wohnbereich“, kl&#228;rte mich Manu auf. Hier lagen noch mehr von den gem&#252;tlichen Kissen und Matten auf dem Boden. Die &#196;gypter schienen das zu lieben.<br />
Obendrein waren die W&#228;nde mit Malereien verziert.</p>
<p>„Geradeaus liegt das Bad. Ich habe mir sogar eine Toilette einbauen lassen.“<br />
Die <em>Toiletten</em> hatten im alten &#196;gypten nichts mit ihren modernen Namensvettern gemein. Der Sitz war ein Kasten, bestehend aus Kalkstein oder Holz und hatte ein Loch in der Mitte. Innen, unter dem Loch, stand ein Tongef&#228;&#223;. Nach dem Gesch&#228;ft wurde es mit Sand bestreut.<br />
Eine Kanalisation gab es noch nicht.</p>
<p>„Zur Linken befindet sich der Aufgang zur Dachterrasse und zur Rechten liegt mein Schlafzimmer.“<br />
Er wandte sich nach rechts und durchschritt den Durchgang.</p>
<p>Wir gelangten in ein kleines Zimmer von vielleicht drei mal vier Metern.<br />
„Das ist der Vorraum zu meinem Schlafzimmer. Hier kleide ich mich an.“</p>
<p>In der Tat waren die Regale an den W&#228;nden mit allerlei Kleidung belegt. Die sch&#246;n verzierte Truhe davor enthielt den Schmuck.</p>
<p>„Hier wirst du schlafen“, er&#246;ffnete er mir.<br />
Ich war &#252;berrascht. Hier, vor seinem Schlafzimmer? Gab es daf&#252;r denn nicht irgendwo Dienerquartiere?</p>
<p>Er musste meine &#220;berraschung bemerkt haben, denn er setzte rechtfertigend hinzu: „Ich m&#246;chte dich immer in meiner N&#228;he haben, falls ich etwas brauche. Au&#223;erdem hilfst du mir morgens beim Anlegen des Schmucks und so. Und nicht zuletzt ist es im Schlafraum der Diener schon so voll.“</p>
<p>Mir war es nur recht. In einem stickigen Kellerraum mit was wei&#223; ich wie vielen anderen Leibern zu liegen, war keine verlockende Vorstellung.</p>
<p>Wir kehrten jetzt um und Manu zeigte mir das Bad und die Dachterrasse. Ersteres war eher als Waschraum zu bezeichnen, denn nat&#252;rlich gab es kein flie&#223;endes Wasser. Im Boden war aber ein Abfluss zu erkennen, der versch&#252;ttete Fl&#252;ssigkeit nach au&#223;en leitete.<br />
Einen richtigen Spiegel gab es auch nicht, nur eine Metallplatte auf der man sich mehr schlecht als recht erkennen konnte.</p>
<p>Die Dachterrasse hingegen war wundersch&#246;n. Hier gab es auch einige Pflanzen und weitere Sitzgelegenheiten. Ein Leinentuch war &#252;ber einige Holzst&#228;be gespant, so dass eine gro&#223;e Fl&#228;che im Schatten lag. An den R&#228;ndern war nur eine sehr niedrige Br&#252;stung aus Holz angebracht, die nicht sehr stabil aussah.<br />
Bevor Elisa noch irgendeine Br&#252;stungsh&#246;hen-Verordnung auskramte, hielt ich mich lieber in der Mitte.</p>
<p>„Es wird Zeit f&#252;r das Mittagsmahl, komm wir gehen wieder nach unten. Ich speise heute im Garten, da ist es noch erfrischend k&#252;hl.“</p>
<p>Wir stiegen also die drei Treppen wieder hinab ins Erdgeschoss. Unten erwartete bereits eine andere Dienerin ihren Herrn. „Das Essen ist angerichtet, Herr. Im Gartenpavillon, wie ihr es befohlen habt.“</p>
<p>„Gut, Jahna. Das ist mein neuer pers&#246;nlicher Diener, Ameniu. Zeige ihm die K&#252;che und gib ihm etwas zu Essen. Und stelle ihn auch den anderen vor.“</p>
<p>Diesmal beugte Manu eventuellen sprachlichen Verwirrungen gleich vor: „Er versteht alles was du sagst, kann aber nicht antworten, da er stumm ist.“</p>
<p>Jahna zeigte sich leicht irritiert, verbeugte sich aber schnell und ich beeilte mich, es ihr nachzutun. Irgendwie wollte ich einen guten Eindruck machen. Ob auf Jahna, Manu, oder beide, wusste ich nicht so genau.<br />
Eigentlich war es mir peinlich, dass mich alle f&#252;r stumm hielten, obwohl dem nicht so war. Aber es bot immer noch die einfachste L&#246;sung.</p>
<p>W&#228;hrend der Hausherr in Richtung Garten davonschritt, folge ich dem Dienstm&#228;dchen in die K&#252;che. Dort waren zwei andere &#196;gypterinnen gerade mit den letzten Vorbereitungen f&#252;r das Mittagessen besch&#228;ftigt. Wie es aussah, gab es Rind mit Lauchgem&#252;se und einem Salat.</p>
<p>Mir lief schon das Wasser im Mund zusammen, denn seit dem kargen Brei von heute Morgen hatte ich wieder Hunger bekommen.<br />
Jahna stellte mich den beiden anderen M&#228;dchen vor. Sie schienen sehr neugierig zu sein und h&#228;tten sicher tausend Fragen gestellt, wenn Jahna nicht schnell meine kleine Besonderheit angegeben h&#228;tte. Sie wies auch eine K&#246;chin in befehlendem Ton an, mir etwas Essen zusammenzustellen.</p>
<p>Ich hatte fast das Gef&#252;hl, dass es hier sonst etwas entspannter zuging. Doch jetzt schien Jahna ihre Position hervorheben zu wollen, um mir gleich zu signalisieren, was ihrer und nur ihrer Zust&#228;ndigkeit unterlag: Die K&#252;che.</p>
<p>„Hier, das ist f&#252;r dich“, sagte eine der K&#246;chinnen und &#252;bergab mir eine Sch&#252;ssel. Darin lag etwas Brot, Reste von Salat und einige allzu speckige Brocken Fleisch. Auch ein Krug Bier &#252;bereichte sie mir.</p>
<p>Na dann Mahlzeit. Ich h&#228;tte mir ja denken k&#246;nnen, als Diener nicht die guten und teuren Speisen meines Herrn zu teilen. Immerhin besser als grauer Nilschlamm-Brei.<br />
Da ich nicht wusste wohin, hockte ich mich einfach in eine K&#252;chenecke. Mein bescheidenes Mahl nahm ich mit den Fingern zu mir. Es gab hier einfach kein Besteck, selbst der Pharao speiste mit den H&#228;nden.<br />
Das Bier schmeckte ausgezeichnet, wenn auch deutlich anders als die modernen Gebr&#228;ue.</p>
<p>Jahna trug unterdessen die Schalen mit Manus Essen nach drau&#223;en. Ich wunderte mich nur, wieso er nicht mit seiner Frau zusammen speiste. Ob sie ihm noch b&#246;se war wegen dem Streit?</p>
<p>Ich beobachtete w&#228;hrend dem Essen das gesch&#228;ftige Treiben in der K&#252;che. Es schien bereits der n&#228;chste Gang vorbereitet zu werden. Ein Nachtisch in Form eines Obsttellers mit Feigen, Datteln und Trauben.</p>
<p>Als ich die Sch&#252;ssel nach einigen Minuten geleert hatte waren meine H&#228;nde dementsprechend dreckig. Ich gab der K&#246;chin die Schale zur&#252;ck und hielt ihr fragend meine offenen H&#228;nde hin. Sie zeigte auf ein Tongef&#228;&#223; mit Wasser in einer Ecke.</p>
<p>Mit sauberen H&#228;nden verlie&#223; ich also die K&#252;che. Doch kaum war ich durch die T&#252;r, blieb ich auch schon stehen. Ich wusste ja gar nicht wohin ich sollte.<br />
Zum Hausherrn nach drau&#223;en zu gehen w&#228;re vielleicht nicht so klug. Er w&#252;rde mich schon rufen lassen, wenn er mich sehen wollte.</p>
<p>Der kleine Gang, der K&#252;che und Empfangsraum verband besa&#223; noch eine Abzweigung nach rechts, die sofort in einer kleinen Treppe m&#252;ndete. Sie f&#252;hrte nach unten in den Keller. Obwohl Manu vorhin meinte, dass wir hier nicht hin m&#252;ssten, war ich neugierig auch diesen Teil des Hauses zu besichtigen.</p>
<p>Ich stieg also die Treppe hinab und fand mich in einem niedrigen Gew&#246;lbe wieder. Ich konnte kaum aufrecht stehen, war aber auch gr&#246;&#223;er als viele &#196;gypter. Der Keller schien linear angeordnet, ein Raum folgte dem anderen.<br />
Das Zimmer in dem ich stand war eine Art Werkstatt. Werkzeuge verschiedenster Art dienten offenbar dazu kleinere Reparaturen im Hause selbst durchzuf&#252;hren. Auch ein Webstuhl war vorhanden, an dem bei Bedarf aus Faden neues Leinen gewebt werden konnte.<br />
Zurzeit waren all diese Ger&#228;tschaften unbesetzt und ich somit der einzige hier unten.</p>
<p>Ich schritt voran in den n&#228;chsten Raum. Es handelte sich scheinbar um eine Lagerkammer. Neben Korn standen hier unten F&#228;sser mit Bier und Wein. Weiterhin stapelten sich Obst, Gem&#252;se und getrocknetes Fleisch.<br />
Au&#223;erdem war es angenehm k&#252;hl hier unten, w&#228;hrend es sich in den oberen Stockwerken langsam aufzuheizen begann.</p>
<p>Der dritte und letzte Raum schlie&#223;lich war der Schlafraum der Dienerschaft. Betten gab es im Gegensatz zum herrschaftlichen Schlafzimmer keine. Nur Matten waren auf dem Boden ausgelegt.<br />
Daraus schloss ich vor allem, dass ich ebenso auf einer Matte schlafen w&#252;rde. Welch eine Ironie, dass mein heimisches Bett sicher dreifach so komfortabel war wie das des Hausherrn.<br />
Hoffentlich w&#252;rde ich einschlafen k&#246;nnen. Wenn nicht, sollte mir Elisa eben ein leichtes Schlafmittel verabreichen, falls so etwas &#252;berhaupt vorr&#228;tig war.</p>
<p>In dem kleinen Raum, der vielleicht sechs schlafende Personen fasste, gab es nichts weiter zu sehen. Also kehrte ich um und machte mich wieder auf den Weg zur Treppe.</p>
<p>Auf halber Strecke stie&#223; ich fast mit Jahna zusammen.</p>
<p>„Da bist du also! Was hast du &#252;berhaupt hier unten zu suchen?“ meckerte sie mit der Intonation einer Monarchin, deren Hoheitsgebiet von einem Eindringling verletzt wurde.<br />
„Der Herr l&#228;sst nach dir schicken. Er ist noch im Garten, mach dass du da hinkommst.“</p>
<p>Das lie&#223; ich mir nicht zweimal sagen und schl&#252;pfte an der schm&#228;chtigen Person vorbei, die Treppe hinauf. Schnell wandte ich mich in Richtung Garten und trat durch die Terrassent&#252;r.</p>
<p>Eine beeindruckende Gr&#252;nanlage umfing mich. Die hohen Mauern, obendrein bewachsen mit Weinranken, sch&#252;tzten vor neugierigen Blicken der Nachbarn. Zahlreiche B&#228;ume von denen ich eigentlich nur die Palme beim Namen kannte spendeten Schatten. In der Mitte lag sogar ein kleiner Teich von drei Metern Durchmesser, umrandet von wei&#223;en und roten Lotusblumen. Es war idyllisch, fast w&#252;rde ich sagen romantisch.<br />
Erst jetzt konnte ich die Faszination der &#196;gypter f&#252;r G&#228;rten verstehen. Sie waren eine Oase mitten in der W&#252;ste, ein Ruhepol inmitten der Stadt und ein Ort der Privatsph&#228;re und Entspannung.</p>
<p>Ein kleiner Pavillon stand auf vier S&#228;ulen mit einem rebenbedeckten Dach neben dem Teich. Dort sa&#223; auch Manu an einem Tisch. Das Hauptgericht war bereits abgedeckt und durch den Teller mit Obst ersetzt worden.</p>
<p>„Setzt dich zu mir, Ameniu.“<br />
Das lie&#223; ich mir gefallen, immerhin war Manu wesentlich freundlicher als Jahna. Und wesentlich h&#252;bscher, nebenbei bemerkt. Ich lie&#223; mich also auf dem Stuhl ihm Gegen&#252;ber nieder.</p>
<p>„Wie gef&#228;llt dir mein Garten?“</p>
<p>Ich nickte und setzte einen anerkennenden Gesichtsausdruck auf.</p>
<p>„Das freut mich, er hat bisher noch jedem gefallen.<br />
Nimm dir ruhig von den Fr&#252;chten, sie sind gut.“</p>
<p>Ich nickte erneut, diesmal dankend und bediente mich an Datteln und Trauben. Sie schmeckten wirklich gut.<br />
„Die Trauben sind aus eigenem Anbau.“</p>
<p>Manu schien in Gedanken versunken. Ich betrachtete ihn und bekam etwas von dem Duft in die Nase, den er verstr&#246;mte. Parf&#252;m schien den &#196;gyptern nicht unbekannt gewesen zu sein.</p>
<p>„Manchmal w&#252;nschte ich mir fort zu reisen. Neue L&#228;nder zu erkunden und etwas von der Welt zu sehen. Ja sicher, ich habe einen guten Posten hier und es gibt keinen Grund meine Heimatstadt zu verlassen. Im Gegenteil, ich muss mich um meine Familie k&#252;mmern, wenn mein Vater zu alt zum Arbeiten ist.<br />
Aber eben die bereitet mir auch Kummer, Naha bereitet mir Kummer.“</p>
<p>Ich h&#246;rte ihm aufmerksam zu. Die Stummen waren ja zwangsweise die besten Zuh&#246;rer.</p>
<p>„Sie redet immer nur von S&#246;hnen und T&#246;chtern und wie viele sie doch haben m&#246;chte. Ich w&#252;rde am liebsten gar keines haben. Aber das geht nicht an, es ist schlichtweg unm&#246;glich f&#252;r eine Familie und eine Schande f&#252;r meine Frau.“<br />
Er seufzte.</p>
<p>„Man kann es eben nicht jedem recht machen im Leben. Vieleicht brauche ich einfach etwas Abwechslung.<br />
Wenn morgen nichts im Gericht ansteht, dann fahren wir zur Jagd in die W&#252;ste.“</p>
<p><strong>Kapitel 7</strong></p>
<p>Es war bereits Abend, als Manu von einer Nachmittagssitzung am Gericht zur&#252;ckkehrte.<br />
„Ich werde dich demn&#228;chst dort einf&#252;hren, sobald du dich hier eingelebt hast“, hatte er mir versichert.</p>
<p>Also war ich im Haus geblieben und hatte die Umgebung von der Dachterrasse aus beobachtet, an deren Br&#252;stung ich mich dann doch gewagt hatte. Erstaunlicherweise ohne Warnhinweis meiner VI. Die Hitze war hier oben einigerma&#223;en ertr&#228;glich, solange man sich im Bereich des schattenspendenden Leinentuchs aufhielt. Zumal es gegen Abend so wie so angenehmer wurde.<br />
Das Tuch erstreckte sich leider nicht bis zur Br&#252;stung und so wollte ich gerade wieder der Sonne entfliehen, als ich den Herrn des Hauses in die Stra&#223;e einbiegen sah.</p>
<p>Ich hatte die Idee zu einem kleinen Experiment und stieg schnell die drei Treppen ins Erdgeschoss hinunter. Ich suchte Jahna und fand sie wie vermutet in der K&#252;che. Sie sa&#223; dort auf einer Matte in der Ecke, ohne gerade etwas zu tun zu haben.<br />
Als sie mich kommen sah, stand sie jedoch auf und sah mich fragend an.</p>
<p>Nun kam der schwierigste Teil des Experiments. Ich versuchte ihr mit den H&#228;nden zu erkl&#228;ren, dass sie das Essen f&#252;r den Herrn vorbereiten sollte und zwar oben auf der Dachterrasse.<br />
Mit zusammengekniffenen Augen sah sie mir bei meinem Erkl&#228;rungsversuch zu.</p>
<p>Schlie&#223;lich schien sie meine Anweisungen nicht nur verstanden zu haben, sondern machte sich auch daran, ihnen nachzukommen. Obwohl ihre gekrausten Lippen nicht gerade Zufriedenheit ausdr&#252;ckten.</p>
<p>Das Experiment war gegl&#252;ckt. Ich schien als pers&#246;nlicher Diener des Hausherrn also im Rang &#252;ber ihr zu stehen. Deshalb f&#252;rchtete sie wohl um ihre Vormachtstellung in der K&#252;che. Nun, ich hatte wirklich nicht vor, ihr diese Position streitig zu machen.<br />
Das Versuchsergebnis war zwar interessant, aber letztlich nutzlos f&#252;r mich. Weder h&#228;tte ich ihr kompliziertere Sachverhalte darlegen k&#246;nnen, noch h&#228;tte dies irgendeinen Sinn f&#252;r mich gehabt.</p>
<p>Ich ging zur&#252;ck in den Empfangsraum und begr&#252;&#223;te den Hausherrn, wie man es von einem guten Diener sicher erwartete.<br />
Sein Gesicht zeigte einen missmutigen Ausdruck, als er aus dem Vorraum kam.</p>
<p>„Aus dem Ausflug morgen wird wohl nichts. Ich werde stattdessen noch einige Akten studieren m&#252;ssen.“</p>
<p>Vielleicht war das auch ganz gut so. Ich konnte mir angenehmeres vorstellen, als einen erneuten W&#252;stenbesuch.<br />
Manu schien sich jedenfalls darauf gefreut zu haben und sah dementsprechend geknickt aus. Aber  vielleicht gab es gab daf&#252;r auch einen anderen Grund.</p>
<p>Ich bedeutete ihm das Essen oben auf dem Dach aufgetragen zu haben, worauf sich sein Gesichtsausdruck wieder aufhellte.<br />
„Ah, gut. Dann lass uns hochgehen, abends ist es dort immer am sch&#246;nsten.“</p>
<p>Oben angekommen setzte er sich auf die Kissen. Jahna stellte gerade eine Platte mit kleinen, bestrichenen Brotscheiben auf dem niedrigen Tisch vor ihm ab. Dann entfernte sie sich wieder.</p>
<p>Ich wollte mich gerade ebenfalls zur&#252;ckziehen, als Manu mich aufhielt.</p>
<p>„Setz dich doch bitte zu mir, Ameniu. Ich esse nicht gern allein. Und du musst auch hungrig sein.“</p>
<p>Nun, das lie&#223; ich mir nicht zweimal sagen, denn mit dem Hunger hatte er Recht.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Ich lag auf einer mit Kissen gepolsterten Matte im Raum vor Manus Schlafzimmer. Diese Unterlage hatte er einem der Regale an der Wand entnommen und mir in die Hand gedr&#252;ckt. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich damit ein Nachtlager zusammengestellt hatte, auf dem ich in irgendeiner Position halbwegs bequem liegen konnte.<br />
Nat&#252;rlich war ich in dieser Hinsicht ein verweichlichter Europ&#228;er. Aber wie sollte es auch anders sein, wenn man sein ganzes Leben lang in bequemen, weichen Betten mit kuscheliger Decke ruhte.</p>
<p>Apropos Decke, die gab es hier &#252;berhaupt nicht. Was bei diesen Temperaturen, es waren immerhin noch 26° hier drinnen, auch v&#246;llig in Ordnung schien.<br />
Nur war es ein kleiner Tick oder einfach nur alte Gewohnheit, dass ich nicht ohne Decke einschlafen konnte. Ich f&#252;hlte mich dann irgendwie nackt und unvollst&#228;ndig.</p>
<p>Derart wachgehalten &#252;berdachte ich in Ruhe meine Situation.<br />
Ich war gestrandet im alten &#196;gypten, die Chance zur R&#252;ckkehr h&#228;tte selbst ein Rasterelektronenmikroskop vergeblich gesucht und ich musste als Diener arbeiten.</p>
<p>Zwar war dies nicht mein Traumberuf, auch nicht im alten &#196;gypten. Aber ich w&#252;rde mich solange darin f&#252;gen, bis sich ein Ausweg aus meiner Situation er&#246;ffnete. Viel wahrscheinlicher war jedoch, dass es gar keinen gab… Wenn nur der Kontakt zu Lisa endlich funktionieren w&#252;rde.</p>
<p>Au&#223;erdem war ich, bei Lichte betrachtet, nicht in der schlechtesten Lage. Ich kam als Sklave in die Stadt und bin bereits zum Diener eines sehr netten &#196;gypters aufgestiegen, was irgendwie auch merkw&#252;rdig war.<br />
Ich bezweifelte, ob Manu mit mir die richtige Wahl getroffen hatte. Wie sollte ich ihn denn als pers&#246;nlicher Diener, oder Assistent wie es die Moderne nannte, unterst&#252;tzen k&#246;nnen?</p>
<p>Jedenfalls h&#228;tte es auch schlimmer kommen k&#246;nnen. Steine schleppen durch die W&#252;ste, zum Beispiel.<br />
Mit diesem beruhigenden Gedanken fiel ich irgendwann in einen leichten, unruhigen Schlaf.</p>
<p>&#8212;</p>
<p><em>„… Sie auf, Dr. Marten. Wachen Sie auf Dr. Marten. Wachen Sie…“</em></p>
<p>Verschlafen fuhr ich von meinem Nachtlager hoch. „Ich bin ja wach! Was ist denn los, Elisa?“</p>
<p><em>„Ich habe eine Antwort von der Basis empfangen. Bereit zur Herstellung der Echtzeit-Videoverbindung.“</em></p>
<p>Schlagartig war ich hellwach<em>. Endlich!</em> Selbst wenn ich f&#252;r immer hier bleiben musste, so w&#252;rde ich doch mit der Heimat in Verbindung bleiben k&#246;nnen.<br />
Schnell und m&#246;glichst leise stand ich auf und verlie&#223; den Raum. Ich hastete die Treppe hoch zur Dachterrasse. Au&#223;er Atem von der pl&#246;tzlichen Anstrengung bei Nacht lie&#223; ich mich auf die Kissen fallen.</p>
<p>„Verbindung herstellen!“</p>
<p>Ein paar Sekunden lag tat sich gar nichts. Ich wollte Elisa schon fragen, was denn jetzt sei, als sich ein Sichtfenster vor mir &#246;ffnete. Nat&#252;rlich war es nicht wirklich da, sondern wurde auf die Visorlinsen projiziert.</p>
<p>Es kam mir vor, als st&#252;nde ich in Front eines Analogfernsehers, was an dem wei&#223;en Rauschen lag, dass die gesamte Bildfl&#228;che bedeckte. Nur m&#252;hsam sch&#228;lte sich die Silhouette eines Menschen hervor.</p>
<p>H&#228;tte ich es nicht besser gewusst, w&#228;re ich der Meinung gewesen, Elisa wolle die Spannung damit steigern.</p>
<p>Pl&#246;tzlich aber nahm das Bild an Kontrast und Sch&#228;rfe zu. Das Schnee-Rauschen wich satten Farben. Dr. Lisa Bolzano sah mit gespanntem und besorgtem Blick in die Kamera.</p>
<p>„Phillip! Geht es dir gut? Was ist passiert? Stimmen diese Daten, die du uns geschickt hast? Mein Gott, ich war krank vor Sorge um dich!“</p>
<p>Mit all ihren Fragen gab sie mir erst gar keine Zeit zu antworten. Aber es tat unheimlich gut, ihre Stimme zu h&#246;ren. Es war das einzige, was mich jetzt mit der Heimat verband.</p>
<p>„Beruhige dich erst mal, Lisa. Mir geht es gut. Ich bin unverletzt und gesund.“</p>
<p>Lisa seufzte und die Erleichterung war ihr deutlich anzusehen. Im Hintergrund war fast das gesamte Projektteam versammelt und lauschte gespannt Lisas und meinen Worten. Denn sehen konnten sie mich nicht, schlie&#223;lich war meine einzige Kamera in den Visorlinsen integriert.</p>
<p>„Und ja, die Daten stimmen. Ich bin tats&#228;chlich im alten &#196;gypten gelandet, anstatt im 19. Jahrhundert. Ich hatte gehofft, ihr h&#228;ttet eine Erkl&#228;rung daf&#252;r.“</p>
<p>„Noch nicht Phil, aber wir arbeiten daran. Seit dem wir die Nachricht Elisas empfangen hatten, wurde ununterbrochen daran gearbeitet, den Kontakt zu dir herzustellen zu k&#246;nnen.“</p>
<p>Lisa sah eigentlich schlechter aus als ich. Sie hatte seit meiner Abreise wohl nicht mehr geschlafen.</p>
<p>„Vielen Dank, dass ihr das f&#252;r mich getan habt. Aber jetzt solltet ihr euch erst einmal ausruhen. Auch du, Lisa. Mir geht es hier soweit gut und ich bin auch nicht in unmittelbarer Gefahr.“</p>
<p>Lisa schien protestieren zu wollen, aber ich lie&#223; sie nicht zu Wort kommen. „Wer &#252;berm&#252;det ist &#252;bersieht Dinge und macht Fehler, Lisa. Wenn ihr euch morgen auf die Suche nach dem Fehler macht, findet ihr ihn sicher leichter. Keine Widerrede.“</p>
<p>„Also gut, Phil. Du hast ja Recht. Gibt es sonst noch irgendetwas, was wir f&#252;r dich tun k&#246;nnen?“</p>
<p>„Ich f&#252;rchte nicht, ich bin 3500 Jahre entfernt und auf mich allein gestellt.“<br />
Ich wirkte ein wenig verloren und einsam nach diesem Satz.</p>
<p>„Keine Sorge. Wir werden alles tun, um dich wieder zur&#252;ckzuholen. Wir haben die besten Wissenschaftler der Erde hier, es wird einen Weg geben!“</p>
<p>Ich wusste nicht, ob Lisa aus &#220;berzeugung sprach, oder aus Hoffnung. Es h&#246;rte sich jedenfalls gut an.</p>
<p>Pl&#246;tzlich drang das Ger&#228;usch von Schritten auf der Treppe an mein Ohr.</p>
<p>„Ich mache jetzt Schluss, Lisa. Okay? Meldet euch wieder, wenn ihr etwas herausgefunden habt. Elisa soll euch einen kurzen Bericht von meinen bisherigen Erlebnissen sowie Fotomaterial schicken. Die Historiker werden sich sicher freuen.“</p>
<p>„Alles klar, Phil. Pass bitte auf dich auf!“</p>
<p>Ich nickte und beendete die Verbindung.<br />
Die Schritte waren inzwischen n&#228;her gekommen und Jemand hatte das Dach betreten. Im Mondschein konnte ich Manu erkennen. Ich erschrak etwas, denn ich war nicht sicher, ob er mich vielleicht f&#252;r mein unerlaubtes Entfernen bestrafen w&#252;rde.</p>
<p>„Ah, hier bist du also“, sagte er und kam auf mich zu. „Ich bin eben aufgewacht, weil ich mal musste. Und da hab ich gesehen, dass du nicht mehr da warst.“</p>
<p>Ich entschied mich zu einer entschuldigenden Verbeugung.</p>
<p>Er lachte. „Das war kein Vorwurf, ich war nur neugierig.“<br />
„Hier oben komme ich auch immer hin, wenn ich nicht schlafen kann.“</p>
<p>„Fehlt dir deine Heimat?“</p>
<p>Ich nickte mehrmals.</p>
<p>„Ah, das dachte ich mir. Ich k&#246;nnte mir auch nicht vorstellen, von hier wegzuziehen. Auch wenn ich unheimlich gern mal auf Reisen gehen w&#252;rde. Aber das ist in meinem Beruf eben nicht n&#246;tig.“</p>
<p>Erst jetzt merkte ich, dass es hier oben unter klarem Himmel ziemlich k&#252;hl war. Ich fr&#246;stelte sogar ein wenig, was Manu wohl auffiel.</p>
<p>„Dir ist ja schon kalt. Lass uns doch lieber wieder reingehen.<br />
Au&#223;erdem brauchen wir den Schlaf, denn morgen wird ein langer Tag. Am Abend kommen Familie und Verwandte zu Besuch.“</p>
<p>Nickend stimmte ich zu. Hier oben gab es nichts mehr zu tun und m&#252;de war ich auch.</p>
<p>Unten angekommen bette ich mich wieder in mein Lager und versuchte durch drehen und winden eine hinnehmbare Position zu erreichen.<br />
Manu, der auf seinem Bett sa&#223;, beobachtete mich grinsend durch die breite T&#252;r.</p>
<p>„Du scheinst diese Art Nachtlager nicht gewohnt zu sein. Ich frage mich nur, wo du in deiner Heimat geschlafen hast.“</p>
<p>Auch ohne zu sprechen, konnte ich ihm diese Frage beantworten. Ich beschloss forscherweise dies auch zu tun und zeigte auf sein Bett.</p>
<p>Er zog &#252;berrascht die Augenbrauen hoch und erwiderte mit ehrlichem Bedauern, dass er davon leider nur eines bes&#228;&#223;e.<br />
Das war klar, denn f&#252;r einen Diener war eben keine andere Schlafgelegenheit &#252;blich als der Boden. &#220;berhaupt konnten sich damals nur die Wohlhabenden Betten leisten. Ich sollte also nicht so empfindlich sein. Immerhin w&#252;rde ich genug Zeit haben mich daran zu gew&#246;hnen, denn an eine schnelle R&#252;ckkehr glaubte ich nicht.</p>
<p>„Hmm, ich wei&#223; eigentlich noch so gut wie nichts von dir“, sagte Manu nachdenklich mit dem Kinn auf sein Knie gest&#252;tzt.</p>
<p>Mag sein, dachte ich mir, aber das war doch auch nicht n&#246;tig f&#252;r einen Diener, oder? In dieser Hinsicht war ich n&#228;mlich froh, als stumm zu gelten. Denn so kam ich gar nicht in die Verlegenheit unangenehme Fragen nach meiner Herkunft oder meinem bisherigen Leben beantworten zu m&#252;ssen.</p>
<p>Auf einmal streckte Manu sich der L&#228;nge nach auf dem Bauch aus, st&#252;tzte das Kinn in die H&#228;nde und sagte: „Ich habe eine Idee! Ich stelle dir lauter Fragen, die du alle mit Ja oder Nein beantworten kannst. So muss ich nur die richtigen Fragen finden, um mehr &#252;ber dich zu erfahren.“</p>
<p>Das war mir zwar nicht so recht, aber ein guter Einfall. Es erinnerte mich an ein Kinder- und Jugendspiel von zuhause, dessen Namen mir gerade nicht einfiel. Einer aus der Gruppe suchte sich eine bekannte Pers&#246;nlichkeit aus, die er darstellen wollte. Die anderen mussten dann durch Fragen, auf die nur wahrheitsgem&#228;&#223; und mit Ja oder Nein geantwortet werden durfte, herausfinden, um welche Pers&#246;nlichkeit es sich handelte.<br />
So &#228;hnlich war auch meine Situation. Nur dass ich noch nicht wusste, ob ich immer bei der Wahrheit w&#252;rde bleiben k&#246;nnen.</p>
<p>„Also… Dieser H&#228;ndler meinte ja, du k&#228;mst aus dem Norden, jenseits des Meeres. Stimmt das?“<br />
Ich nickte.</p>
<p>„Dann bist du vermutlich mit dem Schiff hierher gelangt?“<br />
Wieder ein Nicken.</p>
<p>„Ok, aber wieso bist du zum Sklaven geworden? Warst du etwa ein Krieger?“<br />
Diesmal sch&#252;ttelte ich den Kopf.</p>
<p>„Oder hast du Schiffbruch erlitten?“<br />
Das h&#246;rte sich gut an. Ich quittierte mit einem Nicken.</p>
<p>„Alles klar. Aber wir sind hier im oberen Teil des Landes, das Meer ist &#252;ber 500 Kilometer entfernt. Also musst du irgendwie hier hoch gekommen sein… Seit ihr mit dem Schiff vielleicht den Nil aufw&#228;rts gefahren, bis hier in die N&#228;he?“</p>
<p>Das best&#228;tigte ich.<br />
Insgesamt lief die Fragestunde besser als ich dachte. Mit seinen Fragen erfand Manu unwissentlich eine passende Hintergrundgeschichte f&#252;r mich. Wie praktisch.</p>
<p>„Hattest du eine Familie?“ wechselte Manu das Thema.<br />
Ich war mir nicht sicher, was er damit meinte. Nat&#252;rlich hatte ich eine Familie im Sinne von Eltern. Aber ich hatte das Gef&#252;hl, dass er eher auf Frau und Kinder hinauswollte. Ich sch&#252;ttelte deshalb den Kopf.</p>
<p>„Wie alt bist du denn? Ich bin zwanzig.“</p>
<p>Ich zeigte zwei Mal meine beiden H&#228;nde vor und dann vier Finger der rechten Hand.</p>
<p>„Vierundzwanzig! Und da bist du noch nicht verheiratet?<br />
Aber im Nachhinein ist es wohl gut so, sonst h&#228;ttest du sie zur&#252;cklassen m&#252;ssen.“</p>
<p>„W&#252;rdest du in dein Land zur&#252;ckkehren wollen?“<br />
Nat&#252;rlich wollte ich das, stimmte also zu. Es war sicher nicht verkehrt, so weit wie m&#246;glich bei der Wahrheit zu bleiben.</p>
<p>Er schien eine Weile sehr nachdenklich dazusitzen und in seine Augen trat ein trauriger Ausdruck.</p>
<p>„Ich m&#246;chte nicht, dass du ungl&#252;cklich dar&#252;ber bist, hier zu sein“, sagte er schlie&#223;lich. „Du k&#246;nntest zur K&#252;ste reisen und ein Schiff nach deiner Heimat nehmen.“</p>
<p>Das war ein erstaunlicher Vorschlag. Abgesehen davon, dass er v&#246;llig unn&#252;tz f&#252;r mich war, h&#228;tte ich eine solche Gro&#223;z&#252;gigkeit, ja solches Mitgef&#252;hl, nicht erwartet. Er hatte mich doch gekauft, damit ich ihm zu Diensten sein konnte.</p>
<p>Betr&#252;bt aber bestimmt sch&#252;ttelte ich den Kopf. Hier hatte ich ein Dach &#252;ber dem Kopf, etwas zu Essen und einen gewissen Schutz. Zurzeit gab es keinen Grund f&#252;r mich, das aufzugeben.</p>
<p>Manu schien sichtlich erfreut, dass ich mich zum Bleiben entschied, wurde aber schnell wieder nachdenklich.<br />
„Darfst du etwa nicht mehr zur&#252;ckkehren? Vielleicht weil du bei deinem Auftrag versagt hast?“</p>
<p>Das schien mir eine plausible Erkl&#228;rung zu sein. Anders h&#228;tte es ja keinen Grund f&#252;r meine Ablehnung gegeben. Also nickte ich.</p>
<p>„Das tut mir leid.“</p>
<p>„Aber hier ist es wirklich nicht schlecht“, fuhr er l&#228;chelnd fort, „es ist eine sch&#246;ne Stadt und die Menschen sind nett – jedenfalls die meisten.“</p>
<p>Die Aufregung &#252;ber den Kontakt zur Heimat hatte sich mittlerweile gelegt und ich war einfach nur m&#252;de. Das sah auch Manu an meinem G&#228;hnen, worauf er die Fragestunde beendete und mir noch eine gute Nacht w&#252;nschte.</p>
<p>Ich lag noch eine Weile da und gr&#252;belte &#252;ber dies und das. Schlie&#223;lich schlummerte auch ich wieder ein.</p>
<p><strong>Kapitel 8</strong></p>
<p>Als ich am n&#228;chsten Morgen erwachte, schien bereits die Sonne durch das kleine Fenster in Manus Schlafzimmer. Der Inhaber der Zimmers lag aber nicht mehr darin.</p>
<p>Nun, ein guter Diener sollte wohl fr&#252;her oder wenigstens nicht sp&#228;ter als sein Herr aufstehen. Aber dass es Manu mit meinen Dienerpflichten nicht so genau nahm und alles in allem ein sehr angenehmer Dienstherr war, hatte ich ja bereits gemerkt.</p>
<p>Ich stand also auf und r&#252;ckte meine sp&#228;rliche Bekleidung zurecht. Dumm nur, dass es hier keinen Spiegel gab. So musste ich mich beim Richten meiner Haare auf mein Gef&#252;hl verlassen.<br />
Zuhause trug ich immer ein wenig Gel in den Haaren. F&#252;r die Reise waren sie aber in ihrer nat&#252;rlichen Form belassen worden, da es im 19. Jahrhundert noch kein Gel gab. Hier nat&#252;rlich auch nicht.</p>
<p>Da fiel mir ein, dass es ja im Badezimmer so etwas wie einen Spiegel gab. F&#252;r einen Diener war es kaum &#252;blich den zu benutzen, aber Manu h&#228;tte sicher nichts dagegen. Er schien &#252;berhaupt ein sehr liberaler &#196;gypter zu sein. Andererseits war er auch der einzige &#196;gypter, den ich bisher n&#228;her kennengelernt hatte.</p>
<p>Nach einer kurzen Visite im Bad, bei der ich mein Haar notd&#252;rftig in Ordnung brachte, machte ich mich auf die Suche nach Manu. Mein erster Versuch, die Dachterrasse, schlug fehl und so probierte ich es im Garten.<br />
Dort sa&#223; er tats&#228;chlich, auf demselben Platz wie schon gestern Mittag.</p>
<p>Ich erwischte mich dabei, wie ich meinen Atem &#252;berpr&#252;fte, bevor ich hinaustrat. Dumm, dass ich mir hier nicht die Z&#228;hne putzen konnte. Den Beinamen Zeit-Reisenecessaire des TTEK sollte man in Zukunft vielleicht w&#246;rtlicher nehmen.</p>
<p>„Ameniu, da bist du ja, du Langschl&#228;fer“ begr&#252;&#223;te er mich.<br />
Eigentlich glaubte ich von mir ein Fr&#252;haufsteher zu sein. Und es war immerhin erst acht Uhr.</p>
<p>„Ich sitze schon seit einer halben Stunde hier unten und bin gerade mit dem Fr&#252;hst&#252;ck fertig geworden. Naha ist auch schon weg, in die Stadt.<br />
Meistens stehe ich so gegen halb acht auf. Aber ich wollte dich noch nicht wecken, du hast ja weniger Schlaf bekommen als gut ist. Und das war nicht zuletzt meine Schuld.“</p>
<p>Ich winkte ab. Dass ich wenig Schlaf bekam, war in den letzten Monaten eher die Regel gewesen.</p>
<p>„Iss erst mal etwas in der K&#252;che. Du findest mich dann im Arbeitszimmer.“<br />
Er seufzte. „Ich muss eine Menge Akten sichten.“</p>
<p>Ich ging also in die K&#252;che. Jahna war nicht da und das war auch gut so. Stattdessen verrichteten die zwei K&#246;chinnen vom Vortag wieder ihren Dienst.<br />
Da sie von mir keine weitere Notiz nahmen suchte ich mir selbst etwas zusammen. In einer Sch&#252;ssel stand ein frisch zubereiteter Brei, den Elisa auf meine Anfrage hin als Gerstenbrei identifizierte. Ich tat mir davon etwas in eine Schale und garnierte das Ganze noch mit ein paar Beeren.</p>
<p>Es war zwar keine Delikatesse, aber es machte satt und schmeckte gar nicht mal so &#252;bel. Nur diesen Brei mit den Fingern zu Essen fand ich sehr gew&#246;hnungsbed&#252;rftig.<br />
Nachdem ich die Schale geleert und meine Finger gereinigt hatte, machte ich mich auf den Weg zu Manus Arbeitszimmer.</p>
<p>Oben angekommen, fand ich ihn &#252;ber eine Schriftrolle geneigt am Arbeitstisch sitzen.<br />
Interessiert betrachtete ich die Schriftzeichen. Es waren keine Hieroglyphen, sondern eine Art Schreibschrift, das Hieratische. Die aufw&#228;ndige Hieroglyphenschrift nutzen die &#196;gypter nur f&#252;r religi&#246;se Verzierungen.</p>
<p>„Ah, da bist du ja. Ich werde hier wohl eine Weile zu tun haben.<br />
F&#252;r den aktuellen Fall meines Vaters muss ich jede Menge alte Prozessakten sichten.<br />
Es geht um eine Unterhaltsforderung nach der Scheidung. Allerdings besteht der dringende Verdacht, dass die Frau ihrem Mann untreu gewesen ist.<br />
Und jetzt muss ich alle ehemaligen Verhandlungsprotokolle durchsehen, ob es vielleicht einen &#228;hnlich gelagerten Pr&#228;zedenzfall gegeben hat.<br />
Mein Vater geht davon aus, kann sich aber nicht an den Namen des Richters erinnern. Und danach sind die Papyri geordnet. Ich muss also knapp 300 Schriftrollen sichten.“</p>
<p>Ein Stapel davon lag bereits auf dem Tisch. „Wenn ich mit denen da fertig bin, kannst du sie wieder einr&#228;umen und den n&#228;chsten Schwung holen.“</p>
<p>Ich zog einen Stuhl heran und setzte mich. Es tat gut, mal wieder ein echtes M&#246;belst&#252;ck unter sich zu sp&#252;ren. Auch wenn die kissenbelegten Bodenmatten recht bequem waren, sie waren deutlich niedriger als man bei uns l&#228;ngere Zeit zu sitzen oder liegen gewohnt war.</p>
<p>Neugierig nahm ich eine Papyrusrolle vom Stapel und rollte den Anfang aus. Auch ohne es ihr mitzuteilen war Elisa klar, dass ich diesen Text lesen wollte und sie blendete mir die &#220;bersetzung &#252;ber den Originalzeichen ein.<br />
Ich &#252;berflog den Titel und die ersten Zeilen. Es ging um einen Verbrecher, der in das Haus eines gewissen Pathotep eingebrochen war.<br />
Sicher nicht das, was Manu ben&#246;tigte.</p>
<p>Als ich die Schriftrolle wieder weglegte, bemerkte ich wie er mich erstaunt ansah.<br />
„Kannst du etwa lesen, Ameniu?“</p>
<p>Oh, das hatte ich nicht bedacht. Aber wieso ihm die Wahrheit verschweigen, es war ja keine Schande lesen zu k&#246;nnen. Ich nickte also.</p>
<p>„Aber das ist ja gro&#223;artig!“ Manu war sichtlich erfreut &#252;ber diese Entdeckung. „Ameniu, einen besseren Diener als dich h&#228;tte ich mir wirklich nicht vorstellen k&#246;nnen.“<br />
Ich f&#252;hlte mich ernsthaft geschmeichelt von diesem Lob.</p>
<p>„So wird es nat&#252;rlich viel schneller gehen. Wir sehen die Rollen gemeinsam durch. Und wenn du eine findest, die zum Thema passt, dann legst du sie mir hin.“</p>
<p>Ich nickte erfreut, denn es gab endlich etwas, das ich f&#252;r meinen Retter tun konnte. Und nichts anderes war Manu f&#252;r mich, denn ohne ihn w&#228;re ich immer noch in den F&#228;ngen der Sklavenh&#228;ndler &#8211; oder schlimmeres.</p>
<p>St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck, Stapel f&#252;r Stapel arbeiteten wir uns durch das Amtsgeschreibsel. Ein regelrechter Papierkrieg. Oder wohl eher Papyruskrieg.</p>
<p>Theoretisch h&#228;tte ich den Vorgang noch st&#228;rker beschleunigen k&#246;nnen. Anstatt selber die Einleitungen der Gerichtsprotokolle zu lesen, h&#228;tte Elisa Sekundenbruchteile nach Aufrollen des Papyrus entscheiden k&#246;nne, ob er das gesuchte Thema behandelte.<br />
Das Verbot sich nat&#252;rlich von selbst. Manu k&#228;me sonst noch zu der Meinung, ich l&#228;se die Schriftst&#252;cke &#252;berhaupt nicht.<br />
Au&#223;erdem war es interessant zu wissen, mit welchen Problemen sich die &#228;gyptische Judikative so herumschlug. Das Rechtsystem musste jedenfalls gut ausgepr&#228;gt gewesen sein.</p>
<p>Um zwei Uhr nachmittags, nach &#252;ber f&#252;nf Stunden Arbeit, waren alle Papyri gesichtet. Nur zum Mittagessen hatten wir kurz Pause gemacht.<br />
Insgesamt waren drei Dokumente dabei herausgekommen, die Manu morgen seinem Vater mitbringen wollte.</p>
<p>„Puh, das w&#228;re geschafft. Und es ist erst zwei Uhr. Die G&#228;ste heute Abend kommen fr&#252;hestens um Sechs.<br />
Also noch genug Zeit, um den eigentlich geplanten Jagdausflug wieder aufzugreifen.“</p>
<p>Obwohl mich diese Idee nicht wirklich begeisterte, schien sich Manu darauf zu freuen. Und das steckte mich doch irgendwie an.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Zu unserer Rechten erstreckte sich ein Felsmassiv, in dessen Schatten wir sein einer Viertelstunde gefahren waren.<br />
Meine Bef&#252;rchtungen auf einem weiteren Kamelr&#252;cken – nur diesmal in sitzender Lage – durch die Hitze schaukeln zu m&#252;ssen, hatten sich nicht erf&#252;llt.<br />
Stattdessen sa&#223;en wir auf einem kleinen Wagen, der von zwei Pferden gezogen wurde und seine Insassen mittels eines gespannten Leinentuchs vor der Sonne sch&#252;tzte. Das altert&#252;mliche &#196;quivalent zum klimatisierten Reisebus.</p>
<p>Nur dass es keine W&#228;nde gab, denn der Wagen war zu allen Seiten hin ge&#246;ffnet. So konnte der J&#228;ger stets nach potentieller Beute Ausschau halten.<br />
Bisher war allerdings noch nichts zu sehen und so kam das mitgef&#252;hrte, beachtliche Jagdinstrumentarium noch nichts zum Einsatz. Darunter waren vor allem Speere, Bumerang-artige Wurfinstrumente, sowie Pfeil und Bogen.</p>
<p>Letztere in doppelter Ausfertigung. Vermutlich diente das zweite Exemplar als Ersatz, falls das erste besch&#228;digt w&#252;rde.</p>
<p>Au&#223;er Manu und mir waren noch ein anderer Diener als Wagenlenker und eine der K&#252;chenm&#228;gde mit von der Partie.<br />
Die Magd w&#252;rde wohl f&#252;r das Bearbeiten erlegter Tiere zust&#228;ndig sein. Ich konnte mir gut vorstellen, dass diese bratfrisch den am Abend erwarteten G&#228;sten vorgesetzt w&#252;rden.</p>
<p>Wenn es nach Elisas Datenbank ging, dann war Jagen eine &#228;u&#223;erst beliebte Freizeitbesch&#228;ftigung der &#196;gypter. Ich verstand zwar immer noch nicht recht, was daran so toll sei, aber Manu schien voll in seinem Element.<br />
Er huschte von einer Wagenseite zur anderen und sp&#228;hte in die W&#252;ste hinaus, aber auch zur Felswand hin. Dort g&#228;be es nat&#252;rlichen Unterschlupf f&#252;r manche Tiere, hatte er mir erkl&#228;rt.</p>
<p>Doch die schienen sich entweder verkrochen zu haben, oder einen ausgedehnten Ausflug zu unternehmen, denn Manu hatte noch nichts gesichtet.</p>
<p>„Du sitzt da ja nur so rum, Ameniu. Wenn du zuhause auch so gejagt hast, wirst du wohl kaum etwas gefangen haben.“</p>
<p>Nun, zum einen hatte ich zuhause gar nicht gejagt und zum anderen war das hier doch seine Jagd, nicht meine.<br />
Aber wenn er unbedingt wollte, dass ich mich daran beteiligte, so w&#252;rde ich das auch tun.</p>
<p>„Ich w&#252;rde sagen, wir machen eine Wette. Wer als erster etwas findet.“</p>
<p>„Aber Nagetiere und Geier z&#228;hlen nicht“, setzte er lachend hinzu.</p>
<p>Also gut, er hatte es so gewollt. Jetzt w&#252;rde ich mich anstrengen und zusehen, ob ich die Wette gewinnen konnte.<br />
Ich begann also ebenfalls mit angestrengten Augen die Umgebung abzusuchen.</p>
<p>Da hatte ich eine noch viel bessere Idee. Lautlos wies ich Elisa an, alle Lebenszeichen in unserer Umgebung zu erfassen und ihre Position zu markieren. Ausgenommen V&#246;gel und Kleintiere.</p>
<p>Sekunden sp&#228;ter war mein Sichtfeld mit mehreren Markierungen angereichert.</p>
<p><em>„2x Luchs – 214m“</em> prangte an einem vorausliegenden Punkt der Felsenkette, an der wir uns entlang bewegten.</p>
<p><em>„1 Stier – 1,34km“</em> war irgendwo in Richtung W&#252;ste zu lesen. Okay, das war zu weit.</p>
<p>Ohne auf weitere Markierungen zu achten, entschied ich mich f&#252;r die Luchse. Wir n&#228;herten uns deren Position n&#228;mlich immer mehr und es stand zu bef&#252;rchten, dass auch Manu sie fr&#252;her oder sp&#228;ter entdecken w&#252;rde.</p>
<p>Ich tippte ihm auf die Schulter und zeigte in die entsprechende Richtung. Er starrte angestrengt dorthin.</p>
<p>„Ich sehe da nichts, bist du dir sicher?“</p>
<p>Nat&#252;rlich war ich mir sicher, was ich auch mit einem absolut souver&#228;nen Nicken kundtat. Nebenbei bemerkt, sah ich auch nichts.</p>
<p>Wir waren keine f&#252;nfzig Meter mehr entfernt, als die beiden Tiere hinter einem Felsvorsprung zum Vorschein kamen. Sofort lie&#223; Manu den Wagen halten, der bereits bis hierhin im ger&#228;uscharmen Tempo gefahren war.<br />
Die Tiere hatten uns noch nicht bemerkt.</p>
<p>Manu betrachtete die Situation. „Es sind zwei. Ich nehme den linken, du den rechten. Wir m&#252;ssen gleichzeitig schie&#223;en, sonst entkommt uns einer.“</p>
<p>Wie bitte?! Ich sollte schie&#223;en. Mit Pfeil und Bogen?<br />
Also war der zweite wohl nicht nur als Ersatz gedacht.</p>
<p>Okay, jetzt hie&#223; es Konzentration. Unser Physiklehrer hatte in der letzten Stunde vor den Ferien mal einen Bogen mitgebracht. Und auf einem Campusfest hatte ich erneut das Vergn&#252;gen mit solchen Schie&#223;&#252;bungen gehabt.<br />
Aber im Gegensatz zu diesen hier, waren das irgendwelche Aluminiumfabrikate gewesen. Und obwohl das Ziel unbeweglich war, hatte ich eher schlecht als recht getroffen.</p>
<p>Manu hatte sich seinen Bogen und den K&#246;cher gegriffen und war ausgestiegen. Er pirschte sich langsam in der Hocke an das Ziel heran.<br />
Ich beeilte mich, es ihm nachzutun.</p>
<p>Schlie&#223;lich schien es ihm nah genug zu sein und er hielt. Ich hingegen fand die Entfernung viel zu weit.</p>
<p>Langsam spannte Manu seinen Bogen mit einem Pfeil aus dem K&#246;cher. „Wo bleibst du?“</p>
<p>Schnell langte auch ich nach einem Pfeil und legte ihn auf den Bogen. Ganz so wie er es zuvor getan hatte. Auch die Haltung versuchte ich bei ihm abzugucken.<br />
Wahrscheinlich war es trotzdem f&#252;rchterlich falsch. Gut nur, dass er gar nicht hinsah. Er war damit besch&#228;ftigt das Ziel anzuvisieren, was ich nun auch tat.</p>
<p><em>„Trefferwahrscheinlichkeit 28%“,</em> war Elisas ern&#252;chternder Kommentar. <em>„Optimierungsvorschl&#228;ge: Zielen Sie f&#252;nf Zentimeter h&#246;her. Spannen Sie den Bogen zehn Zentimeter st&#228;rker.“</em></p>
<p>Ich beeilte mich, diese segensvollen Hinweise in die Tat umzusetzen. Das Spannen des Bogens war jedoch ganz sch&#246;n kraftaufw&#228;ndig und f&#252;hrte dazu, dass meine Zielf&#252;hrung schwammiger wurde.</p>
<p>„Also Ameniu, wir schie&#223;en auf Drei.“</p>
<p>„<em>Trefferwahrscheinlichkeit 43%.“</em> Na immerhin. Ich hatte mich gebessert.</p>
<p>„Eins… Zwei… Drei!“ Ich lie&#223; den Pfeil los, Manu ebenso.</p>
<p>Sekundenbruchteile sp&#228;ter flog einer der Luchse durch die Luft, der andere stob davon.</p>
<p><em>„Sie haben das Ziel um 1,6 Meter verfehlt“,</em> bemerkte Elisa und klang dabei wie ein Navigationsger&#228;t.<br />
Aber gut, dass sie mich darauf hinwies. Ich h&#228;tte nicht sagen k&#246;nnen, wer welches Tier nun getroffen hatte.</p>
<p>Manu schien da das ge&#252;btere Auge zu haben. „Mach dir nichts draus“, sagte er, als wir an den erlegten Luchs herangekommen waren. „Du hast ihn nur knapp verfehlt, das passiert selbst den besten Sch&#252;tzen.“</p>
<p>Das klang schon fast wie ein Lob. Dabei war ich auf der Sch&#252;tzen-Skala nicht einmal in der N&#228;he von <em>gut</em>.</p>
<p>Die K&#246;chin war mittlerweile herangekommen und freute ich sich &#252;ber die Ausbeute.<br />
„Der Herr hat gut geschossen. Das wird f&#252;r die Vorspeise reichen.“</p>
<p>Das fand ich auch, dass der Herr gut geschossen habe. Besser als ich jedenfalls.</p>
<p>W&#228;hrend wir zum Wagen zur&#252;ckgingen, machte sich die Magd daran das Tier auszunehmen. Ihren ge&#252;bten Handgriffen folgte ich aber nicht weiter, denn der Vorgang war eher unappetitlich.</p>
<p>Manu schenkte derweil zwei Bierkr&#252;ge aus einem Tongef&#228;&#223; voll.<br />
„Ein Jagderfolg muss auch gefeiert werden.“</p>
<p>Wirklich k&#252;hl war das Bier zwar nicht mehr, schmeckte aber immer noch. Es stieg mir nur etwas zu Kopf, was wenig verwunderlich war bei dieser Hitze.</p>
<p>Endlich war auch die K&#246;chin mit ihrer Arbeit fertig und sprang wieder auf. Daraufhin setzten wir die Fahrt fort. Der Fahrtwind k&#252;hlte ein bisschen.</p>
<p>„Als n&#228;chstes kommen wir an eine kleine Oase. Da gehen viele Tiere zur Tr&#228;nke“, meinte Manu.<br />
Sollte mir recht sein, Oase h&#246;rte sich immer gut an.</p>
<p>Keine zehn Minuten sp&#228;ter kam der gr&#252;ne Fleck inmitten der W&#252;ste in Sicht. Es war eine Ansammlung von Palmen, die sich um einen kleinen T&#252;mpel gruppiert hatten. Gras bedeckte den Boden.<br />
Lange bevor wir die Stelle erreichten, wusste ich um eine Gruppe Stiere, die das k&#252;hle Nass genossen.</p>
<p>Da wir jetzt wieder in der Sonne unterwegs waren, dankte ich dem Konstrukteur im Stillen f&#252;r den Sonnenschutz am Wagen. Ich hatte wenig Lust, mir meine Haut erneut zu verbrennen.</p>
<p>Kurz vor den ersten Palmen lie&#223; Manu halten. Von hier aus wollte er sich zu Fu&#223; anpirschen, um eventuelle Beute nicht zu verschrecken. Von den Stieren wusste er nat&#252;rlich noch nichts, denn die Palmen versperrten die Sicht auf den innenliegenden T&#252;mpel.<br />
Umgekehrt hatten uns also die Tiere also auch nicht kommen sehen.</p>
<p>Fr&#246;hlich schnappte sich Manu einen Speer und schnallte Bogen und K&#246;cher auf den R&#252;cken. Er sprang vom Wagen und sah mich erwartungsvoll an.<br />
War ja klar, dass ich wieder mitkommen sollte. Ich fragte mich, ob das Jagen an der Seite seines Herrn wirklich zu den Aufgaben eines pers&#246;nlichen Dieners geh&#246;rte?<br />
Aber ich wollte ihn schlie&#223;lich nicht verstimmen und r&#252;stete mich ebenfalls aus.</p>
<p>Insgeheim hoffte ich, dass die Tiere uns bemerken und rei&#223;ausnehmen w&#252;rden. Denn zum einen fand ich die Ansammlung von vier Stieren schon etwas bedenklich und zum anderen hatte ich noch nie einen Jagdspeer in der Hand, geschweige denn benutzt.</p>
<p>Geduckt schlichen wir durch das Geb&#252;sch. Manu ging voraus, ich folgte. Eine gewisse Spannung und ein Hauch von Abendteuer war der Sache nicht abzusprechen.</p>
<p>Pl&#246;tzlich gab er mir ein Zeichen anzuhalten. Auf allen Vieren schloss ich zu ihm auf.<br />
„Da vorne sind vier Stiere, siehst du!“, fl&#252;sterte er mir ins Ohr.</p>
<p>Sein Atem prickelte angenehm an meinem Ohr. Als er weiter sprach, begann sich das Prickeln auch auf andere K&#246;rperteile auszuweiten.<br />
Schnell konzentrierte ich mich wieder auf die Situation, um unangenehme Reaktionen meines K&#246;rpers zu vermeiden.</p>
<p>Aber ich gab zu, dass es etwas aufregenden hatte, dicht neben Manu im Geb&#252;sch zu kauern. Fast schon etwas Erotisches.<br />
Oh Mann, ich musste schon einen Hirnschaden durch die Hitze erlitten haben, um einer Jagd inmitten der W&#252;ste etwas Erotisches zuzugestehen.</p>
<p>W&#228;hrend meiner Tr&#228;umerei h&#228;tte mein Gehirn fast vergessen, Manus Worte zu verarbeiten.<br />
„Wir nehmen den vordersten. Erst schie&#223;en wir mit dem Bogen, dann gleich hin und mit dem Speer nachsetzten“, hatte er gesagt.</p>
<p>Ich &#252;berlegte kurz, ob ich richtig geh&#246;rt hatte. Er wollte doch diese Herde von gef&#228;hrlich aussehenden Biestern nicht etwa angreifen?<br />
Ich setzte ein fragendes Gesicht auf und z&#228;hlte ihm die Zahl Vier an meiner rechten Hand vor.</p>
<p>Er lachte nur.<br />
„Keine Sorge, sobald die Pfeile ihr Ziel treffen, hauen die anderen ab. Wir m&#252;ssen uns nur mit dem einen herumschlagen.“</p>
<p>Das schien mir schon gef&#228;hrlich genug. Aber ich vertraute in dieser Hinsicht einfach auf seine bisherige Jagderfahrung.<br />
Ich hoffte nur, er w&#252;rde nicht zu stark auf meine Hilfe setzten. Denn ob ich ihm wirklich eine sein w&#252;rde, bezweifelte ich.</p>
<p>„Wieder auf drei“, legte er fest und spannte seinen Bogen. Geschwind tat ich es ihm gleich und versuchte Elisas fr&#252;here Anweisungen diesmal direkt zu ber&#252;cksichtigen.<br />
Auch hatte ich festgestellt, dass mein Pfeil bei den Luchsen etwas zu kurz gekommen ist, also setzte ich das Ziel noch ein St&#252;ck h&#246;her an.</p>
<p><em>„Trefferwahrscheinlichkeit 74%“</em><br />
Das h&#246;rte sich gut an. Ob die gestiegenen Chancen an einem besseren Umgang mit dem Bogen, oder einfach nur an der gesteigerten Gr&#246;&#223;e des Ziels lagen, blieb unklar.</p>
<p>„Eins… Zwei… Drei!“<br />
Wieder lie&#223; ich den Pfeil los. Er zischte in Richtung der Tiere davon.<br />
Die Bogensehne schnellte zur&#252;ck und streifte mich dabei am Unterarm.<br />
Autsch! Das gab sicher einen Bluterguss.</p>
<p>Viel Zeit mein Missgeschick zu betrauern blieb mir nicht. Manu war bereits aus der Deckung gesprungen. Er rannte in Richtung der Tiere.<br />
Beide Pfeile hatten das Ziel getroffen und als der verwundete Stier sich aufb&#228;umte, waren die anderen wild auseinandergestoben.</p>
<p>Der verletzte Stier hatte ebenfalls angefangen sich davon zu machen, blieb aber beim Anblick des auf ihn zust&#252;rmenden &#196;gypters stehen. Das Tier br&#252;llte. Es scharrte mit den Hufen und st&#252;rmte direkt auf Manu zu.<br />
Verdammt! Manu lie&#223; sich nicht beirren und hielt weiter auf die wild gewordene Bestie zu, den Speer hoch erhoben. In wenigen Sekunden mussten sie aufeinander treffen. Der Stier w&#252;rde ihn mit seinen H&#246;rnern durchbohren!</p>
<p>Ich war nur ein paar Meter von ihm entfernt, erreichte ihn aber nicht, da er mindestens genauso schnell rannte.<br />
Auf einmal stolperte Manu &#252;ber einen Stein. Er schrie auf und schlug der L&#228;nge nach hin. Der Stier lie&#223; sich nicht beirren und hielt weiter auf ihn zu.</p>
<p>Er w&#252;rde ihn jede Sekunde erreichen und einfach zertrampeln.</p>
<p>Ohne Nachzudenken rannte ich schr&#228;g von der Seite her auf das rasende Tier zu und rammte ihm mit aller Kraft meinen Speer in den Hals.<br />
Der Stier gurgelte und kam von seiner eingeschlagenen Richtung ab. Knapp verfehlte er den am Boden liegenden K&#246;rper und brach wenige Meter danach selbst zusammen.</p>
<p>Schnell sa&#223; ich neben Manu und blickte ihn besorgt an. Hoffentlich hatte er sich nichts gebrochen bei seinem Sturz. Ich wusste nicht in wie weit die Medizin dieser Zeit bereits in der Lage war solche Gebrechen zu heilen.</p>
<p>„Es geht mir gut, glaube ich“, brachte er mit leicht zittriger Stimme hervor. „Nur ein Paar Sch&#252;rfwunden. Aber wenn der Stier… Du hast mich im letzten Moment gerettet, Ameniu.“</p>
<p>Langsam stand er wieder auf. Er war zwar noch etwas wacklig auf den Beinen, schien sich aber wirklich nichts gebrochen zu haben.</p>
<p>V&#246;llig unerwartet kam er auf mich zu und umarmte mich.</p>
<p>„Vielen Dank. Du hast mir wahrscheinlich das Leben gerettet.“<br />
Ich war ger&#252;hrt und erwiderte die Umarmung nur zu gern. Seine innige Ber&#252;hrung f&#252;hlte sich einfach sch&#246;n an.</p>
<p>Ich wusste nicht genau, wie lange wir schon so dagestanden hatten, als ich mir dessen bewusst wurde und schnell die Umarmung l&#246;ste. Ich wurde sogar ein wenig rot.</p>
<p>Phillip, beherrsch dich! Du hast es hier mit einem verheirateten Mann aus einer v&#246;llig anderen Zeit zu tun.<br />
Manu indessen schien die lange Umarmung nicht peinlich gewesen zu sein. Wieder deutlich entspannter, schlug er vor zum Wagen zur&#252;ckzukehren, damit das Tier ausgenommen werden k&#246;nne.</p>
<p>Beim Wagen angekommen, schickte er die Magd los und wies den Kutscher an, ihr bei dem Gro&#223;wild behilflich zu sein.<br />
Ich machte mich derweil auch n&#252;tzlich und schenke uns von dem Bier ein. Es war inzwischen zwar alles andere als kalt, aber das war mir herzlich egal.</p>
<p>Von der Aufregung und dem Adrenalinschub noch etwas gestresst, lehnten wir an der niedrigen Wagenwand und schl&#252;rften das Bier.<br />
„Das haben wir uns aber echt hart verdienen m&#252;ssen“ bemerkte Manu. Ich nickte schwer.</p>
<p><strong>Kapitel 9</strong></p>
<p>„Kommst du mal, Ameniu?“<br />
Ich war gerade dabei, die kleinen Tische im Empfangsraum mit einigen Blumen zu dekorieren, als Manu mich von oben her rief.</p>
<p>Ich h&#228;tte zwar gerne „einen Moment noch!“ erwidert, aber da das nicht ging, lie&#223; ich den Strau&#223; liegen und stieg direkt die Treppen hoch.<br />
Da sich im ersten Stock kein Manu blicken lie&#223;, war er wohl noch h&#246;her zu finden. Und tats&#228;chlich, er stand noch am Treppenabsatz, als ich oben ankam.</p>
<p>„Ich w&#252;rde gern noch duschen, bevor die G&#228;ste in einer Stunde eintreffen. Hol doch bitte unten aus der K&#252;che zwei Kr&#252;ge warmes Wasser.“</p>
<p>Das war nat&#252;rlich die Voraussetzung f&#252;r eine Dusche, denn Wasserh&#228;hne samt den n&#246;tigen Leitungen waren noch nicht erfunden. Alles Wasser kam also aus Brunnen.</p>
<p>Ich machte mich also wieder auf den Weg nach unten.<br />
Jahna war mit den beiden K&#246;chinnen gerade dabei das Fleisch zu bearbeiten. Den Stier w&#252;rde es n&#228;mlich als Hauptgericht geben.</p>
<p>Aber ich konnte mich auch selbst zurechtfinden.<br />
An einer Wand standen mehrere Tonkr&#252;ge mit Wasser. Es schien sich um frisches zu handeln, das irgendwer von einem nahegelegenen Brunnen angeschleppt haben musste.<br />
Was ein Gl&#252;ck, dass diese Arbeit nicht zu meinem Aufgabenbereich geh&#246;rte.</p>
<p>Manu hatte warm gesagt, also stellte ich zwei der Kr&#252;ge auf die Feuerstelle an der Stirnseite der K&#252;che. Diese war nach au&#223;en hin ge&#246;ffnet, so dass der Rauch abziehen konnte. Au&#223;erdem schien sie immer in Betrieb zu sein, wenn auch auf kleiner Flamme.</p>
<p>Eine gef&#252;hlte Ewigkeit und zahlreiche Finger-ins-Wasser-halt-Tests sp&#228;ter war eine angenehme Temperatur erreicht. Da ich nicht beide Kr&#252;ge auf einmal tragen konnte, bef&#246;rderte ich sie nacheinander ins Badezimmer.</p>
<p>Nachdem ich den zweiten Krug abgestellt hatte, pr&#252;fte Manu die Temperatur und zeigte sich zufrieden. In den ersten hatte er bereits irgendein Reinigungsmittel gegeben, denn das Wasser schimmerte tr&#252;b.<br />
Meine Arbeit hier war also getan. Ich w&#252;rde mich wieder um die Blumendekoration k&#252;mmern.</p>
<p>Ich war gerade dabei das Bad wieder zu verlassen, als er mich zur&#252;ckhielt.</p>
<p>„Wo willst du denn hin? Soll ich mir das Wasser etwa selber &#252;ber den Kopf gie&#223;en?“, lachte er.<br />
„Wie soll ich mich dann gleichzeitig abreiben?“</p>
<p>Ich brauchte einen Moment, um den Sinn seiner Worte zu verarbeiten. Ich sollte also hier bleiben und ihn mit dem Wasser &#252;bergie&#223;en?<br />
Das w&#228;re mir im Traum nicht eingefallen, schlie&#223;lich war man in der h&#228;uslichen Dusche unserer Zeit f&#252;r gew&#246;hnlich allein. Aber da kam das Wasser ja auch aus der Brause, insofern war Manus Einwand gerechtfertigt.</p>
<p>Ein angenehmes Prickeln lief mir den R&#252;cken herunter. Ich konnte mir schlimmeres vorstellen, als einen Schnucki wie Manu mit Wasser zu &#252;bergie&#223;en und dabei zuzusehen, wie er sich einseift.</p>
<p>So ein Mist! Anstatt mich mit solchen Vorstellungen hei&#223; zu machen, w&#252;rde ich aufpassen m&#252;ssen meine Erektion zu verbergen. Denn die w&#252;rde keinesfalls ausbleiben.</p>
<p>„Los geht’s!“ verf&#252;gte Manu vergn&#252;gt. „Fang mit dem Seifenwasser an.“<br />
Dabei lie&#223; er das Leinentuch von seinen Lenden gleiten. Er stand nun v&#246;llig nackt vor mir.</p>
<p>Oh Gott, steh mir bei! Schnell drehte ich mich nach dem Wasserkrug um.<br />
Das B&#252;cken nutzte ich auch, um flink meinen Schwanz in eine etwas ungef&#228;hrlichere Lage zu man&#246;vrieren.</p>
<p>Mit dem Krug trat ich hinter ihn, die Augen dabei auf das Beh&#228;ltnis in meinen H&#228;nden gerichtet.<br />
Mit zitternden Gliedern und klopfendem Herzen hob ich den Krug &#252;ber meinen Kopf. Ich hatte etwas Angst, er w&#252;rde mir aus der Hand rutschen.<br />
Langsam begann ich das k&#252;hle Nass &#252;ber Manus Haupt auszugie&#223;en.</p>
<p>Meinen Blick konnte ich dann doch nicht von ihm lassen. Schon alleine um sicherzugehen, dass das Wasser auch am rechten Fleck ankam.<br />
Er fuhr sich mit den H&#228;nden durch das Haar und &#252;ber den R&#252;cken. Seine muskul&#246;sen Arme streiften &#252;ber seinen Hals, sein Gesicht und seine Beine.<br />
Als er sich b&#252;ckte betrachtete ich seinen wohlgeformten Po. Sp&#228;testens jetzt hatte sich mein gutes St&#252;ck gen Himmel erhoben und zeichnete sich trotz meines Zurechtr&#252;ckens von eben deutlich unter dem wei&#223;en Stoff ab. Gut, dass Manu nicht hinsah.</p>
<p>Ups, er tat es doch! Seinen Kopf nach hinten gedreht musterte er mich vorsichtig. Es schien etwas Unsicheres in seinem Blick zu liegen.<br />
Jetzt hatte er meine Latte gesehen. Ich wurde knallrot. Er w&#252;rde mich f&#252;r einen kranken Perversen halten, oder schlimmeres.</p>
<p>Er drehte sich nun v&#246;llig zu mir um.<br />
Voller Erstaunen sah ich, dass auch er einen Steifen hatte.</p>
<p>Pl&#246;tzlich begann er, meine Brust mit seinen H&#228;nden einzuseifen. Die Ber&#252;hrung elektrisierte mich f&#246;rmlich und entlockte mir ein St&#246;hnen.<br />
Ich konnte nicht glauben, was da gerade geschah. Manu l&#228;chelte sanft. Ich blickte in seine Augen und empfand tiefe Zuneigung.</p>
<p>Ich hielt den Krug immer noch &#252;ber ihm, oder besser gesagt &#252;ber uns. Denn Manu war inzwischen so nah heran gekommen, dass ich seinen Atem sp&#252;ren konnte. Sein Mund n&#228;herte sich meinem.</p>
<p>Wir k&#252;ssten uns. Ich konnte seine Zunge an meinen Lippen sp&#252;ren und gew&#228;hrte ihr Einlass.</p>
<p>Er seifte mich ein, am R&#252;cken, an den Armen. Seine H&#228;nde und K&#252;sse wanderten tiefer. Sie umfassten meinen pulsierenden Schwanz.<br />
Ich st&#246;hnte auf, als Manu z&#228;rtlich meine Eichel mit seiner Zunge liebkoste. Dabei blickte er mir von unten her in die Augen.<br />
Das Wasser war mittlerweile leer und ich stellte den Krug auf dem Boden ab. Anstatt wieder aufzustehen dr&#252;ckte ich Manu sanft nach hinten. Er war zwar schon eingeseift, aber ein bisschen eigenh&#228;ndig nachzuhelfen lie&#223; ich mir nicht nehmen.<br />
Es gefiel ihm augenscheinlich wie ich &#252;ber seine starke Brust strich, die harten Nippel dabei umspielend.</p>
<p>Ich massierte seinen Schwanz mit der rechten Hand, w&#228;hrend ich mich langsam &#252;ber ihn beugte. Unsere Lippen fanden sich erneut und er&#246;ffneten den lustvollen Tanz zweier Zungen.<br />
Ich lag jetzt auf ihm, unsere Schw&#228;nze ber&#252;hrten einander. Es war wundervoll.</p>
<p>Nach einer Weile sagte er mit heiserer Stimme: „Lass uns den Krug mit klarem Wasser holen, dann k&#246;nnen wir uns gegenseitig abreiben.“</p>
<p>Gesagt, getan. W&#228;hrend er Wasser aus dem Krug &#252;ber sich goss, s&#228;uberte und erkundete ich sorgsam jede Stelle seines K&#246;rpers. Umgekehrt tat er es mir gleich.<br />
Als das Wasser verbraucht und wir vom Schaum befreit waren, zog Manu mich mit einem tiefen Kuss zu sich. Seine Zunge wanderte an mir herab und liebkoste meine Brustwarzen ebenso wie meinen Bauchnabel.<br />
Schlie&#223;lich war sie an ihrem Ziel angekommen und bet&#228;tigte sich mit einem lustvollen Blasvergn&#252;gen an meinem Schwanz.</p>
<p>Ich war schon verdammt scharf und so dauerte es keine Minute, bis ich mich unter lautem St&#246;hnen in Manus Mund ergoss. Er schluckte jeden kostbaren Tropfen.<br />
Nachdem sein Mund alle Spuren der Lust restlos getilgt hatte, kehrte er nach oben zur&#252;ck und verschmolz mit meinem zu einem innigen Kuss.</p>
<p>Ich wollte mich aber unbedingt noch revanchieren…</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Vorsichtig schl&#228;ngelte ich mich zwischen den kleinen Tischchen in der Empfangshalle hindurch, hier und da die Weingl&#228;ser der immer durstigen G&#228;ste nachf&#252;llend.<br />
Die Vorspeise war bereits durch und hatte sich gr&#246;&#223;ter Beliebtheit unter den geladenen &#196;gyptern erfreut. Alle waren gut gekleidet und mit reichlich Schmuck behangen, wie es auch bei einem Society-Event unserer Zeit &#252;blich gewesen w&#228;re.</p>
<p>Jedoch war nicht alles vergleichbar. Die G&#228;ste tafelten nicht an einem gro&#223;en und vor allem langen Tisch, sondern verteilten sich in Paaren auf viele kleinere Zweiertische.<br />
W&#228;hrend die beiden K&#246;chinnen in der K&#252;che ihres Amtes walteten und Jahna es sich nicht nehmen lie&#223;, die fertigen Mahlzeiten pers&#246;nlich zu servieren, hatte ich f&#252;r gef&#252;llte Gl&#228;ser zu sorgen.</p>
<p>Dieser Aufgabe kam ich zwar nach, war mit meinen Gedanken aber ganz wo anders. N&#228;mlich bei dem, was sich vor einer knappen Viertelstunde im Badezimmer abgespielt hatte.</p>
<p>Manu war also schwul? Nein, das war sicher nicht als Frage zu formulieren. Manu war schwul. Punkt. Einen eindeutigeren Beweis h&#228;tte es kaum geben k&#246;nnen.<br />
Und er mochte mich. Allein der Gedanke daran lie&#223; es mir ganz warm ums Herz werden.<br />
Ich hatte eigentlich noch nie einen Freund gehabt. Also Freund im Sinne von… ja wie sagt man dazu eigentlich?<br />
Das Englische besa&#223; da eine klare Trennung, es gab den <em>friend</em> und den <em>boyfriend</em>. Von der letzten Sorte hatte ich, bis auf ein kleines Abenteuer in einem Sommercamp, noch keinen kennengelernt.</p>
<p>Am merkw&#252;rdigsten aber fand ich die Tatsache, dass Manu verheiratet war – mit einer Frau. Oder war es vielleicht doch nicht so merkw&#252;rdig, wenn man die Umst&#228;nde dieser Zeit miteinbezog?<br />
Wir schrieben noch nicht das 21. Jahrhundert und die Homosexualit&#228;t stand in einem sehr schlechten Ruf. Schlie&#223;lich gingen daraus keine Kinder hervor, was die Hauptsache des hiesigen Familienlebens zu sein schien.</p>
<p>Sollte ich ihn also deswegen verurteilen?<br />
Nein, das wollte ich nicht. Und ich hatte auch nicht das Recht dazu, hatte ich doch selbst mein Outing noch vor mir.</p>
<p>Ein Gast blickte ver&#228;rgert zu mir hoch. Beinahe h&#228;tte ich seinen Weinbecher umgesto&#223;en. Mit einer entschuldigenden Verbeugung machte ich kehrt.<br />
Ich sollte mich wirklich etwas besser konzentrieren.</p>
<p>Manu sa&#223; ebenfalls an einem der Tische, ging aber auch ab und zu durch die Runde, um hier und da einige Worte fallen zu lassen.<br />
Immer wenn ich an seinen Tisch kam, um sein Glas vollzuschenken – und das tat ich auch, wenn es noch fast randvoll war – schenkte er mir von unten einen s&#252;&#223;en Blick.</p>
<p>Gerade machte ich mich auf den Weg in die K&#252;che, um meinen Vorrat an Bier und Wein zu erneuern.<br />
Auf einmal blieb ich wie angewurzelt stehen.</p>
<p>Ich hatte ganz vergessen, dass Elisa alles aufzeichnete, was ich sah und h&#246;rte. Zu Forschungszwecken und zur Analyse der Mission.<br />
Mein kleines Abenteuer mit Manu aber w&#252;rde ich lieber f&#252;r mich behalten. Ich wollte ja nicht riskieren, dass sich die &#228;lteren Kollegen bei der Durchsicht des Materials an ihrem Kaffee verschluckten.<br />
Abgesehen davon w&#228;re es extrem peinlich f&#252;r mich, wenn die Videowand im Labor pl&#246;tzlich zum Pornokino w&#252;rde.</p>
<p>Ich musste das Material also l&#246;schen. Hoffentlich w&#252;rde Elisa das zulassen.</p>
<p>„Elisa, l&#246;sche bitte die audiovisuellen Aufzeichnungen von meinem letzten Betreten bis zum Verlassen des Badezimmers im zweiten Stock.“</p>
<p><em>„Aufzeichnungen gel&#246;scht.“</em><br />
Puh, nur gut, dass ich die Administratorrechte besa&#223;.</p>
<p><em>„Ich schlie&#223;e aus ihrer Anweisung, dass sie den Inhalt der Aufzeichnungen der Begutachtung durch Dritte entziehen m&#246;chten. Zu diesem Zweck w&#228;re es hilfreich, eine technische St&#246;rung als Grund f&#252;r das Fehlen der Informationen in das Protokoll einzuf&#252;gen.“</em></p>
<p>Ein Tipp mit absolut logischem Scharfsinn. Was w&#252;rde ich nur ohne Sie tun?<br />
Elisa war eben ein Schatz, wenn auch manchmal etwas verdreht.</p>
<p>„Dann mach das. Und wenn in Zukunft &#228;hnliche… Szenen auftreten sollten, dann verfahre bitte genauso damit.“<br />
So hatte ich mich auch f&#252;r alle kommenden Lustspiele abgesichert – und ich hoffte wirklich, dass sie kommen w&#252;rden.</p>
<p>Jahna kam mittlerweile mit dem Hauptgericht aus der K&#252;che. Der erlegte Stier war zu einem wohlriechenden Braten verarbeitet worden und ruhte jetzt samt Beilage auf Silbertabletts in ihrem Armen.<br />
„Aus dem Weg! Was stehst du denn hier so unt&#228;tig herum. Sollen die G&#228;ste verdursten?“</p>
<p>Nun, bei den bereits konsumierten Fl&#252;ssigkeitsmengen war diese Gefahr wohl eher gering.<br />
Aber ich beeilte mich trotzdem, meiner Verpflichtung wieder nachzukommen. Schlie&#223;lich war auch Manu da drau&#223;en im Saal.</p>
<p>Als ich den gro&#223;en Raum betrat, wurde ich sofort von einem ungeduldig wartenden Gast herangewinkt. Ich wollte ihm gerade den Bierkrug nachf&#252;llen, da meldete sich Elisa wieder bei mir.<br />
Ob sie jetzt auch noch einen Sex-Tipp f&#252;r mich hatte? Oder hatte ich etwa eine EU-Richtlinie zur Verh&#252;tung verletzt?</p>
<p><em>„Dr. Marten, folgende Nachricht ist von der Basis eingetroffen: Dr. Bolzano bittet um eine Videokonferenz.“</em></p>
<p>Beinahe h&#228;tte ich dem ahnungslosen Mann sein Bier auf den Scho&#223; gekippt, konnte es aber im letzten Moment abfangen.<br />
„Pass doch auf!“, beschwerte der sich.</p>
<p>Ich beachtete ihn nicht weiter. Ob sie etwas Neues herausgefunden hatte?<br />
Ich ging zur&#252;ck in Richtung K&#252;che, bog dann aber in den Keller ein. Hier unten hatte ich eine Weile meine Ruhe und w&#252;rde mich auf das Gespr&#228;ch konzentrieren k&#246;nnen.</p>
<p>Ich wies Elisa an, die Verbindung aufzubauen.</p>
<p>Das Videofenster &#246;ffnete sich und Lisas Konterfei erschien. Diesmal ging der Verbindungsaufbau wesentlich flotter.</p>
<p>„Hallo Lisa, alles klar bei euch?“</p>
<p>„Hi Phillip, das sollte ich wohl eher dich fragen.“</p>
<p>„Bei mir ist alles bestens. Ich bin weiterhin als Diener angestellt und kann mich nicht beklagen. Wobei, wenn du mich zulange aufh&#228;ltst, verpasse ich vielleicht meinen Anteil am Abendessen.“</p>
<p>Lisa lachte. „Also solange du deinen Humor noch hast, muss ja alles in Ordnung sein.“</p>
<p>„Habt ihr Fortschritte gemacht?“, fragte ich hoffnungsvoll.</p>
<p>„Ja, das haben wir in der Tat. Das ist auch der Grund f&#252;r meinen Anruf.“</p>
<p><em>Anruf</em>, das klang so allt&#228;glich und ganz und gar nicht, als w&#228;re ich jenseits von Raum und Zeit gefangen.</p>
<p>Aber ich war auf Lisas Resultate gespannt.<br />
„Was habt ihr herausgefunden?“</p>
<p>Lisa tauschte einen kurzen Blick mit jemandem au&#223;erhalb des Kameraradius.</p>
<p>„Normalerweise h&#228;ttest du eine so gro&#223;e Abweichung von der Zielzeit nicht &#252;berlebt. Die Wahrscheinlichkeit daf&#252;r liegt unter zwei Prozent. Du h&#228;ttest irgendwo im Weltall ankommen m&#252;ssen.<br />
Doch Gott sei Dank lebst du noch! Und das war auch der Punkt an dem wir mit den Nachforschungen angesetzt haben.“</p>
<p>Soweit wusste ich ja bereits Bescheid.</p>
<p>„Wir sind auch f&#252;ndig geworden. Und zwar haben die Sensoren im Moment deiner Abreise eine merkw&#252;rdige Tr&#228;gerwelle in der Raumzeitspalte aufgefangen.<br />
Wir hatten es erst &#252;bersehen, da die Energiesignatur sehr schwach war und von den Emissionen unserer Generatoren &#252;berlagert wurde.</p>
<p>Und jetzt kommt das merkw&#252;rdigste. Diese Tr&#228;gerwelle ist dem R&#252;ckhol-Signal des TTEKs, mit dem wir deine Position exakt erfassen k&#246;nnen, erstaunlich &#228;hnlich.<br />
Wir glauben, dass durch die Interferenz mit dem Signal der Raumzeittunnel auf den Ursprung des Signals umgelenkt wurde. Sowohl zeitlich, als auch r&#228;umlich.</p>
<p>Es ist also kein Zufall, dass du dort gelandet bist. Irgendetwas, oder Irgendwer, hat dich dorthin gef&#252;hrt – ob absichtlich oder nicht, k&#246;nnen wir nicht sagen.</p>
<p>Daf&#252;r konnten wir den Ursprungsort des Signals ziemlich genau feststellen. Es wurde aus der Umgebung des heutigen Kairo aus gesendet.<br />
Damals gab es dort aber keine Siedlung. Die n&#228;chstgelegene Stadt deiner Zeit ist Memphis, was nur 20 Kilometer entfernt liegt.“</p>
<p>Also war es doch kein Zufall!<br />
Wurde ich etwa absichtlich hierher verfrachtet, von einer fremden Intelligenz?</p>
<p>„Lisa, das ist ja unglaublich. Wodurch auch immer dieses Signal ausgel&#246;st wurde, die Menschen dieser Zeit waren es sicher nicht.<br />
Vielleicht ist ja an den Ger&#252;chten etwas dran, dass die Pyramiden von Au&#223;erirdischen erbaut worden sind?<br />
Ich muss unbedingt nach Memphis reisen, um mir das vor Ort anzusehen. Vielleicht kann ich dort Licht in die Sache bringen.“</p>
<p>„Au&#223;erirdische… woran du immer gleich denkst, Phillip. Aber was auch immer es war, in Memphis oder Umgebung findest du am ehesten etwas.“</p>
<p>Ich wusste wo das lag, denn ich war bereits dort gewesen. Kairo, die Hauptstadt des neuzeitlichen &#196;gyptens, war ein Muss f&#252;r jeden Urlauber. Schlie&#223;lich beheimatete sie mit den Pyramiden von Gizeh eines der sieben Weltwunder.</p>
<p>„Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“</p>
<p>„Nein, das ist alles, was wir herausgefunden haben. Aber…“</p>
<p>„Aber was?“, hakte ich nach.</p>
<p>„Wie du sicher wei&#223;t, reicht die Leistung unseres Systems nicht aus, um dich aus einer so weit entfernten Vergangenheit zur&#252;ckzuholen.<br />
Wir k&#246;nnten die Anlage nat&#252;rlich ausbauen. Und das werden wir auch, so schnell wie m&#246;glich. Trotzdem kann es sich viele Jahre lang hinziehen.“</p>
<p>Ich schluckte. Nat&#252;rlich w&#252;rde es so schnell kein Zur&#252;ck f&#252;r mich geben. Das hatte ich auch schon vor Lisas Erkl&#228;rung gewusst.<br />
Dennoch, solange es niemand ausgesprochen hatte, war noch eine Spur von Hoffnung geblieben. Damit war nun Schluss.</p>
<p>„Ich wei&#223;, Lisa. Ich werde schon zurechtkommen solange. Die Leute hier sind wirklich nett. Und sieh es mal so, wir erfahren jede Menge &#252;ber das alte &#196;gypten. Unsere Kenntnisse dieser Zeit sind so sp&#228;rlich, dass die Historiker Luftspr&#252;nge machen werden.<br />
Jetzt sehe ich mir erst einmal die Sache in Memphis an.“</p>
<p>„Okay, Phillip. Aber, pass auf dich auf, man wei&#223; ja nie.<br />
Das ganze Team gr&#252;&#223;t dich &#252;brigens herzlich. Und von Dr. Carrol soll ich dir ausrichten, du m&#246;gest ihm doch bitte ein Paar alt&#228;gyptische Kleidungsst&#252;cke mitbringen. F&#252;r seine Sammlung.“</p>
<p>Ich lachte herzlich. Alles w&#252;rde gut sein, wenn ich nur regelm&#228;&#223;ig Kontakt nach Hause haben k&#246;nnte.<br />
„Also gut Lisa, ich mache dann Schluss. Bitte gr&#252;&#223; auch meine Familie von mir und sag ihnen, dass es mir gut geht.“</p>
<p>„Das mache ich. Bis dann!“ verabschiedete sich Lisa, worauf die Verbindung getrennt wurde.</p>
<p>Das waren wirklich aufregende Neuigkeiten. Und vor allem unerwartete.<br />
Doch ich w&#252;rde sp&#228;ter dar&#252;ber nachdenken m&#252;ssen, denn zun&#228;chst rief die Pflicht. Ich war schon zu lange abwesend und zu viele G&#228;ste w&#252;rden bereits auf den Boden ihres Glases sehen k&#246;nnen.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Es war eine halbe Stunde vor Mitternacht, als sich auch die letzten Besucher verabschiedet hatten. Ihrem Schwanken beim Hinausgehen nach zu urteilen, schon in einem bedenklichen Zustand.</p>
<p>Zuletzt hatte ich auch einen Anteil vom Men&#252; abbekommen. Ein gutes St&#252;ck Stier konnte ich mir in der K&#252;che sichern, bevor es die K&#246;chin selbst verdr&#252;ckte.</p>
<p>Ansonsten war ich einfach nur m&#252;de. Manu ging es wohl genauso, er war bereits in sein Schlafzimmer gefl&#252;chtet. Dorthin folgte ich ihm jetzt auch, nachdem ich im Bad fertig war. Denn das konnte ich nat&#252;rlich mitbenutzen, wegen meines Status als heimlicher Geliebter des Hausherrn – solange seine Frau nichts bemerkte.</p>
<p>Ich wollte mich gerade auf meiner Liege im Vorzimmer ausstrecken, als Manu nach mir rief.</p>
<p>„Ameniu, was willst du denn da unten?“, fragte er sp&#246;ttisch. „Im Bett ist es doch viel bequemer. Und es ist auch genug Platz f&#252;r uns beide, sofern wir eng zusammenr&#252;cken.“</p>
<p>Das lie&#223; ich mir nicht zweimal sagen. Ich sprang wieder von meinem Lager hoch und legte mich zu Manu ins Bett. Dabei kuschelte ich mich eng an ihn, was wirklich ein herrliches Gef&#252;hl war.</p>
<p>Er gab mir einen Kuss auf den Mund. „Schlaf gut, Ameniu. Ich hab dich lieb.“<br />
Verdammt, wie gern w&#252;rde ich ihm jetzt sagen, dass ich ihn ebenso lieb hatte. Stattdessen musste ich mich damit begn&#252;gen, innig den Kuss zu erwidern.</p>
<p>So konnte es wirklich nicht weiter gehen. Wie sollte ich ihm zum Beispiel erkl&#228;ren, dass ich unbedingt nach Memphis reisen musste?<br />
Das w&#228;re mir schon schwergefallen, h&#228;tte ich mit ihm dar&#252;ber reden k&#246;nnen. Ohne Sprache war es jedoch schlichtweg unm&#246;glich.</p>
<p>Egal, ich war jetzt zu m&#252;de, um mich mit diesem Problem zu besch&#228;ftigen.<br />
Nach einer Weile, in der ich nur den warmen K&#246;rper neben mir sp&#252;rte, schlief ich schlie&#223;lich ein.</p>
<p><strong>Kapitel 10</strong></p>
<p>Ich erwachte recht fr&#252;h, so dass es noch dunkel im Zimmer war. Genau genommen war es 4:37 Uhr, wie ich dem morgendlichen Bericht Elisas entnehmen konnte.</p>
<p>Obwohl an weiterschlafen nicht mehr zu denken war, blieb ich noch liegen, da sonst Manu h&#228;tte aufwachen k&#246;nnen. Sollte wenigstens er seinen verdienten Schlaf haben.<br />
Abgesehen davon war es mir ganz recht, eine Weile in Ruhe nachdenken zu k&#246;nnen.</p>
<p>Ich hatte immer noch ein dringendes Problem zu l&#246;sen. Ich musste nach Memphis.<br />
Die eigentliche Schwierigkeit bestand darin, dass wir uns in vormotorisierter Zeit befanden und Kairo &#252;ber 500 Kilometer Luftlinie entfernt lag.</p>
<p>Aber es musste einen Weg geben! Und sicher w&#252;rde Manu einen wissen. Au&#223;erdem hatte er selbst gesagt, dass er gerne einmal eine Reise unternehmen w&#252;rde.<br />
Vielleicht k&#246;nnte ich ihn davon &#252;berzeugen, diese Reise mit mir anzutreten.</p>
<p>Okay, ich sah es jetzt ein. Das war nicht nur ein Problem, das war ein ganzer Problemkomplex.<br />
Und der Kern sowie Schl&#252;ssel des Ganzen lag darin, mit Manu dar&#252;ber reden zu k&#246;nnen.</p>
<p>Ich hatte keine Wahl, ich musste mein Image als Stummer ablegen.<br />
Das geringere Problem w&#228;re dabei die Verst&#228;ndigung. Ich w&#252;rde nur den Satz Elisa lautlos diktieren m&#252;ssen und sie w&#252;rde mir die &#220;bersetzung anzeigen. Nur f&#252;r eine halbwegs passable Aussprache w&#252;rde ich ein wenig trainieren m&#252;ssen.</p>
<p>Das gr&#246;&#223;ere Problem war, Manu zu erkl&#228;ren, wieso ich ihm meine Sprachf&#228;higkeiten die ganze Zeit verheimlich hatte. Und dass er vieleicht sauer sein w&#252;rde.</p>
<p>Jetzt stand ich doch auf. Vorsichtig rutschte ich St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck von Manu weg und erhob mich schlie&#223;lich.<br />
Ich hatte Gl&#252;ck, er schlief friedlich weiter. Wie s&#252;&#223; er dabei aussah.</p>
<p>Ich schl&#252;pfte aus dem Raum und stieg auf die Dachterrasse.<br />
„&#220;bersetze alle Worte, die ich forme ohne sie auszusprechen, ins Alt&#228;gyptische, sofern sie nicht direkt an dich gerichtet sind. Dann zeige mir die &#220;bersetzung in Lautschrift an, so dass ich sie aussprechen kann“, wies ich Elisa an.</p>
<p>Also gut, dass Training konnte beginnen.<br />
„Ich muss nach Memphis reisen“, probierte ich als erstes. Prompt erschien die &#220;bersetzung. Dumm nur, dass ich die meisten Zeichen davon &#252;berhaupt nicht verstand. Ich hatte nicht bedacht, dass ich mich mit Lautschrift &#252;berhaupt nicht auskannte.</p>
<p>Ich musste also etwas anderes probieren. Nat&#252;rlich k&#246;nnte ich auch noch die Lautschrift lernen, aber das w&#252;rde einfach zu lange dauern.</p>
<p>„Anstelle der Lautschrift zeige mir die Texte bitte mit deutschen Buchstaben an, gem&#228;&#223; der am ehesten passenden Belegung.“</p>
<p>Ok, auf ein Neues. Ich widerholte meinen Probesatz von eben. Diesmal kannte ich alle Zeichen und konnte den Satz sogar aussprechen.<br />
Als ich Elisa nach der Korrektheit meiner Aussprache fragte, bekam ich ein <em>„zu 67% &#252;bereinstimmend“</em> als Ergebnis. Da w&#252;rde ich wohl noch etwas dran arbeiten m&#252;ssen.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>82 Prozent. Das war das Ergebnis der letzten zwei Stunden, die ich mit konzentrierten Sprach&#252;bungen verbracht hatte. Und ich fand, das w&#252;rde sich sehen beziehungsweise h&#246;ren lassen k&#246;nnen.</p>
<p>Ich versuchte mich gerade an einigen schwierigen S&#228;tzen, um meinen bisherigen Highscore zu knacken, als Elisa mich warnend unterbrach.<br />
<em>„Achtung, es n&#228;hert sich eine Person ihrer Position.“</em></p>
<p>Kaum hatte sie mit ihrer Bemerkung geendet, als Manu bereits die Treppen heraufkam.</p>
<p>„Ah, hier bist ja, Ameniu. Ich dachte schon, eine Stimme geh&#246;rt zu haben.“<br />
Er l&#228;chelte mich entwaffnend an.</p>
<p>„Ich habe uns Fr&#252;hst&#252;ck machen lassen. Meine Frau isst morgens meistens bei ihrer Freundin, dann kann sie gleich den neusten Klatsch mit ihr austauschen.“</p>
<p>„Komm, wir setzten uns hier hin und genie&#223;en es zusammen.“</p>
<p>Ich zuckte etwas verlegen mit den Schultern und setzte mich zu ihm. Jetzt brachte ich es nicht &#252;ber mich. Nein, erst einmal eine ordentliche St&#228;rkung zu mir nehmen.</p>
<p>Manu hatte schon einige Pl&#228;ne f&#252;r den heutigen Tag ausget&#252;ftelt und unterbreitete mir diese w&#228;hrend des Essens.<br />
Neben dem &#252;blichen Brei gab es noch Trauben und Datteln.</p>
<p>„Ich muss heute Mittag ins Gericht, da nehme ich dich mit und zeige dir alles. Am Nachmittag k&#246;nnen wir dann ein wenig in der Stadt oder am Fluss entlang spazieren gehen. Was meinst du?“</p>
<p>Ich nickte nur fahrig.<br />
„Ist etwas, Ameniu? Du guckst so nachdenklich heute Morgen. Ach, wenn du nur mit mir reden k&#246;nntest…“</p>
<p>Das war mein Stichwort. Jetzt oder nie.<br />
Ich r&#228;usperte mich und wurde leicht rot.</p>
<p>Normalerweise, wenn man ein delikates Thema anzuschneiden gedachte, bereitete man sein Gegen&#252;ber mit einigen einleitenden Worten à la „Ich muss dir etwas Wichtiges mitteilen, bitte erschrick jetzt nicht…“ darauf vor.<br />
Doch in diesem Fall war bereits das erste Wort, welches &#252;ber meine Lippen kommen w&#252;rde, die Enth&#252;llung selbst – ganz gleich, welches es war.</p>
<p>„Manu, es tut mir leid es dir nicht fr&#252;her gesagt zu haben. Ich kann sprechen. Bin nicht stumm“, sprudelte ich die vorbereiteten Worte hervor, alle Ergebnisse meines Aussprache-Trainings missachtend.</p>
<p>Schon beim ersten Laut sog der Angesprochene scharf die Luft ein und seine Augen weiteten sich. Nach meinem Bekenntnis schluckte ich und schwieg. Jetzt war Manu am Zug.</p>
<p>Das anf&#228;ngliche Erstaunen in seinen Gesichtsz&#252;gen wich einem Ausdruck von Ver&#228;rgerung.</p>
<p>„Und das sagst du mir erst jetzt. Wieso nicht schon am ersten Tag? Es h&#228;tte doch alles viel einfacher gemacht“, sagte er &#228;rgerlich und sch&#252;ttelte verst&#228;ndnislos den Kopf.</p>
<p>Ja, wieso hatte ich es ihm nicht gleich gesagt? Im Nachhinein betrachtet w&#228;re es das Beste gewesen. Aber damals war es einfach bequemer, den Stummen zu mimen. Ersparte mir das doch, allzu detaillierte Selbstausk&#252;nfte geben zu m&#252;ssen.</p>
<p>Ich entschloss mich, m&#246;glichst nahe bei der Wahrheit zu bleiben.</p>
<p>„Wir kannten uns damals noch nicht, Manu.“<br />
„Ich wusste nicht wie du mich behandeln w&#252;rdest.“<br />
„Von der Sache gestern Abend noch ganz zu schweigen.“</p>
<p>Es w&#252;rde wohl etwas dauern, bis ich eine gewisse Routine in der ungewohnten Sprechweise innehatte.</p>
<p>„Und da ich nicht reden musste, konnte ich auch nichts falsches sagen.“<br />
„Sp&#228;ter hatte ich auch gew&#252;nscht, mich mit dir unterhalten zu k&#246;nnen. Doch da war es schon zu sp&#228;t, mich zu offenbaren. Aber jetzt, wo wir…“</p>
<p>Verlegen brach ich ab und sah zu Boden. Dann fiel mir etwas Besseres ein.</p>
<p>„Ich hab dich sehr gern, Manu.“<br />
Mit einem flehenden Blick sah ich ihm in die Augen.</p>
<p>Sein Mund formte sich pl&#246;tzlich zu einem s&#252;&#223;en Grinsen.<br />
„Bei deinem grottigen Akzent ist es kein Wunder, dass du dich davor gesch&#228;mt hast. Ich denke, ich verzeihe dir.“</p>
<p>„Jetzt k&#246;nnen wir endlich &#252;ber so vieles Reden! Ich wei&#223; gar nicht, wo ich anfangen soll“, fuhr er begeistert fort.</p>
<p>Puh… am besten gar nicht. Aber gut, dass er mir verzieh.</p>
<p>„Was h&#228;ltst du eigentlich von der Jahna?“, fragte Manu. „Meine Frau hat sie aus dem Hausstand ihrer Eltern mitgebracht.“</p>
<p>„Ich finde sie etwas herrisch.“</p>
<p>Er stimmte lachend zu.<br />
„Ja, das ist sie. Aber im Grunde ihrer Seele ist sie sein gutm&#252;tiger Mensch.“</p>
<p>Das erinnerte mich irgendwie an die Beteuerungen einiger Kampfhund-Besitzer, dass Hundi eigentlich ganz, ganz lieb sei und nur etwas spielen wolle.</p>
<p>„Und gestern bei der Jagd, also du hast mich zwar gerettet und daf&#252;r bin ich dir auch sehr dankbar.“<br />
Er gab mir einen Kuss.<br />
„Aber mit Pfeil und Bogen hast du dich nicht gerade geschickt angestellt. Jagd ihr denn bei euch zuhause anders?“</p>
<p>Genau solche Art von Fragen hatte ich zu vermeiden gesucht.</p>
<p>„&#196;hm, ja. Das tun wir.“</p>
<p>Er schaute mich eine Zeit lang erwartungsvoll an.<br />
„Ja, und wie?“</p>
<p>Tja, ich hatte keine Ahnung. Also schnell etwas zur&#252;ckrudern.</p>
<p>„Also wir jagen schon so wie ihr auch. Nur ist es kein Volkssport wie hier. Es gibt einige berufsm&#228;&#223;ige J&#228;ger, bei denen die anderen dann ihr Fleisch kaufen.“</p>
<p>Das klang doch plausibel.</p>
<p>„Ach so ist das, interessant.“<br />
Eigentlich tat es mir leid, ihm diese M&#228;rchen auftischen zu m&#252;ssen. Aber ich hatte keine andere Wahl. Die Wahrheit w&#228;re ihm viel zu unglaublich vorgekommen und er h&#228;tte mich wom&#246;glich als Spinner versto&#223;en.<br />
Au&#223;erdem war es mir nach dem ATR-Kodex eigentlich verboten, n&#228;heren Kontakt zu den Einheimischen zu haben, um ihre Beeinflussung durch mich so gering wie m&#246;glich zu halten.</p>
<p>Diese Regel war aufgrund meiner prek&#228;ren Situation freilich nicht einhaltbar gewesen. Und sp&#228;testens nach unserem gemeinsamen Dusch-Erlebnis so wie so mehr als gebrochen.</p>
<p>Manus Fragenkatalog aber schien noch lange nicht ersch&#246;pft, sodass ich mich gen&#246;tigt sah einzulenken.</p>
<p>„Das viele Sprechen ist f&#252;r mich sehr anstrengend, Manu. Bitte nicht so viele Fragen auf einmal.“<br />
Dabei l&#228;chelte ich ihn entwaffnend an.</p>
<p>„Au&#223;erdem muss ich noch etwas Ernstes mit dir besprechen.“<br />
Daraufhin sah mich Manu erwartungsvoll an.</p>
<p>„Ich muss nach Memphis reisen.“<br />
Jetzt war die Katze aus dem Sack.</p>
<p>Einen Moment lang schien er etwas irritiert, dann kam die obligatorische Frage: „Warum das?“</p>
<p>Es w&#228;re t&#246;richt gewesen, ihm diese Offenbarung zu machen, ohne eine Antwort auf jene entscheidende Frage parat zu haben. Zum Gl&#252;ck hatte ich mir in den letzten zwei Stunden dar&#252;ber den Kopf zerbrechen k&#246;nnen.</p>
<p>„Ich habe dir doch erz&#228;hlt, wie ich hier mit meinem Schiff gestrandet bin.“<br />
„Einer von unseren Leuten ist in Memphis an Land gegangen, er sollte dort irgendwelche Handelsangelegenheiten erledigen.“<br />
„Auf dem R&#252;ckweg sollten wir ihn dann wieder mitnehmen. Ich muss dorthin, um ihn zu finden und &#252;ber das Schicksal unseres Schiffes zu informieren.“</p>
<p>Hoffentlich w&#252;rde er das schlucken.</p>
<p>„Hmm… w&#252;rde es da nicht reichen einen Boten zu senden?“</p>
<p>Manu, du harter Brocken, komm schon. Bei&#223; an.</p>
<p>„Das w&#252;rde nicht funktionieren. Der Bote wei&#223; nicht, wie der Mann aussieht.“<br />
„Und selbst wenn er ihn findet, der Matrose w&#252;rde dem Boten nicht einfach so glauben.“</p>
<p>Manu gr&#252;belte eine Weile dar&#252;ber. Nun nickte er kurz, mehr zu sich selbst als zu mir.</p>
<p>„Dann w&#252;rde ich sagen, fang schon mal an zu packen!“<br />
Er strahlte &#252;bers ganze Gesicht und ich ebenfalls.</p>
<p>„Ameniu, ich freue mich schon riesig auf die Reise. Ich war noch nie weiter als ein paar Kilometer von meinem Heimatort entfernt.<br />
Es wird gro&#223;artig und nur wir beide alleine…“</p>
<p>Ob es wirklich so toll werden w&#252;rde, wagte ich zu bezweifeln. Aber f&#252;r jemanden, der noch nie von zuhause weggekommen war, war es sicher ein Erlebnis.</p>
<p>Jedenfalls freute ich mich dar&#252;ber, dass er letztlich zustimmte. Ich hatte ja gehofft, seine Reiselust wecken zu k&#246;nnen, die er mir bereits fr&#252;her gestanden hatte.<br />
Denn Argumente gegen ein notwendig pers&#246;nliches Erscheinen h&#228;tten sich finden lassen. So w&#228;re zum Beispiel die Anfertigung eines entsprechenden Schriftst&#252;cks f&#252;r den Boten in Betracht gekommen.</p>
<p>Aber dass er nicht nur mir die M&#246;glichkeit gab die Reise anzutreten, sondern gleich selbst mitkommen wollte, freute mich am meisten.</p>
<p>„Heute Mittag muss ich trotzdem ins Gericht, meinen laufenden Fall abschlie&#223;en. Danach nehme ich mir dann einige Wochen frei.<br />
Und meiner Frau sagen wir einfach, dass ich gesch&#228;ftlich verreisen m&#252;sse.“</p>
<p>Memphis war neben Theben die wichtigste Stadt des alten &#196;gyptens und lag nicht weit vom heutigen Kairo und seinem Vorort Gizeh entfernt.<br />
Eine Gesch&#228;ftsreise dorthin schien plausibel.</p>
<p>„Ich mache mich mal auf den Weg, Ameniu. Dann kann ich vorher noch alles N&#246;tige veranlassen.<br />
Ich denke, wir werden mit dem Schiff reisen. Das geht am schnellsten. Mein Vater kennt sicher einige Reeder, ich werde ihn gleich fragen.“</p>
<p>Manu war ja wirklich Feuer und Flamme f&#252;r die Idee. Ich h&#228;tte nicht gedacht, dass er so schnell wie m&#246;glich los wollte.<br />
Obwohl das genau meinen W&#252;nschen entsprach. Denn je l&#228;nger es dauerte, bis wir dort eintrafen, desto geringer waren die Chancen noch eine Spur – von was oder wem auch immer – vorzufinden.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Seitdem Manu gegangen war, wanderte ich unruhig im Haus herum. Er hatte zwar gesagt, ich solle schon mal packen. Aber aufgrund meiner beschr&#228;nkten Kenntnisse der Gewohnheiten dieser Zeit war mir fast nichts eingefallen.</p>
<p>Immerhin, auf dem kleinen Stapel lagen bereits mein Unterhemd, ein Packen des standardm&#228;&#223;igen wei&#223;en Lendenschurzes f&#252;r Manu und mich, sowie eine Landkarte aus dem Arbeitszimmer.<br />
Auf letztere war ich zwar nicht angewiesen, aber es schien mir logisch sie einzupacken.</p>
<p>Danach waren mir die Ideen ausgegangen. Elisa aber hatte der Packliste noch einiges hinzuzuf&#252;gen.<br />
So ermahnte sie mich vor allem, gen&#252;gend Wasservorr&#228;te mitzuf&#252;hren. Das Wasser aus dem Nil entspreche n&#228;mlich in keiner Hinsicht den Kriterien f&#252;r Trinkwasser. Selbst das Baden darin sei nicht ratsam und das nicht nur wegen der Krokodile.</p>
<p>Sie hatte noch einige solcher Vorschl&#228;ge parat, deren Ausf&#252;hrung aber allesamt nicht in meinen Aufgabenbereich fiel. Dazu m&#252;sste ich Jahna instruieren, was aber nicht gehen w&#252;rde, ohne ihr – und damit indirekt jedem im Haus – meine Beredsamkeit zu offenbaren.<br />
Doch ich hatte das Gef&#252;hl, es w&#228;re besser, wenn Manu und ich diese Sache f&#252;r uns behalten w&#252;rden. Insbesondere seine Frau, Naha, musste davon ja nichts wissen.</p>
<p>Ich w&#252;rde also die weiteren Vorbereitungen ihm &#252;berlassen.<br />
Auch weil ich nicht wusste, wie schnell er uns eine Mitfahrt auf einem Schiff organisieren konnte. Vielleicht klappte es erst in den n&#228;chsten Tagen.</p>
<p>Es war bereits sp&#228;ter Nachmittag und mit seiner R&#252;ckkehr rechnete ich jede Minute.<br />
Als ich jemanden die Treppe heraufkommen h&#246;rte, drehte ich mich voller Erwartung um.</p>
<p>Doch die Person, welche jetzt das kleine Wohnzimmer im zweiten Stock betrat, in das die Treppen endeten, war gar nicht Manu, sondern Naha.<br />
Sie war wohl aus der Stadt zur&#252;ck und auf den Weg ins Badezimmer, um sich etwas frisch zu machen.</p>
<p>Dabei musterte sie mich kritisch. Ich beeilte mich, sie mit einer angemessenen Verbeugung zu empfangen und machte den Weg frei.<br />
Doch anstatt weiterzugehen warf sie einen zweifelnden Blick auf meinen bescheidenen Stapel.</p>
<p>„Was wird das denn, r&#228;umst du Manus Regale um?“, fragte sie in einem leicht sp&#246;ttischen Ton.</p>
<p>„Und was ist das f&#252;r ein Papyrus… Ah, die Landkarte. Ein wertvolles Erbst&#252;ck von seinem Gro&#223;vater.“</p>
<p>Pl&#246;tzlich stutzte sie und sah mich scharf an.<br />
„Du hast doch nicht etwa vor sie zu stehlen und heimlich zu verkaufen?“</p>
<p>Entsetzt sch&#252;ttelte ich den Kopf.</p>
<p>„Na dann ist ja gut. Ich gehe mich jetzt im Bad erfrischen und m&#246;chte nicht gest&#246;rt werden“, fuhr sie in leichtem Plauderton fort.<br />
Sie hatte wohl nicht ernsthaft damit gerechnet, dass ich wirklich diebische Absichten h&#228;tte.</p>
<p>Und keine Sorge, ich w&#252;rde mich h&#252;ten das Bad w&#228;hrend ihrer Anwesenheit zu betreten.<br />
Stattdessen verlegte ich lieber den Reisestapel in Manus Schlafzimmer, damit Naha nicht doch noch vorzeitig hinter unsere Pl&#228;ne kam.</p>
<p>Dabei h&#246;rte ich erneut Schritte auf der Treppe.<br />
Diesmal war es Manu.</p>
<p>Freudestrahlend kam er auf mich zu.<br />
„Da bin ich wieder und ich habe einige Neuigkeiten.“</p>
<p>Dabei wollte er mich umarmen, ich lie&#223; es aber nicht zu. Schlie&#223;lich konnte Naha jederzeit wieder aus dem Bad kommen.<br />
Manu sah mich zun&#228;chst irritiert an, bis ich den Satz aussprachefertig hatte: „Deine Frau ist gerade im Bad.“</p>
<p>„Ach so, na dann gehen wir auf die Dachterrasse. Ich habe schon Jahna gebeten, uns etwas zu Essen heraufzubringen.“</p>
<p>Gesagt, getan. Als wir uns auf den gem&#252;tlichen Sitzgelegenheiten unter dem schattenspendenden Sonnenschutz niederlie&#223;en, begann Manu zu erz&#228;hlen.</p>
<p>„Ich war bei meinem Vater und habe ihn um Rat gebeten, bez&#252;glich der Schiffsreise. Er hat dann bei seinem Bruder nachgefragt, der ist Schreiber im k&#246;niglichen Handelswesen.<br />
Wir haben wirklich Gl&#252;ck, denn schon morgen Vormittag legt eine Handelsflotte nach Memphis ab. Da d&#252;rfen wir mitfahren.<br />
Proviant und andere Vorr&#228;te haben sie bereits an Bord. Wir m&#252;ssen also nichts weiter als unsere eigenen Habseligkeiten mitnehmen.“</p>
<p>Das waren wirklich gute Nachrichten. Ich hatte nicht gedacht, dass es so schnell gehen w&#252;rde. Andererseits war ein reger Schiffsverkehr zwischen den beiden wichtigsten St&#228;dten des Landes nur nat&#252;rlich.</p>
<p>„Hat dein Vater nicht gefragt, was du dort willst?“</p>
<p>„Doch, klar hat er das.“</p>
<p>„Und?“, hakte ich nach. „Was hast du ihm erz&#228;hlt?“</p>
<p>Manu l&#228;chelte etwas verlegen.<br />
„Ich habe ihm gesagt, dass ich dort eine spezielle Medizin f&#252;r meine Frau abholen wolle.“</p>
<p>„Aha, und das hat er einfach so geschluckt?“</p>
<p>„Ja, ich habe ihm gesagt, es handele sich um eine Salbe zur F&#246;rderung der Fruchtbarkeit. Du wei&#223;t doch, dass meine Frau noch nicht schwanger ist…</p>
<p>Was mein Vater aber nicht wei&#223; – und auch sonst Niemand – ist, dass alle Salben der Welt an diesem Zustand nichts &#228;ndern k&#246;nnten.“</p>
<p>Ich dachte einen Moment dar&#252;ber nach.<br />
„Hei&#223;t das, du bist unfruchtbar?“</p>
<p>Manu wurde noch verlegener und sogar etwas rot.<br />
„Nein, das ist es nicht. Ich bekomme einfach keinen hoch bei ihr im Bett. Es turnt mich total ab, wenn ich sie nackt sehe.“</p>
<p>Nun musste ich herzhaft lachen. Nicht wegen der von Manu geschilderten Erektionsprobleme, sondern dank Elisas &#220;bersetzung.<br />
Es klang einfach sehr komisch einen &#196;gypter den neumodischen Begriff „abturnen“ verwenden zu h&#246;ren. Vielleicht hatte meine elektronische Helferin hier etwas zu sinnbildlich &#252;bersetzt.</p>
<p>„Ich finde das nicht gerade lustig“, strafte Manu mich daf&#252;r ab.</p>
<p>Schnell wurde ich wieder ernst und versicherte ihm, die Sache keineswegs lustig zu finden. Eher traurig.</p>
<p><strong>11. Kapitel</strong></p>
<p>„Ameniu, wach auf. Wir m&#252;ssen bald los. Das Schiff legt um Zehn Uhr ab.“</p>
<p>Verschlafen drehte ich mich auf die andere Seite. Ich erkannte Manu, der am Kopfende unseres gemeinsamen Bettes stand.</p>
<p>Wie sp&#228;t war es denn… kurz vor Neun!<br />
Mann, da hatte ich aber lange geschlafen. Was auch kein Wunder war, denn ich war erst recht sp&#228;t eingeschlafen. Zuvor hatten Manu und ich noch ordentlich gekuschelt und ein wenig miteinander rumgemacht.<br />
Die angenehme Erinnerung drohte sich bereits in meiner Lendengegend bemerkbar zu machen, so dass ich mich f&#252;r ein schnelles Aufstehen entschied.</p>
<p>„Guten Morgen!“, begr&#252;&#223;te ich Manu mit einem fr&#246;hlichen Grinsen und einem Kuss auf den Mund.</p>
<p>„Wie ich sehe, hast du gestern schon gepackt, Ameniu. Oder zumindest den Versuch dazu gemacht…“<br />
Dabei zeigte er auf den kleinen Stapel, den ich gestern hier abgestellt hatte.</p>
<p>„Mir ist nicht gerade viel eingefallen. Tut mir leid.“</p>
<p>„Das macht nichts. Ich erg&#228;nze es noch ein wenig, aber viel mehr brauchen wir wirklich nicht.<br />
Jetzt lass uns erst mal fr&#252;hst&#252;cken. Und genie&#223; es, wer wei&#223; was wir w&#228;hrend der Reise bekommen.“</p>
<p>Solange wir nicht das Nilwasser trinken mussten, war mir eigentlich alles recht.</p>
<p>„Hast du deiner Frau schon Bescheid gesagt?“</p>
<p>„Ja, heute fr&#252;h. Noch bevor sie zu ihrer Freundin gegangen ist.“</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Gleich nach dem Fr&#252;hst&#252;ck auf der Dachterrasse, die wegen ihrer Abgeschiedenheit unser Lieblingsort f&#252;r alle Mahlzeiten geworden war, vervollst&#228;ndigte Manu das Gep&#228;ck.</p>
<p>Er f&#252;gte unter anderem einige Artikel aus dem Bad hinzu, unter der Anmerkung, dass man nie wisse wie es um die Hygiene auf den Schiffen bestellt sei.<br />
Ich sa&#223; derweil auf dem Bett und wartete. Einige erwartungsvolle Gedanken gingen mir durch den Kopf.</p>
<p>Welche Schlafgelegenheit es wohl auf dem Schiff gab?<br />
Ob ich Seekrank werden w&#252;rde?</p>
<p>Schlie&#223;lich war Manu zufrieden und alles schien reisefertig. Er kam zu mir und gab mir einen langen, intensiven Kuss.</p>
<p>Auf einmal merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich glaubte, etwas geh&#246;rt zu haben.</p>
<p><em>„Achtung, Dr. Marten! Dritte Person n&#228;hert sich!“</em></p>
<p>Abrupt l&#246;ste ich den Kuss und stolperte einen Schritt r&#252;ckw&#228;rts. Manu und ich blickten zur T&#252;r.</p>
<p>Dort stand Naha, die Augen in Entsetzen weit aufgerissen. Sie keuchte.</p>
<p>Ich err&#246;tete und Manu erbleichte ins Aschfahle.</p>
<p>„So ist das also!“, stie&#223; sie hervor. „Deshalb konntest du nie mit mir schlafen!“</p>
<p>Sie schlug die H&#228;nde vors Gesicht. „Das ist ja grauenhaft.“</p>
<p>„Naha, ich… es tut mir leid“, sprudelte Manu verzweifelt hervor. „Ich konnte es dir doch nicht sagen. Und es kann ja noch alles gut werden.“</p>
<p>Ich h&#228;tte nicht sagen k&#246;nnen, ob sie seine Worte wahrgenommen hatte. Jedenfalls st&#252;rmte sie aus dem Raum und die Treppe hinunter.</p>
<p>W&#228;hrend der ganzen Szene hatte ich wie versteinert dagestanden. Jetzt lie&#223; ich mich auf das Bett sinken.</p>
<p>„Manu“, begann ich stockend, „es tut mir leid, dass das passiert ist. Es ist ja letztlich meine Schuld. W&#228;re ich nicht hier“ – an dieser Stelle unterbrach Manu mich.</p>
<p>„Nein Ameniu, du bist der letzte, der sich entschuldigen muss. Es ist allein meine Schuld. Im Gegenteil, ich muss mich bei dir daf&#252;r entschuldigen, dich mit hereingezogen zu haben.“</p>
<p>Er umarmte und dr&#252;ckte mich fest. „Au&#223;erdem bin ich sehr froh, dass du hier bist.“<br />
Das w&#228;rmte mein Herz.</p>
<p>„Was wird sie jetzt tun?“, fragte ich.</p>
<p>„Ich vermute, sie wird den ganzen Tag in ihrem Zimmer verbringen und dar&#252;ber trauern, welches Pech sie doch im Leben hat. Und das kann ich ihr nicht einmal ver&#252;beln, denn sie hat Recht.<br />
Und dann wird sie so tun, als sei nichts vorgefallen. Denn das letzte was sie sich w&#252;nscht ist, dass andere davon erfahren.“<br />
Er schluckte.</p>
<p>„Ich vermute, unsere Reise kommt da gerade recht. So hat sie f&#252;r eine Weile Abstand von mir und umgekehrt“, bemerkte Manu betr&#252;bt.</p>
<p>Irgendwie tat Naha mir leid. Nur gut, dass in unserer Zeit so etwas nicht mehr vorkam. Zu mindestens hoffte ich das.</p>
<p>Manu rappelte sich hoch. „Komm, lass uns zum Schiff gehen mein Schatz. Es wird Zeit, sonst legt es noch ohne uns ab.“</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Das Schiff war mit einer L&#228;nge von 20 Metern, sowie circa f&#252;nf Metern Breite erstaunlich ger&#228;umig. Ein mir noch unbekannter Mann begr&#252;&#223;te uns herzlich an Bord.</p>
<p>„Richter Imanuthep, sch&#246;n dass du gekommen bist. Die anderen Passagiere sind bereits an Bord, wir werden also gleich ablegen.<br />
Wie geht es &#252;brigen deinem Vater? Ich habe fr&#252;her eine Weile mit ihm gearbeitet.“</p>
<p>„Oh, dem geht es blendend, Kapit&#228;n Senmut. Ich w&#252;nschte nur manchmal, er w&#252;rde anfangen ein wenig k&#252;rzer zu treten. Immerhin geht er langsam auf die F&#252;nfzig zu.“</p>
<p>Der als Senmut angesprochene lachte.<br />
„Und wen hast du da noch mitgebracht? Den Worten deines alten Herrn nach dachte ich, du w&#228;rst Alleinreisender.“</p>
<p>„Nicht ganz. Darf ich dir Ameniu vorstellen. Er ist ein Diplomat aus dem Norden und weilt derzeit in meinem Haus. Da er in einer Woche wieder abreisen muss, habe ich ihn gebeten, doch gleich mit mir zu fahren.“</p>
<p>Manu konnte wirklich einfallsreich sein, wenn es um Ausreden und Vorw&#228;nde ging.</p>
<p>„Dann hei&#223;e ich dich herzlich Willkommen an Bord meines Schiffes, Botschafter Ameniu. M&#246;ge Amun deine Reise segnen.“</p>
<p>Ich nickte dem Kapit&#228;n dankbar zu und folgte ihm mit Manu &#252;ber einen kleinen Steg auf das Schiff. Es gab keinerlei Absperrung auf den Planken und ich vermied tunlichst nach unten zu sehen.<br />
Freileich w&#228;re ich nicht tief gefallen, das Deck befand sich keine zwei Meter &#252;ber der Wasseroberfl&#228;che. Aber diese Peinlichkeit und den unn&#246;tigen Wasserkontakt wollte ich mir ersparen.</p>
<p>Sicher an Deck angekommen, wurden hinter uns die Planken eingezogen und einige Kommandos verk&#252;ndeten das Ablegen des Schiffs.</p>
<p>Der Kapit&#228;n schien dabei nicht gebraucht zu werden, denn er begann mit einer kleinen Rundf&#252;hrung. Wie ich schnell erkannte, richtete sich diese weniger an Manu als an mich, dem er die gute Ausstattung und generelle Gro&#223;artigkeit seines Schiffs beweisen wollte.</p>
<p>„Dies ist das Flaggschiff der Flotte und zugleich das einzige, auf dem reisende Passagiere transportiert werden.<br />
Die anderen vier Schiffe, die jetzt gerade hinter uns ablegen, transportieren ausschlie&#223;lich Waren. Vor allem Minenerzeugnisse und Importg&#252;ter aus dem S&#252;den.</p>
<p>Die Schiffe werden durch Segel angetrieben und nat&#252;rlich kommt uns die Str&#246;mung zugute. Es gibt aber auch Ruder, wenn wir zu langsam vorankommen sollten.“</p>
<p>Das war zwar alles sehr interessant, aber vor allem interessierte mich die Dauer unserer Reise. Ich formulierte also eine entsprechende Frage.</p>
<p>„Der Nil ist fast auf seinem H&#246;chststand, wir werden gut vorankommen. Ich sch&#228;tze, dass wir in knapp zwei Wochen Memphis erreichen werden.“</p>
<p>Oha! Ich hatte mit ein paar Tagen gerechnet, nicht aber mit Wochen.</p>
<p>Der Kapit&#228;n hatte mein Erstaunen bemerkt, deutete es aber in die falsche Richtung.<br />
„Ja, das ist ziemlich schnell, nicht wahr. Bei niedrigem Wasserstand dauert das gut und gerne zwei Monate.“</p>
<p>Na dann hatte ich wohl noch Gl&#252;ck im Ungl&#252;ck. In zwei Monaten w&#228;ren meine Chancen, am Reiseziel noch etwas zu finden, sicher nahe Null.</p>
<p>W&#228;hrend der Kapit&#228;n noch allerlei nautische Details seiner Flotte anpries, blickte ich mich auf dem Schiff um.<br />
Die Besatzungsmitglieder mit Ausnahme des Kapit&#228;ns waren leicht von den Reisenden zu unterscheiden, denn sie waren wesentlich einfacher beziehungsweise schmuckloser gekleidet.</p>
<p>So konnte ich zwei weitere Passagiere ausmachen, anscheinend ein Paar, die offensichtlich nicht zur Crew geh&#246;rten. Der Mann sah aus wie man sich anhand der Zeichnungen an Tempelw&#228;nden und Grabkammern einen &#196;gypter vorstellte, denn er trug eine schwarze Per&#252;cke.<br />
Ob sie auch bis nach Memphis reisten?</p>
<p>Inzwischen waren dem Kapit&#228;n die aufz&#228;hlbaren Ausstattungsmerkmale ausgegangen.<br />
„F&#252;hlt euch einfach wie zuhause auf meinem Schiff“, endete er.</p>
<p>„Aber lasst mich euch noch die beiden anderen Mitreisenden vorstellen.“</p>
<p>Zum Gl&#252;ck &#252;bernahm Manu wieder das Reden und nannte dem Paar unsere Namen, worauf diese sich als Amendat, Priester des Amun, mit seiner Frau Aneksi vorstellten.</p>
<p>Amun war auch mir ein Begriff. Es handelte sich um die Lokalgottheit Thebens.<br />
Zu Ehren zahlreicher G&#246;tter wurden damals prunkvolle Tempel erbaut, die nat&#252;rlich der Pflege durch ebenso zahlreiche Priesterinnen und Priester bedurften.</p>
<p>Das Schiff hatte w&#228;hrenddessen vollst&#228;ndig abgelegt und fuhr nun in einiger Entfernung zum Ufer dahin.<br />
W&#228;hrend Manu sich mit dem Paar unterhielt, stand ich an der Reling und beobachtete die Umgebung. Mit 400 Metern Breite war der Nil ein erstaunlich gro&#223;es Gew&#228;sser.</p>
<p>Am Ufer konnte ich allerlei Gestalten erkennen. Es schienen Bauern zu sein, die ihre Felder bestellten. Dieses Land war wie kein anderes auf Flusswasser angewiesen. Schlie&#223;lich befand sich ein paar hundert Meter weiter nichts als hei&#223;er W&#252;stensand.<br />
Der fruchtbare Boden im Nilkorridor war der einzige landwirtschaftlich nutzbare Bereich. Fiel die j&#228;hrliche &#220;berschwemmung des Nils mager aus, konnte es zu Hungersn&#246;ten kommen.</p>
<p>Kein Wunder also, dass die &#196;gypter die vermeintlich daf&#252;r verantwortlichen G&#246;tter mit Monumenten und Opfergaben wohlgesonnen stimmen wollten.</p>
<p>Langsam lie&#223;en wir die Stadt hinter uns. Am Flussufer erstreckten sich nur noch die Felder der Bauern.<br />
Egal in welche Himmelsrichtung ich jetzt sah, immer bot sich mir eine idyllische Szene, die ganz im Gegensatz zu unserer vielbebauten Gegenwart stand.<br />
Ich h&#228;tte mich fast wie im Urlaub gef&#252;hlt, w&#228;re ich nicht als berufsm&#228;&#223;ig Gestrandeter quasi immer im Dienst.</p>
<p>Manu hatte seinen Plausch mit dem Priesterpaar beendet und gesellte sich zu mir an die Reling.</p>
<p>„Es ist eine trostlose Landschaft, nicht wahr?“</p>
<p>Das sah ich anders.<br />
Ob er die Umgebung in meiner Gegenwart f&#252;r sch&#246;ner halten w&#252;rde? Wohl kaum, eher w&#252;rde ihn die Geb&#228;udelandschaft zutiefst schockieren.</p>
<p>Ich konterte mit einer Gegenfrage, die mich schon eine Weile besch&#228;ftigte.<br />
„Wieso hast du mich vorhin als Diplomat aus dem Norden vorgestellt und nicht einfach als deinen Diener?“</p>
<p>„Nun, ich wollte nicht, dass sie dich als Diener ansehen. Denn dann w&#252;rde dir keine Aufmerksamkeit geschenkt und du k&#246;nntest auch nicht an den Mahlzeiten teilhaben. Und mir ist doch aufgefallen, dass du eine Vorliebe f&#252;r gutes Essen hast.“</p>
<p>Ich musste lachen.<br />
So so, das war ihm also aufgefallen. Recht hatte er jedenfalls. Ich konnte mir besseres vorstellen als den Brei aus meiner Gefangenschaft oder trockenes Brot.<br />
Auf die Aufmerksamkeit h&#228;tte ich hingegen verzichten k&#246;nnen.</p>
<p>„Und da habe ich mir das mit dem Botschafter ausgedacht. Es passt einfach perfekt zu dir.<br />
Du tr&#228;gst keinen Schmuck, was dich normalerweise degradieren w&#252;rde. Trotzdem hast du eine helle Haut, was dich wie Jemanden von h&#246;herer Stellung aussehen l&#228;sst. Au&#223;erdem sprichst du mit einem starken Akzent.<br />
Aber nur als ausl&#228;ndischer Gesandter passt all das zusammen und ist v&#246;llig verst&#228;ndlich.“</p>
<p>Das war ein kluger Gedanke, auf den Manu da gekommen war. Er schien ein helles K&#246;pfchen zu sein und h&#228;tte sicher auch zu meiner Zeit etwas aus sich gemacht.<br />
Ich l&#228;chelte ihn dankbar an. Viel lieber h&#228;tte ich ihn gek&#252;sst, aber das ging in der &#214;ffentlichkeit nat&#252;rlich nicht.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Die Sonne stand bereits am Horizont und der Tag neigte sich seinem Ende zu. Bisher, das musste ich zugeben, verlief die Reise sehr angenehm.<br />
Gerade war man dabei den G&#228;sten, also uns, ein Abendmahl zuzubereiten. Wir sa&#223;en alle zusammen auf den ber&#252;hmten Kissen an Deck, wo wir bereits den gr&#246;&#223;ten Teil des Tages verbracht hatten. Denn an der Reling zu stehen und die Umgebung zu betrachten, war zwar sehr sch&#246;n, aber auf Dauer zu hei&#223;, war man doch der Sonne direkt ausgesetzt.<br />
Hier unter einem gro&#223;en, aufgespannten Leinentuch, hatte sich die Mittagsstunde angenehm verbringen lassen.</p>
<p>Langweilig wurde es auch nicht. Das P&#228;rchen und Manu hatten sich n&#228;mlich nicht nehmen lassen, mich in ein Brettspiel namens Senet einzuf&#252;hren. Es wurde zu zwei gespielt und &#228;hnelte entfernt unserem heutigen Mensch-&#228;rgere-dich-nicht.<br />
Jedenfalls insofern, dass auch gew&#252;rfelt und Spielfiguren gezogen wurden.</p>
<p>Das Prinzip war nicht sehr schwer. Ich hatte es schnell verstanden und so hatten wir den Tag und Nachmittag spielend verbracht.<br />
Dabei war abwechselnd jeder gegen jeden angetreten.</p>
<p>Nun aber geschah etwas Seltsames. Der Kapit&#228;n lie&#223; halten und die anderen Schiffe folgten seinem Beispiel.<br />
Der Anker wurde von Bord geworfen. Das Schiff befand sich quasi in Parkposition.</p>
<p>Wozu diese Unterbrechung?<br />
Ich war gerade im Begriff Manu danach zu fragen als mir die Idee kam, es k&#246;nnte mit der anbrechenden D&#228;mmerung zu tun haben.</p>
<p>Auf unserem Weg hatten wir mehrfach Sandb&#228;nke passiert, die bei Nacht und ohne Bugscheinwerfer nur schwer auszumachen sein w&#252;rden.<br />
Vielleicht konnte man deshalb bei Nacht nicht fahren, da das Risiko auf Grund zu laufen zu gro&#223; war.</p>
<p>Zwar h&#228;tte eine entsprechende Frage Gewissheit gebracht, doch war sie zu riskant. Laut meiner Hintergrundstory hatte ich bereits den umgekehrten Schiffsweg bew&#228;ltigt und m&#252;sste demnach mit solchen Gegebenheiten vertraut sein.</p>
<p>Jetzt kam das Abendessen.<br />
Obwohl wir uns direkt an der Quelle befanden, sah der Speiseplan keinen Fisch vor. Stattdessen gab es irgendein Fleisch, nach dessen Herkunft ich mich aber nicht erkundigte. Jedenfalls schmeckte es.</p>
<p>Zu trinken gab es Wein, den der mit uns speisende Kapit&#228;n als „aus eigener Herstellung“ deklarierte. Wie meistens bei solcherart ausgezeichneten Tropfen schenkte der g&#252;tige Wirt mehr davon aus, als der Durst verlangt.<br />
So sa&#223;en wir auch nach der Mahlzeit noch lange mit stets gef&#252;llten Gl&#228;sern beisammen. Wir lauschten den Tempel-Anekdoten von verirrten Besuchern und betrunkenen Priesterinnen, die Amendat zum Besten gab und die mit fortschreitender Stunde immer freiz&#252;giger wurden.</p>
<p>Schlie&#223;lich wurde die gesellige Runde aufgehoben und man w&#252;nschte sich eine gute Nacht.<br />
Die Nachtlager entsprachen ungef&#228;hr dem, das ich in Manus Vorzimmer gehabt hatte. Nur waren sie etwas besser gepolstert.<br />
Man schlief auf Deck, denn der Bauch des Schiffes war mit Waren gef&#252;llt. Au&#223;erdem ging hier ein angenehmes L&#252;ftchen. Eine willkommene Abwechslung zur Hitze des Tages.</p>
<p>Stark angeheitert, dauerte es trotz der nicht allzu bequemen Lage nur kurz, bis ich neben Manu eingeschlafen war.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Irgendein Ger&#228;usch weckte mich.<br />
Es war Elisas eindringliche Stimme.</p>
<p><em>„Warnung! Mehrere Personen haben sich in Booten den Schiffen gen&#228;hert. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich hierbei um einen &#220;berfall handelt, liegt &#252;ber 98%.“</em></p>
<p>Der Inhalt dieser n&#252;chternen Mitteilung traf mich wie ein elektrischer Schlag. Ich fuhr in die H&#246;he und br&#252;llte: „&#220;berfall!“</p>
<p>In der Eile hatte ich zwar deutsch gesprochen, aber allein die Lautst&#228;rke weckte jeden an Bord. Ich beeilte mich den Warnruf auf &#196;gyptisch zu wiederholen.</p>
<p>Schlagartig kam Leben in die Besatzung. Der Kapit&#228;n war sofort hellwach und br&#252;llte seine Befehle. Die M&#228;nner begannen sich zu bewaffnen.<br />
Doch die Angreifer waren ihnen einen Schritt voraus. Die ersten schwangen sich bereits &#252;ber die Reling von ihren Booten aufs Deck.</p>
<p>Und sie waren bewaffnet. Sie trugen Speere auf dem R&#252;cken und S&#228;bel am G&#252;rtel.</p>
<p>Manu war ebenfalls erwacht und zog mich nun mit sich.<br />
„Komm schon Ameniu, wir m&#252;ssen sofort unter Deck! Da warten wir bis alles vor&#252;ber ist.“</p>
<p>„Geh schon vor!“, rief ich, mich nach meinem Reisegep&#228;ck umschauend.<br />
Kaum hatte ich den Stapel entdeckt, hechtete ich geduckt darauf zu. Ich riss das Unterhemd heraus und streifte es mir &#252;ber.</p>
<p>Manu hatte sich indessen nicht vom Fleck bewegt. Jetzt zog ich ihm mit mir: „Los!“</p>
<p>Die Angreifer hatten ihre Waffen gezogen und k&#228;mpften bereits mit der Mannschaft. Das Priesterpaar war schon unter Deck gefl&#252;chtet.<br />
Amendat stand in der Luke am Boden und hielt sie f&#252;r uns auf. Fast hatten wir den rettenden Eingang erreicht.</p>
<p>Im Laufen vernahm ich einen lauten Ruf hinter uns und drehte mich um. Einer der Eindringlinge war auf uns aufmerksam geworden.<br />
Er holte mit seinem Speer aus und schleuderte ihn in unsere Richtung.</p>
<p>Ich wollte mich Ducken und Manu dabei mitrei&#223;en, aber er hatte wohl eine &#228;hnliche Idee. Er warf sich auf mich, um mich zu sch&#252;tzen.<br />
Doch es war zu sp&#228;t. Im Fallen traf ihn der Speer von hinten und durchbohrte ihn.</p>
<p>„Neeeiin!“, schrie ich auf. Das durfte nicht wahr sein! Der verdammte Speer h&#228;tte mich Treffen sollen, er w&#228;re einfach an der Nanostruktur des Hemds abgeprallt.</p>
<p>Manu schrie auf und begrub mich unter ihm. Vorsichtig schob ich ihn zur Seite und befreite mich von der Last seines bewusstlosen K&#246;rpers.<br />
Er musste so schnell wie m&#246;glich medizinisch versorgt werden. Wir mussten den Kampf gewinnen!</p>
<p>Ich blickte mich um. Der Kapit&#228;n focht mit der wilden Entschlossenheit seine Flotte zu verteidigen.<br />
Zwei Besatzungsmitglieder lagen am Boden. Immer noch waren mindestens vier der Fremden an Bord und lieferten sich ein Gefecht mit der Crew.<br />
Ich hatte keine Ahnung, wie die Sache ausgehen w&#252;rde.</p>
<p>Jetzt kam einer der R&#228;uber auf mich zu. Es war derjenige, der den Speer auf Manu geschleudert hatte.<br />
Ich sah mich um, fand aber nichts womit ich mich h&#228;tte verteidigen k&#246;nnen.</p>
<p>Dazu blieb mir auch keine Zeit mehr. Der Angreifer war bereits heran und stie&#223; mir mit aller Wucht sein Schwert in die Rippen.<br />
Doch der Effekt war anders, als er erwartet hatte. Es gab ein gr&#228;ssliches Kreischen und die Luft wurde mir aus den Lungen gepresst. Wie als h&#228;tte mich jemand gerammt, wurde ich ein St&#252;ck nach hinten geschleudert.</p>
<p>Dem S&#228;bel erging es weniger gut. Die Klinge zerbrach in zwei Teile.<br />
Der Mann starrte mich weit aufgerissenen Augen an. Er verstand nicht, was da gerade passiert war.</p>
<p>Diese Schrecksekunden wurden ihm zum Verh&#228;ngnis, denn der Kapit&#228;n war inzwischen herangekommen, um seinen Gast zu besch&#252;tzen.<br />
Ohne zu z&#246;gern durchbohrte er den Eindringling von hinten. Es war eine recht widerliche Angelegenheit. An das Entsetzen in den Augen des Sterbenden w&#252;rde ich mich noch einige N&#228;chte lang erinnern.</p>
<p>„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte mein Retter.<br />
Ich nickte und rappelte mich wieder hoch.</p>
<p>Der Kapit&#228;n jagte sofort zur&#252;ck ins Kampfget&#252;mmel. Das Blatt hatte sich indessen eindeutig zu unseren Gunsten gewendet. Einer der Angreifer wurde soeben &#252;ber Bord bef&#246;rdert.<br />
Der letzte ergriff nun die Flucht, kam aber nicht weit.</p>
<p>„Statusbericht!“</p>
<p><em>„Die Angreifer wurden auf allen Schiffen zur&#252;ckgeschlagen. Der &#252;berlebende Rest flieht. Folge der Kampfhandlungen sind f&#252;nf Verletzte und drei Tote auf unserer Seite.“</em></p>
<p>Ich hastete zu Manu zur&#252;ck, der immer noch am Boden lag und einer dieser Verletzten war. Er war inzwischen aufgewacht, aber der Speer steckte noch unterhalb seiner Schulter.</p>
<p>Ich kniete neben ihm nieder.<br />
„Medizinische Analyse!“, wies ich Elisa an.</p>
<p>Sofort erschien eine dreidimensionale, durchsichtige Abbildung seines K&#246;rpers, welche die verletzte Stelle vergr&#246;&#223;ert dargestellte. Zum Gl&#252;ck schien die Speerspitze simpel gefertigt zu sein und nicht mit Widerhaken oder &#228;hnlichen Gemeinheiten versehen.</p>
<p><em>„Das Wurfgeschoss hat den K&#246;rper zu 78 Prozent durchschlagen. Es sind erhebliche Gewebesch&#228;den entstanden. Eine Rippe ist gebrochen. Lebenswichtige Organe wurden nicht verletzt.</em></p>
<p><em>Empfohlene Notfallbehandlung: Verabreichen Sie dem Verletzen eine Dosis Nanobots, die schmerzstillende und entz&#252;ndungshemmende Medikamente freisetzen. Dann Entfernung des Fremdk&#246;rpers und Anlegen eines Druckverbands. Die Nanobots werden die Geweberegeneration unterst&#252;tzen.<br />
Das medizinische Notfallprogramm des TTEK ist nur f&#252;r Eigenbehandlung ausgelegt, sie m&#252;ssen dem Verletzten das rechte Armteil anlegen.“</em></p>
<p>Das war nicht viel, aber wenigstens konnte ich etwas tun.</p>
<p>Ich nahm seine Hand.<br />
„Alles wird gut Manu. Du wirst wieder gesund“, versprach ich ihm.</p>
<p>Dabei l&#246;ste ich das Ger&#228;t von meinem rechten Arm und streifte es &#252;ber seinen. Zum Gl&#252;ck passte es halbwegs, denn seine Arme waren nicht dicker als meine.<br />
Ein sanftes Zischen verriet mir die erfolgte Injektion. Manu merkte nichts davon.</p>
<p>Die beiden anderen Passgiere waren mittlerweile wieder aus dem Frachtraum geklettert. Der Priester kam gleich auf uns zu und kniete sich mir gegen&#252;ber neben Manu.</p>
<p>„Ich habe am Tempel unter anderem die Medizin studiert. Mal sehen, ob ich ihm helfen kann.“<br />
Dabei begann er die Eintrittswunde des Speers zu untersuchen.</p>
<p>„Wir m&#252;ssen ihn herausziehen“, war sein scharfsinnier Schluss, auf den ich auch ganz ohne Studium der Medizin gekommen w&#228;re.<br />
Amendat ging zu seinem Gep&#228;ck und kramte etwas hervor. Es war ein Lederbeutel, dem er jetzt einen Leinenverband entnahm.</p>
<p>„Den habe ich immer dabei, f&#252;r den Notfall.“</p>
<p>„Haben sie so etwas denn schon mal gemacht?“, fragte ich kritisch, als er Hand an den Speer legen wollte.</p>
<p>„Nicht direkt, aber mein Lehrer hat es mir w&#228;hrend meiner Ausbildung einmal vorgef&#252;hrt.“<br />
Das klang wirklich vertrauenserweckend.</p>
<p>Trotzdem lie&#223; ich ihn gew&#228;hren, denn um meine Erfahrung in diesen Dingen stand es noch schlechter.<br />
Meine letzte ernsthafte Verletzung lag &#252;ber ein Jahr zur&#252;ck. Ich war auf der Leiter einer Wartungsluke im ATR-Geb&#228;ude ausgerutscht, als ich eine Kontrollmessung durchf&#252;hren wollte.<br />
Das war zwar davor noch niemandem passiert, aber Lisa bestand daraufhin auf das Einf&#252;hren einer Seilpflicht f&#252;r Wartungsluken.<br />
Jedenfalls hatte ich wegen des Sturzes mit einem gebrochenen Bein und geprellten Rippen drei Tage auf der Krankenstation gelegen. Danach war Dank der Kombination aus moderner Nano- und Stammzelltechnologie der Bruch weitgehend verheilt.</p>
<p>Wenn ich da an die Geschichten meiner Eltern und Gro&#223;eltern von Gipsbeinen und Kr&#252;cken denke… Ich glaube fast, die Gesellschaft verweichlicht durch diese Fortschritte.</p>
<p>Der Medizinpriester zog gerade den Speer heraus.</p>
<p>„Oh, das tut ja nicht mal weh“, kommentierte Manu die Aktion.<br />
Vielleicht hatte es Elisa mit dem Schmerzmittel etwas zu gut gemeint.</p>
<p>Jetzt wurde der Verband angelegt. Mein Gott, so viel Blut. War das nicht bedenklich?</p>
<p>Ich fragte Elisa danach, erhielt aber die beruhigende Antwort, dass der Blutverlust noch weit unter der kritischen Marke lag.</p>
<p>Der Doktor blickte mit zufriedener Miene auf die verrichtete Arbeit und sprach noch eine Art Zauberformel. Nun, jeder tat was er konnte.<br />
Dann ging er weiter, um sich die anderen Verwundeten anzusehen.<br />
Ich tat dies ebenfalls, beziehungsweise lie&#223; es Elisa tun. Zwei waren bereits tot. Der Kapit&#228;n und ein weiteres Besatzungsmitglied hatten nur leichte Verletzungen davon getragen.</p>
<p>Ich ging also wieder zur&#252;ck zu Manu.<br />
„Wie f&#252;hlst du dich?“</p>
<p>„Ging schon mal besser“, scherzte er. „Aber es tut wenigstens nicht mehr weh.“</p>
<p>„Gut, dann bleib einfach liegen. Ich hole dir einige Kissen zum Unterlegen.“</p>
<p>Nachdem ich Manu in eine bequemere Liegeposition versetzt hatte, trat ich neben den Kapit&#228;n. Er stand aufmerksam ausschauend an der Reling.</p>
<p>„Dieses Gesocks! Das sind W&#252;stennomaden, die sich ihren Lebensunterhalt mit dem Ausrauben von Frachtschiffen verdienen.<br />
Ich danke dir wirklich sehr, Botschafter Ameniu. H&#228;ttest du einen festeren Schlaf gehabt, w&#228;ren wir jetzt vermutlich alle tot.“</p>
<p>Den Dank h&#228;tte ich eigentlich an Elisa weiterreichen m&#252;ssen. Denn ohne sie w&#228;re ich garantiert nicht aufgewacht.</p>
<p>Ich machte den Vorschlag jede Nacht Wachposten aufzustellen.<br />
„Nat&#252;rlich. Das habe ich bereits angeordnet. Es dauert noch drei Stunden, bis die Sonne aufgeht und wir unseren Weg fortsetzen k&#246;nnen. Du solltest solange noch etwas schlafen, Botschafter.“</p>
<p>Ich nickte und kehrte zu meinem Lager zur&#252;ck, das ich kurzerhand neben Manus Liegestelle verlegte.</p>
<p>Ich rauchte zwar nicht, aber wenn es zu dieser Zeit bereits die M&#246;glichkeit gegeben h&#228;tte, w&#228;re ich vielleicht in Versuchung gekommen.<br />
So lag ich noch bis zum Morgengrauen wach, denn an Schlaf war nicht mehr zu denken.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Die Fahrt wurde fortgesetzt, kaum dass sich die ersten Sonnenstrahlen im Wasser spiegelten. Das Fr&#252;hst&#252;ck stand nun an und ich half Manu, sich in eine aufrechtere Sitzposition zu bringen.</p>
<p>Wie mir Elisa mitteilte, machte die Wunde gute Fortschritte.<br />
<em>„Die Geweberegeneration wird in drei Tagen abgeschlossen sein. Au&#223;erdem werden die oberen f&#252;nf Millimeter des Gewebes ausgespart, sodass die Optik der Wunde gewahrt bleibt.“</em></p>
<p>Gut, dass sie daran gedacht hatte. Andernfalls h&#228;tte ich sie etwas bremsen m&#252;ssen, denn die Wundheilung sollte ja nicht zur Wunderheilung werden.</p>
<p>„Wie geht es dir heute Morgen?“, fragte ich Manu.</p>
<p>„Schon viel besser, ich f&#252;hle mich fast wie neu. Nur wenn ich den linken Arm bewege, dann tut es weh. Also halte ich ihn eben still. Ich bin so wie so Rechtsh&#228;nder.</p>
<p>Aber heute Nacht hat es mich echt heftig erwischt. Ich hatte sogar Halluzinationen. Ich sah wie ein Mann mit dem Schwert auf dich losging. Aber anstatt dich zu durchbohren, brach die Klinge entzwei.“</p>
<p>Da war er wohl doch fr&#252;her aus der Ohnmacht erwacht, als ich gedacht hatte.</p>
<p>„Ja, wirklich komisch“, war alles, was mir dazu einfiel.</p>
<p>„Ach so, wieso hast du mir eigentlich deinen Armschmuck umgelegt?“</p>
<p>„Er hat mir immer Gl&#252;ck gebracht. Ich habe gehofft, dass er dir bei der Genesung auch Gl&#252;ck bringt.“<br />
Das war immerhin ein Teil der Wahrheit.</p>
<p>„Dann kannst du ihn ja jetzt zur&#252;ck haben.“</p>
<p>Das ging nicht. Manu durfte ihn auf keinen Fall ablegen, denn ohne die Induktionsenergie aus dem Armteil w&#252;rden die Nanobots ausfallen. Dann w&#228;re es vorbei mit der angenehmen Heilung.</p>
<p>„Nein, behalt ihn noch ein paar Tage an. Nur um sicher zu gehen.“</p>
<p>„Wie du meinst. Komm mal etwas n&#228;her, Ameniu. Ich m&#246;chte dir etwas ins Ohr fl&#252;stern.“</p>
<p>Ich r&#252;ckte neben ihn und hielt im gespannt mein Ohr hin.</p>
<p>„Vielen Dank, dass du dich um mich k&#252;mmerst. Ich liebe dich.“</p>
<p>Ich wurde rot im Gesicht. Das hatte noch Niemand zu mir gesagt.<br />
Aber erwiderte ich diese Liebe? Konnte ich das? Durfte ich das?</p>
<p><strong>Kapitel 12</strong></p>
<p>Endlich! Wir waren am Ziel. Memphis lag wenige Kilometer voraus.</p>
<p>Jetzt, zw&#246;lf Tage nach unserer Abreise, wiederholte sich die Abfolge der Landschaften in umgekehrter Reihenfolge.<br />
Zuerst passierten wir die Felder, auf denen erneut Bauern flei&#223;ig f&#252;r die Kornproduktion sorgten. Dann mehrten sich die H&#252;tten am Wegesrand und schlie&#223;lich erhoben sich hinter der Stadtmauer die ersten Geb&#228;ude vor uns.</p>
<p>Als wir in den Hafen einfuhren, war ich &#252;berrascht von seiner Gr&#246;&#223;e und den Ausma&#223;en der Stadt.<br />
Neben mir standen Manu zu meiner Rechten und das Priesterpaar zu meiner Linken. Alle bestaunten sie wie ich die Metropole &#196;gyptens.</p>
<p>Gleich am dritten Tag meiner Abreise hatte ich den letzten Kontakt zur Basis gehabt. Aber neben der &#220;bermittlung eines zusammenfassenden Berichts – in dem Elisa hoffentlich bestimmte delikate Details ausgespart hatte – waren keine Neuigkeiten zu vermelden gewesen.</p>
<p>Manus Verletzung war bereits soweit abgeheilt, dass er keines Verbandes mehr bedurfte. Trotz Elisas Vorsicht hatte der Priester und Hobbyarzt Amendat, Manu eine „au&#223;erordentliche, ja enorme“ Selbstheilkraft unterstellt. Dem so Gelobten blieb nichts anders &#252;brig, als verlegen mit den Achseln zu zucken und sich &#252;ber die Genesung zu freuen.<br />
Das entliehene Armteil hatte ich auch wieder an mich genommen.</p>
<p><em> „Dr. Marten, ich empfange eine sehr schwache Energiesignatur.<br />
In unserer Herkunftszeit w&#228;re sie unm&#246;glich zu entdecken gewesen. In dieser Zeit aber, unter Abwesenheit jeglicher k&#252;nstlich erzeugter Energie, f&#228;llt das Signal auf.“</em></p>
<p>Eine elektromagnetische Abstrahlung, 1400 Jahre vor Christus! Ich w&#252;rde einen Besen fressen, wenn dies nicht auch die Quelle der von Lisa beschriebenen St&#246;rstrahlung war.</p>
<p>„Wo liegt der Ursprung des Signals?“, fragte ich gespannt.</p>
<p><em>„Eine Lokalisierung ist nicht m&#246;glich, daf&#252;r ist das Signal noch zu schwach. Vielleicht erh&#246;ht sich die Intensit&#228;t, wenn Sie sich der Quelle n&#228;hern.“</em></p>
<p>Das w&#252;rde sie bestimmt. Nur bestand das eigentliche Problem darin, herauszufinden in welcher Richtung diese Quelle zu suchen war. Vielleicht hatte ich ja Gl&#252;ck und das Signal w&#252;rde in der Innenstadt st&#228;rker werden.</p>
<p>„Da w&#228;ren wir. Willkommen in Memphis!“, dr&#246;hnte der Kapit&#228;n hinter uns. „Es war mir ein Vergn&#252;gen mit euch zu reisen. Vergesst euer Gep&#228;ck nicht und m&#246;gen die G&#246;tter mit euch sein.“</p>
<p>Das war wohl der Vor-Vorl&#228;ufer von „Vielen Dank f&#252;r Ihre Reise mit der deutschen Bahn“.</p>
<p>Gutgelaunt gingen Manu und ich von Bord. Der Kapit&#228;n hielt uns noch kurz zur&#252;ck und &#252;bergab uns zwei S&#228;bel mit der Bemerkung „man wei&#223; ja nie“.<br />
Was ich vor allem nicht wusste war, wie im Ernstfall mit dem Teil umzugehen w&#228;re.</p>
<p>Wir verabschiedeten uns noch herzlich von Amendat und Aneksi, die uns mit der Aufforderung entlie&#223;en, sie doch mal zu besuchen.</p>
<p>Etwas ratlos stand ich vor dem Anlegeplatz unseres Schiffs.<br />
„Wohin nun?“, fragte ich Manu.</p>
<p>„Ich dachte, du sagst mir das? Schlie&#223;lich suchst du ja Jemanden, nicht ich.“</p>
<p>„Sicher. Ich dachte auch weniger an die Suche, bei der ich &#252;brigens auch noch nicht wei&#223;, wo anzufangen sei. Ich hatte dabei mehr die Frage im Sinn, wo wir heute Nacht unterkommen sollen?“</p>
<p>Ob es damals auch so etwas wie ein Hotel oder zu mindestens Gasthaus gab?</p>
<p>„Oh, da wei&#223; ich schon was. Ein Teil der Familie meiner Frau lebt hier. Sie werden uns sicher f&#252;r ein paar N&#228;chte aufnehmen.“</p>
<p>„Meinst du wirklich? Immerhin bist du nicht gerade in Frieden abgereist. Vielleicht hat sie ihrer Familie irgendwas gesagt?“</p>
<p>Manu lachte nur.<br />
„Erstens w&#252;rde sie das wegen ihres Stolzes niemals tun. Zweitens, wie h&#228;tte sie das bewerkstelligen sollen? Kein Schreiben von ihr k&#246;nnte vor uns angekommen sein.“</p>
<p>Ah, nat&#252;rlich. Ich war eben gepr&#228;gt vom Zeitalter der globalen Kommunikationsnetze. Jederzeit und &#252;berall erreichbar.</p>
<p>In meinem Fall hatte vor allem <em>jederzeit</em> eine besondere Wahrheit.</p>
<p>„Na gut, dann lass uns erst mal dorthin gehen. Wir k&#246;nnen ja morgen mit der Suche beginnen. Au&#223;erdem wird es schon dunkel.“</p>
<p>„Du wirst sehen, meine Schwiegermutter wird sich &#252;ber den Besuch freuen. Seit ihr Mann gestorben ist, hat sie nicht mehr viel Besuch.“</p>
<p>So schritten wir also durch die belebten Stra&#223;en Memphis. Eigentlich sah es genauso aus wie in Theben, nur noch etwas gr&#246;&#223;er und mit mehr Menschen.<br />
Ab und zu passierten wir einen Brunnen oder eine gr&#246;&#223;ere Zisterne. Dort war immer Betrieb und man konnte die Frauen und Kinder beim Wassersch&#246;pfen beobachten. Manche standen einfach nur plaudernd da.<br />
Alles schien mir einen harmonischen, ja fast idyllischen Eindruck zu machen. Aber vielleicht t&#228;uschte das auch.</p>
<p>Die n&#228;chste Stra&#223;e war bereits weniger belebt. Auch machten die H&#228;user hier einen etwas heruntergekommen Eindruck.<br />
Manu bog in eine Seitenstra&#223;e ein und hier verst&#228;rkte sich dieser Eindruck noch.</p>
<p>„Sag mal, bist du dir sicher mit dem Weg?“</p>
<p>„Naja, mein letzter Besuch liegt schon drei Jahre zur&#252;ck. Und die Stadt ist seitdem gewachsen. Ich glaube, wir sollten da vorne wieder nach links gehen.“</p>
<p>Mit anderen Worten, wir hatten uns verirrt. Nun, wir w&#252;rden unser Ziel schon irgendwann finden. Auch ohne Stadtplan.</p>
<p>Gerade als wir um die Ecke biegen wollten, sprang Jemand vor uns aus dem Schatten der H&#228;userwand. Er hielt ein Messer in der Hand.</p>
<p>Das durfte nicht wahr sein! Hatten wir etwa ein Schild „bitte &#252;berfallen“ auf dem R&#252;cken?<br />
Andererseits waren wir selbst schuld. Wir h&#228;tten diese zwielichtige Stra&#223;e erst gar nicht betreten sollen. Und erst recht nicht bei D&#228;mmerung.</p>
<p>Manu zog sofort seinen S&#228;bel. Ich tat es ihm gleich.<br />
Wir wichen langsam zur&#252;ck, wobei der R&#228;uber uns folgte.</p>
<p><em>„Achtung! Hinter Ihnen befindet sich ein weiterer Angreifer.“</em></p>
<p>Ich schnellte herum und sah das Elisa Recht hatte. Sie hatten uns von beiden Seiten her eingekesselt.</p>
<p>„Gebt mir euren Schmuck und euch wird nichts geschehen!“</p>
<p>Da ich keinen Schmuck besa&#223;, meinte der Dieb wohl Manu.</p>
<p>„Niemals!“, antwortete dieser zu meiner &#220;berraschung.<br />
Ich vertrat klar die Meinung, dass Nachgeben in dieser Angelegenheit kl&#252;ger w&#228;re.</p>
<p>„Wir sollten tun, was sie verlangen, Manu. Ich will nicht, dass du nochmal verletzt wirst.“<br />
Au&#223;erdem trug ich mein Unterhemd nicht. Ich hatte es mir im W&#228;schestapel unter den Arm geklemmt.</p>
<p>Aber Manu hatte seinen Stolz. Er blieb stur.<br />
„Ameniu, du k&#252;mmerst dich um den hinter uns. Ich nehme den vorderen.“</p>
<p>Das konnte nicht sein Ernst sein. Ich hatte doch nicht die leiseste Ahnung vom Schwerkampf. Ich wollte einen entsprechenden Einwand formulieren, doch es war zu sp&#228;t. Manu und der Dieb kreuzten bereits die Klingen.</p>
<p>Mein Gegner schien das als Aufforderung zu werten, ebenfalls zu beginnen. Er st&#252;rmte los.</p>
<p>Da ich im Kampf gegen ihn chancenlos w&#228;re, verlegte ich mich auf ein Ablenkungsman&#246;ver. Ich nahm das B&#252;ndel W&#228;sche und schleuderte es ihm entgegen.</p>
<p>Es klirrte als mein Wurfgeschoss mit seinem S&#228;bel kollidierte. Er hatte wohl das Unterhemd getroffen.<br />
Der Zusammensto&#223; hatte zwar seiner Klinge nicht geschadet, lenke ihn aber f&#252;r einen Moment ab.</p>
<p>Einige Schritte neben mir lag ein faustgro&#223;er Stein am Wegesrand. Ich hechtete zu der Stelle, um ihn aufzuheben.<br />
Manu schlug sich auch nicht gerade gut. Der R&#228;uber schien sein Handwerk zu beherrschen. Sicher jahrelange Berufspraxis.</p>
<p>Sobald ich ihn in der Hand hielt, schleuderte ich den Stein mit aller Wucht auf meinen Kontrahenten. Der drehte sich gerade zu mir, um die Verfolgung wieder aufzunehmen. Dazu kam es aber nicht.<br />
Der Stein traf ihn hart im Gesicht. Er verlor das Gleichgewicht und kippte um.</p>
<p>Auf dem Boden aufgekommen regte er sich nicht mehr. So weit so gut.</p>
<p>Bei Manus Gegner sah die Sache etwas anders aus. Der hatte es inzwischen fertiggebracht meinen Freund zu entwaffnen.<br />
Er hielt ihm die Klinge an den Hals. Manu keuchte.</p>
<p>Verdammt! Ich musste etwas tun.</p>
<p>„Hey!“, rief ich. „Du kannst meinen Schmuck haben. Hier ist er.“<br />
Dabei l&#246;ste ich das rechte Armteil des TTEK von meinem Arm und hielt es ihm hin. Jedoch nicht wahllos, sondern in einer bestimmten Lage. Mit nur etwas Gl&#252;ck w&#252;rde er beim Zugreifen das Injektionsmodul an der Innenseite ber&#252;hren.</p>
<p>„Bet&#228;ube ihn, sobald Haukontakt besteht!“, wies ich Elisa lautlos an.</p>
<p>Der Dieb lachte.<br />
„Sie sind doch alle gleich, die Reichen. Selbstsicher ziehen sie. Selbstsicher k&#228;mpfen sie. Aber wenn es dann um ihr Leben geht, kommen sie angerkochen.“</p>
<p>Er griff nach dem Armteil.<br />
„Auch das andere“, schnauzte er mich an. „Und du auch“, wies er auf Manu.</p>
<p><em>„Ich konnte 23 Nanobots injizieren. Sie wurden programmiert zur n&#228;chsten Ader vorzudringen und dort das Bet&#228;ubungsmittel abzugeben.“</em></p>
<p>Das war nicht gerade eine beachtliche Menge. Ich hoffe nur, dass das Pr&#228;parat stark genug war.</p>
<p>Manu hatte inzwischen mit dem Ablegen seinen Schmucks begonnen.<br />
Ich sah mich um. Der auseinandergefallene W&#228;schestapel lag nur einen Meter entfernt. Wenn wir schnell fliehen mussten, konnte ich ihn mitnehmen. Das war gut, denn ich wollte auf keinen Fall auf das Unterhemd verzichten.</p>
<p>Ich betrachtete den verbliebenen Dieb ganz genau. Jetzt warf er das Armteil in einen Beutel, um Manus Schmuck entgegen zu nehmen.<br />
Ich hoffte inst&#228;ndig, dass die Nanobots bereits eine Ader erreicht hatten. Wenn nicht, w&#228;re es zu sp&#228;t. Ohne die Energiequelle des TTEK waren sie nur ein Haufen Mikroschrott.</p>
<p>Pl&#246;tzlich fing der Mann heftig an zu blinzeln. Er strauchelte nach hinten.</p>
<p>„Komm!“, schrie ich Manu zu. Ich rannte zu dem W&#228;schehaufen und klaubte auf, was ich in die Finger bekam.<br />
Dann riss ich dem verwunderten Kriminellen den Beutel aus der Hand. Rennend nahm ich den Weg Richtung Innenstadt, der verdutzte Manu neben mir.</p>
<p>Wir rannten die Stra&#223;e entlang.<br />
Unser Verfolger hatte sich von der geringen Dosis inzwischen erholt. Mit flinken Schritten setzte er uns nach.</p>
<p>„Schneller! Er ist hinter uns.“</p>
<p>Wir liefen so schnell wir konnten. Zum Zur&#252;ckblicken war keine Zeit mehr.<br />
Eine halbe Minute sp&#228;ter hatte sich die Umgebung ver&#228;ndert. Die Wege waren wieder breiter und eine Hauptstra&#223;e schien ganz in der N&#228;he zu verlaufen. Selbst einige Menschen kreuzten unseren Weg.</p>
<p>Keuchend und prustend blieben wir stehen und sahen uns um. Von dem Dieb war keine Spur mehr. Er traute sich offensichtlich nicht, uns in belebtem Gebiet zu verfolgen.</p>
<p>Manu zeigte ein erleichtertes Gesicht.<br />
„Puh… da haben wir wirklich Gl&#252;ck gehabt. Der hatte wohl etwas zu viel Wein intus. Wollte sich Mut antrinken, oder so.“</p>
<p>Es war schon interessant, wie gut Manu es verstand, Erkl&#228;rungen f&#252;r solche Dinge zu finden. Obwohl mir das mit dem Wein nicht sehr plausibel erschien. Schlie&#223;lich hatte der R&#228;uber sehr wachsam gek&#228;mpft.<br />
Aber ich w&#252;rde mich h&#252;ten, ihm diese Zweifel an seiner Theorie mitzuteilen.</p>
<p>„Wie kommen wir jetzt zu der Familie deiner Frau?“, fragte ich stattdessen.</p>
<p>„Die Gegend hier kommt mir bekannt vor. Ich glaube, ich finde den Weg jetzt.“</p>
<p>Und tats&#228;chlich, wenige Minuten sp&#228;ter standen wir vor einem Haus, das Manu als das Richtige wiedererkannte. Er bet&#228;tigte den Klopfer an der T&#252;r.</p>
<p>Kurz darauf erschien eine junge Dienerin. „Ihr w&#252;nscht?“, fragte sie uns.</p>
<p>„Ich bin Imanuthep, der Mann  von Naha. Und dies ist Botschafter Ameniu. Ist die Herrin des Hauses zu sprechen?“</p>
<p>„Tretet doch ein. Ich werde euch bei Shani melden.“</p>
<p>Wir betraten den Empfangsraum. Ich f&#252;hlte mich gleich an Manus Behausung erinnert, denn der Baustil war ganz derselbe. Nur war der Raum etwas anders ausgestattet und die W&#228;nde anders geschm&#252;ckt.</p>
<p>Eine Frau, wohl Ende 30, kam uns entgegen. Ich vermutete, dass es Shani war, Nahas Mutter und die hiesige Hausherrin.</p>
<p>„Manu! Sch&#246;n dich wieder mal zu Gesicht zu bekommen. Und wie ich sehe, hast du mir einen Gast mitgebracht. Willkommen in meinem Haus, Botschafter Ameniu.“</p>
<p>Ich verbeugte mich leicht.</p>
<p>„Aber was f&#252;hrt dich hierher, Manu? Ich hoffe doch, es gibt nichts zu Beklagen. Ich meine wegen meiner Tochter.“</p>
<p>„Aber nein!“, beeilte sich Manu zu versichern. Diese Frage hatte ihn ein wenig verlegen gemacht. Er dachte sich sicher, dass wenn man sich beklagen m&#252;sse, dann wohl &#252;ber ihn.</p>
<p>„Ich bin gesch&#228;ftlich hier, zusammen mit meinem Freund, dem Botschafter. Da ich hier eigentlich niemanden kenne au&#223;er dir, habe ich mich gefragt, ob wir nicht f&#252;r die Dauer unseres Aufenthalts bei dir unterkommen k&#246;nnen. Es sind auch maximal ein paar Tage.“</p>
<p>Das Gesicht der Witwe erhellte sich. Die Aussicht auf Gesellschaft, wenn auch nur f&#252;r eine Weile, schien sie zu freuen.</p>
<p>„Nichts lieber als das, ihr k&#246;nnt bleiben solange ihr wollt. Du kennst dich ja aus, Manu. Im ersten Stock sind die G&#228;stezimmer. Davon haben wir seit dem Tod meines Mannes – m&#246;ge Re &#252;ber ihn wachen – genug.<br />
Wenn ihr soweit seid, erwarte ich euch im Garten. Ihr seid sicher hungrig. Ich werde gleich etwas auftragen lassen.“</p>
<p>Dankend gingen wir nach oben. Shani erinnerte mich sehr an meine Gro&#223;mutter. Immer um ihre Sch&#252;tzlinge besorgt, die in ihren Augen stets am Verhungern sein m&#252;ssten.</p>
<p>Wir lie&#223;en sie deshalb auch nicht lange warten. Nachdem wir unser geringes Gep&#228;ck in den beiden – nat&#252;rlich getrennten – Zimmern abgeladen hatten, machten wir uns auf den Weg in den Garten.</p>
<p><em>„Durch Korrelation des Signal-Intensit&#228;tsverlaufs mit ihrer Position, w&#228;hrend Sie sich durch die Stadt bewegten, konnte ich den Ursprungsort des Signals eingrenzen. Immer vorausgesetzt, das Signal hat sich w&#228;hrenddessen nicht bewegt.“</em></p>
<p>Elisa blendete eine Karte ein, auf der das vermutliche Ursprungsgebiet des Signals markiert war. Ich stolperte und w&#228;re fast die Treppe heruntergefallen, da ich die Stufen nicht mehr richtig sehen konnte.<br />
Manu fing mich gerade noch rechtzeitig auf.</p>
<p>„Ameniu, was machst du nur f&#252;r Sachen. Selbst beim Treppensteigen muss ich auf dich aufpassen.“</p>
<p>Elisa hatte die Karte sofort wieder ausgeblendet.<br />
<em>„Entschuldigen Sie, Dr. Marten. Diesen Parameter hatte ich nicht bedacht.“</em></p>
<p>Kein Wunder. Der Parameter <em>menschliche Dummheit</em> war Computern eben fremd.</p>
<p>Um das Signal w&#252;rde ich mich morgen k&#252;mmern. Auch wenn ich am liebsten jetzt danach gesucht h&#228;tte, es ging nicht.<br />
Wie wir am eigenen Leib erfahren hatten, sollte man die Stra&#223;en nachts meiden.</p>
<p>„Setzt euch doch. Es ist nicht gerade viel &#252;brig, ich hoffe es reicht euch.“</p>
<p>Scherzte die Frau? Der Tisch war beladen mit allerlei Obst, gekochtem Gem&#252;se und verschiedenem Fleisch. Es war zweifelhaft, ob wir das alles w&#252;rden verdr&#252;cken k&#246;nnen.<br />
Ich hatte eher das Gef&#252;hl, die Vorratskammer Shanis warte nur auf einen Besuch wie unseren.</p>
<p>„Aber erz&#228;hlt mir etwas. Ich bin eine alte Frau und komme nicht mehr viel herum. Wie war die Reise?“</p>
<p>Alt war sie sicher nicht. Aber ich dachte auch in Verh&#228;ltnissen des 21. Jahrhunderts, mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren. Hier waren es nur 35.</p>
<p>Ich &#252;berlie&#223; Manu das Reden. Der erz&#228;hlte dann auch seiner Schwiegermutter von der Reise. Wobei er sich im Wesentlichen auf den spannenden Teil beschr&#228;nkte, den &#220;berfall.</p>
<p>„Bei den G&#246;ttern“, „Nein, ist es m&#246;glich?“, „Du, verletzt?!“<br />
So und &#228;hnlich waren ihre Kommentare. Sie genoss es sichtlich, eine solch spannende Geschichte serviert zu bekommen. Ich genoss derweil die servierten Gerichte.</p>
<p>Noch gr&#246;&#223;er als ihre Freude war nur die Sorge um ihren Schwiegersohn.<br />
„Und jetzt bist du wieder gesund?“</p>
<p>„Ja, v&#246;llig gesund. Der mitreisende Priester war gl&#252;cklicherweise heilkundig.“</p>
<p>Von dem erneuten &#220;berfall erz&#228;hlte Manu aber nichts. Es war wohl besser so, schlie&#223;lich sollte Shani nicht unn&#246;tig beunruhigt werden.</p>
<p>Das Gespr&#228;ch zwischen den beiden war verebbt und die Hausherrin wandte sich mir zu.</p>
<p>„Lieber Botschafter, jetzt musst du mir aber auch etwas von dir erz&#228;hlen. Ich glaube du hast noch kein einziges Wort gesagt, seitdem ihr hier seid.“</p>
<p>Nun, das hatte irgendwann kommen m&#252;ssen. Stummheit konnte ich nicht mehr vort&#228;uschen, denn das passte mit meiner Eigenschaft als vermeintlicher Botschafter einfach nicht zusammen.</p>
<p>Ich fand es immer noch etwas verwirrend, dass die &#196;gypter keine f&#246;rmliche Anrede besa&#223;en. F&#246;rmlichkeit entstand durch die Nennung des Titels.</p>
<p>„Es tut mir leid Shani, dass ich bisher schweigsam war. Meine Sprachkenntnisse sind nicht so gut.“</p>
<p>„Oh, die scheinen hervorragend zu sein, mein lieber Ameniu. Nur hapert es an der Aussprache. Aber lass mich dir ein paar Tipps geben.<br />
Oder noch besser, lass mich dir einige Sehensw&#252;rdigkeiten unserer sch&#246;nen Stadt empfehlen.“</p>
<p>Zwar war ich nicht auf Sightseeing-Tour hier, lie&#223; mich aber notgedrungen belehren.</p>
<p>„Allen voran w&#228;ren da die drei gro&#223;en Pyramiden der Pharaonen Cheops, Chephren und Mykerinos. Sie sind sehr beeindruckend aus der N&#228;he.<br />
Wobei es dort in letzter Zeit spuken soll, wenn man nach dem Gerede der Leute geht. Aber darauf gebe ich nichts.“</p>
<p>Manu lachte leise in sich hinein. Sicher w&#252;nschte er sich, Naha w&#252;rde ebenso denken.</p>
<p><strong>Kapitel 13</strong></p>
<p>Der n&#228;chste Morgen kam und ich wachte verschlafen in meinem Bett auf.<br />
Es war recht sp&#228;t geworden, bis uns die Dame aus ihrer Gesellschaft entlassen hatte.</p>
<p>Manu und ich schliefen selbstverst&#228;ndlich in getrennten Zimmern. Ein Gutenachtkuss war das h&#246;chste, was an Z&#228;rtlichkeiten drin war. Alles andere w&#228;re zu gef&#228;hrlich gewesen.</p>
<p>Das letzte was Manu wollte war, dass auch seine Schwiegermutter hinter sein kleines Geheimnis kam.<br />
Ich fragte mich jedoch wie das weiter gehen sollte. Ich konnte doch nicht immer sein als Diener getarnter, geheimer Liebhaber sein. Oder?<br />
Und seiner Frau konnte ich erst recht nicht mehr unter die Augen treten.</p>
<p>Egal, diese Fragen mussten warten. Erst w&#252;rde ich mich um das Signal k&#252;mmern.</p>
<p>„Zeig mir nochmal die Karte, Elisa.“</p>
<p>Die virtuelle Landkarte, die mir gestern fast zum Verh&#228;ngnis geworden w&#228;re, erschien erneut. Die Stadt Memphis war als grober Umriss eingezeichnet.</p>
<p>Einige Kilometer entfernt war das vermutliche Ursprungsgebiet des Signals markiert.</p>
<p>Es handelte sich um die Umgebung der Pyramiden von Gizeh.<br />
Sehr interessant. Vielleicht war in dem Ger&#252;cht &#252;ber vermeintlichen Spuk doch etwas Wahrheit enthalten.</p>
<p>„Hat das Signal seine Position &#252;ber Nacht ver&#228;ndert?“</p>
<p><em>„Das l&#228;sst sich nicht mit Bestimmtheit feststellen. Es ist aber keine signifikante &#196;nderung der Signalst&#228;rke erfolgt, was auf einen station&#228;ren Aufenthalt des Signals hinweist.“</em></p>
<p>Also w&#252;rde ich auf jeden Fall in diesem Gebiet mit der Suche beginnen.</p>
<p>Ich g&#228;hnte und streifte mir die inzwischen vertraute Bekleidung &#252;ber.<br />
Die Pyramiden lagen mehrere Kilometer entfernt. Ich w&#252;rde einen Wagen ben&#246;tigen, um dorthin zu gelangen.</p>
<p>Obwohl ich Manu nicht in die Sache mit hineinziehen wollte, blieb mir keine Wahl. Ich h&#228;tte ihm kaum verkaufen k&#246;nnen, dass ich die Pyramiden gerne ohne ihn besichtigen w&#252;rde.</p>
<p>Zun&#228;chst ging ich ins Bad, um mich ein wenig frisch zu machen. Die Hygienestandards entsprachen freilich nicht dem neuzeitlichen Niveau, aber es war besser als nichts. Sogar eine Art Zahnb&#252;rste hatte Manu mitgebracht. Anstatt Zahnpasta wurde eine Natronl&#246;sung verwendet.</p>
<p>Ich war fast fertig, als Manu hereinkam.</p>
<p>Er strahlte mich an. „Gegr&#252;&#223;t sei Re!“</p>
<p>Ich erwiderte diesen &#228;gyptischen Morgengru&#223; und setzte noch einen schnellen Kuss hinterher.</p>
<p>„Pass lieber auf, sonst kommt meine Schwiegermutter gleich durch die T&#252;r.“<br />
Das hielt ihn aber nicht davon ab, mir seinerseits einen weitaus innigeren Kuss zu g&#246;nnen. Unsere Zungen umkreisten einander. H&#228;tte ich die Z&#228;hne noch nicht geputzt, w&#228;re das danach nicht mehr n&#246;tig gewesen.</p>
<p>Viel zu schnell l&#246;sten wir uns wieder. Meinetwegen h&#228;tte ich noch Tage so ausharren k&#246;nnen, geborgen in seinen Armen und den Rest der Welt ausblendend.<br />
Auch mein kleiner Freund machte sich bemerkbar. In den N&#228;chten auf dem Schiff war an Z&#228;rtlichkeiten nicht viel drin gewesen. Es wurde Zeit das nachzuholen.</p>
<p>Aber nicht jetzt, dachte ich mir. Ich musste dieses Signal aufsp&#252;ren, bevor es zu sp&#228;t war. Wer wei&#223; schon, ob es nicht morgen erloschen sein w&#252;rde.</p>
<p>„Wir m&#252;ssen runter, Manu. Shani wartet sicher schon mit dem Fr&#252;hst&#252;ck.“</p>
<p>Und es wurde langsam Zeit, mein heutiges Ausflugsziel ins Spiel zu bringen.</p>
<p>„Ich w&#252;rde mir heute gerne die Pyramiden ansehen, Manu.“</p>
<p>„Aber wolltest du nicht unbedingt deinen Matrosen suchen? “</p>
<p>„Ja, schon. Aber das k&#246;nnen wir doch am Nachmittag machen, erst mal etwas entspannen.“</p>
<p>Puh, ich hoffte, ich w&#252;rde aus dieser Kollegen-Such-Geschichte heil wieder herauskommen.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>„Gute Fahrt! Aber seid rechtzeitig zum Essen wieder zur&#252;ck“, rief Shani dem mit uns davonrollenden Wagen nach.<br />
Manu verdrehte die Augen. „Es ist ganz gut, dass ich nicht hier wohne.“</p>
<p>Ich musste lachen. „Sei doch froh, eine so f&#252;rsorgliche Schwiegermutter zu haben. Da gibt es ganz andere…“</p>
<p>Wir fuhren in gem&#228;chlichem Tempo durch die Stra&#223;en. Ich war erleichtert, jetzt oben auf dem Wagen zu sitzen. Zum einen vor der Sonne gesch&#252;tzt, zum anderen vor Dieben. Hoffentlich.</p>
<p>Es dauerte nicht lange und wir passierten die Stadtmauer. Zun&#228;chst waren die H&#252;tten und Felder um uns, dann nur noch staubige W&#252;ste. Die Luft war sehr trocken heute.</p>
<p>Manu schaute zum Horizont.<br />
„Hoffentlich kommt kein Sandsturm auf.“</p>
<p>Der Hoffnung schloss ich mich an. Wie sollte ich etwas finden, von dem ich nicht einmal wusste wie es aussah, wenn mir ein Sandsturm die Sicht nahm.</p>
<p>„Es ist nicht mehr weit“, h&#246;rte ich den Wagenlenker von vorne rufen.</p>
<p>In der Tat waren die Pyramiden seit einiger Zeit im Hintergrund erkennbar und legten immer mehr an Gr&#246;&#223;e zu. Im Vordergrund, vielleicht 100 Meter entfernt, lag eine kleine Siedlung. Sie wurde wohl von Menschen genutzt, die bei den Pyramiden arbeiteten.<br />
Vielleicht entrichteten sie einen religi&#246;sen Dienst, vielleicht auch nur handwerkliche Instandhaltungsarbeiten.</p>
<p>Wir waren noch nicht bei der Siedlung angelangt, als sich die Sicht dramatisch verschlechterte. Wind kam auf und Staub verschleierte die Sicht.</p>
<p>„Also doch, der Sandsturm ist da. Hier binde dir das Tuch um Mund und Nase.“</p>
<p>Dankbar nahm ich das Leinen und band es hinter meinem Kopf zusammen.</p>
<p>Die Sicht war mittlerweile bis auf wenige Meter gesunken. W&#228;re nicht unmittelbar neben uns ein Geb&#228;ude aufgetaucht, h&#228;tte ich unsere Einfahrt in die Siedlung gar nicht bemerkt.<br />
Die Pyramiden waren im Sandgest&#246;ber erst recht nicht mehr auszumachen.</p>
<p>Manu wandte sich zu mir um.<br />
„Am besten wir suchen Schutz im Keller eines der H&#228;user und warten bis der Sturm vor&#252;ber ist. So w&#252;rden wir jedenfalls nichts von den Pyramiden haben.“</p>
<p>„Es wird das Beste sein“, stimmte ich zu.</p>
<p>Meine Augen juckten furchtbar. Ich rieb daran, aber es wurde eher schlimmer. Der Staub vertrug sich offenbar nicht mit den Kontaktlinsen.<br />
Ich versuchte sie herauszuholen, was als Unge&#252;bter gar nicht so leicht war. Einen Moment lang dachte ich, sie in den Fingern zu halten, was sich aber als Irrtum erwies.</p>
<p>„Ameniu, kommst du? Wir k&#246;nnen in diesem Haus Unterschlupf finden. Der Hausherr ist so nett uns Einlass zu gew&#228;hren.“</p>
<p>Wir gingen also in das Haus. Der Besitzer f&#252;hrte uns in den Keller, wo auch seine Frau und Kinder bereits Zuflucht gesucht hatten. Die oberen Stockwerke waren kaum gesch&#252;tzt, da die Fenster keine Scheiben besa&#223;en.</p>
<p><em>„Systemfehler #134 – Verbindung zu Visorlinsen abgebrochen.“</em></p>
<p><em>Verdammt!</em> Das durfte nicht wahr sein. Was war ich auch f&#252;r ein Idiot.<br />
Bei meinem Versuch sie abzulegen, muss ich die Linsen verloren haben. Eine Chance, sie nach diesem Sturm wiederzufinden, gab es nicht.</p>
<p>Nun, dann w&#252;rde ich mich in Gespr&#228;chen eben noch k&#252;rzer fassen m&#252;ssen. Denn Elisa w&#252;rde mir die &#220;bersetzung jetzt vorlesen m&#252;ssen, die ich dann nachzuplappern hatte.</p>
<p>„Keine Sorge, Ameniu. Das kommt hier &#246;fters vor. Es wird sicher nicht l&#228;nger als eine Stunde dauern.“</p>
<p>Manu hatte wohl meinen besorgten Gesichtsausdruck gesehen und ihn auf den Sandsturm zur&#252;ckgef&#252;hrt.<br />
Er sa&#223; neben mir an die Wand gelehnt und l&#228;chelte mich an. Ich l&#228;chelte zur&#252;ck.</p>
<p>Ich hatte wirklich unglaubliches Gl&#252;ck gehabt, auf Manu zu treffen. Wer wei&#223;, wo ich ohne ihn gelandet w&#228;re und ob ich noch leben w&#252;rde.<br />
Au&#223;erdem war er immer so f&#252;rsorglich und richtig s&#252;&#223;. Allein schon wie er l&#228;chelte, es war traumhaft.</p>
<p>Phillip, bist du etwa verliebt?<br />
Tja… ich denke, dem war so.</p>
<p><em>„Dr. Marten, die fremde Energiesignatur ist in dieser Gegend deutlich st&#228;rker. Ich kann ihre Position jetzt auf einen Meter genau bestimmen.<br />
Sie bewegt sich exakt auf Sie zu.“</em></p>
<p>S&#228;&#223;e ich nicht schon auf dem Boden, h&#228;tte ich garantiert weiche Knie bekommen. Das konnte einfach kein Zufall sein. Das Signal kam <em>exakt</em> auf uns zu.<br />
Wer oder was auch immer es war, es musste meine Anwesenheit sp&#252;ren. Wahrscheinlich konnte es die Energieabstrahlung des TTEKs ebenso orten wie ich seine.</p>
<p>Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Was sollte ich jetzt tun? Stand ich kurz davor in Kontakt mit einer au&#223;erirdischen Lebensform zu treten?</p>
<p>Oder was viel wichtiger war, w&#252;rde sie mir friedlich gesonnen sein?<br />
Ich musste auf jeden Fall verhindern, dass die Begegnung hier drinnen stattfand. Der Keller bot keine Fluchtwege. Au&#223;erdem wollte ich Manu und die anderen auf keinen Fall gef&#228;hrden.</p>
<p>„Manu, ich muss kurz nach drau&#223;en. Egal was passiert, bleib hier.“</p>
<p>Ohne eine Antwort abzuwarten, hastete ich nach oben und hinaus in den Sandsturm.</p>
<p>„Wie weit ist das Signal noch entfernt?“</p>
<p><em>„Weniger als zehn Meter. Von Ihrer jetzigen Blickrichtung aus zehn Grad nach links.“</em></p>
<p>Die Sicht war miserabel. Ich starrte intensiv in die angegebene Richtung, sah aber nichts.</p>
<p><em>„Der Energiewert hat sich gerade…“</em></p>
<p>Noch bevor Elisa ihren Satz beenden konnte, gab es einen lauten Knall. Ein greller Lichtblitz durchzuckte die tr&#252;be Luft und traf mich in die Brust.<br />
Ich schrie auf.</p>
<p>Es war als w&#228;re ich von einem ICE erfasst worden. Ich wurde mehrere Meter zur&#252;ck geschleudert. Alle Luft wurde aus meinen Lungen gepresst.<br />
Ich hatte das Gef&#252;hl zu verbrennen.</p>
<p>Hart schlug ich auf dem Sand auf. Meine Rippen schmerzten h&#246;llisch.</p>
<p><em>„Medizinische Diagnose. Keine Br&#252;che oder Quetschungen. Leichte Verbrennung. Injiziere Nanobots zur Hautregeneration.</em></p>
<p><em>Taktische Diagnose. Angriff durch eine Hochenergiewaffe. Strake kinetische und thermische Wirkung.“</em></p>
<p>Das hatte ich gemerkt. Zum Gl&#252;ck hatte mein Schutzhemd das meiste abgefangen. An der getroffenen Stelle war der Stoff schwarz geworden und steinhart. Offenbar war die Nanolegierung geschmolzen und somit unbrauchbar.<br />
Es war unsicher, ob ich einen weiteren Treffer &#252;berleben w&#252;rde.</p>
<p>Ich rollte mich herum und sondierte die Umgebung. Ein Haus stand nur wenige Meter entfernt. So schnell wie m&#246;glich kroch ich &#252;ber den Boden dahinter.</p>
<p>„Wo ist der Feind jetzt?“</p>
<p><em>„Direkt hinter diesem Geb&#228;ude. Er n&#228;hert sich jetzt von rechts.“</em></p>
<p>Mist! Ich raffte mich hoch und begann nach links herum um das Geb&#228;ude zu gehen. Diese Taktik w&#252;rde mein Widersacher sicher rasch durchschauen, aber mir fiel auf die Schnelle nichts anderes ein.</p>
<p>„Ameniu, wo bist du? Ist alles klar bei dir? Ich habe einen Schrei geh&#246;rt.“</p>
<p>Auch das noch! Manu war herausgekommen. Wenn das Alien mit mir durch war, w&#252;rde er als n&#228;chster an die Reihe kommen. Ich musste ihn besch&#252;tzen.</p>
<p>Ich hechtete auf das gegen&#252;berliegende Haus zu, vor dem sich die Silhouette Manus abzeichnete.</p>
<p>„Geh wieder runter! Zu gef&#228;hrlich!“<br />
Mehr bekam ich in der kurzen Zeit nicht zusammen. Manu sah mich nur verst&#228;ndnislos an.</p>
<p><em>„Achtung, hinter Ihnen!“</em></p>
<p>Schlagartig drehte ich mich herum und stellte mich somit vor Manu. Die Umrisse des Angreifers sch&#228;lten sich aus den Staubschwaden heraus.</p>
<p>„Was willst du von uns?!“, schrie ich dem Schatten entgegen. Aber es war kein Schatten mehr, denn der Staub hatte sich etwas gelegt.</p>
<p><em>Mein Gott!</em> Das war kein Alien. Es war ein Mensch.</p>
<p>Der Angreifer blieb wie angewurzelt stehen. Er starrte mich an und blinzelte, als w&#228;re ich ein Gespenst. Ich starrte wohl ebenso zur&#252;ck.</p>
<p>Pl&#246;tzlich begann er zu zittern und zu stammeln. „Ich… das…“<br />
Er stammelte auf Englisch! Irgendein undefinierbarer Akzent, aber es war definitiv Englisch.</p>
<p>Er fiel jetzt zu Boden, auf seine Knie und hielt sich die H&#228;nde vor das Gesicht. Der Fremde schluchzte.</p>
<p>Oh Mann, in was war ich hier nur hereingeraten?</p>
<p>Manu stand hinter mir und be&#228;ugte den Mann kritisch. Auch ich musterte ihn jetzt genauer. Da er das Gesicht in seinen H&#228;nden vergrub, sah ich nur sein schulterlanges blondes Haar.<br />
Er musste etwa in meinem Alter sein.</p>
<p>Seine Kleidung bestand aus einem Ganzk&#246;rperanzug, der mich als Laie an einen Neoprenanzug f&#252;r Schwimmer erinnerte. Doch sicher hatte es damit eine andere Bewandtnis. Nicht nur deshalb, da Wasser zum Schwimmen hier eher rar war.</p>
<p>Auf dem R&#252;cken trug er einen flachen, rechteckigen Beh&#228;lter, der fest an ihn geschnallt war. Und am rechten Armgelenk war eine Art Abschussvorrichtung befestigt. Wahrscheinlich die Waffe, mit der er mich fast umgebracht hatte.</p>
<p>Ich hatte nicht das Gef&#252;hl, dass er diese Absicht weiterhin hegte. Also ging ich auf ihn zu.</p>
<p>„Alles in Ordnung bei dir?“</p>
<p>Das klang nun wirklich absurd. Ich fragte einen Typ, der mich vor wenigen Sekunden noch durchl&#246;chern wollte, ob bei ihm alles in Ordnung sei.</p>
<p>Er blickte auf. Sein Gesicht war schmutzig.</p>
<p>„Es tut mir leid“, begann er, „ich dachte du w&#228;rst ein Alien… Mist, ich h&#228;tte fast einen Menschen umgebracht. Ich hab noch nie jemanden get&#246;tet.“</p>
<p>Und deshalb schoss er sofort, weil er mich f&#252;r ein Alien hielt? Entweder der Junge war einfach xenophob, oder es steckte mehr dahinter. Aber es gab jetzt wichtigere Fragen.</p>
<p>„Wer bist du?“, war eine davon.</p>
<p>Mein Gegen&#252;ber hatte sich wieder gefangen und stand sogar auf.</p>
<p>„Mein Name ist Keith. Ich bin Scout der Planetaren Allianz. Und wer bist du?“</p>
<p>„Ich bin Ameni… Dr. Phillip Marten vom ATR-Projekt.“</p>
<p>„Noch nie geh&#246;rt, dieses ATR.“<br />
Er sprach aus, was ich ebenso &#252;ber ihn dachte.</p>
<p>„Moment Mal, woher kommst du?“, fragte ich. „Denn ich gehe doch stark davon aus, dass du nicht von hier bist.“</p>
<p>„Nein, nat&#252;rlich nicht“, lachte er. „Ich bin aus dem Jahr 2321, genauso wie du.“</p>
<p>„&#196;hm, nein. Ich komme aus 2086.“</p>
<p>Er sog scharf die Luft ein. Hatte ich etwas Falsches gesagt?</p>
<p>„Aber das ist ja unglaublich. Wei&#223;t du wie gro&#223; die Wahrscheinlichkeit daf&#252;r ist, das wir inmitten von unz&#228;hlbar vielen Parallelwelten ausgerechnet in derselben landen? So klein, dass ich eine Minute br&#228;chte um die ganzen Nullen nach dem Komma auszusprechen. Oder anders gesagt: Es ist unm&#246;glich.<br />
Ich dachte eigentlich, du w&#228;rst mir aus meiner Welt gefolgt.“</p>
<p>Aber dennoch war es passiert. „Was meinst du dazu, Elisa?“, fragte ich stumm.</p>
<p><em>„Die angesprochene Wahrscheinlichkeit liegt tats&#228;chlich in einem derart niedrigen Bereich. Daraus schlie&#223;e ich, dass es sich nicht um einen Zufall handelt.<br />
Die uns bekannten Raumzeittheorien bieten aber keine Erkl&#228;rung daf&#252;r. Ergo handelt es sich um einen noch unerforschten Aspekt.“</em></p>
<p>Lisa w&#252;rde sich sicher brennend daf&#252;r interessieren.</p>
<p>„Und doch bin ich hier. Und du auch, Keith. Aber ich wei&#223; noch immer nicht, was du hier eigentlich suchst?“</p>
<p>„Wie ich schon sagte, ich bin Scout. Aber davon wei&#223;t du nat&#252;rlich nichts.<br />
In unserer Welt haben Aliens, die sogenannten Kerlocks, die Erde &#252;berfallen. Wir befinden uns seit Jahren mit ihnen im Krieg. Obwohl wir den Kerlocks zahlenm&#228;&#223;ig weit &#252;berlegen sind, stehen wir auf verlorenem Posten. Ihre Technik ist der unseren mehrere Jahrhunderte voraus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie gewinnen und s&#228;mtliches Leben auf der Erde ausradieren.<br />
Als Scout ist es meine Aufgabe fremde Paralleluniversen zu durchsuchen, in der Hoffnung eine h&#246;herentwickelte Spezies zu finden, die uns im Kampf gegen die Kerlocks helfen kann.“</p>
<p>Wow, das klang ungeheuer spannend und ungeheuer traurig. Die Erde vor der drohenden Vernichtung? Da hatten wir es wirklich gut. Abgesehen von der Klimaproblematik, die wir immer noch nicht v&#246;llig im Griff hatten.</p>
<p>„Da kann ich dir leider nicht helfen, Keith. Wir haben gerade erst die Zeitreise-Technik entwickelt. Genau genommen bin ich der erste Testkandidat.<br />
Leider ist etwas schiefgegangen. Ich wollte eigentlich in eine viel sp&#228;tere Zeit reisen, wurde aber hierher verschlagen. Ich glaube das lag an dir.“</p>
<p>„Mag sein. Aber an <em>dir</em> liegt es, dass ich hier nicht mehr weg kann.“</p>
<p>„An mir?“</p>
<p>„Ja. Du sendest ein Raumzeitsignal aus, das irgendwie mit meinem Peilsignal f&#252;r die R&#252;ckholung interferiert. Ich dachte das w&#228;re Absicht und w&#228;rst ein Kerlock, der mir aus meiner Zeit gefolgt ist. Denn das kommt &#246;fters vor, dass die Kerlocks uns Scouts jagen.“</p>
<p>Aha, daher die Schie&#223;w&#252;tigkeit gegen&#252;ber vermeintlichen Aliens.</p>
<p><em>„Vermutlich meint er das Kommunikationssignal, welches ich zum Kontakt mit der Basis aufrechterhalte.“</em></p>
<p>Technisch gesehen war die Sache kompliziert.<br />
Praktisch ganz einfach. Wegen ihm war ich hier und wegen mir konnte er nicht weg.</p>
<p>„Das tut mir leid, dass du wegen mir hier festsitzt“, sagte ich und legt ihm den Grund dar.</p>
<p>„Nein, mir tut es leid Phillip… Aber sag mal, wieso bist du &#252;berhaupt noch hier? Ich habe keine solche Verbindung zur Basis. Das Risiko, dass die Kerlocks mich dadurch aufsp&#252;ren k&#246;nnten, w&#228;re zu gro&#223;. Ich blockiere deine Heimkehr doch nicht?“</p>
<p>„Das stimmt Keith, du blockierst mich nicht. Das Problem ist nur, dass unsere Technik noch nicht ausgefeilt genug ist, f&#252;r einen Transfer &#252;ber eine so gro&#223;e Zeitspanne. Ich bin hier gestrandet.“</p>
<p>Wieder einmal wurde mir die traurige Wahrheit &#252;ber meinen Zustand bewusst.</p>
<p>Keith blickte zu Boden. Er hatte eine Tr&#228;ne in den Augen.<br />
Es war wirklich ein sentimentaler Mensch.</p>
<p>„Das tut mir so leid, Phillip. Es ist meine Schuld, wenn du dein ganzes restliches Leben in dieser Ein&#246;de verbringen musst.“</p>
<p>„Ach, so schlimm ist es gar nicht. Ich habe sogar Freunde hier gefunden.“<br />
Dabei zeigte ich auf Manu.</p>
<p>Der war inzwischen n&#228;her gekommen. „Das ist also dein Mannschaftskollege? Er ist ja sehr merkw&#252;rdig angezogen. Und so abgemagert.“</p>
<p>Da musste ich lachen und Keith, der Manu wohl auch verstehen konnte, ebenso.<br />
Trotzdem war ich ihm eine Antwort schuldig. Und da er mal wieder eine annehmbare Vorlage geliefert hatte, ging ich darauf ein.</p>
<p>„Ja, genau. Das ist er. Und die Kleidung ist bei uns so &#252;blich.“</p>
<p>Jedes Wort davon war gelogen und es tat mir innerlich weh, Manu, meinen s&#252;&#223;en Schatz, so zu bel&#252;gen. Aber ich hatte keine Wahl. Die Wahrheit w&#228;re in diesem Fall das gr&#246;&#223;ere &#220;bel.</p>
<p>„Also das mit dem abgemagert stimmt“, sagte Keith jetzt zu mir. „Ich hatte nichts zu Essen und habe mir nur ab und zu etwas aus den H&#228;usern hier geklaut.“</p>
<p>Da hatte ich wirklich mehr Gl&#252;ck gehabt, auch wenn es zu Anfang gar nicht so aussah. Festgeschnallt auf dem R&#252;cken eines Kamels mit direktem Wege in die Sklaverei war nicht der vielversprechendste Reisebeginn.</p>
<p>„Aber wieso kommt es &#252;berhaupt dazu, dass du in eine so weit zur&#252;ckliegende Zeit reist? Ich dachte du suchst hochentwickelte Zivilisationen.“</p>
<p>„Das tue ich ja auch. Du glaubst gar nicht, zu welchen Zeiten ich schon Zivilisationen angetroffen habe. Du darfst dabei nicht von deiner Welt ausgehen, sondern immer von der Menge aller m&#246;glichen Paralleluniversen. Ich war schon in einem, in dem vor 8000 Jahren eine Zivilisation im Industriezeitalter auf der Erde bl&#252;hte. Und in einem, in dem es nie Leben auf der Erde gegeben hat.“</p>
<p>Seine Augen strahlten w&#228;hrend seiner Erz&#228;hlung.</p>
<p>„Wow! Das h&#246;rt sich unglaublich spannend an.“</p>
<p>„Das ist es auch. Aber ebenso gef&#228;hrlich.<br />
Au&#223;erdem tut es gut, nicht in meiner Heimatwelt das Chaos und die Vernichtung mitansehen zu m&#252;ssen. Versteh mich nicht falsch. Ich vergessen dabei nie, wof&#252;r ich k&#228;mpfe. Aber es ist einfach sch&#246;n, solche meist friedlichen und sicheren Welten zu sehen.“</p>
<p>Ich konnte ihn verstehen. Wenn meine Welt kurz vor der Vernichtung st&#252;nde, w&#252;rde ich sicher auch wegwollen.</p>
<p>„Was wirst du jetzt tun?“, fragte ich.</p>
<p>„Ich kehre nach Hause zur&#252;ck. Und dann geht es gleich weiter, die n&#228;chste Parallelwelt will ausgekundschaftet werden. Schlie&#223;lich bin ich bereits im Verzug und gelte vielleicht schon als vermisst.“</p>
<p>Keith kam etwas n&#228;her und umarmte mich.</p>
<p>„Viel Gl&#252;ck!“, w&#252;nschte er mir. „Hier, ich habe noch etwas f&#252;r dich.“</p>
<p><em>„Ich empfange eine &#220;bertragung. Es handelt sich um wissenschaftliche Daten.“</em></p>
<p>„Das ist alles, was in meiner Datenbank &#252;ber unsere Raumzeit-Technologie gespeichert ist. Es ist unvollst&#228;ndig, da die Gefahr sonst zu gro&#223; w&#228;re, wenn es den Kerlocks in die H&#228;nde f&#228;llt. Aber vielleicht ist etwas dabei, was dir hilft, ebenfalls nach Hause zur&#252;ckzukehren.“</p>
<p>„Vielen Dank, Keith.“<br />
Ich war ehrlich ger&#252;hrt. Er kannte mich ja kaum und hatte solch ein Vertrauen in mich. Au&#223;erdem sah er wirklich s&#252;&#223; aus.<br />
Trotz seinem schmutzigen Gesicht konnte man die weiche Haut darunter erahnen. Ich ertappte mich bei der Vorstellung sie sanft zu K&#252;ssen.</p>
<p>Hallo, Phillip?! Konzentration bitte. Au&#223;erdem hatte ich doch schon einen Freund.<br />
Ich blickte mich kurz nach Manu um, der Keith immer noch misstrauisch be&#228;ugte. War er bereits eifers&#252;chtig?</p>
<p>Ich wies Elisa an, die erhaltenen Daten an die Basis weiterzuleiten, zusammen mit einem kurzen Bericht der neusten Geschehnisse. Ich w&#252;rde mich nachher pers&#246;nlich bei Lisa melden.</p>
<p>„Und danach deaktiviere bitte das Kommunikationssignal, solange bis Keith weg ist“, erg&#228;nzte ich noch.</p>
<p>„Machs gut Phillip. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“</p>
<p>Das glaubte ich zwar nicht, aber w&#252;nschen tat ich es umso mehr.<br />
Keith trat ein paar Schritte zur&#252;ck und schien auf etwas zu warten. Er wollte doch nicht etwa hier vor unseren Augen verschwinden. Daf&#252;r h&#228;tte selbst Manu keine Erkl&#228;rung mehr gefunden.</p>
<p>„&#196;hm, Keith. W&#252;rde es dir etwas ausmachen vielleicht hinter die H&#228;user zu gehen. Ich w&#252;rde meinen Freund hier ungern erschrecken.“</p>
<p>„Oh, nat&#252;rlich. Mein Fehler.“<br />
Er l&#228;chelte mich entschuldigend an und verschwand hinter einem Haus.</p>
<p>„Wo geht er hin?“, fragte Manu.</p>
<p>„Er kehrt nach Hause zur&#252;ck. Im Gegensatz zu mir kann er das.“</p>
<p>Das Beste an dieser Antwort war, dass sie absolut der Wahrheit entsprach.</p>
<p>Manu kam zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter.<br />
„Hmm… Du scheinst nicht gerade gl&#252;cklich dar&#252;ber, Ameniu. Hast du auch Heimweh?“</p>
<p>Ich nickte.<br />
Ja, sicher, das hatte ich. Doch die Situation war etwas komplizierter. Denn egal, ob ich zur&#252;ckkehren k&#246;nnte oder nicht, so oder so w&#252;rde ich geliebte Personen zur&#252;cklassen m&#252;ssen.</p>
<p>„Der Sturm hat sich wieder gelegt. Komm, lass uns jetzt die Pyramiden besichtigen.“<br />
Freudig ging Manu voraus und zog mich an der Hand hinterher.</p>
<p>Ich legte meinen Arm um seine Schulter.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>„Das ist fantastisch, Phillip. Absolut unglaublich. Dieses Material bringt uns auf einen Schlag um Jahrzehnte weiter.“</p>
<p>Lisa berieselte mich bereits seit einer Minute mit ihren Lobeshymnen auf Keiths Informationen, w&#228;hrend ich an der alten Pyramidenmauer entlangging. Immerhin nur noch auditiv, denn mit den Kontaktlinsen hatte ich auch das optische Interface verloren.</p>
<p>„Ich habe bereits die neuen Gleichungen in den Computer gef&#252;ttert. Es sieht aus, als ob wir die Genauigkeit der Anlage nahezu verdreifachen k&#246;nnen, ohne etwas umzubauen.“</p>
<p>Schnell &#252;berschlug ich das mit der Verdreifachung im Kopf. Das erg&#228;be immer noch eine Reichweite von unter 1500 Jahren. Gerade mal die H&#228;lfte meiner zeitlichen Entfernung von daheim.</p>
<p>„Aber das ist noch nicht alles. Die Menschen aus Keiths Zeit k&#246;nnen nicht nur Transfers zwischen einer anderen Zeit und der Basisstation durchf&#252;hren, sondern auch direkt von einer Parallelwelt in eine andere springen.“</p>
<p>„Ja, das hat er mir erz&#228;hlt. Aber wie soll uns das weiterhelfen? Ich m&#246;chte ja nicht in irgendeiner Parallelwelt landen, auf der wom&#246;glich kannibalische Affen die Erde beherrschen. Oder so &#228;hnlich.“</p>
<p>Jetzt unterbrach auch Elisa ihren Redefluss, um herzlich zu lachen. Aber nur kurz.</p>
<p>„Nein, das geht auch gar nicht. Daf&#252;r m&#252;ssten wir gr&#246;&#223;ere Umbauten vornehmen… Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist folgendes.<br />
Ich denke, dass ich das System mit Keiths Daten so optimieren kann, dass du in Etappen zur&#252;ckreisen kannst. Wie du wei&#223;t reicht die Leistungsf&#228;higkeit unserer Anlage nicht, um dich die 3500 Jahre auf einmal zur&#252;ckzuholen. Aber wir k&#246;nnten es St&#252;ckweise tun!“</p>
<p>„Wow!“</p>
<p>Ich war wirklich platt von Lisas Ausf&#252;hrungen. W&#252;rde ich wirklich wieder heimkehren k&#246;nnen? Ja, wollte ich das &#252;berhaupt?</p>
<p>Ich sah mich um. Hinter mir ging Manu, eingehend das Steinmonument studierend.<br />
Traurig schaute ich ihn an und seufzte.</p>
<p>Ich liebte ihn. Ja, dessen war ich mir jetzt sicher. Aber trotzdem konnte ich nicht hierbleiben. Ich geh&#246;rte einfach nicht hierher, in diese Zeit. Ich war hier fremd und das f&#252;hlte ich auch.</p>
<p>Au&#223;erdem war ich schlie&#223;lich nicht auf Vergn&#252;gungsreise. Ich hatte eine Verpflichtung gegen&#252;ber meinem Arbeitgeber.</p>
<p>„Wann ist es soweit?“</p>
<p>„Das kann ich noch nicht genau sagen. Die neuen Parameter zu konfigurieren geht schnell. Ich werde aber vorher auf jeden Fall einen Dummy-Test machen, um sicher zu gehen, dass es wirklich funktioniert. Also vielleicht in einem Tag.“</p>
<p>Das war gut. Dann hatte ich genug Zeit meine Angelegenheiten hier zu Regeln. Und damit meine ich, mich von Manu zu verabschieden.<br />
Mist, wie erkl&#228;re ich ihm das nur?</p>
<p>Erst einmal verabschiedete ich mich von Lisa und bat sie, den Kollegen sch&#246;ne Gr&#252;&#223;e auszurichten.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Gedankenversunken sa&#223; ich neben Manu im Wagen. Von der Pracht der alten Bauwerke, die zu dieser Zeit noch wesentlich besser erhalten waren, hatte ich fast nichts mitbekommen. Zu Besch&#228;ftigt war ich mit mir selbst.</p>
<p>Manu streichelte mir &#252;ber den R&#252;cken.<br />
„Was ist denn eigentlich los, Ameniu? Du bist schon die ganze Zeit &#252;ber so nachdenklich.“</p>
<p>Es hatte keinen Zweck, ich musste es ihm ja irgendwann beichten.</p>
<p>„Ich… ich werde heimkehren Manu. Mein Kollege hat mir das erm&#246;glicht.“<br />
Eine Tr&#228;ne kullerte meine Wange hinunter.</p>
<p>Manus Gesichtsausdruck war undeutbar.</p>
<p>„Sei doch froh Ameniu. Wieso weinst du dann?“</p>
<p>„Weil ich dich liebe.“</p>
<p>Manu sah mich mit seinen haselnussbraunen Augen an und k&#252;sste mich z&#228;rtlich.</p>
<p>„Du Dummerchen. Ich liebe dich doch auch.<br />
Und gerade deshalb will ich, dass du nach Hause gehst. Dort kannst du gl&#252;cklicher sein als hier.“</p>
<p>Eben da war ich mir nicht so sicher.</p>
<p>„Und du, Manu? Was wird dann aus dir?“</p>
<p>„Ich kehre wieder zu meiner Frau zur&#252;ck, wohl oder &#252;bel. Wahrscheinlich werden wir Kinder bekommen. Mit der Potenz wird es jedenfalls keine Probleme mehr geben, da muss ich nur an dich denken.“</p>
<p>Derart geschmeichelt kuschelte ich mich an ihn.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Der Abend war recht ruhig verlaufen. Shani hatte uns bei Tisch von weiteren Sehensw&#252;rdigkeiten der Stadt erz&#228;hlt, die man als Besucher unbedingt einmal gesehen haben m&#252;sse.<br />
Als ich ihr gestand, dass ich bereits am n&#228;chsten Tag abreisen w&#252;rde, bedauerte sie dies sehr. Ihr Bedauern schien aufrichtig und erkl&#228;rte sich schlicht aus ihrer relativen Einsamkeit. Besuch, und dazu noch ein so interessanter, weil von weit her, belebte ihren tristen Alltag.</p>
<p>Manu verhielt sich eigentlich ganz normal. Ich sp&#252;rte dennoch seine Trauer &#252;ber meine bevorstehende Abreise, auch wenn er es vor mir zu verbergen suchte.</p>
<p>Aus Angst vor Entdeckung war es am Abend zu keinem gr&#246;&#223;eren Austausch von Z&#228;rtlichkeiten mehr gekommen, auch wenn wir beide das sehr begr&#252;&#223;t h&#228;tten.</p>
<p>Jetzt lag ich in meinem Bett und konnte nicht einschlafen. Ich wusste nicht, wie lange ich schon so dalag, hin und her gerissen zwischen Vorfreude und Abschiedstrauer.</p>
<p>Pl&#246;tzlich h&#246;rte ich ein leises Knarren. Die T&#252;r zu meinem Schlafzimmer ging auf und Manu streckte den Kopf herein.</p>
<p>„Schl&#228;fst du schon?“</p>
<p>„Nein“, hauchte ich in die Dunkelheit hinein.</p>
<p>„Ich kann auch nicht einschlafen, Ameniu. Ich muss dauernd daran denken, dass dies unsere letzte Nacht ist.“<br />
Langsam kam er n&#228;her, sodass ich ihn im Mondlicht sehen konnte.</p>
<p>„Hast du keine Angst wegen deiner Schwiegermutter?“</p>
<p>„Ach, die Alte schl&#228;ft doch l&#228;ngst tief und fest. Und wenn du nicht zu laut st&#246;hnst, wird sie schon nichts merken.“</p>
<p>Manu grinste schelmisch, was im Mondschein noch s&#252;&#223;er als gew&#246;hnlich wirkte.</p>
<p>„Ich werde mich bem&#252;hen“, beruhigte ich ihn. „Aber wenn ich dich so sehe, kann ich f&#252;r nichts garantieren.“</p>
<p>Er kam zu mir und kuschelte sich unter meiner Decke an mich. K&#252;ssend arbeitete er sich von meinem Mund zu tiefer gelegenen K&#246;rperteilen.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Schweigsam wurde das Fr&#252;hst&#252;ck eingenommen.<br />
Keiner wusste so recht etwas zu sagen, denn der nahende Abschied hing wie ein Damoklesschwert &#252;ber uns. Nur Shani gab ab und zu einige Ratschl&#228;ge zum Besten, was bei einer solch langen Reise unter allen Umst&#228;nden zu beachten sei.</p>
<p>Ansonsten hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Meine schwankten zwischen der baldigen Abreise und letzter Nacht umher.<br />
Ich war mir nicht sicher, ob es eine so gute Idee von Manu gewesen war, mich in meinem Bett aufzusuchen. Nicht wegen Shani, die hatte tats&#228;chlich wie ein Stein geschlafen und selbst unsere teilweise doch etwas lauteren Wohllaute nicht geh&#246;rt.</p>
<p>Nein, es war wundersch&#246;n gewesen mit Manu – zu sch&#246;n. Viel intensiver als damals im Badezimmer seines Hauses. Schlie&#223;lich hatten wir hier ein kuscheliges Bett unter uns.<br />
Aber solch eine Liebesnacht sollten nur Paare haben, die auch am n&#228;chsten Tag noch als solche gelten w&#252;rden. Niemals aber voneinander scheidende Liebende, denn es machte den Abschied umso schwerer.</p>
<p>Zu packen hatte ich nichts und so stand ich nach dem Fr&#252;hst&#252;ck schnell vor der Haust&#252;r, Manu neben mir. Shani hatte sich bereits drinnen von mir verabschiedet, was ein Gl&#252;ck war. Oder vielleicht auch ein Ungl&#252;ck, denn so w&#252;rde die Trennung zwischen Manu und mir nur noch herzzerrei&#223;ender werden.</p>
<p>„Ach, Ameniu mein Schatz. Ich w&#252;nsche es dir ja, nach Hause zu kommen. Aber genau so sehr w&#252;nschte ich auch, du w&#252;rdest hier bleiben. Bei mir.“</p>
<p>Tr&#228;nen liefen seine Wange hinunter. Ich wischte sie fort.</p>
<p>„Weine nicht, Manu. Ich wei&#223; doch&#8230; und ich w&#252;rde ebenso gern hierbleiben. Aber es geht nicht. Jeder hat seinen Platz und seine Verpflichtung. Deiner ist hier, meine sind dort.“</p>
<p>Ich umarmte ihn fest. Jetzt liefen auch mir die Tr&#228;nen.</p>
<p>„Bitte.. vergiss mich… nicht, ja?“, schluchzte Manu in meine Schulter.</p>
<p>„Niemals mein Schatz… Niemals.“<br />
Mein Gott, war das Leben ungerecht. V&#246;llig aufgel&#246;st und mit zitternden Knien l&#246;ste ich mich von ihm. Es hatte keinen Zweck, l&#228;ngerer Aufschub w&#252;rde alles nur noch schwieriger machen.</p>
<p>Ich k&#252;sste ihn ein letztes Mal. Er erwiderte den Kuss, als g&#228;be es kein Morgen mehr. Und f&#252;r unsere Beziehung gab es auch keinen.</p>
<p>Kurz bevor ich meinte zu ersticken, l&#246;ste ich mich von ihm. Ich trat einen Schritt zur&#252;ck.</p>
<p>„Mach‘s gut mein Schatz, und pass auf dich auf.“</p>
<p>„Warte, ich komme noch mit zum Hafen!“</p>
<p>„Nein, du bleibst hier… Das w&#252;rde den Abschied doch nur schwieriger machen.“<br />
Und es w&#252;rde offenbaren, dass dort &#252;berhaupt kein Schiff auf mich wartete…</p>
<p>„Dann leb wohl, meine erste und wohl einzige Liebe. Leb wohl mein lieber Ameniu.“</p>
<p>Ich wandte mich um und ging die Stra&#223;e entlang. Wegen dem vielen Wasser in meinen Augen sah ich aber fast nichts. Alle paar Meter blieb ich stehen und winkte nach dem Haus hin, wo Manu immer noch an der gleichen Stelle stand.<br />
Er wirkte traurig zur&#252;ck.</p>
<p>H&#228;tte ich die Kontaktlinsen nicht bereits verloren, so w&#228;ren sie sp&#228;testens an diesem Morgen davongeschwommen.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Mein Kopf war leer. Ich wanderte schon seit einer guten Viertelstunde durch die W&#252;ste.</p>
<p>Dort hatte meine Reise begonnen und dort w&#252;rde sie auch Enden. Nein, korrigierte ich mich, sie w&#252;rde dort weitergehen. Denn bis ich zuhause war, standen immerhin noch zwei Zwischenstopps an.</p>
<p>Eigentlich hatte ich mich l&#228;ngst weit genug von der Stadt entfernt, um den Transfer unbeobachtet antreten zu k&#246;nnen. Dennoch z&#246;gerte ich.</p>
<p>Gab es nicht vielleicht doch eine Alternative? Ich meine, w&#228;re es nicht doch m&#246;glich, hier zu bleiben?</p>
<p>Ich w&#252;rde mich mit der Zeit schon an alles gew&#246;hnen und der Verzicht auf all die modernen Annehmlichkeiten w&#252;rde mir immer weniger auffallen. Und schlie&#223;lich hatte ich doch Manu, meine erste Liebe, die er auch noch erwiderte.</p>
<p>Aber hatte ich mich nicht schon entschieden, indem ich mich von ihm verabschiedet hatte? War nicht allein die Tatsache, dass ich hier im hei&#223;en Sand stand und nicht neben ihm, ein Beweis f&#252;r meinen Entschluss?</p>
<p>„Das Leben ist einfach, doch seine Bestandteile sind kompliziert“, war einer der Lieblingss&#228;tze meines Professors in Quantenmechanik gewesen.</p>
<p>Ich hatte den Sinn davon nie wirklich nachvollziehen k&#246;nnen. Aber auf die Liebe traf er sicherlich zu, sie erschien mir ein verdammt komplexer Bestandteil zu sein.</p>
<p>Elisa riss mich aus meinen Gedanken.</p>
<p><em>„Ich empfange eine starke fremde Energiesignatur. Ursprung ungef&#228;hr bei den Pyramiden.“</em></p>
<p>Was war das nun schon wieder?</p>
<p><em>„Korrektur. Die Energiequelle hat ihren Standort soeben sprunghaft ge&#228;ndert. Sie befindet sich jetzt noch 80 Meter von ihrer Position entfernt.“</em></p>
<p><em>Oh Shit!</em> Der wache Verstand brauchte nur eins und eins zusammenzuz&#228;hlen, um die Natur dieses starken Energiewerts zu ergr&#252;nden.<br />
Es konnte nur eins dieser Alienbiester sein, die Keith auf den Fersen waren. Jetzt dachte der Kerlock wahrscheinlich, ich w&#228;re der blonde Fl&#252;chtling.</p>
<p>Das verk&#252;rzte die Entscheidung. Bleiben war jetzt unm&#246;glich.</p>
<p>„Schnell, stelle Kontakt zur Basis her!“</p>
<p>Kaum zwei Sekunden sp&#228;ter meldete sich Lisa.</p>
<p>„Lisa, ist alles bereit f&#252;r den Zeitsprung?“</p>
<p>„Der Test heute Nacht lief gut, ich denke wir k&#246;nnen es wagen.“</p>
<p>„Gut. Ich muss n&#228;mlich hier weg. Sofort. Eines dieser Aliens aus Keiths Welt ist hinter mir her!“</p>
<p>„Oh Gott, Phillip. Ich beeile mich!“<br />
Hektische Rufe ert&#246;nten im Hintergrund.</p>
<p>Lisa klang sichtlich schockiert. Ich musste schmunzeln. Sie war immer so besorgt um mich.<br />
Andererseits hatte sie auch allen Grund dazu. Ich konnte dem Kerlock rein gar nichts entgegensetzen. Ich war ja nicht einmal bewaffnet, im Gegensatz zu Keith.</p>
<p>Pl&#246;tzlich h&#246;rte ich ein Zischen aus einiger Entfernung. Ich drehte mich erst gar nicht um, sondern begann in die entgegengesetzte Richtung zu rennen.</p>
<p><em>„Feindliches Objekt ist noch 26 Meter entfernt.“</em></p>
<p>Puh, Lisa, bitte beeile dich jetzt.</p>
<p>„Countdown l&#228;uft, Phillip. T minus f&#252;nf Sekunden.“</p>
<p>Pl&#246;tzlich fiel mir ein, dass ich mein Reiseziel &#252;berhaupt nicht kannte.</p>
<p>„Wo geht es &#252;berhaupt hin?“</p>
<p>Lisa lachte.</p>
<p>„Hast du den Reiseplan nicht gelesen?</p>
<p>N&#228;chste Station: Altes Rom.“</p>
<hr /><small>Copyright (c) 2006-2009 by <a href="http://www.pitstories.de">pitstories.de</a> - alle Rechte der Geschichte(n) liegen beim jeweiligen Autor - digitaler Fingerprint 5fb94d30f57a1c34941e5ec118ecc4c3<ul><li>Es ist ausdr&#252;cklich untersagt, ohne schriftliche Zustimmung des Autors Kopien dieses Textes oder von Teilen daraus an anderer Stelle &#246;ffentlich zu pr&#228;sentieren (z.B. durch "Spiegeln" dieser Seiten auf anderen WWW-Servern) oder diese inhaltlich zu ver&#228;ndern.<li>Dieser Feed ist nur f&#252;r den pers&#246;nlichen, nicht gewerblichen Gebrauch bestimmt. Eine Verwendung dieses Feeds auf anderen Webseiten verst&#246;&#223;t gegen das Urheberrecht. Wenn Sie diesen Inhalt nicht in Ihrem News-Reader lesen, so macht sich die Seite, die Sie betrachten, der Urheberrechtsverletzung schuldig.</ul></small>
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		<title>Dorkas &#8211; Teil 3</title>
		<link>http://www.pitstories.de/2008/04/16/dorkas-teil-3/</link>
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		<pubDate>Wed, 16 Apr 2008 10:06:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>magru</dc:creator>
				<category><![CDATA[Dorkas]]></category>
		<category><![CDATA[Drama]]></category>
		<category><![CDATA[History]]></category>
		<category><![CDATA[Lovestory]]></category>

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		<description><![CDATA[Einleitung zum Finale
„Hallo, lieber Leser. Es freue mich riesig, dass Du die Ausdauer hast, um nun auch noch den vorl&#228;ufigen Schlu&#223; meiner (geschriebenen) Geschichte mit mir virtuell zu erleben. OK, ich glaube, es geht in diesem Teil weitaus friedlicher zu, aber etwas Gef&#252;hlsduselei kann ich Dir leider nicht ersparen. Und alles ist ganz anders, als&#8230; <a href="http://www.pitstories.de/2008/04/16/dorkas-teil-3/">[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Einleitung zum Finale</strong></p>
<p>„Hallo, lieber Leser. Es freue mich riesig, dass Du die Ausdauer hast, um nun auch noch den vorl&#228;ufigen Schlu&#223; meiner (geschriebenen) Geschichte mit mir virtuell zu erleben. OK, ich glaube, es geht in diesem Teil weitaus friedlicher zu, aber etwas Gef&#252;hlsduselei kann ich Dir leider nicht ersparen. Und alles ist ganz anders, als&#8230; Viel Vergn&#252;gen noch! Dorkas.“<span id="more-260"></span></p>
<blockquote><p><strong>Wichtige Personen:</strong></p>
<ul>
<li>Dorkas Hauptperson</li>
<li>Oscar bester Freund</li>
<li>Abdul Aufpasser</li>
<li>Jeremy Freund in der Ferne</li>
<li>(Amir Mitsch&#252;ler, Liebster)</li>
</ul>
</blockquote>
<p><strong>Arbeiten unter Palmen</strong></p>
<p><em>Orte: Sant &#8216;Elena als Unterbringungsort, auch etwas die n&#228;here Umgebung.</em></p>
<p>Abdul ist bereits seit &#252;ber einer Woche weg. Irgendwie bin ich sehr froh dar&#252;ber, dass er nicht mehr da ist, denn ich m&#246;chte endlich keine Sonderbehandlung mehr, Dorkas hier – Dorkas da. Ich will mit Oskar und den anderen Jungs nur ganz normal arbeiten gehen und mit ihnen zusammen sein. Und es ist auch ziemlich anstrengend mit dem Kerl, bei all dem was der immer erz&#228;hlt und so st&#228;ndig meine Nerven herausfordert, wie den letzten Abend noch: „Dorkas, ich bin so stolz auf dich! Du hast den Test gut &#252;berstanden und dir nichts von dem Geld aus der offenen Kassette genommen. Wenn du willst, dann kannst du mir zuk&#252;nftig bei der Verwaltung helfen. Das geht ja demn&#228;chst alles &#252;ber das Internet und so ein Blackberry-Dingsbums, da komme ich nicht mit klar. Du bist ja schon mit dem ganzen Zeugs aufgewachsen. Ich vertraue dir sehr. Du kannst es dir die n&#228;chsten Tage &#252;berlegen, wenn ich nicht da bin. Ciao, mach es gut!“ B&#228;h, so ein Schmalz! Ich wei&#223; nicht, ob ich das schaffen w&#252;rde – den ganzen Tag mit dem M&#246;rder meines Freundes zusammen sein! Gut, ich habe ihm meine Hand gegeben, sein Schicksal hat mich auch sehr ger&#252;hrt, aber das ist sein Leben und ich will mein Leben ohne diesen ganzen Schei&#223; bestreiten. Er hat seine Chancen in der Vergangenheit gehabt und vertan, warum auch immer, meine liegen in der Zukunft.</p>
<p>Das Schlo&#223; vor unserer Behausung ist jedenfalls weg. Ist auch besser so, denn mit dem Weckdienst der beiden Vorarbeiter klappt es nicht so richtig und ich habe ja das Wecksignal von meiner Uhr. Faulenzen, lange schlafen, an der Flasche h&#228;ngen, gef&#228;llt ihnen weitaus besser. Jetzt, wo ihr Chef nicht da ist, werden diese Hobbys immer mehr ausgedehnt. Uns aber egal, denn wir haben unsere Arbeit, und die kann noch dauern, wir bekommen sehr gutes Essen am Abend und f&#252;r morgens liegt ein dickes Fresspaket bereit. Die gef&#252;llten Wasserflaschen bitte nicht vergessen, sonst h&#228;ltst du das am Tag nicht aus! &#8230; Nicht nur, dass die Fl&#228;chen zum Abernten, zum Beispiel der Zitrusfr&#252;chte, teils riesig sind, nein, auch die H&#246;henunterschiede sind es. Und man mu&#223; verdammt gut aufpassen, wohin man tritt, damit man nicht so eine Felsstufe hinunter purzelt und sich alle Knochen bricht oder aus Versehen eine Viper streichelt. Abends noch gro&#223; in der Gegend spazieren gehen ist nicht, denn so den ganzen Tag im Gel&#228;nde und an der frischen Luft schuften hat es in sich. Wir sind froh, danach unsere m&#252;den Knochen ausstrecken zu k&#246;nnen. Trotzdem denke ich, dass es uns ganz gut bekommt, wenn ich mir Oskar sein Gesicht so ansehe: Ziemlich rosig, rund, wohlgen&#228;hrt und urgesund. Es macht auch richtigen Spa&#223;, und mit den anderen k&#246;nnen wir uns mittels ein wenig englisch und internationaler Geb&#228;rdensprache, also so &#228;hnlich wie Grimassen schneiden und Pantomime, recht gut verst&#228;ndigen. Nur was mir Sorgen macht: Mir fallen die geilen und aufdringlichen Blicke der beiden M&#228;nner auf, wenn wir uns nach getaner Arbeit drau&#223;en waschen. Normal ist deren Benehmen jedenfalls nicht.</p>
<p>* * *</p>
<p>Nun sind wir schon &#252;ber drei Wochen hier. Vom Job her ist alles bestens in Ordnung, wir wissen jetzt genau „wie der Hase l&#228;uft“ und haben auch einen guten pers&#246;nlichen Kontakt mit unseren Arbeitgebern in der Umgebung. Aber gestern gab es einen bemerkenswerten Zwischenfall: Als der eine von den Russen (genau der, welcher mir mit seinem etwas femininen K&#246;rper gut gef&#228;llt, er ist Amir dadrin sehr &#228;hnlich &#8211; ist wohl mein bevorzugter Typ) sich gerade abtrocknet, geht ihm doch der eine Vorarbeiter von hinten an die Eier! Fazit: Eine m&#228;chtige Pr&#252;gelei und blaue Augen. Aber nicht, wie ihr vielleicht denkt, f&#252;r uns – nein, wir haben die in Gemeinschaftsarbeit so richtig verm&#246;belt und das hat mir gut getan, es denen mal zu geben! Vielleicht nicht eben die gro&#223;e F&#228;hrnis, alle gegen zwei, aber die geilen S&#228;cke haben es wirklich mal verdient. Ich wei&#223; nicht wof&#252;r die eigentlich ihr Geld bekommen, den ganzen Tag kaum was tun und uns abends vernaschen wollen&#8230; Absolut eklig, diese Kerle, und zu nichts hier n&#252;tze. Unrasiert, ungewaschen, und abscheulich riechend, auch aus aus ihren ungepflegten M&#228;ulern, wir werden die einfach nur noch ignorieren.</p>
<p>Ich mache mir zunehmend Sorgen, warum Abdul nicht schon wieder zur&#252;ck ist, er wollte doch nur wenige Tage weg bleiben. Er wird hier dringend gebraucht, sollte sich um den Arbeitsablauf k&#252;mmern, und ganz besonders um die zwei Deppen, die endlich mal wegschicken. Ich habe Oskar bisher nichts von meinen Telefongespr&#228;chen erz&#228;hlt, war mir nicht sicher, ob ich das so &#252;berhaupt h&#228;tte machen sollen, oder d&#252;rfen. Vielleicht war es sehr dumm von mir und Abdul hat wegen mir noch &#196;rger bekommen&#8230; Hoffentlich ist er zu Feierabend wieder da.</p>
<p><strong>Immer &#196;rger mit dem Personal</strong></p>
<p>Heute geht es mit einer kleinen Gruppe weit raus in die Berge, um dort alte St&#252;tzgestelle von Obstb&#228;umen und Weinst&#246;cken zu reparieren. Mit Werkzeug und reichlich H&#246;lzern ausger&#252;stet, die neben uns auf der Ladefl&#228;che des kleinen Transporters liegen, durchfahren wir die verschlungenen Serpentinen der Berglandschaft. Von den vielen Richtungswechseln und gef&#228;hrlichen Ausblicken wird mir etwas schwindelig, auch habe ich Angst, von der Ladefl&#228;che gesch&#252;ttelt zu werden, um dann als Fallobst zu enden. Ein Blick zu Oskar, und ich wei&#223;, ihm geht nicht besser. &#8230; Endlich oben angekommen, k&#246;nnen wir kurz den wunderbaren Ausblick genie&#223;en und uns an den bizarren Felsformationen erfreuen. „La Roccia di Santalena“, weist uns der Fahrer, der auch unser Br&#246;tchengeber ist, mit viel stolz auf seine Heimat in der Stimme auf einen hohen Felszacken hin. Die haben das hier aber mit der Heiligen Helene. In der Ferne, und scheinbar nicht so sehr weit entfernt, k&#246;nnen wir das Meer sehen. Jetzt so ein erfrischendes Bad&#8230; Uns zum Nachmachen auffordernd, schultert der Bauer ein ganzes B&#252;ndel der H&#246;lzer und geht einen schmalen Weg hinauf. Ich schaffe nicht mal die H&#228;lfte davon und gehe schon m&#228;chtig in die Knie, und der Kerl ist von der Figur nicht kr&#228;ftiger als ich&#8230; Als alle schon denken, jetzt sind wir da, wechselt unser F&#252;hrer nur die Richtung. Es geht auf sehr alten Wegen, wohl schon aus der R&#246;merzeit, immer noch weiter hinauf, bis der Ausblick sich grandios erweitert. Uns l&#228;uft der Schwei&#223;, mein Herz klopft wie noch nie in meinem Leben. Ich glaube, das stehe ich heute nicht durch, und dann sind auch meine Wasserflaschen noch unten, doch endlich k&#246;nnen wir die Last fallen lassen! Uns angrinsend und wohl auch etwas auslachend, bekommen wir aber einen kleinen Schluck aus der Flasche, die um seinen Hals an einem Riemen baumelt. Danke! &#8230; Als endlich alles Holz oben ist, meine Beine wollen kaum noch, beginnen wir, die alten, durchgefaulten H&#246;lzer an den Gestellen auszuwechseln und k&#246;nnen uns bei der nun leichteren Arbeit wieder etwas erholen, so dass auch der Spa&#223; nicht zu kurz kommt. Das ist eine richtig sch&#246;ne Arbeit, und dann in dieser Umgebung! Andere zahlen viel Geld daf&#252;r, um nur mal f&#252;r ein paar Tage hier sein zu k&#246;nnen!</p>
<p>Als wir zu Feierabend endlich zur&#252;ckgefahren werden, pfeift der Bauer vergn&#252;gt vor sich hin, und wir aus dem letzten Loch. Jedenfalls haben wir in den vergangenen Tagen t&#252;chtigen Respekt vor der schweren Arbeit der Leute in dieser Region bekommen. Ein Zuckerschlecken und einfaches Leben ist das wirklich nicht, hier in dieser m&#228;rchenhaften Umgebung, und wie wird es erst im Winter sein&#8230; Urlaub hier ja, aber immer so arbeiten m&#252;ssen? M&#252;de und erschlagen purzeln wir beinahe nur noch von der Ladefl&#228;che vor unserem Hof. Jetzt erst mal ein kaltes Bad am Brunnen, und sich anschlie&#223;end aufs Stroh fallen lassen, nur danach steht uns noch der Sinn. Laute Stimmen auf der Hof fordern aber einen Rest unserer Aufmerksamkeit. Oskar und ich haben mal wieder keine Ahnung, um was es dabei geht, wir verstehen ja nichts von der Sprache, aber die Jungs bei uns werden sofort ziemlich aufgeregt, laufen zu den anderen. Reichlich Unmut und Wut ist zu sp&#252;ren, aber warum? Dass einige der Jungs dann einfach ins Haus laufen, wundert mich schon reichlich, denn das ist nicht ihr Bereich. Neugierig schlurft Oskar und ich hinterher. Was ist hier los – Sachen liegen verstreut herum, wie man in den offenen T&#252;ren sehen kann, und dann kommt es: Im B&#252;ro das totale Chaos! Die Geldkassette steht aufgebrochen mitten auf dem Tisch, der Tresor offen&#8230; Alles ist auf den Boden geschmissen, auch unsere Ausweise. Sofort nehmen wir die rettend an uns. Dann ist Ginevra, unsere gute K&#246;chin, auch laut und deutlich zu h&#246;ren, wie sie zeternd das Grundst&#252;ck verl&#228;&#223;t. Jetzt haben wir die totale Arschkarte gezogen, aber wie! Denn auch in der K&#252;che herrscht nur Chaos, und so richtig was zu essen haben die auch nicht zur&#252;ckgelassen. Ein gro&#223;er Karton mit Makkaronipackungen und reichlich Hundefutter in einem extra Schrank ist alles. Warum nur ist Abdul noch nicht da, nur er k&#246;nnte uns aus dieser Klemme retten! Oskar und ich werden von den anderen nicht mehr beachtet, einfach so stehen gelassen. Von deren schnellen, aufgeregten Unterhaltung verstehen wir kein Wort, aber es wird langsam leiser und die Aufregung scheint sich zu legen. Erst mal nach Mussolini sehen&#8230; Der Hund liegt traurig an der Leine im Garten, hebt nur leicht gr&#252;&#223;end seinen Schwanz und bewegt sich kein St&#252;ck. Er versteht wohl auch, was hier vorgeht, denke ich mir. Oskar hat ja bereits mit dem Hund gute Bekanntschaft geschlossen, streichelt ihn jetzt, ich mache die Leine los. Und dann f&#228;llt es mir im Durchgang auf: Die Sachen! Die Sachen liegen unten auf dem Boden verstreut und aussortiert, nur Oskar und meine, die fest mit dem G&#252;rtel zusammen gekn&#252;pft sind, liegen noch wo sie waren. Ich beginne zu ahnen, Oskar schaut mich wissend an und anschlie&#223;end wird meine Ahnung zur Gewissheit &#8211; Oskar und ich, wir sind hier nur noch im Objekt alleine, von den Tieren mal abgesehen&#8230;</p>
<p>Und schon tritt unerwartet ein, was mir Abdul vor seiner Abfahrt angeboten hat &#8211; sein Mitarbeiter zu werden. Ich bin hier jetzt Verwalter, zusammen mit Oskar. Aber was verwalten wir, und wof&#252;r? Doch so einfach hier weglaufen k&#246;nnen wir nicht &#8211; dann w&#228;re wohl bald alles zerlegt und um die Ecke gebracht, na klar, und wohin sollten wir auch laufen&#8230; Und wir hoffen ja immer noch, dass der Chef endlich hier auftauchen wird.</p>
<p><strong>W&#252;nsche werden war</strong></p>
<p>Aber zuerst m&#252;ssen wir uns mal ausgiebig baden und reinigen, so wie wir aussehen. Unsere Haare sind ganz vom Schwei&#223; und Schmutz verklebt, und mir ist, als h&#228;tte ich eine Kappe auf. Heute absolut ungest&#246;rt von der lauten Meute, reinigen wir uns die K&#246;rper, weichen den Staub von unseren F&#252;&#223;en, die immer so ohne Socken und in der dreckigen Umgebung so richtig hart geworden sind. Danach schmei&#223;en wir uns ins Stroh, um endlich mal zu pausieren. Dicht aneinander liegend, schauen wir uns an, und ich bemerke, wie Oskar einen Gesichtsausdruck angenommen hat, den ich von ihm so noch nicht kenne&#8230; Seine Hand streichelt pl&#246;tzlich &#252;ber meine Brust, f&#228;hrt sogar langsam tastend &#252;ber meine Lippen. Als ich, baff erstaunt, was sagen will, meint er nur, „Bitte, jetzt nicht reden.“</p>
<p>Ich wu&#223;te nicht, dass Oskar so weiche, z&#228;rtliche H&#228;nde haben kann! Aber das eben Erlebte war keine Liebe, und wohl auch noch kein richtiger Sex, das war nur etwas, wonach uns jetzt einfach mal war, nach der ganzen Aufregung. Aber es war einfach sehr viel reine Z&#228;rtlichkeit und Zuneigung, wie sie eben nur gute Freunde zueinander haben k&#246;nnen, und ich fand es sehr sch&#246;n. Und wir m&#252;ssen eben auch sehen, wie wir mit unseren ganzen Hormonen als junge M&#228;nner klar kommen. Da hatte sich einfach sehr viel angestaut, und besonders bei mir, denn der eine junge Russe hat mir irgendwie schon sehr gefallen&#8230; Momentan recht zufrieden, schlafen wir ein.</p>
<p>Nach bestimmt zwei Stunden werde ich wach und schaue wieder in das Gesicht meines Freundes, der die Arme im Nacken verschr&#228;nkt hat und mich wohl schon l&#228;nger anschaut, mir dann ein „Danke“ entgegen haucht und mich passend dazu lieb anl&#228;chelt. „Wei&#223;t du, Dorkas, ich habe mir das schon so, so lange mal mit dir gew&#252;nscht&#8230; Es war aber ganz anders, wie ich in meinen Tr&#228;umen bisher dachte, denn ich hatte irgendwie nicht so die gro&#223;en, tollen Gef&#252;hle, so wie ich mir die Liebe eigentlich vorstelle, trotzdem war es wundersch&#246;n. Aber ich m&#246;chte das mit dir nicht wieder machen. Bist du mir nun b&#246;se?“ „Mm, du hast also von mir getr&#228;umt“, meine ich verschmitzt, was Oskar err&#246;ten l&#228;&#223;t, „Nein, Oskar, mach dir nur keine Sorgen. Ich denke da ganz genau so wie du. Wir wollen einfach nur f&#252;r immer gute Freunde sein, und das ist schon sehr viel!“</p>
<p><strong>Jugend &#252;bernimmt Verantwortung</strong></p>
<p>„Oskar, ich mu&#223; dir dann noch was erz&#228;hlen, was mir sehr wichtig ist. Vielleicht habe ich auch Mist gebaut.“ Da Oskar mich nur aufmerksam ansieht, erz&#228;hle ich ihm meine Bef&#252;rchtung. „Nun, ich habe, als ich im B&#252;ro mal lange ungest&#246;rt war, nachhause angerufen, hab mit Jeremy gesprochen. Meinen Vater konnte ich direkt nicht erreichen. Ich habe ihm erz&#228;hlt, dass Amir tot ist, und seine Eltern das unbedingt wissen m&#252;ssen. Ich dachte mir, sie haben das Recht dazu&#8230; Ich habe aber nicht gesagt, wie das passiert ist. Ja, und dann, was mir ganz wichtig war: Er sollte meinem Vater unbedingt sagen, dass Abdul mir alles erz&#228;hlt hat, und dass ich ihn wirklich sehr darum bitte, damit aufzuh&#246;ren! Damit er keinen Fehler macht und ihn sp&#228;ter bereuen mu&#223; wie Abdul&#8230; Das ist alles. Er wollte alles erledigen und hat sich sehr gefreut, von uns zu h&#246;ren.“ „Aber Dorkas, das ist doch sch&#246;n! Das h&#228;tte ich doch genauso gemacht. Nun, Abdul wollte ja bei deinem Vater vorbeischauen. Ob du nicht einfach mal probierst, dass du ihn irgendwie erreichst? Vielleicht kann er uns auch einen Tipp geben, was wir jetzt machen sollen. Schlie&#223;lich hast du es ihm ja zu verdanken, dass du hier bist!“</p>
<p>Und schon sprinten wir ins B&#252;ro. Aber nichts funktioniert, kann ja auch nicht, wenn das Kabel fehlt. Da wollte jemand ganz sicher gehen&#8230; Da wir trotzdem nicht unt&#228;tig sein wollen, beginnen wir aufzur&#228;umen. Und essen m&#252;ssen wir auch, also gibt es anschlie&#223;end Makkaroni satt und Spiegelei dazu. Oskar schwelgt mir auch noch was vom Hasenbraten vor, aber keiner von uns kennt sich mit der Zubereitung aus, au&#223;erdem hoppeln die noch lebend rum und fallen nicht von allein in den Kochtopf, die haben also noch mal gro&#223;es Gl&#252;ck gehabt.</p>
<p>Nach der Mahlzeit &#252;berschlagen wir unsere M&#246;glichkeiten. Selbst wenn wir nur Makkaroni h&#228;tten zum Essen, k&#246;nnten wir noch sehr lange so &#252;berleben, aber zus&#228;tzlich sind mehr als genug H&#252;hner da, die Eier legen, dann noch das ganze Gem&#252;se und Obst im Garten, und eine gro&#223;e Flasche Oliven&#246;l auch. Die Hasen erst mal ausgeklammert. „Apropos Hasen – Oskar, wir m&#252;ssten auch mal an die Tiere im Stall denken, die f&#252;ttern und da nach dem rechten schauen. Ich kenne mich da schon aus. Du kannst ja den Hund versorgen und hier noch weiter aufr&#228;umen.“ Schon sind die Aufgaben abgesteckt. Erst viel sp&#228;ter als sonst gehen wir schlafen. So als neuer Hauseigent&#252;mer hat man eine Menge zu tun, und auch viel Verantwortung! Der Hund wird vorher sicherheitshalber mitten auf dem Hof angeleint.</p>
<p><strong>Oskars unbekannte Seiten, Kontakt</strong></p>
<p>Es ist reichlich unangenehm f&#252;r uns, am n&#228;chsten Morgen den &#228;rgerlichen Bauern sagen zu m&#252;ssen, dass niemand mehr da ist, der kommen kann. W&#252;tend ziehen sie ab, machen sich sicher Sorgen um ihre Ernte. Wir wollen es vermeiden, dass der Hof tags&#252;ber menschenleer ist, k&#246;nnen also nicht mit. &#8230; Nach dem Fr&#252;hst&#252;ck, Inhalt quer Beet und sogar mit Kaffee, machen wir uns einen Plan. „Dorkas, wir sollten dringend versuchen, irgendwie zu telefonieren, und wenn nicht hier, denn woanders. Ich kann ja auch versuchen, ob ich ein St&#252;ck Kabel und passendes Werkzeug im Haus oder Schuppen finde f&#252;r eine Reparatur.“ So machen wir es. Oskar w&#252;hlt alle Schr&#228;nke und Schiebladen durch und ist dann irgendwo im Haus verschwunden. Ich k&#252;mmere mich wieder um die Tiere. „Buongiorno, Signor ???“ H&#228;h? Erschrocken drehe ich mich rum, als ich gerade mit der Kanne den H&#252;hnern Wasser in die Beh&#228;lter gie&#223;e. Oskar steht grinsend hinter mir, einen gro&#223;en Plastik-Werkzeugkoffer in der Hand, daneben eine gesch&#228;tzt etwa 16-j&#228;hrige italienische Sch&#246;nheit, gut einen halben Kopf gr&#246;&#223;er als ich, und wie sogar ich anerkennen mu&#223;, das Traumbild eines jungen Teenagers in meinem Alter schlechthin. Mir die Hand entgegengestreckt, stellt sie sich vor, „Io sono Margherita. E tu sei?“ „Io&#8230; io&#8230; Dor..kas“, stammele ich ihr was vor, was ihr ein lautes, herzliches Lachen abzwingt. Und Oskar ist jetzt auf einmal sowas von selbstsicher! „Margherita wohnt im Nachbarhaus. Ich habe dort nach einem Telefon gefragt, aber unser hier ist leider das Einzigste rings rum. Sie m&#246;chte gern mal schauen, ob sie es reparieren kann.“ Schon sind beide wieder verschwunden. Das will ich mir ansehen, nur schnell noch das Futter verteilen. Als ich ins B&#252;ro komme, sehe ich nur, wie mir zwei Hinterteile entgegengestreckt werden. Eins bemerkenswert rund und wohl geformt, das andere bemerkenswert unerotisch und unspektakul&#228;r als das meines Freundes zu erkennen. Sonst ist f&#252;r mich nichts zu erkennen. Als ich mich r&#228;uspere, kommt Bewegung in die Szene und zwei grinsende err&#246;tete Gesichter sehen mich an. „Ist kein Problem, meint sie. Sie schraubt da nur noch ein neues Kabel ran, und dann k&#246;nnen wir gleich telefonieren“, erl&#228;utert mir Oskar. Schon bin ich wieder abgemeldet. Was geht hier vor? Die Werkzeugkiste ist doch noch geschlossen&#8230; Ich st&#246;re wohl, scheint es mir, mache also ringsum Ordnung. Auch mu&#223; ich mir jetzt aus „beruflichen Gr&#252;nden“ alles genau in Haus und Hof anschauen, denn so als neuer Hausverwalter ist es erforderlich, weitaus mehr sachkundig zu sein, wie vorher als einfacher Lohnarbeiter&#8230; „Dorkas! Es tutet! Es funktioniert!“ So schnell wie es geht laufe ich ins Haus. Stolz halten sie mir den tutenden H&#246;rer ans Ohr. Aber ist der so schwer, dass ihn beide tragen m&#252;ssen? „Ich bringe Margherita nur noch das Werkzeug r&#252;ber. Ciao.“ W&#228;hrend dessen versuche ich mein Gl&#252;ck und drehe mir fast die Finger an der W&#228;hlscheibe wund. „Tut, tut&#8230;“, mehr kommt aus dem Ding nicht raus.</p>
<p>Eine Stunde. Zwei Stunden. Viele Wahlversuche sp&#228;ter, und Dorkas immer noch ganz alleine in dem gro&#223;en Haus. Mir wird es allein schon langweilig, und der Fernseher bringt nur ein Programm mit viel Werbung. Ich warte aber auf Bilder von Nachrichten &#8211; von zuhause! Endlich, lange Zeit und schon fast um Neun, kommt Oskar zur&#252;ck. Der wirkt aber irgendwie ganz anders, wie als wenn er auf einer Wolke schwebt. Sein Gesicht hat Platz gemacht f&#252;r ein Dauergrinsen enormer Gr&#246;&#223;e, und sein Wortschatz besteht nur noch aus „M-a-r-g-h-e-r-i-t-a.“ Ist das noch mein Oskar, den Oskar, den ich schon so lange kenne? Ohne Zweifel, Oskar ist verliebt, und wie! Und mir ist noch klarer, dass unser kleines Beisammensein f&#252;r ihn absolut nicht die Bedeutung hatte, als wenn ich mit einem Jungen zusammen bin, kann es ja deutlich an ihm sehen&#8230;</p>
<p>Gleich nach dem fr&#252;hen Erwachen am n&#228;chsten Morgen, wir schlafen jetzt zusammen wie ordentliche Eheleute im Schlafzimmer des Hauses, sprinte ich ins B&#252;ro, versuche mein Gl&#252;ck. Mein Vater ist ja Fr&#252;haufsteher. Nach langen, immer neu gestarteten Versuchen meldet der sich endlich. Als wir gegenseitig unsere Stimmen h&#246;ren, k&#246;nnen wir erst mal gar nichts sagen, sind sprachlos vor Gl&#252;ck. Dann erz&#228;hlen wir, und erz&#228;hlen&#8230;, die Rechnung m&#246;chte ich sp&#228;ter nicht bezahlen. Daheim w&#228;re soweit alles in Ordnung, nur ringsum dort geht alles in Rauch und Tr&#252;mmer auf. Und mein Vater meint noch, ES ist vorbei, und das mit einem sehr, sehr positiven Ergebnis. Und Abdul w&#252;rde vielleicht noch heute zu ihm vorbei kommen. Ich soll meinen Vater unbedingt am Abend wieder anrufen, aber nicht vor Acht. Und ja unter allen Umst&#228;nden mit Oskar hier bleiben. Egal was kommt, hier bin ich sicher, zuhause bald tot, meint er noch sehr ernst. Sonst w&#228;re keiner da. Geschwister zur Schule, Mutter einkaufen. &#8230; Danach versucht Oskar sich an dem jetzt schon reichlich vorgew&#228;rmten und verschwitzten H&#246;rer, vorher meinem Bericht lauschend.</p>
<p>Ich lasse ihn jetzt besser allein, mache mir erst mal auf dem Hof den Futtertrog mit frischem Wasser voll f&#252;r ein sch&#246;nes Bad. W&#228;hrend das Wasser in der Morgensonne „aufheizt“, kann ich schon unser gemeinsames Fr&#252;hst&#252;ck vorbereiten. Als es dann im Haus ruhig ist, und ich mich &#252;berall nach Oskar umschaue, sehe ich von ihm nur seine Nasenspitze im Wasser. Na warte! Mich schon entkleidet anschleichend, dr&#252;cke ich ihn unter Wasser und eine sch&#246;ne Balgerei wie unter kleinen Kindern nimmt ihren Anfang, solange, bis hinter der Au&#223;enmauer Margherita zu h&#246;ren ist, das Tor sich quietschend &#246;ffnet und Oskar sich schlagartig aus dem Wasser erhebt, nicht an seine Nackheit denkend. Margherita lacht fr&#246;hlich, Oskar err&#246;tet heftig. Sie ruft ihm noch einiges zu, h&#228;lt ihre Schultasche kurz hoch. Ich verstehe nichts, Oskar nickt und winkt noch kurz, dann grinst er wie ein Honigkuchenpferd. Seinen K&#246;rper von oben bis unten nochmal &#252;berpr&#252;fend, seinen Penis vor meinem Gesicht, schaue ich, ob ich auch all die Jahre nichts &#252;bersehen habe, was seine tolle Anziehung ausmachen k&#246;nnte. Ich kann aber wieder nur feststellen, dass er f&#252;r mich, noch sehr h&#246;flich gesagt, der unerotische unsch&#246;nste Junge meiner alten Schule bleibt. Oskar wird mir ein R&#228;tsel.</p>
<p>Alles ist gereinigt, erledigt, verf&#252;ttert, vorbereitet, satt. Und was nun: Wir erkunden die Gegend, gehen spazieren. Erst mal das „Dorf“ auf und ab, wenn man die wenigen H&#228;user so bezeichnen mag. Und da Oskar ja nicht mehr Oskar ist, hat er einen untypischen Einfall, der mir aber sehr gef&#228;llt und sofort von uns in die Tat umgesetzt wird. Immer wenn wir meinen, es n&#228;hern sich Leute, hier wohnen anscheinend nur noch Alte au&#223;er Oskars First Lady, gehen wir dann immer „Hand in Hand“, wackeln leicht mit dem Po. Ein Fiat Panda bremst sogar ziemlich heftig, und am&#252;siert k&#246;nnen wir das vor Entsetzen erstarrte Gesicht des Fahrers erkennen. Wir als der Schrecken und Untergang des Abendlandes, was f&#252;r ein Spa&#223;! Unterwegs zwischen den Feldern und alten Wegen hinauf ins Gebirge sind wir wieder ganz die Alten, reden &#252;ber Musik, Verst&#228;rker, Einstellungen und die ganzen Stilrichtungen. Endlich mal wieder richtig unbeschwert zusammen scherzen und einfach nur jung sein. &#8230; Hinten ist sogar eine Bushaltestelle auszumachen. Da haben die uns ja sch&#246;n was erz&#228;hlt, von wegen un&#252;berwindbarer Gegend und all dies, wenn man nur in den jetzt abfahrenden Bus steigen mu&#223;&#8230; An meinen „First Boy“ habe ich den ganzen Tag schon nicht mehr denken m&#252;ssen.</p>
<p>Wieder zur&#252;ck, w&#252;hlt Oskar heftig in den verblieben sauberen Kleiderhaufen, sucht sich was aus, um sich vor mir sp&#228;ter damit zu pr&#228;sentieren. Frisch geschniegelt und geb&#252;gelt, hat er es auf einmal sehr eilig. In Gigolo-Dienstkleidung. Meinen Einwand, dass ein f&#252;r uns sehr wichtiges Telefongespr&#228;ch ansteht, &#252;berh&#246;rt er unabsichtlich. Und weg ist er. W&#228;hrend Oskar „was wei&#223; ich was“ treibt, vertreibe ich mir die Zeit im Garten, mit Mussolini spielend. Aber wie w&#228;re es denn f&#252;r Oskar, w&#228;re ich noch mit Amir zusammen – ich sollte also nicht so sehr auf ihn sauer sein, eher mich noch f&#252;r ihn freuen, als sein wahrer Freund. Anderes zu denken w&#228;re rein egoistisch, hat dann nichts mit richtiger Freundschaft zu tun. Vielleicht finde ich ja auch bald jemanden, dann brauche ich mich nicht mehr beklagen.</p>
<p><strong>Der Weg</strong></p>
<p>Schon lange vorher sitze ich vor dem Telefon. Gleich daneben liegt meine Armbanduhr, die von mir st&#228;ndig mit der Wanduhr verglichen wird, ob sie noch synchron laufen. Mein Kreislauf ist kurz vorm Kollabieren. Mit aufgeregten Schritten umkreise ich au&#223;erdem alle Minute mehrfach den Schreibtisch, um mich anschlie&#223;end schnell wieder zu setzen. Herzattacken k&#252;ndigen sich bereits an. Dann ist es soweit und der Sekundenzeiger hat die lang ersehnte Marke &#252;berschritten. Mit zittrigen Fingern drehe ich die W&#228;hlscheibe, rutsche mit den nassen Fingern ab, fange wieder neu an, bis auf einmal ganz deutlich Abdul mit mir spricht. Nach kurzer Begr&#252;&#223;ung schildere ich ihm die Situation hier, will wissen, wie wir uns verhalten sollen. „&#8230;sowas habe ich mir bei den Kr&#228;ften beinahe gedacht, wenn ich solange wegbleibe, war ja auch nicht geplant. Ist aber nicht so schlimm, ihr seid dort sicher. Ich komme so schnell es geht r&#252;ber, au&#223;ergew&#246;hnliche Ereignisse&#8230; Aber ihr bleibt solange und auf jeden Fall am Ort, und wenn es ein Jahr dauern w&#252;rde, bis ich komme, ist das klar! Hebe den Schreibtisch auf der Fensterseite an und schau unten nach, aber frage nichts! Ich vertraue dir&#8230; Wende dich an Ginevra, die wird euch unterst&#252;tzen, und seid dort sch&#246;n flei&#223;ig und vergammelt die Zeit nicht nur. Wir sehen uns bald&#8230;“ Ein lautes Knacken und, „Tut, tut.“ Dann komme ich nicht mehr durch. Man, da habe ich ja mal richtig Gl&#252;ck gehabt.</p>
<p>Als ich wie aufgetragen den Schreibtisch an der Seite anheben will, bewegt der sich kein St&#252;ck, steht wie einbetoniert da. Dann erst f&#228;llt mir die massive Platte oben auf. Marmor, sch&#246;n dick und sauschwer. Auch sonst ist alles sehr massiv. Falls da unten ein Versteck sein soll, ist das ziemlich sicher. Aber vielleicht kann ich ihn ankippen. Das klappt nur unter gro&#223;en M&#252;hen, aber wie soll ich jetzt aus der Position unten nachschauen. Also suche ich mir etwas, was ich unterschieben kann, dann geht es recht einfach. Eine Metallkiste kann ich erf&#252;hlen, aber nicht hervorziehen. Also noch mehr ankanten, dann ist es geschafft. Eine leicht angerostete Blechkiste von etwa 25 x 40 x 10 cm Kantenl&#228;nge, vielleicht fr&#252;her mal f&#252;r Zigarren verwendet, steht vor mir auf dem Tisch. Als ich den Deckel &#246;ffne, der mir durch den Ruck gleich entgleitet und auf den Boden scheppert, wei&#223; ich, es ist kein Problem f&#252;r Oskar und mich, hier noch weit &#252;ber ein Jahr und viel l&#228;nger auszuharren. Nun, bei Oskar h&#228;tte man jetzt wohl eher gro&#223;e Probleme, ihn vorher hier weg zubekommen&#8230; Keine Ahnung, wie viel Euros das sind, aber es wird genug sein. Einige wenige Scheine entnehme ich, dann verschwindet die Kiste schnell wieder. Genug Kohle und f&#252;r Halunken Anla&#223; genug, um einen Mord zu begehen. Niemand darf davon erfahren.</p>
<p>Als sp&#228;ter Oskar endlich wiederkommt, will ich ihn nicht in seiner Euphorie unterbrechen, denn so gl&#252;cklich habe ich ihn noch nie gesehen. Ich m&#246;chte die tolle Stimmung nicht durch schn&#246;des Mammon kaputt machen. Er hatte sein Erstes Mal mit einem M&#228;dchen, ist noch ganz verz&#252;ckt! Nach dem Telefongespr&#228;ch fragt er nicht, denn das tangiert ihn momentan in keiner Weise, geht ihm zur Zeit sowas am Arsch vorbei&#8230; Und ich bin stolz wie Oskar auf meinen Oskar!</p>
<p><strong>Am Morgen danach</strong></p>
<p>Am Morgen danach, der bei meinem Erwachen schon mehr ein Tag ist, pr&#228;sentiere ich Oskar die Scheine, als er endlich die Augen &#246;ffnet, und erz&#228;hle ihm meine Sicht auf die Dinge von gestern. Aber ganz egal, was ich dem jetzt erz&#228;hlen w&#252;rde – der spr&#252;ht nur so vor Euphorie und Optimismus, dem kann wohl nichts mehr die gute Laune verderben. Ja, und er hat auch sofort Ideen, um aus der nun folgenden quasi Ferienzeit auch eine mehr produktive zu machen. Nach dem Fr&#252;hst&#252;ck suchen wir das Haus von Ginevra auf. Bei der Begr&#252;&#223;ung halten wir ihr einen gro&#223;en Schein vor die Nase, den sie uns mit einem L&#228;cheln gleich entrei&#223;t, um anschlie&#223;end noch breiter zu l&#228;cheln. Dass sie uns in ihre gute Stube bittet, dem k&#246;nnen wir uns nicht entziehen. Hier ist es zwar sch&#246;n sauber und ordentlich, die Einrichtung aber sehr einfach. Und dann bekommen wir ihren Cappuccino vorgesetzt. Ginevra und wir, wir brauchen einander in Symbiose, das ist uns klar. Wahrscheinlich lebt sie nur von einer kleinen Rente, kennt sich aber mit vielen Dingen hier bestens aus &#8211; unsere Finanzen stehen gut, aber Ahnung haben wir keine. Obwohl sie eher nur eine stille alte B&#228;uerin ist, hat sie unsere Lage gut verstanden, nimmt die Dinge gleich in ihre Hand. Einen geflochtenen Korb mit einigen Lebensmitteln mir in die Hand dr&#252;ckend, uns dann links und rechts wie kleine Kinder an den H&#228;nden haltend, gehen wir in Richtung ihrer nun wieder neu er&#246;ffneten Arbeitsst&#228;tte. (mir f&#228;llt dabei eine Szene aus Grimms M&#228;rchen ein) Dann wollen wir was tun, nicht nur wie ein Parasit auf Kosten anderer leben. Mit Schreibblock und Kugelschreiber ausger&#252;stet, machen wir eine gro&#223;e Inspektion auf dem Grundst&#252;ck und suchen uns Arbeit, denn dort gibt es reichlich zu tun, wie wir bei genauerem Hinsehen feststellen k&#246;nnen. Unsere K&#246;chin will sich um die Beschaffung der Materialien k&#252;mmern. Wir brauchen etliche Farben, Tapeten, Kleber und so weiter. Oskar ist nicht mehr zu bremsen, schon beginnt er mit dem Ausr&#228;umen eines Zimmers! Hat der denn vollkommen seinen Sinn f&#252;r Gem&#252;tlichkeit verloren&#8230; Doch als die Zeiger der Uhr im B&#252;ro sich Richtung 15 Uhr n&#228;hern, legt sich diese Begeisterung. Gr&#252;ndlich gebadet, ist er bald darauf verschwunden, um wenig sp&#228;ter mit Margherita zusammen wieder aufzutauchen. „Dorkas, zieh dich schnell um und dann komm mit!“ Anschlie&#223;end gehen wir in wechselnder Formation Hand in Hand durch die Dorfstra&#223;e, also auch ich wie schwer verliebt mit ihr. Irgendwie mu&#223; diesem alten Dorf ja wieder Leben eingehaucht werden, da hilft etwas Aufregung und Aufmunterung durch die Jugend sehr, und die Aktion von Oskar und mir war ein voller Erfolg, wie ich dem lauten Lachen von Margherita entnehme. Oskar meint aber, dass seine Freundin zuhause schon noch erkl&#228;ren mu&#223;, dass alles nichts mehr als ein Spa&#223; ist, damit ihr gro&#223;er &#196;rger erspart bleibt. Die Sitten m&#252;ssen halt auch hier eingehalten werden.</p>
<p>* * *</p>
<p>Die letzten zwei Wochen waren ein Mix aus Nichtstun, flei&#223;igen Renovierungsarbeiten an Haus und Hof, Liebesspielen zweier schwer Verliebter im Haus (absolutes Dorkasverbot), und einem dann oft einsamen, zum Kleinbauern mutierten Dorkas, verantwortlich f&#252;r Garten und H&#252;hnerhof, an seiner Seite Mussolini als treuen Begleiter. Aber wie schon mein Vater sagte, wir sind hier sehr sicher aufgehoben. Oskar ist mehr als zufrieden, mir fehlt was. An einer einsamen Badestelle an der imposanten K&#252;ste, zu der uns Margherita &#246;fter mitnimmt, dem Tummelplatz der verliebten Jugend der Umgebung, gehen mir die Augen &#252;ber beim Anblick der Sch&#246;nheiten dort, und ich bekomme richtig Liebeshunger. Ich bin wirklich nicht abgeneigt, mir auch einen s&#252;&#223;en Italiener am Wasser zu „angeln“, doch ich merke deutlich, ich habe nicht die Kontaktf&#228;higkeit von Oskar und seine Selbstsicherheit, kann ihn darum jetzt nur beneiden. Nur immer so zu schauen und manchmal sogar einen Augenkontakt zu haben, ist ja auch ganz sch&#246;n, aber dann anschlie&#223;end wieder alleine zu sein, immer das gl&#252;ckliche Paar in der N&#228;he wissend – es geht mir gut, trotzdem bekomme ich bald Depressionen.</p>
<p><strong>&#220;berraschung</strong></p>
<p>Wieder mal zur&#252;ck von unserer Nachmittagstour, h&#246;ren wir, wie ein uns bekanntes Motorenger&#228;usch sich langsam n&#228;hert. Der Jeep, mit dem Abdul abgefahren ist. In freudiger Erwartung rennen wir auf den Hof, sehen, wie das Fahrzeug wendet und r&#252;ckw&#228;rts auf der anderen Hofseite unter das Schleppdach f&#228;hrt. Endlich ist er wieder da und die Freude dar&#252;ber ist allen anzumerken, mit Umarmungen begr&#252;&#223;en wir uns. Auch Oskars Freundin scheint den lang Vermissten bereits gut zu kennen. „Moment, ich habe da noch jemanden mitgebracht zur Verst&#228;rkung des Teams. Der ben&#246;tigt aber zur Zeit etwas Hilfe wegen seiner angeschlagenen Gesundheit. Dorkas, sei bitte so nett und hilf dem jungen Mann aus dem Auto!“, bittet Abdul in seiner Art, die keinen Widerspruch duldet. So kennen wir ihn, so wir lieben ihn trotzdem. Ich &#246;ffne dann leicht verwundert die Beifahrert&#252;r, weil der Typ einfach keine Anstalten macht, von selbst aus zusteigen. Aus dem Wageninnern trifft es mich wie ein Blitz, dunkle Augen schauen mich liebevoll an. „Amir! Du bist das&#8230;“</p>
<p><strong>Nachtrag</strong></p>
<p><em>Nun, lieber Leser, ist meine geschriebene Geschichte erst mal beendet. Ich werde sogleich den Rechner ausschalten, bin jetzt total erledigt. Da w&#228;re aber noch schnell zu erg&#228;nzen: Abdul hat bei seinem T&#246;tungshandwerk zum Gl&#252;ck schwer versagt. Mangels &#220;bung, wegen der Dunkelheit und hohem Wellengang hat er Amir zwar heftig ins Gesicht geschnitten, aber nicht lebensgef&#228;hrlich verletzen k&#246;nnen. Das Kriegsschiff hat alles aus geringer Entfernung verfolgt. Die dachten ja, dass das wei&#223;e Schiff uns auf seinem Kurs rammen wird und wollten rettend eingreifen. Gerettet haben sie Amir! Und der will nun unbedingt Schiffsoffizier werden&#8230;</em></p>
<p><em>Amir wird f&#252;r immer eine auff&#228;llige Narbe als Erinnerung behalten. Die Narben in seiner Seele zu heilen, das ist meine Aufgabe, die noch lange brauchen wird. Trotz allem, Amir hat Abdul verziehen. Wie war das noch, das mit dem ersten Stein werfen&#8230; Und die Familien haben sich endlich ausges&#246;hnt. Trotz des ganzen Geldes jetzt – wir verdienen unseren Lebensunterhalt alleine. Ihr k&#246;nnt Amir und mich oft im Gro&#223;markt an der Kasse sitzen sehen. Wo? Nun, ich habe uns doch beschrieben, schaut doch mal einfach&#8230; Bald schon, in den Semesterferien, wollen wir Abdul besuchen und alle zusammen im Aspromonte campen, solange es mit Oskars Freundin noch geht. Wir, das sind immer noch Margherita und Oskar, Amir und ich. Was denkt ihr denn!</em></p>
<p><strong>E N D E</strong></p>
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		<title>Dorkas &#8211; Teil 2</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Apr 2008 09:34:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>magru</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Einleitung zwei
„Hallo, lieber Leser. Schon, dass Du mich, Dorkas, nach dem Lesen meines ersten Teiles wieder besuchst. Drau&#223;en regnet es immer noch, ein Grund weiter zumachen, aber ich kann jetzt auch nicht vom Text loslassen, weil ich vor dessen Ende nicht zur Ruhe kommen kann. Da sind halt immer noch Emotionen, die der Aufarbeitung bed&#252;rfen. <a href="http://www.pitstories.de/2008/04/13/dorkas-teil-2/">[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Einleitung zwei</p>
<p>„Hallo, lieber Leser. Schon, dass Du mich, Dorkas, nach dem Lesen meines ersten Teiles wieder besuchst. Drau&#223;en regnet es immer noch, ein Grund weiter zumachen, aber ich kann jetzt auch nicht vom Text loslassen, weil ich vor dessen Ende nicht zur Ruhe kommen kann. Da sind halt immer noch Emotionen, die der Aufarbeitung bed&#252;rfen. So, viel Spa&#223; weiterhin! Dorkas.“<br />
<span id="more-253"></span></p>
<blockquote><p><strong>Hinweis: Die Geschichte beinhaltet brutale Gewalt. Wer damit nicht umgehen kann, sollte sich lieber anderen Geschichten zuwenden.</strong></p>
<p><strong>Wichtige Personen:</strong></p>
<ul>
<li>Dorkas Hauptperson</li>
<li>Oscar bester Freund</li>
<li>Amir + Mitsch&#252;ler, Liebster</li>
<li>Abdul Aufpasser</li>
<li>Jeremy Freund in der Ferne</li>
</ul>
<p><strong>Orte:</strong></p>
<ul>
<li>Sant Elia Anlandungsort im Industriehafen</li>
<li>(Anfahrt Landstra&#223;e &#252;ber Moro, Montebello Jonico)</li>
<li>Sant Elena Unterbringungsort</li>
</ul>
<p>(bitte dort nicht hinfahren und nachpr&#252;fen&#8230; gibt nur &#196;rger!)</p></blockquote>
<p><strong>Angekommen unter Palmen</strong></p>
<p>„Dorkas! Nun werde endlich mal wieder normal und komm wieder ins Leben zur&#252;ck! Dorkas, h&#246;rst du? Oskar spricht mit dir, dein bester Freund!“ Oskar dr&#252;ckt meine vor das Tr&#228;nen verschmierte Gesicht gehaltenen Handfl&#228;chen weg und sieht mich aufmerksam an. Meine Augen sehen in ein um seinen Freund sehr besorgtes Gesicht. „Oskar&#8230;“, schluchze ich, mehr kann ich nicht von mir geben. „Ja, es ist schlimm &#8211; Amir ist ertrunken – und ich finde es auch furchtbar, aber denk doch mal daran, dass du noch vor gar nicht vielen Stunden mit ihm nicht mal ein Wort geredet hast! Aber ich bin doch da, ich lebe ja noch, und ich brauche dich jetzt noch viel mehr als sonst als meinen besten Freund. Wir sollten einfach wie immer zusammenhalten und uns vertrauen, dann k&#246;nnen wir gemeinsam auch alles gut durchstehen. Nun, komm schon, wisch deine Tr&#228;nen weg, und rede wieder mit mir!“ Uns umarmend, gibt mir Oskar wieder etwas von meiner Lebenskraft zur&#252;ck, und jetzt nehme ich auch die Umgebung wahr, die qu&#228;lenden Ger&#228;usche des Motors, das Ger&#252;ttel auf der Ladefl&#228;che. „Abdul hat ihn umgebracht“, fl&#252;stere ich an Oskars Ohr, „brutal mit dem Messer.“ „Aber Dorkas, was erz&#228;hlst du da – wie kannst du sowas nur behaupten! Du t&#228;uscht dich sicherlich.“ „Nein, Oskar, ich t&#228;usche mich nicht“, sage ich bitter, „mir hat er ja auch das Messer an den Hals gehalten und mich bedroht, dass ich die Schnauze halten soll, und ich mu&#223;te auch noch Amirs Blut abwaschen&#8230;“ Oskar sagt darauf nichts, aber ich merke deutlich, wie sich in ihm was bewegt, wie er sich innerlich verkrampft, es ihn sch&#252;ttelt, und wie er mir kurz seine Fingern&#228;gel schmerzhaft in die Oberarme bohrt. „Oh, das h&#228;tte ich vom dem nicht gedacht, da habe ich mich aber total in einem Menschen geirrt. Aber warum &#8211; nur dass Amir auf Jungs steht und nicht in die alte Denkschablone seiner Umgebung passt? Das ist doch total krank und unsinnig! &#8230; Dorkas, lass uns das hier gemeinsam durchstehen. Wir k&#246;nnen ja auch nicht so ohne weiteres zur&#252;ck, m&#252;ssen erst mal sehen, was auf uns zukommt, aber es wird die Gelegenheit kommen, da werden wir Amir r&#228;chen, das verspreche ich!“ Mir einen Ku&#223; auf die Stirn dr&#252;ckend, fl&#252;stert er sehr entschlossen und m&#228;nnlich in mein Ohr, „Ich schw&#246;re auf das Andenken von Amir, Abdul wird daf&#252;r b&#252;&#223;en.“ Unsere Wangen dann eng aneinander gelegt, den aufgeregt heftigen Herzschlag meines Freundes sp&#252;rend, bin ich daf&#252;r bereit, sage wieder ja zum Leben. Ich registriere den mittlerweile penetranten Schwei&#223;geruch meines Freundes, und das ist etwas, was ich eigentlich &#252;berhaupt nicht bei ihm ausstehen kann, aber hier und jetzt st&#246;rt mich das nicht, erscheint es mir sogar als der beste Duft der Welt, weil der meines besten, nun einzigsten Freundes.</p>
<p>„Sag mal, wo sind wir hier &#252;berhaupt?“, sind meine ersten konstruktiven Worte nach schlimmen Stunden der Depression, und ich merke, dass die Augen vieler unbekannter Jungs auf mich gerichtet sind und Anteil am Gespr&#228;ch genommen haben, obwohl sie &#252;ber den eigentlichen Sinn meines Verhaltens und die Tragik kaum eine Ahnung haben k&#246;nnen. Sollte ich denen alles erz&#228;hlen, macht das Sinn? Mitten in dieser &#220;berlegung meint Oskar, „Nun, angekommen sind wir in Sant Elia, in einem Hafen gleich neben einem Industriegebiet, dann auf diesem LKW weiter gefahren mit noch anderen Jungs, die dort schon gewartet haben, &#252;ber Moro in Richtung Montebello Jonico, wie ich lesen konnte. So eine Touristengegend ist das hier wohl nicht, eher am Arsch der Welt. Aber, sieh mal, dahinten dieser gro&#223;e Berg, das sieht interessant aus.“ „Ich denke mal, das wird der &#196;tna sein, und wenn wir auf dem italienischen Festland sind, ist dahinten etwa Westen.“ „Da, &#196;tna“, mischt sich einer der anderen Jungs ein, dessen Gesicht ich nicht kenne, und gleich fangen die restlichen Fahrg&#228;ste eine wilde Diskussion an, nur von der Sprache und dem Inhalt bekomme ich nichts mit. Auch das Aussehen meiner Mitfahrer scheint sich ver&#228;ndert zu haben, was daran liegen k&#246;nnte, dass wir einer anderen Gruppe zugeteilt wurden. Und ich habe davon nichts bemerkt, war nur mit mir besch&#228;ftigt&#8230; Doch zum gro&#223;en Gl&#252;ck ist Oskar noch bei mir, ohne ihn w&#252;rde ich bestimmt untergehen.</p>
<p>Als wir am Ende eines kleinen Dorfes namens Sant &#8216;Elena angelangt sind, biegen wir nach rechts ab und gelangen kurz darauf durch das Tor eines mit einer hohen Mauer aus rohen Feldsteinen und Felsst&#252;cken kunstvoll errichteten Mauer, die einen gro&#223;en Bauernhof umschlie&#223;t. Alles sieht sehr ordentlich und sauber aus, die Geb&#228;ude erstrahlen durchweg in einem reinen Wei&#223;. „Los, absitzen!“, br&#252;llt Abdul, dessen ungewohnt scharfe Stimme nicht nur mir einen gewaltigen Schrecken einjagt. Aber nur zu gern verlassen wir das unbequeme Fahrzeug und k&#246;nnen unsere Glieder strecken, die nach vielen Stunden Fahrerei schon zu schmerzen beginnen. Von der Ferne sind Flugger&#228;usche zu h&#246;ren, die rasch n&#228;her zu kommen scheinen. Als ein Milit&#228;rhubschrauber sichtbar wird und l&#228;nger &#252;ber der Umgebung kreist, bekommt Abdul Panik und schickt uns unter ein Vordach, unter dem Landmaschinen aufgereiht stehen, bis der Flieger nicht mehr am Horizont zu sehen ist. Zwei etwas &#228;ltere Sonnen gegerbte M&#228;nner, die aus dem Eingang des Wohnhauses einen Stapel Campingst&#252;hle anschleppen, werden von Abdul mit Handschlag und Umarmung begr&#252;&#223;t, wir Jungs von ihnen nur aufmerksam gemustert. Anschlie&#223;end werden mit unserer Hilfe noch einige Partyb&#228;nke aufgestellt, viele gro&#223;e Pappkartons herangeschafft und Sonnenschirme aufgestellt. Ein Korb mit einer Reihe von Flaschen mit trinkbarem Inhalt einer amerikanischen Marke und auch sch&#228;rfere Sachen rundet alles ab. Offensichtlich ist f&#252;r uns eine Begr&#252;&#223;ungsveranstaltung geplant. Und als wir glauben, endlich was von der bereits sehns&#252;chtig anvisierten dunklen Fl&#252;ssigkeit zu bekommen, stellen sich die M&#228;nner breitbeinig vor uns auf, schauen uns nur lange an und sagen nichts. Dann grinst Abdul Oskar und mich an, „Na, wart ihr auch sch&#246;n artig und habt, wie von mir aufgetragen, alle eure Wertsachen sch&#246;n mitgenommen?“ Dem darauf h&#246;hnischen Gel&#228;chter der M&#228;nner folgt wieder langes Schweigen. Was soll das denn jetzt werden? Pl&#246;tzlich und schmerzend laut kommandiert Abdul, „Alle eure Sachen sofort ausziehen und auf einem Haufen legen! Los, wird&#8217;s bald!“ In mehreren Sprachen werden wir nun angebr&#252;llt, wissen nicht was uns geschieht, denn damit haben wir nun wirklich nicht gerechnet. Abdul „hilft“ uns sogar beim Ausziehen, durchsucht jedes Kleidungsst&#252;ck peinlichst genau, rei&#223;t uns rabiat selbst die Unterw&#228;sche vom Leibe, denn freiwillig uns vor allen zu entbl&#246;&#223;en, das sind wir nicht gewohnt und finden es sehr unschicklich. Meine Dollars kann er allerdings nicht finden, aber was soll&#8217;s, wenn ich auch den G&#252;rtel nicht behalten kann. Meine Digitaluhr schmei&#223;t er achtlos auf den Boden, ist ihm wohl nichts wert, da eben nur ein Werbegeschenk, aber ich b&#252;cke mich sofort unauff&#228;llig und verberge sie als gro&#223;e Kostbarkeit in meiner Hand. Wir Jungs stehen als ein nacktes H&#228;ufchen Ungl&#252;ck nur still, entsetzt und wie gel&#228;hmt da, so eines guten St&#252;ckes der W&#252;rde beraubt. Wir sind auf das Arglistigste get&#228;uscht worden und wissen nicht was uns geschieht, k&#246;nnen nicht fassen, dass mit uns so umgegangen wird, denn nicht in unseren schlimmsten Albtraumen konnten wir es jemals erahnen. W&#228;hrend wir so verharren, haben die Peiniger sich inzwischen uns gegen&#252;ber gem&#252;tlich auf die St&#252;hle gesetzt, die Sonnenschirme ausgerichtet, &#246;ffnen die Flaschen und prosten uns zu. Ungeniert betrachten sie unsere jungen K&#246;rper, machen dreckige Sp&#228;&#223;e und sich &#252;ber unsere k&#246;rperlichen Eigenheiten lustig. Pl&#246;tzlich merke ich, dass Oskar mich ansieht. Kannte ich seine Augen bisher immer nur als die eines lieben Jungen und netten Freundes, sehe ich darin nun eine wilde Entschlossenheit kraftvoll gl&#252;hen. Ich erkenne, da ist jemand, der sich nicht so leicht brechen l&#228;&#223;t und k&#228;mpfen will. Nur gut, dass Abdul nicht seine Gedanken lesen kann, aber ich kenne sie, denn es sind auch meine&#8230;</p>
<p>„So, Jungs, alle haben ihren Spa&#223; gehabt, jetzt aber an die Arbeit!“ Dann k&#246;nnen wir uns endlich wieder bedecken, denn wir bekommen Arbeitsanz&#252;ge, einfache Latschen und alle wichtigen Dinge f&#252;r die K&#246;rperpflege, Unterw&#228;sche und Socken aber Fehlanzeige. Organisatorisches ist wenig zu erfahren: Tags&#252;ber lange arbeiten, Sonntags immer frei, au&#223;er w&#228;hrend der Erntezeit. Geld gibt es solange nicht, bis der Vorschu&#223; f&#252;r unsere Eltern abgearbeitet ist, und das kann dauern. Weglaufen sollten wir ja nicht erst probieren, man w&#252;rde uns mit Hilfe der Einwohner sofort wieder finden, auch w&#228;re das Gel&#228;nde f&#252;r Ortsfremde so gut wie un&#252;berwindlich, und die Polizei kassiert sowieso mit. Da es hier sonst mangels Bedarf kaum noch Esel gibt, haben wir nun deren Stelle eingenommen. Vom Typ „Goldesel Delux“, und die l&#228;&#223;t man nicht ohne Not entkommen&#8230;</p>
<p>Die Unterk&#252;nfte sind der Hammer, nur so alte St&#228;lle mit viel Stroh auf dem Boden und schmutzigen Decken darauf, mit kleinen unverglasten Fenstern, einige Campingst&#252;hle dazu als dann schon komplette Einrichtung. Eine Toilette haben wir auch – einen gro&#223;en Eimer mit Holzdeckel. Wir haben sogar ein sehr gro&#223;es Bad zur Verf&#252;gung, unter freiem Himmel, drau&#223;en an einem Brunnen. Ein Futtertrog ist unsere Waschgelegenheit. „Ich brauche einen, der das ganze Zeug jetzt w&#228;scht. Du, du kommst mit!“, ruft Abdul und zeigt auf mich. Nur widerwillig folge ich ihm ins Haus. Vor mir sein kraftvoller R&#252;cken, vom Alkohol leicht schwankend, die Arme gro&#223; im Umfang und breit der Nacken, dahinter ich mit meiner fast noch kindlichen Figur und auch viel kleiner &#8211; als unmittelbarer Gegner ist er f&#252;r mich wie eine uneinnehmbare Festung, stelle ich in Gedanken fest. Leider sinnlos, weiter dar&#252;ber nachzudenken. Ich folge ins Haus, welches wie der Hof sehr sauber erscheint, und werde in einen Raum geschoben, der als W&#228;schelager und Waschraum dient. „Da ist die schmutzige W&#228;sche, dort durch die T&#252;r drau&#223;en der Platz zum Trocknen, in die Regale kommt die zusammengelegte saubere W&#228;sche rein und eine Waschmaschine hast du ja schon mal gesehen. Lass dir aber ruhig Zeit, denn heute liegt f&#252;r euch weiter nichts mehr an. Ich muss ja erst noch die Vertr&#228;ge f&#252;r die Leihfirma fertig machen, damit ich f&#252;r euch auch Lohn bekomme. Und mach dir nicht soviel aus dem bl&#246;den Empfang. Meine Kollegen, das sind nur einfache Bauerntrottel &#252;belster Sorte, aber ich kann ihnen den primitiven Spa&#223; nicht verwehren, sonst werden die unberechenbar und sind zu nichts mehr zu gebrauchen. Ist leider jedes mal so. Sehe dich vor denen etwas vor, ja?“ Als mir noch freundschaftlich auf die Schulter geklopft wird, wei&#223; ich nicht mehr, wie und was ich denken soll&#8230; Dann bin ich mit dem ziemlich gro&#223;en, einfach im Raum aufgeschichteten Berg aus schmutzigen Hosen, verschiedenen Pullovern, Jacken, Socken und allerlei Unterw&#228;sche alleine, der von der Menge her nicht nur von den gerade neu Angekommenen sein kann. Nun, die W&#228;sche war zuhause immer die Aufgabe meiner Mutter, und ich stehe jetzt ziemlich ratlos davor. Einfach nur zu sagen, ich kann das nicht, k&#246;nnte mir bestimmt eine Menge &#196;rger bringen. Als ich pl&#246;tzlich die Schnalle meines G&#252;rtels in dem Wirrwar erkenne, und gerade dabei bin, diesen hervorzuziehen, bekomme ich einen geh&#246;rigen Schrecken! „Junge, Junge, hat man dir zuhause nicht mal die einfachsten Dinge im Leben beigebracht? Also erst mal sortieren in Buntw&#228;sche und Wei&#223;, auf Kochw&#228;sche und wenig Temperatur achten. Dann getrennt waschen, damit es nicht f&#228;rbt oder sich vielleicht aufl&#246;st. Da machst du das Pulver rein, hier von dieser gro&#223;en Flasche etwa bis zu der Markierung, und dann drehst du den gro&#223;en Knopf auf Zwei f&#252;r Wei&#223;es, f&#252;r Buntes auf F&#252;nf, steht ja auch drauf. Fertig. Danach kannst du dich meinetwegen solange drau&#223;en in den Garten setzen und Pause machen, bis der Waschgang jeweils zu ende ist. Nun, schau mal, ist doch nicht so schwer, oder? Hier, das habe ich dir noch mitgebracht.“ Er zeigt auf einen Teller mit einer gro&#223;en, halben Pizza und eine Limonadenflasche. Ich habe nicht bemerkt, dass Abdul rein gekommen ist, und &#228;rgere mich &#252;ber mich selbst, als ich ihn auch noch recht dankbar anschaue! Mein Menschenbild &#252;ber Abdul ist total durcheinander, und ich habe ja auch noch nicht soviel Lebenserfahrung, um alles genau einordnen zu k&#246;nnen, doch da bleibt zwischen uns f&#252;r immer und alle Zeit der Mord an Amir, egal, was ist und sonst noch kommen wird.</p>
<p>Die Waschmaschine l&#228;uft, die Pizza ist verspeist, mit der Limonadenflasche in der Hand &#246;ffne ich die Hoft&#252;r f&#252;r eine verdiente Pause. Gerade will ich mich umsehen, und mu&#223; mich erst an die pl&#246;tzliche Helligkeit gew&#246;hnen, da wird das Licht vor mir dunkel, ein Kolo&#223; versperrt den Weg und springt mich an! Bedrohlich gro&#223;e Z&#228;hne und triefende Lefzen, nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt, dicke Tatzen auf meiner Schulter liegend, erwarte ich gleich das Schlimmste&#8230;, was aber nicht eintritt. Schn&#252;ffelnd macht sich ein riesiges Hundetier mit mir bekannt, be&#228;ugt mich eingehend aus runden, gro&#223;en Augen. Ergebnis der Betrachtung: F&#252;r gut befunden und abgeleckt! Schwanz wedelnd zieht der riesige Hund ab, als von innen, „Mussolini, komm!“, gerufen wird. Und mein Herz kommt mir fast aus dem Hals raus, so sehr habe ich mich erschreckt, mu&#223; aber l&#228;cheln wegen dieser &#220;berraschung und dem Namen. Doch der Hund, keine Ahnung wie diese Art hei&#223;en k&#246;nnte, ist trotz seiner &#228;u&#223;eren Bedrohlichkeit anscheinend ein recht lieber und die Sympatie ist gegenseitig. Entspannt setze ich mich an den Stamm eines Zitronenbaumes, schaue mir die Umgebung an. Eine lange Reihe von Gem&#252;sebeeten, viele Obstb&#228;ume und der W&#228;scheplatz befinden sich zwischen Wohnhaus und Au&#223;enmauer. Von dahinter sind helle Kinderstimmen und Ballger&#228;usche zu h&#246;ren. Und viel Lachen. Eine sch&#246;ne, heile Welt&#8230; Ich schlie&#223;e die Augen, w&#252;nsche, dass alles Erlebte der letzten 24 Stunden nur ein b&#246;ser Traum w&#228;re, und ich hier nur Ferien machen w&#252;rde. Ich mu&#223; an Amir denken, an all das, was ich ihm noch so gern gesagt h&#228;tte, und auch daran, was ich noch gern mit ihm zusammen erlebt h&#228;tte, dann fordert mein K&#246;rper seinen Tribut&#8230;</p>
<p>„&#8230;einfach k&#246;stlich, das Bild, und sehr schade, dass ich dich nun wecken mu&#223;, denn die Waschmaschine mu&#223; geleert und wieder gef&#252;ttert werden, aber wenn ich das Bild n&#228;chste Woche zuhause deinem Vater zeigen werde, wird er glauben, du bist hier in den Ferien auf einem Bauernhof, und sich sehr dazu freuen. Und Mussolini hast du auch schon kennen gelernt. Aber nicht weitersagen, dass der nicht bei&#223;t&#8230; der soll ja eigentlich den Hof bewachen, Leute erschrecken und nicht als Schmusehund dienen.“ Langsam komme ich wieder zu mir, hab richtig fest geschlafen. Vor mir steht lachend Abdul mit einer Kamera in der Hand. Dicht an meiner Seite liegt „Mussolini“, hat alle Viere weit von sich gestreckt. „Nun hoch, mach deine Arbeit, danach komm zu mir ins B&#252;ro.“ Noch ziemlich benommen, folge ich der Anweisung. Meinem Vater zeigen&#8230; Irgendwie laufe ich neben der Spur, habe Schwierigkeiten, die Dinge richtig einzuordnen. Ohne Probleme ist die Maschine wieder bef&#252;llt, dann finde ich das B&#252;ro anhand der unbeholfenen Tastaturger&#228;usche im Einfingersuchmodus, so als ob das ungeliebte Eingabeger&#228;t bei jedem Tastendruck erschlagen werden soll. Die Uhr dort an der Wand zeigt bereits 17:00 Uhr, ich mu&#223; wohl ziemlich lange „Pause“ gemacht haben. Mich gleich bemerkend, meint Abdul, „Nun, setz dich erst mal. M&#246;chtest du vielleicht Kaffee, oder lieber was von dem guten Wein aus der Gegend hier? &#220;brigens, du siehst deinem Vater t&#228;uschend &#228;hnlich, als der in deinem Alter war. Ich freue mich richtig, dich so zu sehen, da kommen wieder sch&#246;ne Erinnerungen hoch.“ „Woher kennen sie denn meinen Vater“, diese Frage kann ich mir jetzt nicht verkneifen. „Nun, dein Vater geh&#246;rt zu meinen besten Freunden seit Kindertagen. Wir waren auch zusammen beim Milit&#228;r, und damit du es wei&#223;t: ER hat mich gebeten, dich hierher mitzunehmen. Damit du zuhause nicht unter die R&#228;der kommst, was bei der jetzigen Entwicklung dort leider sehr wahrscheinlich ist. Ich habe ihm versprochen m&#252;ssen, dass du es hier gut hast und du normal behandelt wirst, von unvermeidlichen Ausnahmen mal abgesehen. Ich werde versuchen, dich zu besch&#252;tzen so wie ich kann, aber du sollst auch nicht verw&#246;hnt werden! Die Welt ist leider oft schlecht, und du mu&#223;t die St&#228;rke haben, sich ihr widersetzen zu k&#246;nnen, sonst gehst du unter. &#8230; Trink ruhig, ich schenke dir gern nach, dieser Wein ist hier so preiswert wie Wasser, aber wirklich gut.“ Obwohl ich ungern alkoholische Sachen zu mir nehme, habe ich gleich nach dem vollen Glas Wein gegriffen, welches Abdul wohl urspr&#252;nglich f&#252;r sich eingeschenkt hatte, wie ich seinem erstaunten, dann am&#252;sierten Gesichtsausdruck deutlich ablesen kann, aber mir ist jetzt einfach nach dieser Art von Getr&#228;nk. Irgendwie entwickelt sich alles in eine Richtung, die mir vom Gef&#252;hl her wenig gef&#228;llt. Mein Vater als bester Freund eines brutalen M&#246;rders&#8230; Nein, bitte nur das nicht! „Schau, das sind wir etwa in deinem Alter.“ Abdul zeigt mir ein altes Foto, was zwei nett aussehende Jungs zeigt, die sich freundschaftlich umarmen, genau wie Oskar und ich es oft tun. Von einem M&#246;rdergesicht ist absolut keine Spur, Abdul wirkt sehr gl&#252;cklich, harmlos und friedlich, seine Augen haben einen schalkhaften Glanz. Bei dem Anblick mu&#223; ich mich nur wundern und den Kopf sch&#252;tteln. „Aber warum nur&#8230; Warum Amir?“ Unangenehmes Schweigen erf&#252;llt lange den Raum, ich h&#228;tte diese Frage wohl lieber nicht stellen sollen. „Ja, warum Amir&#8230; Es ist wohl besser, dass du es erf&#228;hrst, jetzt nur soviel: Das war so nicht geplant, denn ich habe ihn eigentlich gern gemocht, was du jetzt kaum glauben kannst! In meiner Brust sind leider zwei Seelen, und ich kann oft nicht mehr richtig erkennen, welche gut oder schlecht f&#252;r mich ist, und f&#252;r andere.“ Sehr leise und betr&#252;bt, mit br&#252;chiger Stimme, fl&#252;stert er beinahe, „Ich w&#252;rde es wirklich sehr gern r&#252;ckg&#228;ngig machen&#8230; Aber jetzt geh! Wir reden morgen weiter. Und h&#252;te dich vor b&#246;sen Weibern, da kommt alles Ungl&#252;ck her! Du f&#228;hrst morgen nicht mit auf die Plantage, sondern meldest dich wieder hier. Falls ich so fr&#252;h noch schlafe, warte unter deinem Baum, bis ich dich rufe. Komm, ich bringe dich jetzt zu den anderen r&#252;ber.“ Mit einem Kopf voll ungeordneter Gedanken und vollkommen ratlos, wie ich die Ordnung dort jemals wieder herstellen k&#246;nnte, werde ich in unser „Arbeiterwohnhotel“ geschoben, wo es schon etwas finster ist und unangenehm muffelt. Ich h&#246;re noch, wie drau&#223;en ein Schlo&#223; einschnappt, als Oskar mich aufgeregt empf&#228;ngt und sofort zu reden beginnt, „Dorkas, und ich dachte schon, der hat dir auch was angetan! Ich hatte solche Angst um dich! &#8230; Du, schau mal, was ich organisiert habe&#8230;“ Unter einem Bund Stroh zieht Oskar ein gro&#223;es und scharfes Brotmesser hervor und h&#228;lt es hoch. „Das habe ich aus dem Brotkorb bei der Begr&#252;&#223;ung geklaut. Die waren zum Schlu&#223; ja reichlich betrunken, haben nichts mehr gescheckt. Das werden wir gut f&#252;r unsere Rache gebrauchen k&#246;nnen.“ „Nein, Oskar, das lassen wir vorerst mal lieber. Ich bin mir da nicht mehr so sicher&#8230;“ Ein Gesicht wie das leibhaftige Fragezeichen schaut mich ungl&#228;ubig an, nicht begreifend, wie ich an unserem vorher fest gefassten Vorhaben nun zu zweifeln beginne. „Bitte, Oskar, ich verstehe es auch noch nicht so richtig. Bitte warte noch bis morgen, dann kann ich dir vielleicht mehr erz&#228;hlen. Im Moment ist mir alles etwas zu viel und ich bin ganz sch&#246;n durcheinander.“ „Gut, Dorkas, du hast ja recht. Was die letzten Stunden auch alles so gelaufen ist&#8230; Die anderen Jungs schlafen schon eine ganze Weile. Lass uns auch ruhen.“ Erst viel sp&#228;ter kann ich einschlafen, dicht an Oskar gedr&#228;ngt, der immer sofort einpennt, lausche ich lange schlaflos den vielen unbekannten Ger&#228;uschen hier im Raum, als auch denen von drau&#223;en. Oft knistert das Stroh, wenn jemand sich im Schlaf umdreht, Schnarchen ert&#246;nt. Die Luft ist ziemlich schlecht bei so vielen Leuten in dem kleinen Raum, ich f&#252;hle mich etwas beengt und unwohl. Das ferne Hundegebell wird aber bald leiser und leiser und leiser&#8230;</p>
<p>„Aufstehen! Die Nacht ist beendet!“ Unser Oberaufpasser steht am Eingang, r&#252;mpft die Nase. „B&#228;h, was f&#252;r ein Gestank. Kommt lieber schnell raus, hier gibt es frische Luft und Fr&#252;hst&#252;ck gratis. Ihr habt etwa 30 Minuten, dann fahre ich einen Teil von euch zum Arbeitsort, die anderen werden zusammen mit euren Vorarbeitern von den Bauern abgeholt, die euch zur Unterst&#252;tzung gern haben wollen. Dorkas, du kommst dann&#8230;“ Die folgenden Anweisungen auf Russisch verstehe ich nicht. Drau&#223;en scheint bereits die Sonne und die frische Luft wirkt unheimlich belebend. Mit dem Waschzeug in der Hand mu&#223; ich mich sogar am Brunnen anstellen, denn hier herrscht gro&#223;er Andrang am zur Badewanne umfunktionierten Futtertrog. Die anderen Jungs haben keine Scheu und sich gleich nackt ausgezogen, seifen sich gegenseitig ein, schnell geht die Morgenw&#228;sche in eine gro&#223;e Wasserschlacht &#252;ber. Die ausgelassene Stimmung steckt auch unsere Aufpasser an und geht in allgemeines Gel&#228;chter &#252;ber. Auch Oskar und ich stehen bald nackt wie alle anderen da, und das erste mal in unserem Leben helfe ich meinem Freund beim Waschen, lerne seinen gesamten K&#246;rper kennen. Aber Oskar ist eben Oskar, mein bester Freund, und von Erotik ist da sowieso keine Spur (man mu&#223; ihn nur mal so sehen), trotzdem liebe ich ihn sehr. Was er in dem Punkt &#252;ber mich denkt, hat er mir noch nie erz&#228;hlt, und ich w&#252;rde niemals wagen, ihn sowas zu fragen, obwohl ich da doch sehr neugierig w&#228;re&#8230;</p>
<p>Nach dem Fr&#252;hst&#252;ck sind alle schnell weg. Die Masse der Jungs auf dem Anh&#228;nger eine Traktors und Oskar mit zwei anderen mit dem Jeep, mir noch nachwinkend. Ich bin jetzt auf dem Hof ganz alleine, alles steht unverschlossen auf und ich bin ziemlich neugierig. (Gut, nicht ganz allein, denn Mussolini weicht mir nicht von der Seite, als ich ihn nach seiner Nachtschicht als Bewachungsdienst endlich von der langen Leine losgekn&#252;pft habe.) Doch au&#223;er Landmaschinen, gro&#223;en Heuhaufen in der Scheune, gackernden H&#252;hnern und vielen Hasenk&#228;figen gibt es weiter nichts zu entdecken. Also versorge ich die Tiere erst mal mit Kornfutter, welches reichlich bereit steht, hole frisches Wasser vom Brunnen und Gr&#252;nzeug aus der n&#228;heren Umgebung, von dem ich annehme, dass die Tiere es m&#246;gen. Dann setze ich meine Arbeit von Gestern fort, leere auch die noch volle Maschine. Die Sachen von Oskar und mir lege ich extra, mit meinem G&#252;rtel fest verschn&#252;rt, und ungest&#246;rt kann ich die wenigen Dollarnoten an mich nehmen und in der sicher verschlie&#223;baren Tasche meines Arbeitsanzuges verbergen. Besonders die von Jeremy mit seiner Schrift bekritzelte ist mir sehr wichtig, als m&#246;gliche Verbindungsm&#246;glichkeit zu ihm und zur Au&#223;enwelt.</p>
<p>Das mir schon bekannte Motorenger&#228;usch auf dem Hof k&#252;ndigt Abdul an, doch vorerst l&#228;&#223;t der mich noch in Ruhe. Aber eine schon &#228;ltere Frau, ganz in Schwarz gekleidet, schaut kurz zu mir rein, wundert sich scheinbar, als sie mich jungen Mann bei der W&#228;sche arbeiten sieht, begr&#252;&#223;t mich mit einem „Buongiorno!“ und breitem L&#228;cheln. „Hallo, du bist aber eine &#220;berraschung! Ich wollte gerade die Tiere f&#252;ttern, da sehe ich, alles ist schon fertig! Du hast dir ein zweites Fr&#252;hst&#252;ck verdient. Ich werde unserer K&#246;chin Ginevra sagen, sie soll dir eine gro&#223;e Pfanne mit R&#252;hrei und viel Speck zubereiten, und auch den sch&#246;nen Cappuccino, den nur sie so gut herrichten kann. Komm so in zwanzig Minuten ins B&#252;ro, deine Uhr hast du ja in der Tasche&#8230;“ „?“, mir f&#228;llt darauf hin nichts mehr ein, aber bald pfeife ich vergn&#252;gt vor mich hin, als ich die W&#228;sche von der Leine nehme, dabei mit dem Hund spielend. Wieder im Haus, riecht es dort so verf&#252;hrerisch lecker, dass mir das Wasser im Mund m&#228;chtig zusammen l&#228;uft, und mein Bauch mit seinem Grummeln meint auch, es w&#228;re nun Zeit, was zu essen.</p>
<p>„Da bist du ja endlich! Dann komm mit in die K&#252;che, ich habe auch schon gro&#223;en Hunger!“, meint schnell aufspringend Abdul, als ich sein B&#252;ro betrete. In der K&#252;che auf einem dicken klobigen Holztisch stehen zwei gro&#223;e Bratpfannen, und jede bis &#252;ber den Rand gef&#252;llt. Ich lasse mich nicht erst bitten, schlage sofort zu, denn so ein reichliches Nahrungsangebot habe ich schon lange vermisst. „Keine Sorge, ihr bekommt hier wirklich immer gut zu essen. Wir essen aber f&#252;r gew&#246;hnlich erst so richtig am Abend, wenn alle von der Arbeit zur&#252;ck sind. Ginevra ist eine vorz&#252;gliche K&#246;chin, ein Juwel der Kalabrischen K&#252;che, die kann da sogar zaubern.“ Dann wiederholt er den letzten Satz wohl auf italienisch, denn sie erstrahlt pl&#246;tzlich und zeigt uns ihre Z&#228;hne, als h&#228;tte sie gerade einen Hauptgewinn in der Italienischen Staatlichen Lotterie erzielt.</p>
<p><strong>Einer trage des anderen Last</strong></p>
<p>So richtig gut ges&#228;ttigt und eigentlich momentan kaum mehr zu einer Arbeit f&#228;hig, sage ich zu ihr h&#246;flich, „Danke“, und gehe mit ins B&#252;ro r&#252;ber, sitze wieder auf dem Stuhl wie gestern und warte, was nun kommen wird. Dort l&#228;uft ein kleiner Fernseher, zeigt gerade die Nachrichten der Welt. Gewalt, Hunger, Katastrophen. Als mir sehr bekannte Bilder auftauchen, rei&#223;t Abdul den Stecker aus der Steckdose und schaut mich an. Und ich werde mir schlagartig bewusst, dass mein Gegen&#252;ber mir immer sympatischer wird, ja, es in hohem Ma&#223;e schon ist. Der M&#246;rder meines Liebsten ist mir syphatisch! Von meinen eigenen Gedanken erschreckt, sch&#252;ttele ich ungl&#228;ubig den Kopf. „Ja, ich sehe schon, du wunderst dich. Ich kann gut verstehen, was dich erschreckt, in dir vorgeht&#8230; Auch ich erschrecke oft – meistens vor mir selbst! Es tut mir richtig gut, dass du hier bist, glaub mir das. Du bist f&#252;r mich wie die beste Medizin der Welt, Medizin f&#252;r die Wunden im Laufe meines Lebens. Wunden, die ich einstecken mu&#223;te, und die mich dazu gemacht haben, wie ich heute bin, ohne eine Alternative. Es ist mir, als w&#252;rde ich wieder wie fr&#252;her, als ich noch so jung und unschuldig war wie du jetzt, mit deinem Vater reden. Du bist wie er, damals. Und hab keine Angst, dir k&#246;nnte ich nichts antun, niemals, eher w&#252;rde ich mich selbst umbringen! Aber den Gedanken, den hatte ich schon, gebe ich zu. Nicht umsonst habe ich deinen Freund und dich einer anderen Gruppe zugeteilt, da ihr ja auch unliebsame Zeugen geworden seid, aber das ist Wahnsinn, nein&#8230; Fr&#252;her als Junge habe ich sogar noch Fliegen vor dem Ertrinken gerettet, Gewalt total verabscheut. Und ich habe sehr gern und viel gelesen und mit deinem Vater &#252;ber Gott und die Welt diskutiert. Wir wollten alles viel besser machen als die Alten, hatten unendliche Tr&#228;ume – haben aber alles versaut! &#8230; Wei&#223;t du, ich habe die ganze letzte Nacht kaum geschlafen, immer nur nachgedacht, und dass ich jetzt dir das alles so erz&#228;hlen kann, ist nicht nur f&#252;r mich sehr wichtig, nein – es ist auch ein Teil der Geschichte deines Vaters. Du sollst es nun erfahren und dir ein Urteil bilden, also h&#246;re gut zu:</p>
<p>Alles war damals gut f&#252;r uns und wir dachten, es geht immer so weiter. Aber dann kam dieser lange Krieg mit unserem Nachbarland, und dein Vater und ich wurden eingezogen, auch Amirs, da waren wir 17. Der war ja bald der tolle Offizier wegen dem Reichtum und der gesellschaftlichen Stellung seiner Familie, hatte uns schon vorher immer nur von ganz oben behandelt, und noch Schlimmeres mehr, aber das m&#246;chte ich dir jetzt ersparen, m&#246;chte dich keinesfalls mit meinem Hass anstecken. Und als dann das gro&#223;e T&#246;ten losging&#8230; Du wei&#223;t ja nicht wie es ist, wenn ganze Horden von Kindersoldaten auf dich zu rennen, manche sogar erst zw&#246;lf, nur sehr schlecht ausgebildet, aber total verblendet und mit viel Mut. Wie verzweifelt ich war, als ich das erste noch sehr junge Leben ausl&#246;schen mu&#223;te! Sie hatten doch keine Chance gegen uns als Eliteeinheit&#8230; Und als ich erst Hunderte, ja, vielleicht, ich wei&#223; es nicht, sogar Tausende get&#246;tet hatte – da war ich nur noch eine perfekte Maschine zum T&#246;ten, hatte jedes Mitgef&#252;hl verloren! Meinen ganzen Frust auf meine beschissene Welt damals habe ich an meinen Feinden ausgelassen. Ich war perfekt, Spitzname das Messer. Einen Hals aufzuschneiden war f&#252;r mich leichter als ein Brot! F&#252;r mich war die Welt recht einfach geregelt: T&#246;te, oder du wirst get&#246;tet. &#8230; Irgendwann wollte ich nicht mehr so weiterleben, habe keine Auseinandersetzung gescheut und mich pr&#228;sentiert, in der Hoffnung dass es mich erwischt, aber ich sah noch viele Kameraden sterben. Mehr als die H&#228;lfte meiner ehemaligen Klasse. Und ich habe gesehen, wie der Clan von Amirs Familie immer reicher und m&#228;chtiger durch den schei&#223; Krieg wurde&#8230; Sie waren ja mit Schuld an der folgenden Eskalation, an einem Ende nicht interessiert.</p>
<p>Irgendwann und viel sp&#228;ter haben dein Vater und ich beschlossen, uns an dieser Familie zu r&#228;chen. Wir wollten sie langsam St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck zerst&#246;ren, ihnen alles nehmen, so wie man uns die Freunde und unsere Unschuld genommen hat. Auch meine Frau wollte das, will es immer noch. Sie wurde ja damals wegen der unstandesgem&#228;&#223;en Liebe zu mir versto&#223;en. Und Amir war dabei nur als ein Baustein gedacht, um seinem Vater maximales Leid zuzuf&#252;gen. Ihm seinen geliebten Sohn zu nehmen, dass war unsere teuflische Idee, aber nicht meine. Ihn als homosexuell in seiner streng gl&#228;ubigen Familie zu verunglimpfen, erschien uns zweckm&#228;&#223;ig. Seinen Vater wird es vor Gram zerrei&#223;en, war unsere Hoffnung. Und dann, als er neben mir im Schlauchboot sa&#223;, da war es nur ein Reflex, die Gelegenheit, die es auszunutzen galt. Es war wieder wie auf dem Schlachtfeld&#8230; Ausgel&#246;st von dem grenzenlosen Hass in mir gegen seinen Vater. Amir war aber ganz anders als sein Vater, er war ein wirklich guter Junge. Leider war er immer sehr einsam und ohne Freunde, hat nur st&#228;ndig an seinen Tasteninstrumenten gesessen und von einem Leben als Musiker getr&#228;umt. Gern w&#252;rde ich wieder wie fr&#252;her, als er noch klein war, mit ihm durch die Felder streifen, seine zahllosen Fragen beantwortend. Leider geht es nicht r&#252;ckg&#228;ngig zu machen. Nun, Leid kann man nicht mit Leid bek&#228;mpfen, das wei&#223; ich jetzt, und ich trage eine gro&#223;e Schuld in mir, habe deinen Freund get&#246;tet. Ich habe ja gesehen, wie sehr du ihn gemocht hast, aber viel zu sp&#228;t verstanden&#8230; Und mich st&#246;rte eure Liebe &#252;berhaupt nicht, ja, ich fand es sogar sehr sch&#246;n, wie ich erstaunt bemerkt habe. Nun: Nur die Liebe kann die Welt retten, nur die Liebe ist es wert, &#252;berhaupt zu leben. Der Hass zerst&#246;rt nur alles, und Hass gebiert nur neuen Hass.“</p>
<p>Schweigend und mit feuchten Augen geben wir uns dann unseren Gedanken hin. Das Wesentliche ist gesagt, schwer, es zu verarbeiten. Mein Vater hat mir leider nie etwas von fr&#252;her erz&#228;hlt. Die drei Gl&#228;ser Rotwein danach tun mir richtig gut. &#8230; „Dorkas, was ist – w&#252;rdest du dich herablassen und mir deine Hand reichen?“ Ohne zu z&#246;gern greife ich zu, wir sehen uns in die Augen. Ich erkenne des anderen Leid, aber auch die Hoffnung auf Verzeihung. „Danke! Vielen Dank. Du machst mich wieder etwas gl&#252;cklicher. &#8230; &#220;brigens, ich mu&#223; morgen f&#252;r ein paar Tage wegfahren, werde dann auch deinen Vater wieder sehen. Ich werde versuchen, ihn zu &#252;berreden, unsere Aktion abzubrechen. Ich will das nicht mehr. &#8230; Wenn alles erst zu ende ist, dann m&#246;chte ich dich und deinen Freund hier gern mal einladen, eine Tour &#252;ber mehrere Tage zu machen, wenn ihr das wollt. Die Umgebung ist wundersch&#246;n, eine der letzten unber&#252;hrten Wildnisse Europas und der Welt &#252;berhaupt. Aspromonte, ist dir das ein Begriff? Und die Kasse ist gut gef&#252;llt, das Gesch&#228;ft l&#228;uft hervorragend&#8230; So, und nun mach was du willst, oder j&#228;te Unkraut im Garten, miste die St&#228;lle aus, das w&#228;re auch mal wieder n&#246;tig. Ich habe dich ja heute schon weit &#252;ber Geb&#252;hr f&#252;r mich beansprucht. Ich mu&#223; jetzt aber zu unseren Kunden und auch kontrollieren, ob gut gearbeitet wird. Wir sehen uns sp&#228;ter.“</p>
<p>Nach diesem Gespr&#228;ch finde ich keine Ruhe. Besser also, sich mit reichlich Arbeit abzulenken. Mit weit mehr Einsatz als n&#246;tig arbeite ich mich durch die St&#228;lle der Tiere, mache viel mehr als mir aufgetragen wurde. Als dann auch noch wirklich alles Unkraut dran glauben muss, habe ich den Eindruck, Mussolini lacht mich aus, so wie er mich anschaut. Ob er jemals so einen verr&#252;ckten Arbeiter in seinem Revier gesehen hat? Als ich meine, alles w&#228;re erledigt, setze ich mich wieder unter den Zitronenbaum und komme langsam wieder zur Ruhe. Mir f&#228;llt das Geld ein und ich betrachte die krakelige Schrift darauf. Als ich die Nummer anschaue, kommt mir eine Idee, das Telefon im B&#252;ro&#8230;</p>
<p>Im B&#252;ro sieht es so aus, als ob es jemand v&#246;llig aufgel&#246;st verlassen hat. Sogar eine ge&#246;ffnete Geldkassette mit vielen, gro&#223;en Scheinen darin steht mitten auf dem Tisch. Ich verschlie&#223;e den Metalldeckel vorsichtshalber, schaue kurz in den gro&#223;en, fast leeren Tresor, wo mir ein Stapel Ausweispapiere auff&#228;llt. Aber das ist mir jetzt alles ziemlich unwichtig. Mit der Nummer in der Hand sitze ich dann vor dem altmodischen Ger&#228;t, teste es auf ein Freizeichen, und bekomme nach ungewohntem Drehungen an der knarrenden, altmodischen Drehscheibe sofort meine gew&#252;nschten Gespr&#228;chspartner. Zum Gl&#252;ck hat so ein Ding noch keine Wahlwiederholung. Oder haben die eine detaillierte Telefonrechnung?</p>
<p>Am Abend nach dem Essen kann ich es kaum erwarten, dass ich die Gelegenheit bekomme, mit Oskar meine Tageseindr&#252;cke zu teilen, denn ich bin allein unf&#228;hig, alles f&#252;r mich zu verarbeiten und abzuspeichern. Er merkt sehr schnell, dass mir irgendwo sehr der Schuh dr&#252;ckt. In eine stille Ecke verzogen, erz&#228;hle ich ihm alles klitzeklein. Lange sitzt er dann nur da, und ich kann richtig merken, wie es schwer in ihm arbeitet. Dann steht er entschlossen auf, zieht das Messer unter dem Stroh hervor und wirft es zielgenau und weit aus dem Fenster hinaus ins Geb&#252;sch. „Ja, Abdul hat recht: Hass gebiert nur neuen Hass, und setzt alles bis in ewige Zeiten fort! Und Rache ist nur die Schwester des Hasses! Wir sollten gleich jetzt damit aufh&#246;ren&#8230;“</p>
<p><strong>Zwischenbemerkung zwei:</strong></p>
<p><em>Puh, endlich Pause! Hast Du wieder alles gut lesen und verstehen k&#246;nnen? Ich glaube, ich habe dir wohl reichlich zugemutet, diesmal&#8230; Bis bald denn und ciao, Dorkas.</em></p>
<hr /><small>Copyright (c) 2006-2009 by <a href="http://www.pitstories.de">pitstories.de</a> - alle Rechte der Geschichte(n) liegen beim jeweiligen Autor - digitaler Fingerprint 5fb94d30f57a1c34941e5ec118ecc4c3<ul><li>Es ist ausdr&#252;cklich untersagt, ohne schriftliche Zustimmung des Autors Kopien dieses Textes oder von Teilen daraus an anderer Stelle &#246;ffentlich zu pr&#228;sentieren (z.B. durch "Spiegeln" dieser Seiten auf anderen WWW-Servern) oder diese inhaltlich zu ver&#228;ndern.<li>Dieser Feed ist nur f&#252;r den pers&#246;nlichen, nicht gewerblichen Gebrauch bestimmt. Eine Verwendung dieses Feeds auf anderen Webseiten verst&#246;&#223;t gegen das Urheberrecht. Wenn Sie diesen Inhalt nicht in Ihrem News-Reader lesen, so macht sich die Seite, die Sie betrachten, der Urheberrechtsverletzung schuldig.</ul></small>
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		<title>Dorkas &#8211; Teil 1</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Apr 2008 09:29:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>magru</dc:creator>
				<category><![CDATA[Dorkas]]></category>
		<category><![CDATA[Drama]]></category>
		<category><![CDATA[History]]></category>
		<category><![CDATA[Lovestory]]></category>

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		<description><![CDATA[Einleitung
„Hallo, lieber Leser. Ich bin Dorkas, hauptberuflich als Student und &#220;berlebensk&#252;nstler t&#228;tig. Hier im Norden ist wieder dieses Schmuddelwetter, hier auch Schietwetter genannt, und niemand bekommt mich jetzt hinaus. Die Gelegenheit, um an meinen pers&#246;nlichen Aufzeichnungen weiter zuarbeiten.
Hinweis: Die Geschichte beinhaltet brutale Gewalt. Wer damit nicht umgehen kann, sollte sich lieber anderen Geschichten zuwenden.
Wichtige Personen:

Dorkas <a href="http://www.pitstories.de/2008/04/08/dorkas-teil-1/">[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Einleitung</strong></p>
<p>„Hallo, lieber Leser. Ich bin Dorkas, hauptberuflich als Student und &#220;berlebensk&#252;nstler t&#228;tig. Hier im Norden ist wieder dieses Schmuddelwetter, hier auch Schietwetter genannt, und niemand bekommt mich jetzt hinaus. Die Gelegenheit, um an meinen pers&#246;nlichen Aufzeichnungen weiter zuarbeiten.<span id="more-251"></span></p>
<blockquote><p><strong>Hinweis: Die Geschichte beinhaltet brutale Gewalt. Wer damit nicht umgehen kann, sollte sich lieber anderen Geschichten zuwenden.</strong></p>
<p><strong>Wichtige Personen:</strong></p>
<ul>
<li>Dorkas Hauptperson</li>
<li>Oscar bester Freund</li>
<li>Amir Mitsch&#252;ler</li>
<li>Abdul Aufpasser</li>
<li>Jeremy Freund</li>
</ul>
</blockquote>
<p> <br />
Falls Du Interesse hast, ein St&#252;ck aus meiner Lebensgeschichte zu erfahren, bist Du hier genau richtig. Ich bin mit meinen 21 Jahren eigentlich noch nicht so alt, um bereits meine Memoiren zu schreiben – trotzdem habe ich schon eine Menge erleben k&#246;nnen, und mir ist es wichtig, dass Du davon einiges erf&#228;hrst. Ich gebe ja zu, dass das Geschriebene nicht immer unbedingt ganz der Wahrheit entspricht, denn ich habe mir aus Vorsicht eine gewisse „Verschleierung“ erlaubt, um verschiedene Personen zu sch&#252;tzen. Das Leben ist halt manchmal sehr gef&#228;hrlich&#8230;</p>
<p>Also glaub mir oder auch nicht, doch im Kernbereich hat sich alles so zugetragen, wie von mir berichtet. Ich schenke mir nur noch ein wenig von dem hei&#223;en schwarzen Tee nach, dann werde ich den gro&#223;en Flachbildschirm mit dem Notebook verbinden und diesen zu Dir hin drehen, damit Du hoffentlich gut mitlesen kannst. Viel Spa&#223; dabei!“</p>
<p><strong>Etwa vier Jahre zuvor</strong></p>
<p>„Dorkas! Du bist sp&#228;testens um Sieben wieder zur&#252;ck, dein Vater und Gro&#223;vater m&#246;chten mit dir was Wichtiges besprechen! Hast Du das verstanden?!“</p>
<p>„Kein Problem, Mutti. Ich will nur noch mal kurz zu Oscar r&#252;ber.“</p>
<p>Oscar ist mein bester Freund, und f&#252;r mich fast wie ein Bruder. Wo er ist, bin auch ich, in der Schule sitzen wir zusammen. Wir sind uns auch ziemlich &#228;hnlich, was das Aussehen und die Interessen anbelangt. Na ja, so was Besonderes in der Erscheinung sind wir ja eher nicht, mehr so durchschnittlich: Er ist 1,77 gro&#223;, ich 1,76, und jeder bringt um die 70 Kilo auf die Waage. Beide haben wie braune, etwas l&#228;ngere Haare, auch unsere Augen erstrahlen in dem Farbton. Von Muskelpaketen und athletischer Figur ist an uns keine Spur, aber an diesen m&#228;nnlichen Attributen liegt uns ziemlich wenig. Wir halten anderes erstrebenswerter: Tolle Gitarrenriffs spielen k&#246;nnen, schnelle Solos, packende Rhythmen.</p>
<p>Auch wenn Oskar bestimmt nicht der sch&#246;nste Junge der Welt ist – f&#252;r mich ist er der beste Gitarrist der ganzen Gegend. Und ich spiele den Bass. Welche Richtung wir eigentlich spielen wollen, dar&#252;ber streiten wir oft. Klar ist aber, dass wir ber&#252;hmt werden wollen. Wir, dazu z&#228;hlt noch unserer Schlagzeuger, haben sogar schon einige St&#252;cke selbst komponiert und diese in der Schule allen vorgetragen. Die positive Resonanz hat uns sehr &#252;berrascht und bewirkt, dass wir seitdem wie die Besessenen &#252;ben. Vern&#252;nftiger w&#228;re es ja, die Zeit zum Lernen f&#252;r die Schule zu verwenden, denn bald schon stehen abschlie&#223;ende Pr&#252;fungen an, nur so richtig Lust dazu haben wir nicht. Wozu auch f&#252;r die Schule lernen &#8211; denn ob wir ein gutes oder schlechtes Zeugnis bekommen, Arbeit gibt es f&#252;r uns soundso nicht. Und um weit entfernt zu einer Arbeit zu gelangen, dazu ist es viel zu gef&#228;hrlich auf den Stra&#223;en, auch durch die ganzen Kontrollposten und Sperren nahezu unm&#246;glich. Bliebe ja noch, an der &#246;rtlichen Universit&#228;t zu studieren, aber das ist nicht umsonst und leider sieht es mit Geld bei uns nicht mehr so gut aus.</p>
<p>Die 50m die Stra&#223;e am Tigris entlang gelaufen, dann kann ich bereits das Eingangstor vom Grundst&#252;ck meines Freundes sehen. Und auch den Milit&#228;rposten an der Tigrisbr&#252;cke. &#8230; Ich erz&#228;hle Dir jetzt mal was (aber bitte ja nicht weiter sagen, sonst gibt es f&#252;r uns m&#228;chtigen &#196;rger). Bei einer Hausdurchsuchung hat einer von den Soldaten hoch interessiert unsere Instrumente gesehen. Und seitdem kommt der uns immer mal wieder „kontrollieren“. Jeremy, so hei&#223;t er, spielt selbst in einer Band, und sehnst sich sehr nach seinen Freunden, fern daheim. Dass er die Gelegenheit hat, bei uns ab und zu mal reinschauen zu k&#246;nnen, vers&#252;&#223;t ihn seine ungeliebte Aufgabe hier etwas. Und Oscar hat schon viel von ihm gelernt. Ist schon sehr schade, dass wir irgendwie auf anderen Seiten stehen, denn gern w&#228;ren wir richtige Freunde, so mit allem drum und dran, und nicht nur ganz heimlich. &#8230; Als ich eben am Tor klopfen will, h&#246;re ich ziemlich laut und aufgebracht die Stimme von Oskar. „Nein! Das k&#246;nnt ihr total vergessen! Niemals werde ich&#8230;“ Dann folgt ein lautes Klatschen, und das w&#252;tende Geschimpfe von Oskars Vater. Und ich h&#246;re Oskar weinen.</p>
<p>Niemals hat irgendjemand aus unseren Familien Oskar oder mich geschlagen! Aufgeregt klopfe und r&#252;ttle ich am Tor, rufe, immer lauter werdend, doch niemand &#246;ffnet. Was ist denn hier los? Mir bleibt nichts weiter &#252;brig, als umzukehren. Nun doch sehr schlecht gelaunt und auch reichlich durcheinander, nehme ich den Weg unten direkt am Flussufer entlang und setze mich, vor Blicken gut gesch&#252;tzt, an die B&#246;schung. Hierher gehe ich immer dann, wenn ich nachdenken muss, und auch, um mal alleine zu sein. Einfach nur gro&#223;er Mist, das alles. Wieso nur musste dieser verdammte Krieg kommen und mein Leben so durcheinander bringen&#8230;</p>
<p>Seit etwa einem Jahr gibt es t&#228;glich mehr Stress. Eigentlich ging es uns vorher recht gut, wirkliche Sorgen kannte ich keine, und f&#252;r Politik und diesen ganzen Kram habe ich mich bisher nicht interessiert. Ich war mir sicher, dass ich sp&#228;ter auf die Uni gehen werde, und alles danach lag noch ganz au&#223;erhalb meiner Vorstellungen, und jetzt&#8230; bestimmt viele Lichtjahre entfernt. Was nur mit Oskar ist, hoffentlich k&#246;nnen wir morgen wieder wie gewohnt proben. Die Knie hochgezogen, den R&#252;cken an die B&#246;schung gelehnt, beobachte ich den sp&#228;rlichen Bootsverkehr. Auffallend sind die vielen halb versunkenen Schiffswracks. Auch der alte Lastkahn meines Onkels liegt dort, nachdem er von einer Granate getroffen wurde.</p>
<p>Nun ist er nur noch gut geeignet als Plattform zum Baden und ins Wasser Springen, aber die dadurch fehlenden Eink&#252;nfte belasten unsere Familie sehr, auch wenn meine Eltern wirklich alles tun, damit es mir und meinen vier Geschwistern an nichts fehlt. Mein Vater hat sich in letzter Zeit sehr ver&#228;ndert, redet kaum noch, und seine Stirn zeigt Sorgenfalten im Dauerzustand. Haben wir &#252;ber Jahre abends immer gut und reichlich zusammen essen k&#246;nnen, wobei es oft sehr lustig zuging, bitten jetzt meine kleinen Geschwister meist vergebens um Nachschlag nach dem kargen Hauptgericht.</p>
<p>Meinen Kopf auf die verschr&#228;nkten Arme &#252;ber den Knien gesenkt, die Augen geschlossen, lasse ich die Umgebungsger&#228;usche auf mich wirken. Das Pl&#228;tschern des Wassers und die ansonsten stille und friedliche Atmosph&#228;re hier beruhigt mich, und ich genie&#223;e es. Ist ja auch schon eher selten, dass nicht zu mindestens aus der Ferne keine nervenden Sch&#252;sse oder Explosionen zu h&#246;ren sind. Nach wohl einer halben Stunde verlasse ich den Ort, um rechtzeitig zuhause zu sein.</p>
<p>In gespannter Erwartung des angek&#252;ndigten Gespr&#228;ches gehe ich eilig durch den begr&#252;nten Innenhof auf unserem Grundst&#252;ck. Schon aus dieser Entfernung ist ein angenehmer Duft aus der K&#252;che wahrzunehmen, der mir verr&#228;t, dass das Abendessen heute bestimmt sehr lecker wird. Prima, so mitten in der Woche ist das eher selten, und &#252;berhaupt&#8230; Mir neugierig alle Gesichter anschauend, betrete ich unser gro&#223;es Wohnzimmer, begr&#252;&#223;e alle Anwesenden ordentlich nach der Sitte, also aufmerksam und nicht nur so schnell und unpers&#246;nlich, mit jedem einige Worte austauschend. Fast alle Verwandten aus der Stadt und n&#228;heren Umgebung sind gekommen, und sie haben sich viel zu erz&#228;hlen.</p>
<p>Mir f&#228;llt auf, dass mir viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird, die sich in einer Unzahl von zus&#228;tzlichen Wangenk&#252;ssen, Schulterklopfungen und Umarmungen &#228;u&#223;ert, aber auch in Blicken, die mir immer mal wieder gewidmet werden. Leute, ist ja gut, womit habe ich das denn jetzt verdient? Schnell habe ich mich auf meine angestammte Sitzgelegenheit verdr&#252;ckt, und muss mich mal wieder m&#228;chtig zusammen rei&#223;en, um nicht blitzartig &#252;ber das bereit stehende Essen herzufallen. Mir entgehen aber nicht die Kontrollblicke meiner Mutter, auch nicht die meiner kleinen Geschwister, die sofort auch zu essen anfangen w&#252;rden&#8230; Nach mir unendlich vorkommenden Minuten haben endlich alle ihre Pl&#228;tze an der Tafel eingenommen, die einleitenden Worte f&#252;r das Mahl &#252;berh&#246;re ich wie immer. Ein R&#228;uspern meines Gro&#223;vaters fordert schon nach kurzer Zeit unsere Aufmerksamkeit und unterbricht das Essen. Gut, mein gr&#246;bster Hunger ist gestillt, so lehne ich mich entspannt und zufrieden zur&#252;ck, schaue auf seinen grauen Bart, der aufgeregt hin und her wippt. Mit langsam gesetzten Worten beginnt die schon gewohnte obligatorische Rede zum allgemeinen Zustand der Familie, ihren Freuden und auch ihren Sorgen und Problemen.</p>
<p>„Liebe Familie&#8230; Vielen Dank, dass ihr alle gekommen seid. Warum ich euch heute her gebeten habe, nun ja, entschuldigt, aber mir fallen die Worte jetzt sehr schwer, und ich habe lange &#252;berlegt, ob das, was ich euch jetzt erz&#228;hle, wirklich so sein muss, nur dieser verdammte Krieg mit all seinen Auswirkungen l&#228;sst uns keine andere Wahl. Ich m&#246;chte ja nur, dass es euch gut geht und ihr nicht zu Schaden kommt, und es ist auch meine Pflicht, f&#252;r euer Wohl alles Notwendige einzuleiten. Nun, leider wird die Schule von Dorkas vorl&#228;ufig geschlossen, es sind ja kaum noch Lehrer nach geblieben, nur die Grundschule kann fortbestehen. Das ist schon schlimm genug, aber ich wurde bereits mehrfach und bisher recht freundlich darauf hingewiesen, dass auch unsere Familie ihren Beitrag zum Widerstand bringen muss&#8230;</p>
<p>Kurz gesagt, sie wollen Dorkas, und wenn n&#246;tig, holen sie ihn mit Gewalt! Und ich kann mich nicht mehr rausreden, dass er doch noch erst noch seinen Abschluss fertig machen muss! Ich m&#246;chte aber nicht, dass mein Enkel als lebende Bombe oder sonst wie benutzt wird, um sinnlos geopfert zu werden in einen Kampf, der nicht unser ist. Er soll Leben und vielleicht sp&#228;ter mal meine Stelle einnehmen k&#246;nnen&#8230; Wir haben nun einen Weg gefunden, der uns aus der Misere helfen k&#246;nnte. Dorkas muss uns f&#252;r eine gewisse Zeit verlassen, bis die Lage f&#252;r ihn hier wieder g&#252;nstiger wird.</p>
<p>Er wird ins Ausland arbeiten gehen, kann so auch die Familie mit Geld unterst&#252;tzen, welches wir dringend brauchen, damit die Kleinen weiterhin in die Schule gehen k&#246;nnen und was zu essen haben. Also, man hat uns ein sehr gutes Angebot gemacht, und bereits einen gro&#223;en Vorschuss auf seinen Lohn gezahlt. Dorkas wird diese Schulden abarbeiten und sich sein Brot selbst verdienen m&#252;ssen. Vielleicht kann er ja sp&#228;ter mal studieren&#8230; Dorkas, es tut mir wirklich sehr leid, aber Du musst schon morgen fr&#252;h aufbrechen, sonst wird man dich holen und du bist f&#252;r immer verloren! Und ich w&#252;rde dann nicht mehr leben wollen&#8230; Dorkas, ich habe dich doch so lieb!“ Meine kleinen Br&#252;der sind mittlerweile alle unter dem Tisch zu mir gekrochen, haben sich an meine Beine geklammert. Auch wenn sie noch nicht alles voll verstehen k&#246;nnen, haben sie die Gefahr f&#252;r mich schon gesp&#252;rt. Das zu schnell eingenommene Essen m&#246;chte wieder hinaus, mir wird schlecht. Dar&#252;ber hinaus habe ich M&#252;he, die Worte meines Gro&#223;vaters richtig zu verarbeiten. Mir klingt nur in den Ohren, „&#8230;schon morgen fr&#252;h!“</p>
<p>„Dorkas! Dorkas, komm bitte wieder zu dir! Du bist doch sonst nicht so schwach&#8230;“, h&#246;re ich meine Mutter wie durch einen Schleier rufen. Ich kapiere, dass ich wohl etwas weggetreten sein mu&#223;, aber die Schw&#228;che legt sich schnell, und als ich meine Eltern und Gro&#223;vater um mich herum sehe, wird mir alles wieder klar. „Ihr habt mich verkauft&#8230;“, gebe ich leise und vorwurfsvoll von mir. Tief getroffen senkt Gro&#223;vater seinen Blick und schwer atmend l&#228;sst er sich auf einen Stuhl fallen.</p>
<p>„Bitte, Dorkas, mach es uns allen nicht so schwer&#8230; Glaub mir, ich w&#252;rde dich viel lieber hier behalten wollen, aber lebend! Wir wollen dich nicht an deinem Grab besuchen m&#252;ssen, wenn denn von dir noch was zu beerdigen sein wird nach den Aktionen&#8230; Ach, was wei&#223;t du schon, wie sich Eltern bei so was f&#252;hlen, du bist ja noch so jung! Dorkas, du wirst auch nicht allein gehen m&#252;ssen, dein bester Freund Oskar wird dich begleiten, und auch Amir. Nun verabschiede dich bitte von den Verwandten, denn die m&#252;ssen noch vor der Sperrstunde nachhause“, sagt Vater, und ich merke, wie er M&#252;he hat, nicht die Fassung zu verlieren</p>
<p>Mit einem Gef&#252;hl, als ob ich einen b&#246;sen Alptraum erlebe, verabschiede ich mich jeweils mit einer herzlichen Umarmung, bekomme viele gute W&#252;nsche mit auf meinem Weg. Wer wei&#223;, ob und wann ich meine Verwandten noch mal wieder sehe&#8230; Mir wird auch klar, was vorhin bei Oskar abgelaufen ist, aber anders als er w&#252;rde ich meiner Familie niemals widersprechen k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Aufbruch</strong></p>
<p>Nach einer viel zu kurzen, unruhigen und letzten Nacht in meinem Bett werde ich recht fr&#252;h von meiner Mutter geweckt. Vorsichtig stehe ich auf, damit ich nicht zwei meiner kleinen Br&#252;der wecke, die unbedingt noch mal mit mir zusammen schlafen wollten. Die Morgentoilette im Bad kann mich nicht recht erfrischen, ich f&#252;hle mich hundeelend, w&#252;rde viel lieber wieder in meinem warmen Bett verschwinden. Wehm&#252;tig verpacke ich nach einigen letzten, leise gezupften T&#246;nen auf meiner Bassgitarre diese in ihr Futteral und schiebe sie vorsichtig unter das Bett.</p>
<p>Dann verabschiede ich mich liebevoll von meinen Br&#252;dern, die davon aber nicht so recht was mitbekommen, da sie um diese Zeit f&#252;r gew&#246;hnlich noch fest schlafen. Mein Gep&#228;ck wird nur sp&#228;rlich sein k&#246;nnen, damit ich keinen Hinweis auf mein Vorhaben gebe, meinte Vater am Abend, so sind es nur wenige Dinge, die in meinen Schulbeutel Platz finden m&#252;ssen, eben nur mehr so was wie Unterw&#228;sche und Socken.</p>
<p>In meiner Ausweistasche stecken einige Bilder von meiner Familie. Das kleine Mahl zusammen mit meinen Eltern wird j&#228;h unterbrochen, als drau&#223;en eine Autohupe ert&#246;nt. Signal zum Aufbruch. Nur jetzt schnell weg, damit es mich nicht zerrei&#223;t! Mutter gibt mir noch was in die Hand. Dollarscheine&#8230;</p>
<p>„Aber, ihr braucht das Geld doch selber dringend!“</p>
<p>„Bitte nimm es! Es ist von deinem Freund Jeremy. Du solltest es eigentlich nicht wissen, aber er hat uns in den letzten Wochen oft was zugesteckt. Er wei&#223; Bescheid und w&#252;nscht dir viel Gl&#252;ck.“</p>
<p>Als das Signal erneut ert&#246;nt, umarme ich meine Eltern noch ganz kurz.</p>
<p>„Danke f&#252;r alles, ich liebe euch!“, sind meine letzten Worte des Abschieds, dann drehe ich mich schnell um und renne auf die Stra&#223;e, steige in den Kleinbus, der sofort losf&#228;hrt, als ich gerade die Schiebet&#252;r bet&#228;tige, so dass ich M&#252;he habe, mich fest zu halten.</p>
<p>Nur ganz kurz noch kann ich meine Mutter winken sehen, dann haben wir mein Wohnviertel schon verlassen, denn wir fahren mit hoher Geschwindigkeit. Im Fahrzeug blicken mich lauter &#252;bern&#228;chtige und traurige Gesichter an und es ist sehr still.</p>
<p>„Hallo, Dorkas, wir haben dir einen Platz frei gehalten.“</p>
<p>Oscar und Amir, die anderen Jungs kenne ich teilweise nur vom Sehen. Jeder ist dann mit seinen Gedanken und Gef&#252;hlen besch&#228;ftigt.</p>
<p>Eng zusammenger&#252;ckt und an der Seite den beruhigenden K&#246;rper des vertrauten Freundes oder Mitsch&#252;lers sp&#252;rend, reden wir recht wenig. Unruhig ob der ungewissen Zukunft, die uns erwartet, legt sich meine Traurigkeit aber bald etwas und macht einem wachsenden Gef&#252;hl der Neugier Platz, habe ich doch noch nie die Gelegenheit gehabt, meine Heimat verlassen zu k&#246;nnen, und jetzt gleich so weit weg in ein unbekanntes Land zu verreisen, um f&#252;r meine Familie Geld zu verdienen – nun, darauf darf ich trotz allem wohl auch ganz klein wenig stolz und neugierig sein.</p>
<p>Nach dem Passieren etlicher Kontrollpunkte und der jeweiligen Auskunft durch den Fahrer, dass er uns zur Schule f&#228;hrt, was man ja an den Schultaschen auch gut sehen k&#246;nne, kommen wir gut voran und d&#252;rfen nach Stunden auf einem staubigen Platz neben der Landstra&#223;e endlich mal Pinkelpause machen. Nun lernen wir auch den Mann kennen, der wohl nicht nur so als Beifahrer vorn mitf&#228;hrt und furchtbar riechende Zigarren qualmt, sondern mit seiner herrischen Art sich sogleich als unser Chef und Aufpasser erweist. Er ist von ziemlich athletischer Figur, tr&#228;gt den Kopf kahl geschoren und einen dunklen, kurz gestutzten Vollbart. Wir sollen ihn Abdul nennen.</p>
<p>So wie er jetzt da steht, k&#246;nnte er auch gut als Rekrutenschreck durchgehen. Wir m&#252;ssen uns in einer Reihe vor ihm aufstellen. Mit einem durchdringenden unangenehmen Blick jeden genau absch&#228;tzend, nimmt er die Ausweise an sich, somit auch meine Fotos in der Ausweish&#252;lle. Besonders Amir mustert er lange und genau, und wie mir scheint, mit negativem Ergebnis, der ver&#228;chtliche Gesichtsausdruck spricht B&#228;nde. Nun, Amir&#8230;, wir kennen uns zwar schon sehr lange, aber ich habe mit ihm bisher sehr wenig geredet, was eigentlich nur an mir liegt. Ich mag es nicht so recht hier aufschreiben und somit allgemein verk&#252;nden, aber in seiner Gegenwart werde ich sehr unsicher und gehemmt, eine normale Unterhaltung ist f&#252;r mich unm&#246;glich. Ja, ich mag ihn irgendwie sehr, hab ihn in der Schule oft ziemlich angestarrt,</p>
<p>Oscar hat mich deswegen schon verwundert angesprochen. Ich habe den Mut und schreibe jetzt auf, was ich nicht aussprechen k&#246;nnte: Ich finde Amir sehr sch&#246;n, den sch&#246;nsten Jungen, den ich bisher gesehen habe! Er ist etwas gr&#246;&#223;er als ich, sehr schlank, dabei aber etwas zu d&#252;nn, und hat schwarze Haare, die meist widerspenstig und lustig aussehend, wirr abstehen. Sein ausdrucksstarkes Gesicht, besonders die faszinierenden dunklen Augen, die mich oft mit einem magischen Leuchten darin anzublicken scheinen, und die feingliedrigen H&#228;nde sehe ich sogar manchmal in meinen Tr&#228;umen.</p>
<p>Meine Gef&#252;hle ihm gegen&#252;ber sind ein ziemliches Chaos. Einerseits wirkt er verbotenerweise sehr anziehend auf mich, trotzdem habe ich Angst vor seiner N&#228;he und vor den Konsequenzen, mich solcherart blo&#223; zustellen und mein Gesicht zu verlieren. Was dann mit mir in meiner Familie passieren w&#252;rde, ich mag nicht daran denken. Und nun soll ich mit ihm vielleicht l&#228;nger zusammen sein&#8230;</p>
<p>„Los, ihr Faulpelze! Einsteigen! Wir haben wenig Zeit!“</p>
<p>Die Pause ist beendet, Oberst Abdul treibt uns lautstark zum Aufbruch an. Dass er Amir mit Fu&#223;tritten und w&#252;sten Beschimpfungen wie „Missgeburt der H&#246;lle“ und noch ganz anderen schlimmen Worten maltr&#228;tiert und zus&#228;tzlich antreibt, anderen aber freundlich unterst&#252;tzend mal an Arm oder Schulter fasst, damit es etwas schneller geht, registriere ich mit Verwunderung. Und wie ich sehe, dass Amir sich &#228;ngstlich wie ein kleiner Wurm am Boden kr&#252;mmt und elendig jammert, „Bitte, bitte nicht“ bettelt, und doch nur zus&#228;tzliche Tritte erntet, packe ich schnell seinen Arm und zerre ihn hoch, hinter mir her ins rettende Fahrzeug, was mir die bissig &#228;tzende Bemerkung einbringt, „Du willst wohl auch was abhaben.“</p>
<p>Aber es passiert nichts weiter und wir fahren los. Ich sitze jetzt am Fenster, Amir in der Mitte und Oskar daneben. Amir hat seinen Kopf auf die Handfl&#228;chen gest&#252;tzt, weint leise vor sich hin, Oskar und auch ich reden beruhigend auf ihn ein.</p>
<p>„Amir, bitte, beruhige dich doch endlich. Vielleicht erz&#228;hlst du uns einfach mal, was das soll, dass dieser Abdul dich so schlecht behandelt.“</p>
<p>Nach mehrfachen Zureden und Bitten haben wir ihn soweit, dass er uns was erz&#228;hlen m&#246;chte.</p>
<p>„Ach, danke, dass ihr so gut zu mir seid, aber es ist doch nur recht, wie Onkel Abdul mich behandelt. Wenn ihr erst alles &#252;ber mich erfahren habt, werdet ihr mich bestimmt genauso behandeln&#8230;“</p>
<p>Und wieder reichlich Tr&#228;nen und Geschniefe.</p>
<p>„Nein, Amir, soweit m&#252;sstest du uns nach so vielen Jahren, die wir zusammen zur Schule gegangen sind, doch wohl kennen. Ich verspreche dir, dass Dorkas und ich dich niemals so mies behandeln werden. Das ist wirklich das Allerletzte. Bitte, nun erz&#228;hle endlich weiter.“</p>
<p>„Gut, ich vertraue euch: Nun, Onkel Abdul war bis vor einigen Wochen immer sehr gut zu mir. Ich war auch oft bei ihm zu Besuch, bekam sehr sch&#246;ne Geschenke zu meinen Geburtstagen und so, bis&#8230;“</p>
<p>Vom Ende seines Satzes ist nichts zu verstehen, so hat Amir ihn in sich hinein genuschelt, er ist im Gesicht und an den Ohren hochrot angelaufen und Schwei&#223; ist nicht nur auf seiner Stirn zu sehen, sondern mittlerweile auch gut f&#252;r uns zu riechen. Wir sehen ihn fragend an, Oskar legt seinen Arm um Amirs Schulter, ich halte Amir am Handgelenk und leicht stockend setzt der endlich seine Schilderung fort, „Onkel Abdul hat mich mit seinem Sohn erwischt, wie wir nackt zusammen im Bett lagen, weil wir eigentlich dachten, dass die n&#228;chsten Stunden keiner kommt. Na ja, und der hat dann erz&#228;hlt, ich h&#228;tte ihn zu was verf&#252;hrt, dabei war es aber genau umgekehrt&#8230; Mein Onkel hat sofort alles meinen Eltern erz&#228;hlt. Seitdem bin ich f&#252;r die ganze Familie wie gestorben. Keiner hat mehr richtig mit mir gesprochen, sondern mich nur &#252;belst angegiftet und beleidigt. Onkel Abdul meinte sp&#228;ter, es w&#228;re sehr gut f&#252;r alle, wenn ich f&#252;r immer verschwinde. Er bot an, mich mit nach Europa zu nehmen, damit ich dort arbeite k&#246;nne und wenigstens zu etwas n&#252;tze bin. Meine Eltern waren sofort einverstanden, aber unter der Bedingung, dass ich von dort niemals mehr zu ihnen zur&#252;ckkehre. Sie wollen mich nicht mehr&#8230; Ihr wisst ja, dass meine Familie nicht gerade arm ist, und ich sollte eigentlich sp&#228;ter in Amerika studieren. Aber das ist alles vorbei, ohne ihr Geld wird das nichts mehr, und enterbt wurde ich auch noch. Eigentlich bin ich jetzt ganz froh, von zuhause weg zu kommen, denn da war es nur noch die H&#246;lle&#8230;“</p>
<p>W&#228;hrend Oskar weiter mit Amir redet, sitze ich innerlich sehr erschrocken, in mich gekehrt und nachdenklich auf meinem Platz. Ich sch&#228;me mich, dass ich von Amirs Not nichts mitbekommen habe, wo ich ihn doch sehr mag, aber f&#252;r seine N&#246;te blind bin. Aber ihn in seiner Situation helfen k&#246;nnen, h&#228;tte ich wohl eher nicht, nein, ich h&#228;tte dabei alles nur noch viel schlimmer gemacht, denn habe ich nicht auch schon mal davon getr&#228;umt, mit Amir&#8230;</p>
<p>„&#8230;was soll der ganze Schei&#223;! Ist doch sch&#246;n wenn sich zwei Menschen m&#246;gen, und wenn sich halt zwei Jungs lieben – mich st&#246;rt es jedenfalls nicht. Und dich doch auch nicht, Dorkas, oder?“</p>
<p>Oskar hat etwas lauter gesprochen, so dass sein Satz in meinen Gehirnwindungen angekommen ist und verarbeitet werden kann. Der Inhalt ist f&#252;r Amir und mich gleicherma&#223;en von Bedeutung. Ich kann mir nun sicher sein, mit meinen geheimen Sehns&#252;chten, sollten diese mal bekannt werden, bei ihm nicht auf Ablehnung zu sto&#223;en.</p>
<p>„Nein, Dorkas, mich st&#246;rt es nicht, eher im Gegenteil&#8230;“, entgegne ich, dabei, von einem inneren Antrieb automatisch gelenkt, meinen Arm um Amirs Schulter legend.</p>
<p>„Ich habe es doch immer gewusst, habe es ja t&#228;glich gesehen, so wie ihr euch angesehen habt&#8230;“, meint Oskar mit einem L&#228;cheln, keineswegs h&#228;sslich oder h&#246;hnisch, nein, ehrlich wie immer als mein bester Freund und mir wohl gesonnen.</p>
<p>„Danke&#8230;“, kann ich nur hauchen, Amir sieht mich erst nur sehr erstaunt an, dann ver&#228;ndert sich sein Blick, nimmt mich ganz gefangen, unsere Gesichter ziehen sich an, unsichtbare Verbindungen werden gekn&#252;pft und Tausende neue und bisher mir noch unbekannte Nervenimpulse entfachen ihre Wirkung, erzeugen Gef&#252;hle, von denen ich niemals nur die Spur einer Ahnung hatte. &#8230; Ich habe einen neuen Freund gewonnen, und was f&#252;r einen, den meiner k&#252;hnsten Tr&#228;ume!</p>
<p>Bei den n&#228;chsten Fahrpausen nehmen wir Amir in die Mitte und passen auf ihn auf, damit er nicht wieder von Abdul so leicht angegriffen werden kann, so dass weiter nichts vorf&#228;llt. Der Fahrer scheint sich sehr gut auszukennen, denn er wechselt zwischendurch oft die Stra&#223;en, durchf&#228;hrt manchmal sogar schmale Feldwege, bis wir vielfach durchgesch&#252;ttelt endlich wieder halten.</p>
<p>Wir Jungs haben vollkommen die Orientierung verloren, aber von den durchfahrenen H&#246;henz&#252;gen aus sehen k&#246;nnen, dass wir uns langsam dem Meer n&#228;hern. Abdul verl&#228;sst seinen Platz vorne und kommt nach hinten. „So, Leute, jetzt geht es gleich auf ein Schiff. Beim n&#228;chsten Halt steigt ihr alle aus, dabei ist absolute Ruhe oberstes Gebot. Keine Angst, ich werde euch sicher zum Ziel f&#252;hren. Ach, noch was: Ihr nehmt nur mit, was ihr am Leib habt. Die Taschen bleiben hier im Fahrzeug, die st&#246;ren unterwegs nur. Ihr bekommt am Zielort alles, was ihr dort brauchen werdet, daf&#252;r sorge ich schon. Und der Fahrer m&#246;chte ja auch seinen Gewinn haben, der hat eine gro&#223;e Familie zu versorgen. Jetzt keinen Widerspruch und irgendwelche Diskussionen! Ich fordere absoluten Gehorsam, dann soll es wirklich nicht euer Schade sein. Ich wei&#223; wovon ich rede, denn ich habe schon oft diese Fahrt gemacht, ich kann euch besch&#252;tzen. Nehmt ruhig noch eure Wertsachen und kleinen Dinge aus den Taschen. Jungs, nur Mut, das wird schon alles gut gehen.“ In mir baut sich ein innerer Protest dagegen auf, meine Sachen nicht mitnehmen zu k&#246;nnen, aber ich merke auch die Spur von Freundlichkeit, die von Abdul trotz seiner Ausf&#228;lle gegen seinen Neffen ausgehen kann. Amir meinte ja, dass sein Onkel fr&#252;her immer sehr nett zu ihm war. Wie kann man nur so verbohrt sein in seinen Urteilen &#252;ber andere Menschen, und sich zu deren Richtern aufschwingen. Nun, wie war das mit seinem Sohn und Amir wirklich – wenn der w&#252;sste&#8230;</p>
<p><strong>Eine Seefahrt&#8230;</strong></p>
<p>Wenig sp&#228;ter schon halten wir kurz auf einer Stra&#223;e zwischen alten Werkhallen und verschwinden anschlie&#223;end samt Kleinbus hinter einem gro&#223;en Blechtor, welches sich wie von Geisterhand automatisch &#246;ffnet. Wir werden anscheinend schon erwartet, aber niemand ist zu sehen. Innen stehen auf Holzgestellen aufgerichtete Fischerboote im schlechten Zustand, wir befinden uns offensichtlich auf einer Schiffswerft. Nach dem Aussteigen werden wir nochmals zu Eile und Ruhe ermahnt und verlassen die Halle auf der anderen Seite gleich wieder, laufen an einer Slipanlage entlang, an der Boote mittels einer Seilwinde aus dem Wasser gezogen werden k&#246;nnen, wie uns das rostige, dicke Stahlseil verr&#228;t. Modergeruch von verrottenden Algen, die hier &#252;berall dick aufgeschichtet im Sand liegen, liegt in der Luft, aber auch die wohltuende Frische des Meeres ist zu sp&#252;ren, welche uns nach der schwei&#223;treibenden Fahrt bei der Hitze richtig gut tut. Am Ende eines betonierten Steges liegt ein graues Schiff mit einem Zwillings-Gesch&#252;tz auf dem Bug und dicken, waagerechten Torpedorohren am Heck. Dort angekommen, dreht Abdul an einem gro&#223;en Eisenrad an der Stahlt&#252;r des Deckshauses. „Jungs, jetzt erst mal gleich rechts rum und ab in die Komb&#252;se, da gibt es was zu essen f&#252;r euch.“ Und wirklich, wir werden vom Schiffskoch freundlich aufgefordert, Platz zu nehmen, und man merkt ihm seine Freude an, als er sieht, wie wir mit gro&#223;em Hunger &#252;ber die von ihm gedeckte Tafel herfallen. Das ist nun aber auch die letzte Rettung &#8211; wir sind ja auch schon viele Stunden unterwegs gewesen, und mein mitgebrachtes Fresspaket hat Amir unterwegs verdr&#252;ckt. Pl&#246;tzlich ert&#246;nen milit&#228;rische Kommandos. Ein von seiner Art und der Uniform leicht als Kommandeur einzuordnender Mann betritt das Schiff, sieht uns am Komb&#252;sentisch sitzen. „Guten Tag, meine Herren. Sch&#246;n, dass sie schon da sind, dann k&#246;nnen wir ja gleich los. Bitte wundern sie sich nicht, dass wir als Kriegsmarine uns &#252;berhaupt mit ihrer Bef&#246;rderung befassen. Es sind halt schlimme Zeiten, und es gibt leider immer seltener Geld von der Regierung f&#252;r unser Schiff, daher m&#252;ssen wir eben kreativ sein in der Finanzbeschaffung. Sie werden gleich ein Deck tiefer gehen und f&#252;r gewisse Zeit da unten bleiben m&#252;ssen, f&#252;r eine Schiffsbesichtigung ist leider keine Zeit. Wundern sie sich bitte nicht &#252;ber die Enge unten, meine Kabine ist auch nicht viel gr&#246;&#223;er. Jetzt Schiff klar machen zum ablegen!“ Sogleich &#246;ffnet der Schiffskoch eine Luke im schmalen Gang der Komb&#252;se, und wir steigen eine Eisenleiter hinab, was uns wegen der Enge und mangels &#220;bung nicht so leicht f&#228;llt. Wir versuchen, auf der ziemlich kleinen Fl&#228;che alle gut unter zukommen, was aber bedeutet, dass wir eng aneinander geschmiegt auf dem Fu&#223;boden sitzen m&#252;ssen. Der Wohnraum ist sp&#228;rlich eingerichtet mit Doppelstockkoje, unter dem Bullauge ist ein an die Wand fest verschraubter Mini-Tisch angebracht und auch eine kleine Sitzbank, dessen Sitzfl&#228;che wohl einen Stauraum verschlie&#223;t. Ein sehr schmaler Spind rundet den ganzen Luxus ab. Wenigstens k&#246;nnen wir nebenan auf ein WC gehen und uns an einem von der Kleinheit nie zuvor gesehenen Waschbecken erfrischen. Pl&#246;tzlich geht ein Donner und Get&#246;se durch den Schiffsk&#246;rper und wir bekommen einen m&#228;chtigen Schreck! Es ist aber nur der Schiffsantrieb, der angeworfen wurde, der das Schiff erzittern l&#228;&#223;t und unseren Hosenboden m&#228;chtig durchsch&#252;ttelt. Dann merken wir an den leicht schwankenden Bewegungen des Schiffsk&#246;rpers, dass wir ablegen. Nach einer Weile gibt der Steuermann kr&#228;ftig Gas und das Vibrieren l&#228;&#223;t nach, daf&#252;r wird es extrem laut. Hier bei dem Krach soll man wohnen k&#246;nnen, und manchmal muss man ja auch schlafen&#8230; Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich dazu freiwillig bereit sein w&#252;rde. Trotzdem bewirkt das gleichm&#228;&#223;ig dr&#246;hnende Ger&#228;usch, dass wir alle miteinander doch recht m&#252;de werden und vor uns hind&#246;sen.</p>
<p>Nach etlichen Stunden, in denen uns vom unbequemen Sitzen der Hintern schon kr&#228;ftig weh tut, ebbt das Gedr&#246;hne pl&#246;tzlich ab und wir k&#246;nnen deutlich das Pl&#228;tschern der Wellen an der Schiffswand h&#246;ren. Durch das Bullauge ist nichts weiter zu sehen als reichlich Wasser. Quietschend wird die Luke wieder ge&#246;ffnet. „Alles raus!“, br&#252;llt es von oben, „Passt aber drau&#223;en auf, da ist es ziemlich glitschig.“ Die Sonne ist bereits am Untergehen, als wir das Deck betreten. Dort liegt ein gro&#223;es Schlauchboot, an dem Abdul gekonnt Seile befestigt und es mit einer elektrischen Winde leicht anhebt. An seinem Verhalten ist unschwer zu erkennen, dass er auf diesem Gebiet Profi ist. „Nun, Leute, keine Bange, setzt euch schon mal ins Boot. Wir haben absolut spiegelglatte See wie selten mal, da kann kaum was passieren. Soll ich euch erst eine schriftliche Einladung geben – ab jetzt!“, befielt Abdul. Mit gemischten Gef&#252;hlen besteige ich das Gummiboot, setze mich auf eine Holzbank. Ringsum sind reichliche Seilschlaufen, wo ich mich sofort an eine fest anklammere. Oskar und Amir setzen sich links und rechts von mir. Das Boot macht einen sehr stabilen, soliden Eindruck, aber wieder wird es f&#252;r alle eng. Als nun auch noch Abdul sich neben Amir dr&#228;ngt, kommen mir Zweifel, ob das Boot mit der Last noch schwimmf&#228;hig bleibt. „Hiev an!“, ert&#246;nt ein Ruf und langsam heben wir vom Schiffsdeck ab. Der Ausleger der Winde wird &#252;ber das Wasser gedreht und ganz langsam erreichen wir die Wasseroberfl&#228;che, die Verbindungen werden gel&#246;st. Mit den H&#228;nden sto&#223;en wir uns etwas von der Schiffswand ab, um dann mittels zweier kleiner Paddeln die Entfernung zum Schiffsk&#246;rper und dessen gef&#228;hrlich rotierenden Schiffsschrauben zu vergr&#246;&#223;ern. Langsam beschleunigend, verschwindet das Schiff am Horizont und hinterl&#228;sst m&#228;chtige Wellen, die bei manchen f&#252;r reichlich Angst sorgen, doch zum Gl&#252;ck sind die Seilschlingen sehr stabil&#8230; Und dann ist es sehr still auf der glatten See, nur unsere Atemger&#228;usche sind zu h&#246;ren. Ja, wir schwimmen sicher, das Wasser steht auch noch weit genug unter der Bordwand, was ich sofort &#252;berpr&#252;ft habe, aber der Tag ist bereits in seinen wirklich letzten Z&#252;gen und gleich wird es ziemlich dunkel werden, und dann das Was, und Wie, und Warum&#8230; Grund f&#252;r reichlich Unruhe unter den Fahrg&#228;sten, was sich in lauter werdendem Gemurmel &#228;u&#223;ert. „Leute, nun macht euch mal nicht gleich vor Angst in die Hose! Ihr habt Gl&#252;ck, dass die See heute so ruhig ist – da habe ich schon ganz andere Sachen mitgemacht und viele Leute kotzen sehen. Es ist euch doch wohl klar, dass das Kriegsschiff nicht so ohne weiteres in einem fremden Land an Land gehen kann, und vorsichtshalber m&#246;chten sie nicht bei dieser sehr illegalen Aktion beobachtet werden, denn das k&#246;nnte f&#252;r ein paar Jahre Milit&#228;rknast reichen. Das Schlauchboot alleine bietet f&#252;r Radar gew&#246;hnlich wenig Angriffsfl&#228;che. Wir sind bereits dicht vor der K&#252;ste von S&#252;ditalien und von einem klein wenig h&#246;heren Standpunkt aus k&#246;nntet ihr auch schon Land sehen. Wir werden bald von einem Fischerboot aus dem Wasser geangelt, die haben uns ja im Radar ankommen sehen und sind auch &#252;ber Funk benachrichtigt worden. Danach wird das Schlauchboot wieder vom Kriegsschiff aufgenommen. Nun, ich nehme an, das kann nicht mehr lange dauern. Und dann ist es ja nur noch maximal eine Stunde hin, bis wir wieder an Land sind. Denkt aber immer daran, ihr seid dort offiziell nicht erw&#252;nscht, praktisch aber schon, um als billige Arbeitskraft zu arbeiten. Ihr m&#252;sst also irgendwelchen Beh&#246;rdenvertretern immer aus dem Weg gehen, und d&#252;rft nichts provozieren, obwohl die nat&#252;rlich alle genau Bescheid wissen und auch ihren Nutzen aus euch ziehen. Falls sie durch eure Dummheit gezwungen sein werden, euch zu schnappen, die m&#252;ssen nun mal den Schein waren, kommt ihr in ein gro&#223;es Sammellager und werdet wieder in Richtung Heimat geschickt. Das kann aber manchmal sehr lange dauern und Geld gibt es daf&#252;r auch nicht. Also achtet auf meine Anordnungen, dann wird alles gut f&#252;r euch ausgehen und ihr macht euren Eltern keine Schande.“ Nach dieser kleinen wichtigen Ansprache von Abdul kehrt erst mal etwas mehr Stille ein, and&#228;chtig beobachten wir den nun in voller Pracht sichtbaren Sternenhimmel. Dies und die fernen Lichter der fahrenden Schiffe erzeugen ein ziemlich romantisches Gef&#252;hl in mir. Noch nie habe ich der Betrachtung des Himmels solche Aufmerksamkeit gewidmet und war so beeindruckt von dessen Sch&#246;nheit, mitten in der Stadt ist das sonst auch wenig m&#246;glich bei den ganzen k&#252;nstlichen Lichtquellen dort. Rechte Traurigkeit kommt bei uns nicht auf, und auch wenn wir erst vor wenigen Stunden unser Zuhause f&#252;r l&#228;ngere Zeit verlassen mussten, jetzt schwatzen alle munter und aufgeregt drauf los, manche summen sogar irgendwelche Melodien. Dann, ganz pl&#246;tzlich, wird alles sehr still, denn rechts neben mir beginnt jemand ein allen vom Musikunterricht her bekanntes Lied zu singen. So rein, glockenklar, und mein Gem&#252;t ber&#252;hrend, dass meine Seele zu schwingen anf&#228;ngt, klingt es einfach wundersch&#246;n. Amir! Die meisten stimmen mit ein, haben das Lied ja schon in der Schule mitsingen m&#252;ssen, aber erst hier wird ihnen wohl die Bedeutung und Tragweite des alten Textes &#252;ber Abschied und Wiederkehr klar, denn erst hier bietet sich in ihrem Leben daf&#252;r die richtige begreifbare Situation. Ich wusste nicht, dass der so gut singen kann&#8230; nun, eigentlich wusste ich ja bisher &#252;berhaupt nichts von Amir. Im Dunkeln ergreife ich seine Hand, dr&#252;cke sie, und an der noch gesteigerten Intensit&#228;t seines Gesanges kann ich sp&#252;ren, wie es ihn bewegt. „Sofort aufh&#246;ren mit dem gr&#228;sslichen Katzengejammer! Bin ich denn hier nur unter Gef&#252;hlsidioten? Ihr h&#246;rt jetzt schlagartig damit auf!“ Wie kann man nur derma&#223;en kalt, gef&#252;hllos und unmusikalisch sein, alle ignorieren den Einwand unseres Oberkulturbanausen, der dann nur noch w&#252;tend in seinen schwarzen Bart grummelt. „Gut, gut, ich gebe ja zu, ich bin reichlich unmusikalisch, daf&#252;r achte ich aber besser auf die Umgebung! Leute, schaut nur mal nach rechts!“ Einen bessere Methode, uns vom Weitersingen abzubringen, kann es nicht geben, und nun bemerken wir Jungs es auch: Von rechts n&#228;hert sich hell erleuchtet und bedrohlich schnell ein gro&#223;es Schiff! So schnell, wie es eben mit den kleinen Paddeln geht, und den zahlreichen, wild im Wasser wedelnden Handfl&#228;chen, wechseln wir die Fahrtrichtung und versuchen rechtzeitig auszuweichen, doch scheinbar ist hier auch eine unpassende Str&#246;mung oder das gro&#223;e Schiff zieht uns magisch an, wir kommen der Gefahr immer n&#228;her. Im Ergebnis bin ich sofort ziemlich durchn&#228;sst von der Aktion, spritzen mir doch meine Nebenleute das Salzwasser &#252;ber den ganzen K&#246;rper. F&#252;r mein Gef&#252;hl viel zu dicht, ist das Schiff dann auf unserer H&#246;he. Strahlend wei&#223;, hoch wie ein Hochhaus und hell erleuchtet. Laut ist vom Schiff her englische Musik h&#246;rbar, ein auch uns gut bekanntes St&#252;ck von REM, was zuhause manchmal im Radio zu h&#246;ren ist. Unsere Blicke richten sich nach oben, denn von dort ert&#246;nt lautes, h&#246;hnisches Gel&#228;chter. Jungs in unserem Alter prosten uns mit gro&#223;en Biergl&#228;sern zu, doch der eine Kerl &#246;ffnet wirklich seine Hose und schon trifft sein Strahl unser Schlauchboot! Als auch noch ihre Biergl&#228;ser geflogen kommen, haben wir Gl&#252;ck, nicht getroffen zu werden, was durch die sich schnell vergr&#246;&#223;ernde Entfernung zu unseren Peinigern erschwert wird. „Ja, lacht und feiert ihr nur, ihr Ungl&#228;ubigen! Ihr merkt ja nicht in eurer Dummheit und &#220;berheblichkeit, dass ihr schon euren Untergang besiegelt habt! Ihr sitzt einfach ruhig da wie auf der Titanic und gebt euch nur euren Lastern hin, seht nicht den bedrohlichen Eisberg, der bereits gef&#228;hrlich naht, richtet unseren Planeten mit eurer Habgier zugrunde, und h&#246;hnt &#252;ber UNS! Aber euer Richter hat sein Schwert schon gesch&#228;rft&#8230;“ Nun, auch wenn Abdul wohl total unmusikalisch ist, aber mit Worten kann er weit besser als ich umgehen und hat gut gesprochen, denke ich mir. Als das Schiff fast vorbei ist, geraten wir immer mehr in den Bereich der wirbelnden Schiffsschrauben und der f&#252;r unsere kleine Nussschale sehr gef&#228;hrlichen Heckwelle. Wie wir uns auch m&#252;hen, ein Entkommen gibt es nicht. Krampfhaft uns an allem fest klammernd und benutzend, was uns am Hinausfallen hindern kann, einschlie&#223;lich den K&#246;rperteilen des jeweiligen Nachbarn, werden wir mitsamt dem Boot hin und her geworfen, schleudern waagerecht meterhoch durch die Luft, um danach wieder sehr hart auf das Wasser zu klatschen. Wir kommen uns vor wie auf einer gef&#228;hrlichen Achterbahn mit erweitertem Gruseleffekt und garantierter Todesgefahr, aber bisher ist uns zum Gl&#252;ck nichts passiert, und die Wellen sind bereits deutlich am abflauen. Pl&#246;tzlich sp&#252;re ich, wie von rechts der Druck auf meine K&#246;rperteile schlagartig nachl&#228;sst, und sofort wird mir klar, warum: Amir ist &#252;ber Bord! Aber bevor ich noch „Piep“ sagen kann, sp&#252;re ich kaltes Metall an meinem Hals und stoppe abrupt meinen Hilferuf. „Halt nur jetzt die Schnauze, sonst bist du auch dran! Und kein Wort dar&#252;ber zu den anderen! Diese gute Gelegenheit, meinen st&#246;renden Neffen endlich los zu werden, die musste ich einfach ausnutzen. Beim Bart des Propheten, das h&#228;ssliche Gerippe bin ich endlich los. Der liegt nun gleich auf dem Meeresboden. Nun sei doch froh und mir dankbar, denn der taugt nichts f&#252;r die Arbeit, w&#228;re uns nur eine Last“, fl&#252;stert mir Abdul zu. „Und jetzt wasche da vorn noch das Blut ab&#8230;“ Unf&#228;hig und geschockt, jetzt klar zu denken, wasche ich mit der t&#246;dlichen Bedrohung des nahen Messers an meinem Hals das Blut meines Freundes, meiner ersten Liebe ab, sp&#252;re noch die W&#228;rme darin. Unendliche Traurigkeit durchdringt mich, ein hilfloser lauter Schmerzensschrei kann nicht meine zugeschn&#252;rte Kehle verlassen. Lautlos und wie unter Kr&#228;mpfen schluchzend, und mit zahlreichen Tr&#228;nen, versuche ich das Geschehene zu begreifen. Die ganze Falschheit von Abdul wird sichtbar, als er kurz nach der S&#228;uberung der Bordwand in ein „Ach und Weh!“ ausbricht &#252;ber den verlorenen, guten Verwandten, der so ungl&#252;cklich &#252;ber Bord gegangen ist, und seine &#252;beraus tiefe Betroffenheit jammernd zeigt, so dass er von den Jungs sogleich bemitleidet wird. Aber trotz der lauten Rufe nach Amir und der aufmerksamen Blicke aller in Richtung finsterer See – er bleibt f&#252;r immer in der Dunkelheit verschwunden&#8230;</p>
<p>Nur ich schaue nicht mit, in mir schreit es immer nur: „Warum?!“</p>
<p>Kurz darauf, nachdem das gro&#223;e Schiff entschwunden ist, werden wir von einem Fischtrawler aufgenommen. Der hat wohl nur in einiger Entfernung darauf gewartet, dass der unliebsame Zeuge sich endlich entfernt.</p>
<p>Dass ich dann in einem stinkigen Laderaum zwischen lauter toten Fischen sitze, sp&#228;ter an Land einen Lastwagen besteige, das ist mir alles so vollkommen egal und ich registriere es kaum. Eigentlich m&#246;chte ich jetzt auch nur noch tot sein.</p>
<p><strong>Zwischenbemerkung:</strong></p>
<p><em>So, Pause! Hast Du auch alles bisher gut lesen und verstehen k&#246;nnen? Ich habe immer noch reichlich Schwierigkeiten mit dieser Sprache und finde es sehr anstrengend, so zu schreiben. Trotz der ganzen Dramatik – jetzt bin ich aber hundem&#252;de, und es ist ja auch schon mitten in der Nacht. Du kannst gern &#252;ber Nacht bleiben und die Liege von Oskar benutzen. Der ist ja bei seiner Freundin, streichelt wieder ihren dicken Bauch. Ich glaube, der wird bestimmt sp&#228;ter hier am Ort bleiben wollen, wenn der Nachwuchs erstmal da ist&#8230; Und ich – eigentlich gerne, wenn nur dieses Mistwetter hier nicht immer w&#228;re&#8230;</em></p>
<hr /><small>Copyright (c) 2006-2009 by <a href="http://www.pitstories.de">pitstories.de</a> - alle Rechte der Geschichte(n) liegen beim jeweiligen Autor - digitaler Fingerprint 5fb94d30f57a1c34941e5ec118ecc4c3<ul><li>Es ist ausdr&#252;cklich untersagt, ohne schriftliche Zustimmung des Autors Kopien dieses Textes oder von Teilen daraus an anderer Stelle &#246;ffentlich zu pr&#228;sentieren (z.B. durch "Spiegeln" dieser Seiten auf anderen WWW-Servern) oder diese inhaltlich zu ver&#228;ndern.<li>Dieser Feed ist nur f&#252;r den pers&#246;nlichen, nicht gewerblichen Gebrauch bestimmt. Eine Verwendung dieses Feeds auf anderen Webseiten verst&#246;&#223;t gegen das Urheberrecht. Wenn Sie diesen Inhalt nicht in Ihrem News-Reader lesen, so macht sich die Seite, die Sie betrachten, der Urheberrechtsverletzung schuldig.</ul></small>
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		<title>Irgendwo mitten auf der Welt</title>
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		<pubDate>Thu, 14 Feb 2008 09:22:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>magru</dc:creator>
				<category><![CDATA[magru]]></category>
		<category><![CDATA[Drama]]></category>
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		<description><![CDATA[Wieder ein nerv&#246;ser Blick auf die Uhr. Erst 22:30. Unser Nachtdienst scheint mal wieder kein Ende nehmen zu wollen. Zwei Soldaten mitten in der W&#252;ste in einem Sch&#252;tzenpanzer sitzend, ringsum nur Sand und oben die Sterne, das kann schon sehr langweilig sein. Wir bewachen das Sperrgebiet zwischen den verfeindeten Volksgruppen, haben Schie&#223;befehl auf alle Personen <a href="http://www.pitstories.de/2008/02/14/irgendwo-mitten-auf-der-welt/">[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wieder ein nerv&#246;ser Blick auf die Uhr. Erst 22:30. Unser Nachtdienst scheint mal wieder kein Ende nehmen zu wollen. Zwei Soldaten mitten in der W&#252;ste in einem Sch&#252;tzenpanzer sitzend, ringsum nur Sand und oben die Sterne, das kann schon sehr langweilig sein. Wir bewachen das Sperrgebiet zwischen den verfeindeten Volksgruppen, haben Schie&#223;befehl auf alle Personen und Fahrzeuge, die sich in diesem Bereich illegal aufhalten. Manchmal ist ein verd&#228;chtiges Rascheln zu h&#246;ren: Bestimmt wieder nur eine Schlange auf der Jagd oder eine W&#252;stenmaus auf der Flucht. Ansonsten ist hier die absolute Stille und noch nie ist w&#228;hrend unseres Dienstes was passiert. Ich wei&#223; bereits alles &#252;ber Jonathan, er alles &#252;ber Peter, also mich. Es gibt wirklich nichts Interessantes mehr zu erz&#228;hlen, au&#223;er vielleicht einigen pers&#246;nlichen Geheimnissen, die man nur den aller besten Freunden erz&#228;hlt. So schweigen wir viel, wie es der Dienst auch erfordert. Viel Zeit zum Nachdenken. <span id="more-250"></span></p>
<blockquote><p><strong>Wichtige Personen:</strong><br />
Peter: Soldat, aus Edinburgh und der Erz&#228;hler<br />
Jonathan: Soldat<br />
Edward: Junge, aus der Umgebung stammend<br />
Mashari: Bruder</p></blockquote>
<p>Die gro&#223;e Neuigkeit vor wenigen Tagen war, dass mein Urlaub genehmigt wurde und ich somit Ostern in Edinburgh zu hause sein kann. Endlich wieder bei Familie und Freundin! Und endlich keine Nacht mehr in diesem K&#228;fig. 1,96m und meine sportliche Figur f&#252;r Stunden dort hinein zw&#228;ngen zu m&#252;ssen, ist die totale Tortur. Jonathan hat es viel besser mit seiner Gr&#246;&#223;e. Der schafft es sogar, seine Beine in alle m&#246;glichen Richtungen hoch zulegen. (Ich wusste nicht, dass Pygm&#228;en jetzt auch Milit&#228;rfahrzeuge konstruieren.) Jonathan hat es auch nicht weit bis in sein heimatliches Dorf, dort gleich hinter der gro&#223;en Mauer und nur wenige Kilometer entfernt. Er ist ein eher stiller Junge, mit seinen erst 18 Jahren. Die gro&#223;en, braunen Augen scheinen immer in eine unbestimmte Ferne zu blicken. Das k&#252;rzlich geschorene, dunkle Haar zeigt bereits wieder einige Locken, die sein Gesicht lustig einrahmen. Seine Nase allerdings, so spitz und schmal, k&#246;nnte neben dem Eintrag in der Sparte Riechwerkzeug auch als Sattlereihilfsmittel eingeordnet werden. Irgendwie sind wir ziemlich gegens&#228;tzlich: Er ziemlich zerbrechlich – ich eher von der Gestalt ein w&#252;rdiger Nachkomme eines ber&#252;hmten Seefahrervolkes. Er der gro&#223;e Tr&#228;umer, ich eher der Realist und Pragmatiker. &#220;ber solche f&#252;r mich sehr wichtigen Dinge wie Freundin zu reden, ist mit ihm leider nicht m&#246;glich. Ich glaube, der ist noch total unbeleckt in Liebesdingen.</p>
<p>Nun allerdings fuchtelt der mit seiner Nasenspitze wild vor dem Nachtsichtger&#228;t rum, was eben noch so bei der schwachen Innenbeleuchtung erkennbar ist. „Peter, so schau doch mal. Ich glaube, da vorn bewegt sich was“, fl&#252;stert er. Ich bin nicht sicher, ob da wirklich was ist. So stundenlanges Starren auf den winzigen Bildschirm ist ziemlich anstrengend und kann die Wahrnehmung schon mal verwirren. „Lass uns besser nachschauen, was dort los ist. Nicht, dass wir wegen einer Maus Meldung machen. Hab echt keine Lust, deswegen wieder ausgelacht zu werden.“ „Gut, Jonathan. Es sind ja nur ein paar Meter, die k&#246;nnen wir auch gut laufen, und wenn wir jetzt den Motor starten, gibt das nur eine prima Warnung. Falls wir uns get&#228;uscht haben sollten, war es zumindest eine gute Gelegenheit, mal wieder die m&#252;den Knochen gerade zu machen.“ Uns langsam vor tastend, das Gel&#228;nde aufmerksam im Helm-Nachtsichtger&#228;t unter Kontrolle, bewegen wir uns mit schussbereiten Waffen Richtung 13 Uhr (hier als Richtungsma&#223; beim Milit&#228;r gebr&#228;uchlich). Das Gel&#228;nde ist nicht sehr eben und &#252;berall liegen Steinbrocken unterschiedlicher Gr&#246;&#223;e herum. Es ist gut m&#246;glich, sich dort mit entsprechender Ausbildung erfolgreich in einer Sandkuhle oder hinter Ruinenbruchst&#252;cken zu verstecken und wir m&#252;ssen sehr aufmerksam sein, um nicht als Zielscheibe benutzt zu werden. „Jonathan, da, rechts! Schau mal, neben diesen Mauerresten.“ Ist doch praktisch, wenn man so gro&#223; ist wie ein Leuchtturm, da entgeht einem nichts.</p>
<p>In einer tieferen Mulde erkenne ich eine alte Mauer. Ist vielleicht mal ein Fundament gewesen. Im unteren Bereich eine dunkle &#214;ffnung. Eben gro&#223; genug, um hindurch kriechen zu k&#246;nnen. Undeutliche Abdr&#252;cke im feinen Sand sind eindeutig Fu&#223;spuren einer einzelnen Person. Dieses Loch scheint zwar schon sehr alt zu sein, wurde aber k&#252;rzlich benutzt! In der Dunkelheit im Loch ist leider kein Restlicht und ein Nachtsichtger&#228;t somit wirkungslos. Jonathan schl&#252;pft sofort m&#252;helos hinein und will zwecks Orientierung kurz seine Taschenlampe benutzen. Ich erzeuge mit meinem Hinterteil eine volle Abblendung des Eingangs. „Peter, hier drin ist nur ein langer Gang zu sehen. Da passt auch Du m&#252;helos rein – falls Du durch den Eingang kommst.“ Ich hasse diese Anspielungen auf meinen sportlichen K&#246;rperbau! Eiligst will ich den Gegenbeweis antreten und quetsche mich m&#252;hevoll durch. Tief ausatmen, und Bauch einziehen. Dass ich in engen unterirdischen R&#228;umen immer Probleme bekomme, habe ich bei der Musterung vorsichtshalber verschwiegen. Geschafft! Und hier ist es angenehm frisch. „Jonathan, mir scheint diese Sache etwas unsicher zu sein. Besser ist, wir fordern Verst&#228;rkung an.“ „Hast Recht, nur eben noch bis da um die Ecke. Ist wohl ein alter Keller, oder so was.“ Jonathan ist wieder flinker, ich gehe leicht schnaufend hinterher. „Stehen bleiben!“ Gerade kann ich noch wahrnehmen, dass jemand am Gangende von rechts um die Ecke kommt. Ein sehr schwaches Licht leuchtet die Person an. Ruckartig bleibt diese stehen, als sie uns bemerkt. Dann knallt es auch schon und ich sehe den Feuerschein einer Salve aus der Waffe von Jonathan. Vorne ist dann alles ruhig. „Warum hast Du geschossen?“ „Der hat seinen Arm so schnell bewegt. Das ging ganz automatisch. Dem habe ich einen verpasst. Lieber der, als ich.“ „OK. Dann lass uns mal nach schauen.“</p>
<p>„Oh. Schei&#223;e, schei&#223;e! Ich habe doch noch nie auf Jemanden direkt geschossen. Schau mal, der sieht auch noch so gut aus&#8230; Ist der tot?“ Hat Jonathan eben „sieht auch noch so gut aus“ gesagt – da werden wir noch dr&#252;ber reden m&#252;ssen. Sp&#228;ter. „Ja, hast Du toll gemacht! Schau mal, wo der seine Waffe hat – ich sehe keine. Hat eben nur Pech gehabt, uns zu treffen. Was macht der auch um diese Zeit hier&#8230; Wenn Du mich fragst, ist der bestimmt nicht unschuldig. Und Du musst Dir schon gar keinen Vorwurf machen! Und wenn da noch eine Schlagader am Hals zuckt, hei&#223;t das meistens, dass die Person noch lebt.“</p>
<p>Jonathan hat sein Licht auf Maximum gestellt, seinen Verstand wohl auf Minimum. Denn wenn ich sehe, wie der sich an diesem verletzten Jungen zu schaffen macht, dem noch, muss ich leider feststellen, richtig liebevoll den Kopf verbindet – der hat sie doch nicht mehr alle! Der Typ hat einen Streifschuss abbekommen und ist nur bewusstlos. Normalerweise verpasse ich denen einen Volltreffer dazu&#8230; Aber Jonathan ist eben noch ein Frischling in diesem Gesch&#228;ft, wo Mitleid meist mit dem eigenen Tod bestraft wird. Na gut, vor zwei Jahren h&#228;tte ich noch genau so gehandelt&#8230; Sollen sich die Vorgesetzten um den da k&#252;mmern. Scheint auch so in Jonathans Alter zu sein, oder eher noch etwas j&#252;nger. „Schau mal, Peter, der hat sogar r&#246;tliche Haare und ist eher so ein Typ wie Du. Wohl ein Nachfahre der vielen Eroberer in diesem Erdteil aus Deiner Gegend.“ „Oh, shit. Hast recht. Der sieht ja beinahe aus wie mein j&#252;ngster Bruder.“ Da der aber nicht mein Bruder ist, gibt es noch kr&#228;ftige Binden an Arm- und Fu&#223;gelenken gratis. „Gut. Dann rufen wir gleich im St&#252;tzpunkt an, dass die Sanis einen „Verletzten“ abholen k&#246;nnen und auch Leute f&#252;r die Durchsuchung schicken. Na, die Sanileute werden sich ja freuen&#8230; Kannst Dich schon mal darauf vorbereiten, im Klub einen auszugeben. Ab zum Fahrzeug!“ Diesmal gehe ich voraus.</p>
<p>Gerade noch kann ich den feinen Draht nahe am Ausgang erkennen. Zu sp&#228;t! H&#246;llenl&#228;rm. Schmerzen. Vollkommene Dunkelheit.</p>
<p>* * *</p>
<p>Shit – wer krabbelt mir da am Bein rum, wo nur meinen Freundin mich anfassen darf? Jemand tastet vorsichtig meinen K&#246;rper ab. Ich will laut protestieren, merke aber, dass mir daf&#252;r die Luft fehlt. Im Kopf dr&#246;hnt es furchtbar, ein helles Pfeifen ert&#246;nt in den Ohren, etwas dr&#252;ckt sehr schmerzhaft auf meine Beine. Dann versinke ich wieder in der Dunkelheit.</p>
<p>* * *</p>
<p>Etwas Feuchtes ist an meinen Lippen. Reflexartig &#246;ffne ich den Mund, schlucke kaltes Wasser. Mit dem Wasser kommt gleich etwas Lebenskraft in mir zur&#252;ck und ich &#246;ffne neugierig die Augen. Ich sehe nicht viel, denn es ist ziemlich finster. Nur weit oben ist ein heller Lichtschein. Als ich im Gegenlicht die Konturen unseres Gefangenen ausmachen kann, wird mir langsam alles wieder klar: Wir haben unvorsichtigerweise eine Sprengfalle ausgel&#246;st. Ich Idiot &#8211; damit ist doch in R&#228;umen immer zu rechnen! Und was ist mit Jonathan? Habe ich durch meine Dusseligkeit etwa seinen Tod verschuldet? „Hallo, ich bin Edward. Es ist alles gut. Ihr Kamerad lebt. Sie haben beide aber Verletzungen. Verstehen Sie mich?“ Verdammt, diese Stimme: Wenn ich nicht genau w&#252;sste, dass mein j&#252;ngster Bruder nicht anwesend ist und er auch ein wesentlich besseres Englisch spricht, w&#252;rde ich jetzt Marvin umarmen wollen. Die &#196;hnlichkeit ist wirklich verbl&#252;ffend. Und ich habe noch ziemliches Gl&#252;ck, dass der mir nun zu trinken geben kann. W&#228;re ich voran gegangen, w&#228;re der l&#228;ngst tot&#8230; Ich kann nur mit dem Kopf nicken. „He, schauen Sie mal&#8230;“ Der Junge hat einen Spiegel, mit dem er das oben einfallende Licht in die verschiedenen Ecken des Raumes reflektiert. Und er ist nicht mehr mit meinen guten Kabelbindern gefesselt. Ich kann erkennen, dass es sich um einen ziemlich gro&#223;en Raum handeln muss. Ich glaube, es ist eine Nekropole aus der Antike. Dar&#252;ber habe ich schon mal was gelesen. Bestimmt zu anderen Zeiten eine sehr interessante Entdeckung, aber hoffentlich wird sie nun nicht unser Grab&#8230; Dann leuchtet er weiter. Jonathan! Ich glaube, den hat es heftig erwischt.</p>
<p>„Versuchen Sie bitte mal, den Spiegel zu halten und in die Richtung von Ihrem Kameraden zu leuchten, damit ich ihn versorgen kann.“</p>
<p>Meine Arme scheinen noch gut zu funktionieren, und so kann ich diese Bitte gern erf&#252;llen. Jonathan blutet am Bein. Ein gro&#223;er roter Fleck umgibt ihn bereits. Der Junge wickelt sich die Binde vom Kopf und windet diese sehr fest um die blutende Wunde, was sofort eine stillende Wirkung hat.</p>
<p>Dann ist in der Ferne ein Schuss zu vernehmen. St&#246;rt uns aber nicht weiter, denn so was sind wir ja gew&#246;hnt.</p>
<p>„Ihr Kamerad m&#252;sste von einem Arzt behandelt werden. Er hat leider einige heftige Wunden. Mein Bruder wei&#223; ja, wo ich bin, der wird bestimmt schon nach mir suchen. Ich bin hier oft unter der Erde. Ich interessiere mich sehr f&#252;r diese alten Gem&#228;uer, und m&#246;chte nach dem Abitur Geschichte studieren, wenn alles klappt. Es gibt noch viel mehr von diesen Ruinen in der Umgebung auf unserem Land. Leider h&#246;rt dieser bl&#246;de Krieg wohl niemals auf&#8230; Meine Eltern wissen nichts von diesem Ort, denn ich habe ihn entdeckt und ihnen nichts erz&#228;hlt. Wir m&#252;ssen nur etwas warten, bis mein Bruder kommt. Auf den ist absolut Verlass! Ich wei&#223; nicht, wieso Ihr Kamerad auf mich geschossen hat – ich hab Ihnen doch nichts getan. Wir wollen nur in Frieden leben, hier auf unserem Land!“</p>
<p>Trotzig rei&#223;t der Junge mir den Spiegel aus der Hand und geht in eine entfernte Ecke des Raumes. Ich kann ihn deutlich weinen h&#246;ren. Sehr geschw&#228;cht und mit unguten Gef&#252;hlen schlafe ich dann ein.</p>
<p>* * *</p>
<p>Als ich wieder erwache, ist es vollkommen finster. Ich wei&#223; nicht, wie lange ich geschlafen habe, aber dieser Edwin gibt mir wieder was zu trinken.</p>
<p>„Mein Bruder ist nicht gekommen. Zwei Tage nicht. Und das war jetzt der letzte Schluck Wasser. Ich habe mich Richtung Ausgang vor getastet. Hoffnungslos. Ihre Ausr&#252;stung ist auch vollkommen kaputt. Keine Lampe. Keinen Funk. Die Schu&#223;sicheren Westen w&#228;rmen wenigstens etwas. Nur die Maschinenpistolen, die funktionieren noch. Ich habe mehrfach damit geschossen zwecks Signalgebung, sie haben es wohl nicht mal geh&#246;rt. Aber wer h&#246;rt drau&#223;en schon auf Sch&#252;sse in der W&#252;ste, und dann noch die Schalld&#228;mpfung durch die Mauern&#8230; Sie wissen sicher, wie lange man ohne Wasser und Nahrung &#252;berleben kann. Es gibt nur einen Weg hinaus, und der ist oben, wo das Licht einf&#228;llt. Allein schaffe ich es nicht. Wir sollten zusammen bei Tage &#252;berlegen, wie wir an das Lichtloch oben ran kommen k&#246;nnen. Leider ist Ihr Kamerad eher keine Hilfe.“</p>
<p>Das war jetzt eindeutig zu viel f&#252;r mich. Ich wollte ja dringend noch was fragen, aber ich bin in meinem Zustand schnell wieder weg ged&#246;st.</p>
<p>* * *</p>
<p>Ich werde wach ger&#252;ttelt. Edwin. „Sag mal, wie sind mein Kumpel und ich eigentlich in diesem Raum gekommen?“ Oh, ich kann ja wieder reden. „Guten Morgen, sagt man bei uns! Und Ihr Kumpel lebt noch, Danke der Nachfrage. Im Prinzip ganz einfach: Ich musste nur den Schuttberg von Ihnen runter r&#228;umen und Sie einzeln am Kragen hierher schleifen. Ich wurde ja nur von der Druckwelle leicht gegen die Wand geworfen. Die Sprengladung war wohl au&#223;en angebracht und hat sich dort in ihrer Wirkung voll entfaltet, ansonsten h&#228;tte bestimmt keiner &#252;berlebt. Und w&#228;re ich nicht gewesen, der Sie von dem Schutt befreit h&#228;tte, w&#228;ren Sie auch schon l&#228;ngst erstickt. Nun, wir haben jetzt keine Zeit f&#252;r Debatten. Mir ist nach Dusche und Fr&#252;hst&#252;ck. Das gibt’s aber hier nicht – also sollten wir jetzt an L&#246;sungen arbeiten&#8230;“</p>
<p>„Dann leuchte doch mal den Bereich unterm Loch mit Deinem Spiegel aus.“ &#8230; Bis oben sind es etwa vier Meter. Ich aufgerichtet sind schon zwei. Beim Jungen ist es etwas weniger. Jonathan ist auch noch, im Diesseits, aber wohl mit einem Bein schon auf der anderen Seite, der f&#228;llt hierbei total aus. Ob ich mich aufrichten kann? „Also, Edwin, ich w&#252;rde meinen, wenn ich versuche, mich aufzurichten, und Du mir dann auf die Schultern steigst, m&#252;sstest Du schon fast am Lichtloch sein. Wir sollten das mal probieren.“ Mit Hilfe der flachen Erde, dort drauf kriechend, und mich an der senkrechten Wand abst&#252;tzend, stehe ich wirklich wieder aufrecht, wenn auch leicht wacklig. Woher sollen auch die Kr&#228;fte kommen, so ganz ohne feste Nahrung. Wenn wir es nicht bald schaffen, k&#246;nnen wir uns einen Platz zum Sterben suchen. Geeignete Nischen daf&#252;r sind ja reichlich in die W&#228;nde der Nekropole geschlagen&#8230;</p>
<p>Mit Edwin auf den Schultern merke ich mein ganzes k&#246;rperliches Elend. Ja, es w&#252;rde so gehen mit einem gesunden Peter unten, aber jetzt kann ich eben noch so signalisieren, dass ich gleich fallen werde, damit der Junge vorher runter springen kann. „Schei&#223;e! Mist, verdammter!“</p>
<p>Nach einem langen Moment voller Traurigkeit und Mutlosigkeit habe ich eine Idee: Ja – bin ich denn total bekloppt? Ich bin zwar kein Profi auf dem Gebiet, aber ich wei&#223;, dass man an Steilh&#228;ngen im Gebirge hoch kommt, wenn man die Wand pr&#228;pariert. Und hier ist es nur Sandstein! Und ich wei&#223; auch schon wie. Geht ganz schnell und m&#252;helos&#8230;</p>
<p>„Edwin, ich brauche jetzt mal die Waffen und alle Munition. Keine Angst, ich will uns nur helfen und ich tue Dir wirklich nichts. Ich will hier ja auch nur raus! Ich werde versuchen, Stufen in den Sandstein zu schie&#223;en. Ich m&#246;chte oben anfangen und erzielen, dass Du wenigstens mit einem Fu&#223; unter dem Loch stehen kannst, damit Du es dann von einem gutem Standpunkt aus vergr&#246;&#223;ern kannst. Du leuchtest mit dem Spiegel die Zielpunkte an. Einverstanden?“</p>
<p>Geht wirklich sehr gut. Nur den Winkel etwas optimiert, dann m&#252;ssen wir aufpassen, von den abplatzenden Bruchst&#252;cken nichts in die Augen zu bekommen, von all dem Staub mal abgesehen. Als ich auch den Bereich rund um das Loch in Beschuss nehme, ist die Munition leider bald verbraucht. &#8230; Immerhin, wenn ich mich an die Wand hocke, kann Edwin &#252;ber meine Schultern recht bequem bis unter die schon fast „erschossene“ und erweiterte &#214;ffnung steigen. Die jetzt nutzlosen Waffen werden zu prima Steinzeitwerkzeugen zur Bearbeitung von Sandstein umfunktioniert. Edwin macht seinen Job dann wirklich sehr gut. Ich merke aber, wenn er nicht bald Hilfe holen kann, wird mein Kamerad und ich diese nicht mehr ben&#246;tigen. Die Dunkelheit hat mich bereits wieder gefangen&#8230;</p>
<p>* * *</p>
<p>Ein Gemurmel vieler Stimmen weckt mich. Als ich die Augen aufschlage, ert&#246;nt Beifall von zahlreichen Personen, die am Fu&#223;ende des Bettes versammelt stehen. Zwei Frauen, eine &#228;ltere und eine junge, fl&#246;&#223;en mir dann fast um die Wette Tee ein. Was ist mit Jonathan&#8230; Meine suchenden Augen werden richtig gedeutet und ich erkenne ihn auf dem anderen Bett neben meinem liegend. Er lebt, scheint aber tief zu schlafen. Eine Frau und Edwin sitzen beiderseits auf der Bettkante und k&#252;mmern sich um ihn. Mir f&#228;llt auf, dass beide sehr bek&#252;mmert aussehen. Die Frau bekommt Weinkr&#228;mpfe und klammert sich an Jonathan. Was ist los – eindeutig kann ich Jonathan ruhig atmen sehen&#8230;</p>
<p>Von au&#223;en sind laute M&#228;nnerstimmen zu vernehmen. Die Sprache kann ich nur sehr schlecht verstehen, aber was ich verstehe klingt bedrohlich. „T&#246;tet diese M&#246;rder! Rache f&#252;r meinen j&#252;ngsten Sohn! Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ &#196;ngstlich verlassen alle den Raum, au&#223;er Edward und der Frau an Jonathans Bett.</p>
<p>„Eure Kameraden haben meinen Bruder get&#246;tet. Der wollte uns nur zur Hilfe eilen, dann kam die Kugel. Dein Kamerad erinnert meine Mutter und mich sehr an ihn. Sie haben zu mindestens die gleiche Nase und auch sonst viel gemeinsam im Aussehen. Mein Familie hat ihn aufgenommen, weil er niemanden mehr hatte, wegen diesem Schei&#223; Krieg. Ich w&#252;rde Ihren Kameraden gern n&#228;her kennen lernen, wenn er wieder richtig gesund ist. Ich wei&#223; aber nicht, ob wir Gelegenheit dazu bekommen. Der Stammesrat wird heute noch tagen&#8230;“</p>
<p>Ich kann mich noch an den Schuss zwischendurch erinnern. „Mein Kamerad hei&#223;t Jonathan. Der stammt auch aus dieser Gegend und wohnt auf der anderen Seite der Mauer, wenige Kilometer von hier entfernt.“</p>
<p>So richtig habe ich ja Edwin noch gar nicht bei vollem Licht gesehen. Er sieht aus wie ein Teenager in dem Alter &#252;berall in der westlichen Welt, trotzdem schon irgendwie alt, und wirkt schon sehr reich an Lebenserfahrungen. Unsch&#246;ne, in seinem Alter, und &#252;berhaupt&#8230; Dunkle Ringe umgeben seine Augen.</p>
<p>Dann werden wir gewaschen und bekommen saubere Kleidung. Und endlich gibt es was zu futtern. Eigentlich k&#246;nnte ich jetzt befreit aufatmen, und Edwin wollte ich doch sowieso erschie&#223;en&#8230; Ja, endlich gerettet!</p>
<p>Ich habe M&#252;he, meinen Gedanken noch eine vern&#252;nftige Struktur zu geben. Um wieder Ordnung in meinen Kopf bringen zu k&#246;nnen, muss ich die Struktur &#228;ndern. Ich wei&#223; nun, so wie ich bisher dachte und handelte, kann ich nicht weiter machen&#8230;. Von den Frauen liebevoll umsorgt, schlafe ich einen unruhigen Schlaf.</p>
<p>Bis zum n&#228;chsten Morgen. Da wird mit lautem Gepolter die T&#252;r aufgerissen und mehrere bewaffnete M&#228;nner st&#252;rmen rein. Edwin auch. „Ihr Hunde habt meinen Sohn get&#246;tet! Daf&#252;r m&#252;sst Ihr nun b&#252;&#223;en! Der &#196;ltestenrat hat Euch einstimmig zum Tode verurteilt.“</p>
<p>Ich bin nicht so richtig &#252;berrascht. Klar, als Soldat habe ich den Tod immer vor den Augen. Er ist ja mein t&#228;gliches Gesch&#228;ft, auch wenn bisher immer andere die Opfer waren. Ich wei&#223; nach einem Blick in die Gesichter und auf die Bewaffnung: Gnade gilt nicht und Flucht ist zwecklos. So ergebe ich mich dem Schicksal und werde versuchen, meinen letzten Weg w&#252;rdig zu gehen. Jonathan wird wohl nicht so richtig was mitbekommen in seinem Zustand. Bisher hat er noch nichts gesagt und anderweitig reagiert. Vielleicht ist es f&#252;r ihn besser so. Von einer w&#252;tenden Menge M&#228;nner umringt, werden wir zum Exekutionsplatz gef&#252;hrt, Jonathan auf einer Krankentrage neben mir. Schreiende Frauen, die wohl anderen Mutes sind, begleiten uns. An zwei Gruben wird halt gemacht. Ruck zuck werde ich auf die Knie gezwungen, und Jonathan auf einen Stuhl gesetzt und festgebunden. Vor uns ist in Gro&#223;format ein Foto des get&#246;teten Sohnes aufgestellt, wie ich vermute. Der l&#228;chelt uns in seiner Schuluniform an und scheint uns viel Gl&#252;ck zu w&#252;nschen. Er hat die gleiche Nase wie Jonathan, stelle ich nebenbei fest. Selbst an ein Rednerpult ist gedacht. Wohl f&#252;r unsere Totenrede.</p>
<p>„Mashari! Das ist doch Mashari! Was ist mit meinem Bruder?“, ruft Jonathan pl&#246;tzlich auf Englisch. Er ist wieder sehr lebendig und zeigt aufgeregt auf das Bild.</p>
<p>„Du Schuft! Ja, Mashari. Sei Du blo&#223; ruhig, Du wirst gleich Dein Maul gestopft kriegen&#8230; Edwin! Komm und tue Deine Pflicht gegen&#252;ber der Familie und Deinem Volk. Die M&#246;rder Deines Bruders m&#252;ssen sterben. Das ist unser Gesetz. Ich befehle es Dir!“</p>
<p>Edwin bekommt von seinem Vater eine Pistole in die Hand gedr&#252;ckt. Und so wie der jetzt schon zittert &#8211; als Soldat wei&#223; ich, das wird ein schei&#223; langsamer Tod&#8230; Ich richte meine Augen auf den Boden und erwarte mein Schicksal.</p>
<p>„Haltet ein! Du, der Du der Vater von Edwin bist, und Ihr alle – erkennst Du denn nicht, dass Du gerade dabei bist, noch einen Sohn zu t&#246;ten, dass Ihr gerade einen von Euch t&#246;ten wollt? Schaut in das Gesicht dieses Jungen hier, der seinen lang vermissten Bruder auf dem Bild wieder erkannt hat, schaut in das Gesicht des anderen jungen Mannes, schaut in das Gesicht Eures Sohnes: Nur gemeinsam konnten sie sich aus gro&#223;er Gefahr befreien und haben eine gro&#223;e Pr&#252;fung bestanden. Und nur gemeinsam werden sie Eure V&#246;lker befreien k&#246;nnen. Denn sie sind alle Br&#252;der vor Gott und sollen sich k&#252;nftig wie leibliche Br&#252;der achten und unterst&#252;tzen.“ Ein sehr alter Mann in einem bis an die F&#252;&#223;e reichendem Gewand hat sich vor die M&#228;nner gestellt und spricht auf sie ein. Obwohl er schon sehr und zerbrechlich ist, geht von ihm eine gro&#223;e Kraft aus. Seine Stimme ist m&#228;chtig wie ein Orkan. Und er hat uns f&#252;r den Moment noch das Leben gerettet, denn Edwin ist die Pistole aus der Hand in den Sand gefallen. Ich m&#252;sste diese jetzt nur schnell an mich und ihn als Geisel nehmen, dann k&#246;nnte sich meine Situation entscheidend verbessern. Alles schwer trainiert w&#228;hrend der Ausbildung und wirklich kein Problem f&#252;r mich. Aber als ob der alte Mann meine Gedanken schon vorab kennen w&#252;rde &#8211; sein Blick nimmt mich gefangen und meine Glieder gehorchen mir nicht mehr. Davon, was ich dann in den Augen gesehen habe, werde ich wohl noch mein ganzes Leben tr&#228;umen k&#246;nnen&#8230;</p>
<p>Es entspricht der Kultur dieses Volkes, Alte zu achten und ihren Anordnungen meistens Folge zu leisten. Und so einem alten Mann ist von den Anwesenden hier bisher niemand begegnet. Die Rachsucht ist pl&#246;tzlich verschwunden, gro&#223;e Nachdenklichkeit macht sich breit.</p>
<p>„So lasst uns ins Dorf zur&#252;ckkehren. Am Abend wollen wir uns neu beraten.“</p>
<p>* * *</p>
<p>Zur&#252;ck auf unsere Betten und jetzt hemmungslos dem pl&#246;tzlich erweckten positiven Interesse der Dorfbewohner an uns ausgeliefert, Frauen wie M&#228;nner, und die ganz ohne Waffen, werden wir mit allem verw&#246;hnt, was die K&#252;che der Region zu bieten hat. Edward und dessen Eltern haben sich zu Jonathan gesetzt, der seinen Schock wohl nur durch die missgl&#252;ckte Erschie&#223;ung &#252;berwinden konnte. Was sie reden, davon kann ich in dem Stimmengewirr leider nichts mitbekommen. Es muss aber wohl sehr emotional sein, so wie die sich oft umarmen und die Tr&#228;nen flie&#223;en lassen. Auch wird ein Arzt aus der Stadt gerufen, der uns gr&#252;ndlichst untersucht. Nur Jonathan hat einige tiefe Fleischwunden, die sofort gen&#228;ht werden. Alle unsere restlichen Wunden werden mit der Zeit und bei guter Pflege von allein heilen.</p>
<p>Ich muss die Leute nach Stunden bitten, uns und insbesondere Jonathan etwas Ruhe zu g&#246;nnen. Aber Jonathan ist viel zu aufgedreht, um gleich einschlafen zu k&#246;nnen.</p>
<p>„Du, Peter, bist Du wach? Der Junge, der erschossen wurde, ist mein lang vermisster kleiner Bruder. Wir dachten eigentlich, dass er bereits vor Jahren ums Leben gekommen ist. Ich habe ihn sofort auf dem Foto erkannt, auch wenn ich ihn lange nicht gesehen habe. Leider kann ich ihn nicht mehr in meine Arme schlie&#223;en, was mich sehr traurig macht. Unsere Familie ist w&#228;hrend eines Angriffs einer radikalen Einheit getrennt worden. Das Haus war zerst&#246;rt, niemand mehr aus der Familie f&#252;r ihn da, und da hat er zum Gl&#252;ck Leute gefunden, die sich um ihn k&#252;mmerten. Und ich habe fast meinen neuen Bruder erschossen, und &#252;berhaupt – mir kommt mein bisheriges Leben jetzt ziemlich verr&#252;ckt vor. Stell Dir mal vor, ich h&#228;tte bei einer Kampfhandlung auf Edward und dessen Eltern geschossen, vielleicht sogar selbst Mashari, meinen Bruder get&#246;tet! Oder die hier h&#228;tten mich get&#246;tet, und Mashari w&#228;re am Leben geblieben. Mashari wollte uns helfen, und ist dabei umgekommen. Mein Bruder &#8211; von meinen eigenen Leuten erschossen! Es gibt leider zu viele Leute, die immer nur gleich schie&#223;en. Und, ja, Edward ist jetzt mein Bruder. Ich werde f&#252;r ihn aufpassen, damit ich ihn nicht auch noch verliere. Dieses verfluchte Spiel, st&#228;ndig immer gleich aufeinander zu schie&#223;en und den Hass, den man uns gelehrt hat, mache ich nicht mehr mit. Morgen will ich mich an das Grab von Mashari bringen lassen. Nun, jetzt bin ich aber etwas m&#252;de.“</p>
<p>Und ich drehe mich um und weine heimlich einige Tr&#228;nen. Ich habe ganz sch&#246;n an Edwards Schilderung zu knabbern.</p>
<p>* * *</p>
<p>Der Abend bricht herein und die Vorbereitung zur Dorfversammlung artet eher in die Vorbereitung eines Dorffestes aus. Der sehr alte Mann geht in alle H&#252;tten und wirklich zu jedem Bewohner, einen Teil seiner G&#252;te und Weisheit l&#228;sst er jeweils zur&#252;ck. Dann ist er so pl&#246;tzlich verschwunden, wie er aufgetaucht ist. Sein Ehrenplatz am Abend muss leider leer bleiben. Niemand wagt es, sich dorthin zu setzen. Die Dorf&#228;ltesten tauschen bedeutungsvolle Blicke aus.</p>
<p>Edward, Jonathan und ich sitzen zum Sonnenuntergang in bequemen Kissen, extra f&#252;r uns hergerichtet. „Der sieht auch noch so gut aus&#8230;“, das f&#228;llt mir jetzt ein. Dazu wollte ich Jonathan sp&#228;ter noch was fragen, aber diese Frage k&#246;nnte ich auch Edward stellen. Die denken wohl, ich bin so bl&#246;d und kriege nicht mit, wie die sich heimlich immer wieder kurz an den H&#228;nden halten und schwer anschmachten? Frage beantwortet mit Taten. Genau wie meine Freundin und ich, stelle ich sehnsuchtsvoll fest. Liebe ist doch so was Sch&#246;nes!</p>
<p>Im sch&#246;nsten Abendrot umarmen wir uns und schw&#246;ren, immer f&#252;reinander da zu sein und f&#252;r unsere Interessen zu k&#228;mpfen. Es ist Ostern, ich bin ein besserer Mensch geworden und habe wirkliche Freunde gefunden.</p>
<p>E-N-D-E</p>
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		<title>Was nicht sein darf – Teil 3</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Jul 2007 15:33:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joerschi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Was nicht sein darf]]></category>
		<category><![CDATA[History]]></category>

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		<description><![CDATA[Rudolf und der Markgraf sa&#223;en am Kamin. 
„Rudolf es sieht nicht gut aus. Weinheims S&#246;hne haben ein Dorf in einer der angrenzenden Grafschaften dem Boden gleich gemacht. Barbarisch haben sie gew&#252;tet. Sie haben wie Du wei&#223;t Unterschlupf beim Grafen Wenzel gefunden und leider hat dieser sehr gro&#223;en Einfluss auf den Kaiser. Wenzel hat die Tat <a href="http://www.pitstories.de/2007/07/27/was-nicht-sein-darf-teil-3/">[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rudolf und der Markgraf sa&#223;en am Kamin. </p>
<p>„Rudolf es sieht nicht gut aus. Weinheims S&#246;hne haben ein Dorf in einer der angrenzenden Grafschaften dem Boden gleich gemacht. Barbarisch haben sie gew&#252;tet. Sie haben wie Du wei&#223;t Unterschlupf beim Grafen Wenzel gefunden und leider hat dieser sehr gro&#223;en Einfluss auf den Kaiser. Wenzel hat die Tat vor dem Kaiser damit gerechtfertigt, dass angeblich die Bauern in seiner Grafschaft gewildert h&#228;tten. Nun habe ich erfahren, dass Sie auf dem Weg hierher sind. Sie haben in etwa zweihundert S&#246;ldner bei sich.“ <span id="more-300"></span></p>
<p>Rudolf sah nachdenklich vor sich hin. Gregorius der bei Ihnen sa&#223;, sah Rudolf besorgt an. </p>
<p>„Rudolf du musst die Leute auf den Kampf vorbereiten! Das Beste ist, du unterweist sie in der Kampfkunst so lange Du noch Zeit hast.“ Gregorius der zu Rudolf sprach, sah ihn erwartungsvoll an. </p>
<p>„Rudolf Gregorius hat Recht, entweder Du bewaffnest jeden der k&#228;mpfen kann, ob alt oder jung. Ansonsten haben die Weinheims leichtes Spiel!“ </p>
<p>Rudolf sah den Markgrafen an und nickte. </p>
<p>„Ja Ihr habt Recht! Ich werde mit ihnen reden.“ </p>
<p>„So nun habe ich genug von schlechten Nachrichten geredet. Meine Gattin und ihre Begleitung werden sich gewiss langweilen. Kommt lasst uns zu ihnen gehen.“ </p>
<p>Der Markgraf erhob sich und ging zu seiner Frau. Die Markgr&#228;fin und Sophie sa&#223;en am anderen Ende des Saals vor einem gro&#223;en Kamin und unterhielten sich. Rudolf folgte dem Markgrafen. Gregorius sah Rudolf hinterher, seufzend erhob er sich um den Saal zu verlassen. </p>
<p>„Ah da kommt ja mein Gemahl.“ l&#228;chelnd wandte sich die Markgr&#228;fin ihrem Mann zu. </p>
<p>„Ja wir haben alles besprochen was zu besprechen war.“ dabei setzte er sich neben seine Frau. Rudolf setzte sich zu Sophie, diese sah ihn zaghaft von der Seite an. </p>
<p>„Na Rudolf wollt Ihr nicht Sophie etwas die Burg zeigen?“ der Markgraf sah dabei Rudolf auffordernd an. </p>
<p>Rudolf sah darauf zu Sophie: „ Habt Ihr Lust die Burg zu sehen?“ </p>
<p>Sophie nickte und sah Rudolf mit einem bezaubernden L&#228;cheln an. </p>
<p>„Oh ja sehr gerne!“ </p>
<p>Rudolf reichte Sophie seinen Arm und diese hakte sich ein. </p>
<p>Nachdem Sie den Saal verlassen hatte, meinte die Markgr&#228;fin zu Ihrem Mann:“ Sie geben ein wundervolles Paar ab!“ </p>
<p>Der Markgraf nickte zustimmend. </p>
<p>§ </p>
<p>Rudolf zeigte Sophie die Burg, dabei unterhielten sie sich. Sophie musste h&#228;ufig &#252;ber Rudolfs Erz&#228;hlungen lachen. Jeder der sie in der Burg sah, fand dass sie ein sch&#246;nes Paar abgaben. Keiner sah Rudolf die Verzweiflung an. </p>
<p>„So und das ist die K&#252;che.“, dann stellte er Sophie die K&#246;chin und ihre Gehilfin vor. </p>
<p>Nachdem Sie wieder auf dem Burghof waren, wandte Sophie sich an Rudolf. </p>
<p>„Rudolf Ihr kennt hier jeden mit Namen und alle m&#246;gen Euch. Ich finde das sehr erstaunlich!“ </p>
<p>„Lasst es mich so sagen, sie hatten bevor ich hier her kam sehr viel Leid erfahren m&#252;ssen. Ich habe nur versucht dieses wieder gut zu machen, was ihnen angetan wurde.“ </p>
<p>Sophie sah Rudolf dabei ernst an. Er gefiel ihr immer mehr. Am Anfang war sie &#252;berhaupt nicht so angetan, als sie erfuhr dass sie ihn heiraten sollte. Als Tochter hatte sie ihrem Vater zu gehorchen und was dieser beschloss war Gesetz. Nun da sie aber Rudolf gegen&#252;ber stand fand sie die Wahl gar nicht mehr so schlimm. Rudolf sah gut aus und er w&#252;rde bestimmt ein guter Ehemann werden. Rudolf der immer noch redete, bemerkte ihren Blick nicht der wie erstarrt auf ihn ruhte. Pl&#246;tzlich k&#252;sste ihn Sophie auf die Wange. Rudolf hielt in seinem Redefluss inne und sah Sophie erschrocken an. </p>
<p>„Habe ich etwas falsch gemacht?“ </p>
<p>„NNein..“ </p>
<p>Sophie schluckte kurz:“ Entschuldigt aber ich habe Euch schon gemocht als ich Euch das erste mal sah. Zum andern werden wir uns wohl kaum dem Willen unseres Landesherrn und meines Vaters widersetzen k&#246;nnen!“ </p>
<p>Rudolf nickte traurig:“ Ihr habt recht und die Wahl h&#228;tte schlimmer sein k&#246;nnen. Ihr seht bezaubernd aus und ich w&#252;rde mich freuen, Euch zu meiner Gemahlin zu nehmen.“ </p>
<p>„Rudolf ihr seht aber dabei nicht gl&#252;cklich aus?“ </p>
<p>„Nein das scheint nur so. Ich freue mich, kommt wir gehen am besten wieder zur&#252;ck zum Markgrafen.“ </p>
<p>Ein trauriges Augenpaar folgte ihnen verstohlen, als sie sich auf dem Weg zum Rittersaal machten. </p>
<p>§ </p>
<p>Am n&#228;chsten Tag, lies Rudolf die Bev&#246;lkerung vor der Burg versammeln. Im Beisein des Markgrafen erl&#228;uterte Rudolf die Gefahr die auf sie zukam. </p>
<p>„Daher ist es erforderlich, dass jeder Mann mit den Waffen umgehen kann. Gerald und seine Herolde werden euch alles beibringen.“ </p>
<p>Die Leute nickten zustimmend. </p>
<p>„ Jetzt noch etwas erfreuliches..“ dabei trat der Markgraf nach vorne: „ Euer Herr wird diese Dame morgen heiraten!“ dabei zeigte er auf Sophie. Die Leute jubelten und lie&#223;en das Paar hochleben. </p>
<p>„Morgen wird gefeiert und ihr alle seid eingeladen, daran teilzunehmen.“ sagte Rudolf zum Abschluss. </p>
<p>Als die Versammlung aufgel&#246;st war, ging Rudolf um Karl zu suchen. In der Zwischenzeit &#252;bernahmen Sophie und die Markgr&#228;fin die Hochzeitsvorbereitungen. Die gesamte Dienerschaft wurde eingespannt um alles f&#252;r die morgige Hochzeit vorzubereiten. Hiltrud erhielt Hilfe von den Frauen aus der Stadt die mit ihr zusammen das Essen vorbereiteten. </p>
<p>§ </p>
<p>Rudolf fand Karl im Pferdestall wo er auf dem Heuboden sa&#223; und traurig auf das Treiben in der Burg sah, </p>
<p>„Karl wir m&#252;ssen miteinander reden.“ </p>
<p>Karl sah zu Rudolf auf, Tr&#228;nen standen in seinen Augen. </p>
<p>„Karl ich kann es nicht &#228;ndern….. Bitte, wir wussten von Anfang an dass wir nur eine kurze Zeit f&#252;r uns haben werden. Ich habe dich lieb, aber ich habe meinem Herrn gelobt ihm zu treu zu dienen! Ein Ritter kann sich sein Leben nicht aussuchen, ich muss sie heiraten. Es tut mir weh dich zu verlieren. Karl du bist jung und du wirst auch deinen Weg finden, glaube mir.“ </p>
<p>„Ich wei&#223;. Es tut nur so weh.“ </p>
<p>Rudolf trat zu Karl und nahm ihn in die Arme. So standen Sie lange und sagten kein Wort. </p>
<p>Dann l&#246;ste sich Rudolf und ging. Karl sah ihm nach bis er nicht mehr zu sehen war. </p>
<p>Es war ein Abschied f&#252;r immer, von jetzt ab war Karl nur noch der Knappe des Ritters Rudolf. </p>
<p>Diese Nacht blieb Karl auf dem Heuboden. Am n&#228;chsten Morgen, sattelte er sein Pferd. Er wollte nicht der Hochzeit beiwohnen so ritt er aus der Stadt. Was er nicht bemerkte, war das Gregor ihm auf einem Pferd in einiger Entfernung folgte. </p>
<p>Gregor hatte die ganze Nacht unten im Pferdestall gesessen und hatte mit Karl gelitten. Zum einen war er traurig, das Karl so Leiden musste, auf der anderen Seite hatte er sich gefreut endlich Karl f&#252;r sich gewinnen zu k&#246;nnen. Er wollte Karl seine Liebe gestehen. </p>
<p>Als er der Meinung war das sie weit genug von der Stadt entfernt waren, gab er seinem Pferd die Sporen um Karl einzuholen. Nachdem er nah genug war, rief er Karl zu das er stehen bleiben sollte. Karl wandte sich &#252;berrascht in die Richtung aus der die Stimme von Gregor kam. </p>
<p>Als Gregor vor ihm sein Pferd anhielt, sah Karl ihn an. </p>
<p>„Was machst Du hier? Du solltest Dir die Hochzeit nicht entgehen lassen!“ </p>
<p>„Nein Karl, ich bin hier weil ich Dein Freund bin und wei&#223; wie Dir zumute ist. Zum anderen…“ z&#246;gernd sah Gregor Karl an. </p>
<p>„Was zum Teufel willst Du mir sagen, Gregor?“ </p>
<p>„Weil ich Dich Liebe und es mir nie getraut habe Dir zu sagen, wie es in mir aussieht. Ich habe Deine Gegenwart jeden Tag genossen. Ich habe Rudolf beneidet. Er durfte das was ich am meisten begehre jede Nacht im Arm halten.“ </p>
<p>Nur langsam drangen die Worte von Georg zu Karl. Er sah ungl&#228;ubig Georg an. </p>
<p>„Du hast die ganze Zeit nie etwas gesagt! Und ich Bl&#246;dmann habe es nicht mitbekommen.“ Karl stieg von seinem Pferd ab und ging auf Gregor zu. Dieser war mittlerweile auch von seinem Pferd abgestiegen. Als sie voreinander standen, sahen sich beide tief in die Augen. Langsam kamen sie aufeinander zu. Gregor breitete seine Arme aus in die sich Karl fallen lie&#223;. </p>
<p>So standen sie lange da. Keiner sagte etwas. Karl genoss die Umarmung und weinte. Gregor hielt ihn und war der gl&#252;cklichste Mensch auf dieser Welt. Endlich hatte er Karl seine Liebe gestanden. </p>
<p>Dieser Tag ver&#228;nderte f&#252;r beide alles. Sie stiegen auf ihre Pferde und ritten zu ihrem Lieblingsplatz, eine Lichtung im Wald. Dort blieben sie bis zum n&#228;chsten Morgen. </p>
<p>§ </p>
<p>Gregorius verm&#228;hlte Rudolf mit Sophie. Sophies Vater der am morgen mit seinem Gefolge in der Burg eingetroffen war, &#252;bergab seine Tochter Rudolf. Es wurde danach bis tief in die Nacht gefeiert. Rudolf und Sophie zogen sich bald zur&#252;ck. </p>
<p>Am n&#228;chsten Morgen verabschiedeten sich der Markgraf und seine Gattin, sowie Sophies Vater und verlie&#223;en die Burg. Sophie stand mit Rudolf auf dem fertig gestellten Wehrturm und sahen ihnen nach. Rudolf hielt dabei Sophie in seinen Armen. Er dachte kurz an Karl, aber als er in die Augen von Sophie sah verga&#223; er den Gedanken sehr schnell. </p>
<p>In den n&#228;chsten Tagen &#252;bten die M&#228;nner in jeder freien Minute mit Gerald. Der Schmied und seine S&#246;hne hatten in der Schmiede viel zu tun. Es mussten gen&#252;gend Schwerter und Lanzen angefertigt werden, da jeder Mann bewaffnet werden musste. Die Stadtmauer wuchs und das Stadttor wurde in der Zwischenzeit fertig gestellt. </p>
<p>Karl hatte mit Rudolf gesprochen, &#252;ber seine Gef&#252;hle zu ihm und zu Georg. Rudolf hatte verstanden und war gl&#252;cklich dass Karl und Georg zueinander gefunden hatten. Er freute sich von Herzen f&#252;r die beiden. </p>
<p>Sophie hatte ihre Aufgaben in der Burg &#252;bernommen und k&#252;mmerte sich um die allgemeinen Aufgaben die in einer Burg anfielen. </p>
<p>Au&#223;er Atem kam gerade eine Magd auf sie zu:„Herrin drau&#223;en warten auf Euch ein paar Frauen aus der Stadt. Sie wollen mit Euch reden.“ </p>
<p>Sophie folgte der Magd nach drau&#223;en, wo eine Gruppe von Frauen stand und auf sie wartete. </p>
<p>Eine Frau trat vor: „ Herrin verzeiht die St&#246;rung, unsere M&#228;nner bereiten sich auf den Kampf vor. Wir wollen auch mithelfen unsere Stadt zu besch&#252;tzen, bitte sprecht mit Eurem Gemahl. Wir haben schon mit Gerald dem Hauptmann gesprochen, doch der will nichts davon wissen.“ </p>
<p>Sophie nickte verstehend: „ Ich werde mit meinem Gemahl dar&#252;ber sprechen! Ich verspreche es Euch. Sobald ich eine Antwort habe, lasse ich dies Euch wissen. Aber damit ich wei&#223; wem ich die Antwort meines Gemahls &#252;berbringen kann, muss ich Euren Namen wissen.“ </p>
<p>„Ich hei&#223;e Margret Herrin. Ich kann mich nur im Namen der Frauen bedanken, dass ihr uns angeh&#246;rt habt!“ </p>
<p>Die Frauen verneigten sich vor Sophie und gingen wieder. Sophie ging zur&#252;ck in die Burg und schickte einen der Diener nach Rudolf. Der erschien kurz darauf bei Sophie. </p>
<p>„Was gibt es denn wichtiges mein Schatz.“ Sophie erz&#228;hlte von der Bitte der Frauen. Rudolf &#252;berlegte: „ Mmmhh ich glaub ich w&#252;sste was. Wir ben&#246;tigen noch Bogensch&#252;tzen. Wie w&#228;re es wenn Gerald sie darin ausbildet?“ </p>
<p>„Ohh ja das w&#228;re toll, dann h&#228;tten wir auch noch mehr Leute die die Stadt besch&#252;tzen.“ </p>
<p>„Gut dann gehe ich jetzt zu Gerald. Aber wehe ich sehe Dich bei den Frauen!“ </p>
<p>„Was w&#228;re wenn?“ </p>
<p>L&#228;chelnd sah Rudolf Sophie an: „Du gef&#228;llst mir immer besser und ich glaube ich kann Dir das dann auch nicht ausreden?!“ </p>
<p>Lachend sagte Sophie: „Richtig kannst Du nicht. Schlie&#223;lich wie sieht es aus, wenn alle Frauen sich am Bogen &#252;ben und ich hier in der Burg sitze?“ </p>
<p>Rudolf sch&#252;ttelte nur den Kopf: „Was habe ich da blo&#223; geheiratet?“ </p>
<p>„Eine Frau die Dich liebt und an deiner Seite steht!“ antwortete sie ernst. Rudolf nahm Sie in seine Arme und dr&#252;ckte Sie an sich. </p>
<p>„He nicht so doll, ich m&#246;chte gerne in einem St&#252;ck vor die Frauen treten.“ </p>
<p>Lachend trennten sie sich und sahen sich noch einmal tief in die Augen, bevor Rudolf zu Gerald ging. </p>
<p>Am n&#228;chsten Tag fanden die Frauen sich bei Gerald ein. Ein junger Mann kam direkt auf die Gruppe zu. </p>
<p>„Oh Maria und Joseph das ist doch unsere Herrin.“ </p>
<p>Erst jetzt erkannten die Frauen, wen sie vor sich hatten. </p>
<p>„Na meine Damen, wenn wir schon k&#228;mpfen dann auch in einer etwas n&#252;tzlicheren Kleidung. In der k&#246;nnt ihr euch richtig bewegen und zum andern, wie sieht es aus wenn wir auf der Br&#252;stung stehen und uns die M&#228;nner von unten unter die R&#246;cke sehen k&#246;nnen.“ </p>
<p>Heftiges Gel&#228;chter folgte der Rede von Sophie. </p>
<p>„Also los ihr m&#252;sst euch umziehen, dann k&#246;nnen wir anfangen.“ </p>
<p>Hinter Sophie standen einige Diener die nun die Kleidung verteilten. </p>
<p>„Und wo sollen wir uns umziehen?“ fragte eine der Frauen. </p>
<p>„Mein Gott muss ich denn hier f&#252;r alle denken. Da hinten im Zelt, es wurde extra daf&#252;r aufgestellt.“ </p>
<p>Die Frauen liefen kichernd zum Zelt um dann in demselben zu verschwinden. </p>
<p>Kurze Zeit sp&#228;ter standen die Frauen bei Sophie, als Gerald auf sie zukam. Erstaunt blickte er die Frauen an. </p>
<p>„Mein Gott was erwartet mich hier noch.“ st&#246;hnte er. </p>
<p>„Ich glaube wir erwarten jetzt den ersten Unterricht im Bogenschie&#223;en von euch.“ kam es schnippisch von Sophie. Die Frauen mussten daraufhin lachen und selbst Gerald stimmte mit ein. </p>
<p>„Na dann los!“ Gerald ging vor und die Frauen folgten ihm auf den &#220;bungsplatz. </p>
<p>§ </p>
<p>In der Zwischenzeit war Georg und Karl unterwegs um die Bauern zu warnen und diese aufzufordern mit ihren Familien in der Stadt Zuflucht zu suchen. Die Bauern verstanden schnell und kamen der Aufforderung gerne nach. </p>
<p>So wurde es in der Stadt mittlerweile ziemlich eng. </p>
<p>Am Abend erschien einer der ausgesandten Sp&#228;her und berichtete Rudolf von einem Heer das mindestens dreihundert K&#228;mpfer umfasste. </p>
<p>Sophie die mit dabei sa&#223;, wurde es doch etwas mulmig im Bauch. </p>
<p>Rudolf der das bemerkte nahm sie in den Arm. </p>
<p>„Was k&#246;nnen wir denn so einem Heer entgegensetzen?“ fragte sie Rudolf. </p>
<p>„Erst einmal sind das alles Wegelagerer also keine ausgebildeten S&#246;ldner und zum zweiten wozu hatte ich eine Ausbildung zum Ritter. Ich werde mit Gerald beratschlagen wie wir sie empfangen werden!“ </p>
<p>Rudolf stand auf und befahl einen der Diener Gerald und Gregorius zu holen. Er selbst holte eine Pergamentrolle heraus, auf der wie Sophie erkennen konnte die Umgebung der Stadt gezeichnet war. </p>
<p>„Was ist das?“ </p>
<p>„Das mein Schatz ist eine Landkarte von der Umgebung. Anhand dieser Karte werden wir planen wo wir unsere Truppen aufstellen.“ </p>
<p>„Aha na die Planung werde ich mir nicht entgehen lassen!“ </p>
<p>„Wie immer hat mein Schatz das letzte Wort!“ strahlend sah er Sophie an. </p>
<p>„Du bist wirklich ein wahrer Schatz mein Liebling!“ </p>
<p>Er nahm sie in seine Arme und gab ihr einen Kuss. </p>
<p>„MMMMMhh entschuldigt die St&#246;rung, aber ihr wolltet uns sprechen!“ </p>
<p>Rudolf und Sophie zuckten kurz zusammen und sahen sich um. Vor ihnen standen Gerald und Gregorius und sahen sie grinsend an. </p>
<p>„Oh gut dann kann es losgehen. Einer unserer Sp&#228;her hat das Heer ausfindig gemacht. Es sind ungef&#228;hr dreihundert Leute. So wie der Sp&#228;her es einsch&#228;tzt sind es ausschlie&#223;lich Wegelagerer und Diebe.“ </p>
<p>„Aus welcher Richtung kommen sie?“ fragend sah Gerald Rudolf an. </p>
<p>„Aus dieser…“ dabei tippte Rudolf auf die Karte. </p>
<p>„Hat Karl und Gregor die Bauern veranlasst, die Geh&#246;fte abzubrennen?“ </p>
<p>„Hat er. Die Bauern haben es verstanden und es getan.“ </p>
<p>„Gut damit ist Ihnen die Nahrungsquelle ausgegangen. Ich habe die Wachen verdoppeln lassen auf der Stadtmauer.“ Gerald sah dabei Rudolf an. Er zeigte auf die Karte: „So wenn sie aus der Richtung kommen, m&#252;ssen wir hier und hier zwei Truppen aufstellen die sie, wenn sie die Stadt angreifen von hinten in die Zange nehmen. Dann k&#246;nnten wir diese Bastarde schlagen. Wir h&#228;tten jedenfalls eine reale M&#246;glichkeit sie zu besiegen.“ </p>
<p>Gregorius der bis jetzt geschwiegen hatte, sah pl&#246;tzlich auf : </p>
<p>„Ich habe schon so einige &#220;berf&#228;lle auf Kl&#246;ster und Burgen erlebt und ich kann mich noch an eine &#228;hnliche Situation erinnern. Damals hatte der Burgherr eine List angewandt.“ </p>
<p>Alle starrten gebannt auf Gregorius und warteten was er noch zu sagen hatte. </p>
<p>„Also der Burgherr lies seine S&#246;ldner im Umkreis um die Burg L&#246;cher in den Boden graben. </p>
<p>Als sie fertig waren lies er ein halbes Dutzend der S&#246;ldner in eben diesen verstecken. Die anderen tarnten die L&#246;cher, so dass man diese nicht sehen konnte. Dann lie&#223; er eine Reiterabteilung und einige Bogensch&#252;tzen, sich im nahen Wald verstecken. Der Witz daran oder das pfiffige an dem Plan war, das als das gegnerische Herr begann die Burg anzugreifen diese von hinten von den Reitern und einigen Bogensch&#252;tzen angegriffen wurden. Kurz darauf lies der Burgherr noch seine verbliebenen Ritter und S&#246;ldner aus der Burg, so dass dass gegnerische Herr von zwei Seiten angegriffen wurde. In dem Tumult bekamen diese gar nicht mit das in ihren eigenen Reihen die anderen S&#246;ldner aus den Bodenl&#246;chern kamen. Das Ende vom Lied war das das Herr in Panik ausbrach und der Burgherr siegte. Es blieb fast keiner &#252;brig von dem gegnerischen Haufen.“ </p>
<p>„MMhh.. das ist was wir brauchen. Der Plan ist genial. Gregorius ich wusste warum ich euch zu uns holte.“ Rudolf sprang dabei auf und zeigte auf die Karte wo die L&#246;cher ausgehoben werden sollte. Als Versteck f&#252;r die Reiter und die Bogensch&#252;tzen zeigte er auf der Karte auf eine Ruine, die einmal eine Kirche war. </p>
<p>Sobald alles geplant war, machte sich Gerald auf dem Weg den Plan umzusetzen. </p>
<p>„Gregorius ich h&#228;tte nicht gedacht das ihr so ein Schlitzohr seid und solch einen Plan vorschlagen w&#252;rdet.“ Bewundernd sah dabei Rudolf Gregorius an. </p>
<p>„Tja mein Lieber in meinem Alter hat man so manches schon erlebt und dabei einiges gelernt. </p>
<p>Ihr werdet noch so einiges von mir lernen k&#246;nnen. Sophie komm zu mir, ich muss Dir noch was sagen was ich mir nicht getraute gleich zu erz&#228;hlen.“ </p>
<p>Sophie trat etwas n&#228;her und sah Gregorius fragend an. </p>
<p>„Tja bei dem Plan war noch was. Der Burgherr lies einige Frauen etwas freiz&#252;giger anziehen, wenn ihr versteht!? Das war die Ablenkung um das Tor vorsichtig aufmachen zu k&#246;nnen und die vorderen Reihen der K&#228;mpfer nicht mitbekamen wie die hinteren Reihen angegriffen wurden. Ich glaube es ist deine Aufgabe den Frauen dies etwas n&#228;her zu erl&#228;utern.“ </p>
<p>Sophie sah Gregorius mit gro&#223;en Augen an, aber dann blitzte es in Ihren Augen verstehend und ein spitzb&#252;bisches L&#228;cheln machte sich auf ihrem Gesicht breit. </p>
<p>„Ich verstehe sehr wohl. Nun dann werde ich mich mal aufmachen zu den Frauen.“ </p>
<p>Rudolf runzelte die Stirn:“ Du wirst doch nicht etwa da mitmachen?“ </p>
<p>„Nein Rudolf, ich wei&#223; was sich f&#252;r eine Burgherrin geziemt aber ich kann am besten den Plan den Frauen nahe bringen, ohne das diese sich benutzt f&#252;hlen.“ </p>
<p>Rudolf nickte und sah Sophie nach, die sich sogleich ohne auf eine Antwort zu warten, auf den Weg zu den Frauen machte. </p>
<p>„Rudolf du hast eine kluge Frau geheiratet und obendrein eine die dich wahrhaftig liebt. Aber es gibt immer ein Wehrmutstropfen dabei, n&#228;mlich Karl!“ Gregorius Stimme war dabei leise geworden, so dass nur Rudolf ihn h&#246;ren konnte. </p>
<p>„Woher wusstet ihr?“ </p>
<p>„Rudolf ich kenne dich schon so lange und auch wenn es von einigen verteufelt wird diese Art der Liebe, ich habe in meinem Leben so einiges gesehen und verstanden. Liebe ist etwas das man mit demjenigen teilt der einen versteht ohne das man es sagen muss. Also mein Junge sch&#252;tze Karl und seinen neuen Freund und helfe ihnen so gut du kannst. Das bist du Karl schuldig.“ </p>
<p>In Rudolfs Augen gl&#228;nzten feucht, als er Gregorius in seine Arme nahm und leise ihm dankte. </p>
<p>Kurz darauf trennten sie sich wieder. </p>
<p>„So mein Junge jetzt geh und helfe Gerald ich werde in die Kirche gehen und beten f&#252;r unser aller Seelenheil.“ </p>
<p>§ </p>
<p>Die Arbeiten vor der Burg wurden ausgef&#252;hrt. Gerald teilte die Reiter in zwei Gruppen. Und die Bogensch&#252;tzen genauso. Die eine Gruppe machte sich auf dem Weg zu der Ruine um sich dort zu verstecken. Sophie selbst &#252;berbrachte den Plan den Frauen die erst etwas ersch&#252;ttert waren, &#252;ber das was man von ihnen erwartete. Doch als Sophie ihnen klar machte wie ernst ihre Lage war, waren sie dann doch bereit es zu tun. Dann wurde gelost wer von den Frauen auf der Mauer stehen sollte. Dabei viel ein Los auf eine alte Frau, alle mussten Lachen als diese ihr Los hoch hielt. </p>
<p>„Das h&#228;tte ich nicht gedacht, dass ich in meinem Alter noch mal einen Mann schwach machen soll.“ </p>
<p>Alle mussten lachen, aber sie mussten dann der alten Frau das Los wieder abnehmen. Dies geschah unter lautem Protest der alten Frau. </p>
<p>Nachdem Sophie alles erledigt hatte und die verbliebenen Frauen die nicht auf der Mauer stehen sollten, zu Gerald geschickt hatte, damit diese sich ihre B&#246;gen und Pfeile abholen konnten, ging sie langsam zur Burg zur&#252;ck. </p>
<p>Die Sonne war am untergehen und h&#252;llte den Himmel in ein tiefes rot. </p>
<p>Sophie ging langsam und dachte an Rudolf und wie gl&#252;cklich sie mit ihm war, als sie in den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Sie drehte sich in die Richtung und sah Karl der in einem Seitenweg stand und jemanden in den Armen hielt. Als Sophie erkannte, dass bei der anderen Person es sich um Georg handelte, flog ein kleines L&#228;cheln &#252;ber ihr Gesicht. </p>
<p>Sie ging leise weiter, dabei ging ihr das was sie gesehen hatte nicht aus dem Sinn. </p>
<p>Ihre Gedanken gingen zur&#252;ck zu ihrem Elternhaus und zu ihrem ehemaligen Leben bevor sie Rudolf traf und diesen heiratete. Kathrin ihre &#228;lteste Schwester war immer ihr Vorbild gewesen, diese hatte ihr beigebracht Ehrfurcht vor jedem Lebewesen zu haben wie anders sie auch waren. Bilder kamen in ihr hoch wie sie damals ihre Schwester dabei erwischte, wie sie mit ihrer Zofe gerade einige Intimit&#228;ten austauschten. Kathrin war erst entsetzt und hatte gro&#223;e Angst, dass Sophie zu ihren Eltern laufen w&#252;rde. Aber als sie in Sophies Augen sah wusste sie, dass sie das nicht bef&#252;rchten musste. An diesem Tag &#228;nderte sich das Verh&#228;ltnis zu Kathrin in einer besonderen Art, sie vertrauten sich noch mehr und hatten von da an nie wieder Geheimnisse voreinander. Kathrin versuchte ihr ihre Gef&#252;hle zu der Zofe die Anne hie&#223;, r&#252;berzubringen und Sophie verstand vieles. Sie sah mit Hilfe von Kathrin die Welt etwas anders und nachdem sie Anne besser kennen lernte, wusste sie dass sie dem Gl&#252;ck ihrer Schwester nicht im Wege stehen durfte. </p>
<p>Bei diesen Gedanken kamen Sophie Tr&#228;nen hoch. Energisch schluckte sie diese herunter. Sie musste mit Rudolf reden und hoffte, dass er Verst&#228;ndnis f&#252;r die beiden hatte und ihnen half das Leben hier weiterhin ertr&#228;glich zu machen. </p>
<p>Ja, sie wusste es war der einzige Weg, den beiden zu helfen. </p>
<p>Energisch schritt sie auf die Burg zu. </p>
<p>§ </p>
<p><strong>Wie es weitergeht wird im n&#228;chsten Teil erz&#228;hlt. Soviel sei verraten es wird spannend. </strong></p>
<hr /><small>Copyright (c) 2006-2009 by <a href="http://www.pitstories.de">pitstories.de</a> - alle Rechte der Geschichte(n) liegen beim jeweiligen Autor - digitaler Fingerprint 5fb94d30f57a1c34941e5ec118ecc4c3<ul><li>Es ist ausdr&#252;cklich untersagt, ohne schriftliche Zustimmung des Autors Kopien dieses Textes oder von Teilen daraus an anderer Stelle &#246;ffentlich zu pr&#228;sentieren (z.B. durch "Spiegeln" dieser Seiten auf anderen WWW-Servern) oder diese inhaltlich zu ver&#228;ndern.<li>Dieser Feed ist nur f&#252;r den pers&#246;nlichen, nicht gewerblichen Gebrauch bestimmt. Eine Verwendung dieses Feeds auf anderen Webseiten verst&#246;&#223;t gegen das Urheberrecht. Wenn Sie diesen Inhalt nicht in Ihrem News-Reader lesen, so macht sich die Seite, die Sie betrachten, der Urheberrechtsverletzung schuldig.</ul></small>
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		<title>Was nicht sein darf – Teil 2</title>
		<link>http://www.pitstories.de/2007/06/25/was-nicht-sein-darf-teil-2/</link>
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		<pubDate>Mon, 25 Jun 2007 15:32:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joerschi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Was nicht sein darf]]></category>
		<category><![CDATA[History]]></category>

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		<description><![CDATA[Rudolf war mit einigen der S&#246;ldner ausgeritten, um die Umgebung genauer auszukundschaften. Dabei stie&#223;en sie auf eine Gruppe von Leuten die scheinbar in dem nahen Wald lebten. 
Als der Ritter diese entdeckte stieg er von seinem Pferd und ging langsam auf sie zu. 
Als er n&#228;her kam, erkannte er, dass die Leute ziemlich ver&#228;ngstigt waren. <a href="http://www.pitstories.de/2007/06/25/was-nicht-sein-darf-teil-2/">[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rudolf war mit einigen der S&#246;ldner ausgeritten, um die Umgebung genauer auszukundschaften. Dabei stie&#223;en sie auf eine Gruppe von Leuten die scheinbar in dem nahen Wald lebten. </p>
<p>Als der Ritter diese entdeckte stieg er von seinem Pferd und ging langsam auf sie zu. </p>
<p>Als er n&#228;her kam, erkannte er, dass die Leute ziemlich ver&#228;ngstigt waren. </p>
<p>Nachdem er nah genug an die Gruppe herangekommen war, rief er der Gruppe zu: <span id="more-299"></span></p>
<p>„Wer ist euer Wortf&#252;hrer?“ </p>
<p>Aus der Menge trat ein gro&#223;er Mann heraus und sah Rudolf herausfordernd an. </p>
<p>„Wer will das wissen?“ </p>
<p>„Mein Name ist Rudolf und ich bin der neue Herr auf dieser Grafschaft.“ </p>
<p>„Wie das, und was ist mit dem Landgrafen Weinheim und seinen S&#246;hnen?“ </p>
<p>„Die sind geflohen und wurden vom Markgrafen als Vogelfrei erkl&#228;rt.“ </p>
<p>Der Mann der f&#252;r die Gruppe das Wort ergriffen hatte, trat n&#228;her an Ritter Rudolf heran. </p>
<p>„Wir haben alles verloren. Die Leute, die ihr hier seht, lebten alle vor der Burg. Die S&#246;hne des Landgrafen Weinheims haben uns alles genommen und zum Schluss unsere H&#252;tten angez&#252;ndet. Die hier stehen konnten sich noch retten, viele andere nicht. Wir leben schon seit einigen Wochen im Schutz der W&#228;lder. Dieses Lumpenpack von Weinheims haben uns in den W&#228;ldern wie Wild gejagt.“ </p>
<p>Rudolf nickte verstehend und richtete seinen Blick auf die halbverhungerten Gestalten, dann blickte er den Mann wieder an. </p>
<p>„Wie ist dein Name?“ </p>
<p>„Mein Name ist Lasse und ich betrieb ein Wirtshaus bei der Burg. Die anderen, die ihr seht, waren entweder in der Burg angestellt oder haben ein Gewerbe ausgef&#252;hrt.“ </p>
<p>„Ich kann das Unrecht, das euch angetan wurde nicht gut machen, aber ich bitte euch mit zur Burg zu kommen. Ich m&#246;chte wieder eine bl&#252;hende Grafschaft aus diesem runtergekommenen Land machen.“ </p>
<p>Lasse nickte verstehend: „Ich werde mit den Leuten sprechen. Wenn sie einverstanden sein sollten, kommen wir zur Burg.“ </p>
<p>Rudolf nickte Lasse kurz zu und ging dann zur&#252;ck zu seinem Pferd. </p>
<p>Kurz danach ritt die Gruppe weiter. </p>
<p>§ </p>
<p>In und au&#223;erhalb der Burg wurde derweil flei&#223;ig gearbeitet. Vor dem Gem&#228;uer lagen schon etliche Baumst&#228;mme, die von einigen M&#228;nnern bearbeitet wurden. Karl, der beim Schmied mithalf hatte sich mittlerweile mit den S&#246;hnen des Schmiedes angefreundet. </p>
<p>So verging der Tag und es begann schon zu d&#228;mmern als Rudolf mit seiner Gruppe in die Burg ritt. Karl, der ihn schon kommen sah lief auf ihn zu. </p>
<p>Kaum war der Ritter vom Pferd gestiegen kam einer der M&#228;nner, die vor der Burg arbeiteten auf ihn zu. </p>
<p>„Herr vor der Burg steht eine Gruppe von Leuten. Ein Mann namens Lasse sagt, dass ihr ihn erwartet.“ </p>
<p>„Das ist richtig. Bringt sie in den Burghof und gebt ihnen zu essen.“ </p>
<p>Der Mann nickte und verschwand wieder. Nachdem Rudolf sich im Hof umgesehen hatte und sah, dass die Leute schon viel geschafft hatten, befahl er mit den Arbeiten aufzuh&#246;ren. </p>
<p>Karl, der die ganze Zeit in Rudolfs N&#228;he gewartet hatte, kam strahlend auf ihn zu. </p>
<p>„Hallo, soll ich dir etwas zu trinken holen?“ fragend sah Karl ihn an. </p>
<p>„Ohh, das w&#228;re nett.“ L&#228;chelnd sah Rudolf den Jungen an. Der Kleine mausert sich langsam, dachte er dabei. </p>
<p>Karl verschwand und Rudolf ging zur Schmiede. Dort angekommen trat Matthis auf ihn zu. </p>
<p>„Und seid ihr gut vorangekommen?“ </p>
<p>„Ja Herr. Wir m&#252;ssen nur noch gen&#252;gend Holzkohle besorgen. Ansonsten kann ich mit meinen S&#246;hnen morgen anfangen, die ben&#246;tigten Ger&#228;tschaften herzustellen.“ </p>
<p>Matthis blickte pl&#246;tzlich in die Richtung des Burgtores. Rudolf drehte sich auch in die Richtung und beide verfolgten die Gruppe von Leuten, die gerade den Burghof betraten. </p>
<p>„Wer sind die denn?“ </p>
<p>„Die haben wir heute unterwegs getroffen. Einer von ihnen hei&#223;t Lasse. Nach seiner Schilderung sind es Leute, die hier gelebt haben und dann geflohen sind vor dem Grafen und seinen S&#246;hnen.“ </p>
<p>„Na ein paar H&#228;nde mehr hier kann nicht schaden.“ </p>
<p>„Richtig. Jetzt m&#252;ssen wir noch einen Priester auftreiben der hier sein Zelte aufschl&#228;gt.“ </p>
<p>Matthis nickte: „Da habt Ihr Recht!“ </p>
<p>„Herr Rudolf, Euer Zimmer in der Burg ist jetzt bewohnbar. Wo soll denn Ihr Knappe schlafen?“ </p>
<p>Der Ritter drehte sich in die Richtung aus der die Stimme kam und erkannte die K&#246;chin, die jetzt vor ihm stand. </p>
<p>„Das lasst meine Sorge sein. Er wird erstmal mit in meiner Kammer &#252;bernachten, bis wir die Burg einigerma&#223;en wieder aufgebaut haben.“ </p>
<p>Die K&#246;chin nickte verstehend und rannte zum Haupthaus, um das n&#246;tige zu veranlassen. </p>
<p>„So Matthis dann werden wir mal etwas zu uns nehmen. Es ist schon sp&#228;t und so wie ich es sehe kommen jetzt auch die letzten in die Burg zur&#252;ck.“ </p>
<p>Rudolf und Matthis gingen zum Lagerfeuer, das mittlerweile auf dem Burghof brannte. Die Neuen sa&#223;en in einer Gruppe um Lasse und a&#223;en. </p>
<p>Karl sa&#223; auch schon am Feuer und sah dem Ritter entgegen. Rudolf, der Karl auch gesehen hatte, setzte sich kurz darauf neben ihn. </p>
<p>Die Neuen kamen ins Gespr&#228;ch mit den anderen, so dass schnell alle auf dem Laufenden waren, wer diese waren. </p>
<p>„So nun bin ich aber m&#252;de. Kommst du Karl, wir haben morgen genug zu tun.“ So verabschiedeten sich die beiden bei den Leuten und gingen in ihr Nachtquartier. </p>
<p>Dort angekommen sah Karl, dass zwei Strohmatten auf dem Boden lagen. </p>
<p>Er musste grinsen. </p>
<p>„Was grinst Du so Karl?“ </p>
<p>„Ach nichts ich sah nur die zwei Strohmatten und dachte nur, dass ich bestimmt nicht alleine schlafen werde.“ </p>
<p>Grinsend nahm Rudolf daraufhin Karl in den Arm: </p>
<p>„Na dann nehmen wir meine!“ </p>
<p>Karl l&#246;schte noch schnell die Kerze und kroch unter die Decke zu Rudolf. </p>
<p>Da beide ziemlich fertig vom Tag waren, schliefen sie auch bald ein. </p>
<p>§ </p>
<p>Am n&#228;chsten Tag wurden sie von lautem Poltern geweckt. </p>
<p>„Oh, m&#252;ssen wir schon wieder aufstehen?“ grummelte Karl. </p>
<p>Rudolf, der schon eine ganze Weile wach war, konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. </p>
<p>„Nun los wir haben viel vor!“ dabei nahm er Karl in seine Arme und dr&#252;ckte ihn an sich. </p>
<p>Dem Jungen gefiel das, denn er kuschelte sich noch enger an Rudolf. </p>
<p>Beide blieben so noch einen Augenblick liegen bevor sie aufstanden. </p>
<p>Kurz nachdem Rudolf sich angezogen hatte, war er auch schon aus dem Zimmer. Karl trabte m&#252;de wie er war hinterher. </p>
<p>Als er die Treppe zum Rittersaal erreichte, h&#246;rte er schon die Stimme der K&#246;chin Hiltrud, die mit lauter Stimme die Frauen antrieb, um das Fr&#252;hst&#252;ck vorzubereiten. </p>
<p>„Los nun macht schon, die M&#228;nner haben bestimmt schon Hunger. Luise du solltest doch Feuerholz holen, wenn man hier nicht alles selber macht!“ </p>
<p>Gerade als Karl die letzte Stufe nahm, kam ihm Gerald entgegen. </p>
<p>„Ah da bist Du ja! Ritter Rudolf gab mir den Befehl, dich unter meine Fittiche zu nehmen.“ </p>
<p>„Was soll ich denn machen?“ </p>
<p>„Erst einmal wirst du uns helfen vor der Burg die einzelnen Standorte f&#252;r die neuen H&#228;user zu bestimmen und dann werde ich dich in der Kampfkunst unterrichten. Dann mal los. Hol Dir noch was zum Essen und komm danach zu mir.“ </p>
<p>Karl nickte nur und ging dann in den Innenhof wo Hiltrud jetzt mit einigen Frauen das Fr&#252;hst&#252;ck verteilte. </p>
<p>Er holte sich bei Hiltrud seine Schale Haferbrei, setzte sich auf einen Stein und a&#223;. Beim Essen beobachtete er die Leute und musste &#252;ber so manche Szene, die er sah schmunzeln. </p>
<p>„Wie hei&#223;t Du denn?“ kam es pl&#246;tzlich zaghaft von der Seite. </p>
<p>Karl zuckte kurz zusammen und sah in die Richtung aus der die Stimme kam. </p>
<p>Ein Junge etwa in seinem Alter stand dort und sah ihn fragend an. </p>
<p>„Hei&#223;e Karl und du?“ knurrte Karl etwas b&#246;se. Der Junge schaute ihn daraufhin etwas beleidigt an. </p>
<p>„He, ich habe doch nur nach deinem Namen gefragt! Oder habe ich irgendwas falsch gemacht?“ </p>
<p>Karl, dem seine Antwort schon Leid tat, blickte den Jungen an. </p>
<p>„Entschuldige ich hab’s nicht so gemeint. Wollte halt nur meine Ruhe haben.“ </p>
<p>„Ach so. Na dann gehe ich mal wieder.“ </p>
<p>Der Junge wollte sich gerade umdrehen, als Karl einfiel dass er den Namen des Jungen nicht wusste und dieser auch nicht seine Frage diesbez&#252;glich beantwortet hatte. </p>
<p>„Du hast mir aber deinen Namen immer noch nicht verraten!“ </p>
<p>„Meiner ist Georg. Ich bin der Sohn vom M&#252;ller Hildebrand.“ mit diesen Worten verschwand Georg. </p>
<p>Karl folgte ihm noch mit seinem Blick bis Georg jenseits des Burgtores verschwand. </p>
<p>Na toll dachte Karl, der Tag f&#228;ngt ja gut an. Nachdem er mit seinem Brei fertig war, machte er sich auf den Weg zu Gerald. Dieser stand schon vor der Burg mit einigen seiner S&#246;ldner. </p>
<p>„Ah da bist du ja. So M&#228;nner wir sollen festlegen wo wer sein Haus bauen soll. Ritter Rudolf will einen breiten Weg gerade zum Burgtor freihaben. Die H&#228;user sollen an dieser Strasse entlang gebaut werden. Die neue M&#252;hle soll zwar in der N&#228;he der Burg stehen, aber auch nicht zu nah an den H&#228;usern. Wir werden erstmal den neuen Weg abmessen. Er muss breit genug sein damit Kutschen und Fuhrwerke ohne Probleme in die Burg fahren k&#246;nnen.“ </p>
<p>Nachdem Gerald geendet hatte verteilte er Stangen an die S&#246;ldner und Karl. </p>
<p>„So mit den Stangen stecken wir als erstes den Weg ab. Achtet darauf, dass sie gerade vom Burgtor abstehen. Ich zeige es euch.“ </p>
<p>Gerald ging zum Burgtor und steckte die erste Stange in den Boden. Dann band er einen Faden an diese und ging einige Schritte vorw&#228;rts. Nach ein paar Schritten blieb er stehen, nahm den n&#228;chsten Stab, steckte diesen in den Boden und wickelte zweimal den Faden um den Stab. </p>
<p>„So macht ihr das bis zum Fluss runter. Danach kontrollieren wir ob der Weg gerade bis nach unten f&#252;hrt. Wenn nicht wird danach korrigiert! Habt ihr alles verstanden?“ </p>
<p>Die M&#228;nner nickten und begannen die anderen St&#228;be nacheinander in den Boden zu stecken. </p>
<p>Da die Aufgabe nicht schwer war, waren Sie bald fertig. Nachdem noch etwas korrigiert wurde hatten sie einen geraden Weg bis zum Fluss. </p>
<p>Danach begannen sie die einzelnen Pl&#228;tze abzustecken an denen die H&#228;user entstehen sollten. </p>
<p>Einige M&#228;nner, die einen Karren Steine herbeigeschafft hatten, begannen anschlie&#223;end die Grundmauer f&#252;r das erste Haus zu bauen. </p>
<p>Es war mittlerweile Mittag und Karls Magen machte sich bemerkbar. Just in diesem Augenblick sah er Georg mit einem gro&#223;en Topf schwankend auf sie zukommen. Schon von weitem rief Georg: „ Leute, Essen ist fertig!“ </p>
<p>Georg lief noch einige Schritte auf sie zu, um dann den Topf auf den Boden zu stellen. Die M&#228;nner dr&#228;ngten sich schnell darum, um etwas von der Suppe abzubekommen. </p>
<p>„Hier sonst bekommst du gar nichts mehr ab!“ lachte Georg und hielt Karl eine Schale hin, die mit Suppe gef&#252;llt war. </p>
<p>„Danke! Womit hab ich denn das verdient? Ich war doch ziemlich unfreundlich zu dir!“ </p>
<p>„Na ja, ich verzeih dir noch einmal. Aber sag mal stimmt das, dass du Ritter Rudolf sein Knappe bist?“ </p>
<p>Karl nickte bejahend, w&#228;hrend er die Suppe schl&#252;rfte und dazu ein St&#252;ck Brot a&#223;. </p>
<p>„Ist ja toll. Wenn ich doch auch so was werden k&#246;nnte.“ </p>
<p>„Na junger Mann, das schlag dir mal schnell aus dem Kopf. Denn schlie&#223;lich bist du derjenige der sp&#228;ter mal die M&#252;hle &#252;bernehmen soll!“ unbemerkt war ein gro&#223;er Mann auf sie zugetreten und l&#228;chelte Georg an. </p>
<p>„Das ist mein Vater. Sein Name ist Hildebrand.“ sagte Georg erkl&#228;rend zu Karl gewandt. </p>
<p>„Och Papa, tr&#228;umen darf man doch wohl?“ </p>
<p>„Klar mein Kleiner, aber jetzt hurtig wir m&#252;ssen die Stelle f&#252;r die M&#252;hle noch festlegen.“ </p>
<p>Georg verabschiedete sich von Karl und lief seinem Vater hinterher, der schon ein St&#252;ck entfernt war. </p>
<p>Den Rest des Tages war Karl damit besch&#228;ftigt, seine ersten &#220;bungen in der Kampftechnik zu erlernen. Gerald war wohl sehr zufrieden mit ihm, denn er schimpfte nicht sehr oft. Was, wie Karl sp&#228;ter von den anderen S&#246;ldnern erfuhr, nicht die Regel war. </p>
<p>§ </p>
<p>Rudolf, der wieder den ganzen Tag unterwegs war, um die einzelnen Geh&#246;fte der Bauern in der Umgebung aufzusuchen, kam erst sp&#228;t in der Nacht wieder in der Burg an. </p>
<p>Gerald, der auf ihn gewartet hatte und am Burgtor bei der Wache stand, begr&#252;&#223;te ihn als erster. </p>
<p>„Na, wie hat sich Karl geschlagen, bei seinen ersten &#220;bungsstunden?“ </p>
<p>„Eigentlich sehr gut. Er hat ein H&#228;ndchen f&#252;r Waffen. Ich denke, dass aus ihm ein brauchbarer K&#228;mpfer werden kann.“ </p>
<p>„Das h&#246;rt sich doch gut an.“ </p>
<p>„Und was habt ihr bei den Bauern erreicht?“ </p>
<p>„Also sie haben mich nat&#252;rlich nicht ganz so freundlich begr&#252;&#223;t. Aber Wolfram hat wohl schon einige Informationen weitergegeben, so dass wir schnell ins Gespr&#228;ch kamen. Soweit sieht es ganz gut aus. Es sind einige dabei, die ihre Ernte durch Brandschatzung der S&#246;hne von Waldheims verloren haben, denen habe ich dann auch Hilfe angeboten.“ </p>
<p>Gerald nickte: „Dann kommt Ihr m&#252;sst Euch ausruhen und Karl wartet auch noch auf Euch.“ </p>
<p>Rudolf sprang von seinem Pferd und gab die Z&#252;gel Gerald. Dieser brachte das Tier in den Stall, wo der Stallbursche schon wartete. </p>
<p>Rudolf suchte den Burghof nach Karl ab. Er entdeckte ihn am Feuer, bei ihm sa&#223; ein anderer Junge. So wie es aussah unterhielten sie sich. </p>
<p>Er ging auf die beiden zu und blieb kurz hinter ihnen stehen. </p>
<p>„Bin ich kaputt und meine Arme tun weh.“ sagte Karl zu Georg. </p>
<p>„Na ihr beiden was sollen die anderen dann sagen?“ </p>
<p>Erschrocken drehten sich beide um und sahen hinter sich Rudolf stehen. </p>
<p>„Oh entschuldigt Herr, bin schon weg.“ dabei stand Georg auf und lief weg. </p>
<p>„Wer war das denn?“ </p>
<p>„Das war Georg der Sohn des M&#252;llers.“ </p>
<p>Verstehend nickte Rudolf. </p>
<p>„Entschuldige hast du Hunger?“ fragend sah Karl Rudolf an. </p>
<p>„Nein, ich habe bei einem der Bauern reichlich zu essen bekommen. Ich dachte die B&#228;uerin will mich m&#228;sten, soviel hat sie auf den Tisch gestellt. Ich will jetzt nur meine Ruhe. Komm, lass uns in die Burg gehen.“ </p>
<p>Karl stand auf und ging hinter Rudolf her, der den Leuten noch einen gute Nacht w&#252;nschte. </p>
<p>§ </p>
<p>Die n&#228;chsten Wochen waren hart f&#252;r Karl, er musste jeden Tag erst einige Kr&#228;ftigungs&#252;bungen machen und danach mit dem Schwert gegen Gerald k&#228;mpfen. Rudolf stand mehrmals dabei und sah ihnen zu. </p>
<p>Mittlerweile waren die Ausbesserungsarbeiten am Haupthaus in der Burg abgeschlossen, die Rudolf angewiesen hatte. Karl bekam seine eigene Kammer und Rudolf zog in die ehemaligen Gem&#228;cher vom Landgrafen Weinheim. Karl und Rudolf trafen sich nachts heimlich in Rudolfs Gem&#228;cher, wo Karl bis zum Morgengrauen blieb. </p>
<p>Vor der Burg standen mittlerweile 20 H&#228;user. Eine Schenke stand auch wieder im Ort und es gab sogar einen Apotheker. Die H&#228;user selbst hatten zwei Stockwerke, wobei das Erdgeschoss aus robustem Stein gebaut war und nur das zweite Stockwerk aus Holz bestand. Die M&#252;hle am Fluss war ebenfalls fertig gestellt worden, so dass die Bauern ihr Getreide hierher bringen konnten. Die alte M&#252;hle wurde auf Befehl Rudolfs niedergebrannt, da niemand bereit war in diese zu ziehen. Es wurden auch schon zwei M&#228;rkte abgehalten, die sehr erfolgreich waren. Auf der anderen Seite des Flusses, hatten sich einige neue Bauern niedergelassen, die dort den Boden bearbeiteten. &#220;berall in der Stadt wurde gebaut. Es kamen immer wieder neue Menschen dazu, da es sich herum gesprochen hatte, was f&#252;r ein gerechter Herr dieses Land verwaltete. </p>
<p>§ </p>
<p>An einem sonnigen Morgen, kam Gerald aufgeregt in den Rittersaal gerannt. </p>
<p>Verwundert &#252;ber die fr&#252;he St&#246;rung sah Rudolf ihm entgegen. </p>
<p>„Herr, ein Bote vom Markgrafen von Mei&#223;en ist eben angekommen. Er hat wichtige Informationen.“ </p>
<p>„Na dann werden wir uns diese anh&#246;ren. Hol ihn her!“ </p>
<p>Gerald verschwand kurz, um gleich wieder mit dem Boten aufzutauchen. </p>
<p>„Ritter Rudolf, ich bringe schlechte Neuigkeiten von unserem Herrn. Die Waldheims sind bei einem Verwandten untergekommen, der schon immer einen Groll gegen den Markgrafen von Mei&#223;en hegte. Dieser hat seine Grenzen dicht gemacht und l&#228;sst niemanden durch sein Gebiet ziehen. Selbst die Kaufleute m&#252;ssen einen gro&#223;en Umweg fahren, um &#252;berhaupt in die anderen Grafschaften zu gelangen.“ </p>
<p>„MMhh und wie hei&#223;t der Verwandte?“ </p>
<p>„Es ist Graf Wenzel, er hat zurzeit ziemlichen Einfluss auf den Kaiser.“ </p>
<p>„Einfluss auf unseren Kaiser?“ </p>
<p>„Er ist einer der engsten Vertrauten des Kaisers. Wie ihr Euch vorstellen k&#246;nnt, w&#252;rde jemand ihn anprangern w&#252;rde der Kaiser sich selbst angegriffen sehen. Daher muss hier mit Vorsicht agiert werden. Mein Herr l&#228;sst Euch ausrichten, dass Ihr m&#246;glichst schnell versuchen m&#252;sst die Burg sicher zu machen und Euer Dorf. Spione haben uns zugetragen, dass die S&#246;hne des alten Waldheims auf Rache sinnen.“ </p>
<p>Rudolf runzelte die Stirn, die Neuigkeiten h&#246;rten sich nicht gut an. Vom Grafen Wenzel hatte er schon einiges geh&#246;rt und zwar nichts Gutes. Dem Grafen ging der Ruf voraus, dass er sein Verm&#246;gen durch Betrug und Verrat ergaunert hatte. Selbst sein Vater verstarb sehr mysteri&#246;s. Einige munkelten, dass er vergiftet wurde, beweisen konnte man ihm dies aber nicht. So waren in den vergangenen Jahren mehrere Grafschaften an ihn gefallen, die angeblich von den Vorbesitzern in ihren Testamenten an ihn &#252;bertragen wurden. Diese starben entweder kurz darauf oder waren angeblich in Kl&#246;ster eingetreten, um dort den Rest ihres Lebens zu b&#252;&#223;en. </p>
<p>„Hab erst einmal Dank f&#252;r die Nachrichten.“ Er winkte eine Magd heran und bat diese den Boten in die K&#252;che zu bringen, damit er etwas zu essen bekam. </p>
<p>Nachdem Rudolf mit Gerald allein war, begannen beide gemeinsam zu planen, wie sie die Burgw&#228;lle wieder instand setzen konnten. Als erstes musste der Wehrturm wieder instand gesetzt werden, danach die W&#228;lle. Um die entstehende Stadt zu sch&#252;tzen musste eine Mauer gebaut werden. So vertieft &#252;ber die nun anstehenden Aufgaben, bemerkten beide nicht, dass Lasse den Rittersaal betreten hatte. </p>
<p>Dieser r&#228;usperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen. </p>
<p>„Ah Lasse gut, dass du da bist. Du kennst doch die Gegend hier sehr gut?“ </p>
<p>„Nat&#252;rlich, ich bin hier aufgewachsen. Um was geht es denn?“ </p>
<p>Rudolf erz&#228;hlte kurz von dem was der Bote des Markgrafen erz&#228;hlt hatte. Lasses Gesicht verfinsterte sich: „ Ich hatte geahnt, dass die Waldheims keine Ruhe geben werden und jetzt noch mit so einem Verb&#252;ndeten im R&#252;cken, sind sie noch unberechenbarer als vorher.“ </p>
<p>Rudolf nickte best&#228;tigend. </p>
<p>Dann fingen alle drei an zu planen, wo die Mauern ausgebessert werden mussten und wo sie die ben&#246;tigten Steine herbekamen. Lasse fiel ein, das ein paar Wegstunden entfernt ein Steinbruch war, der aber schon lange nicht mehr genutzt wurde. </p>
<p>„Wir brauchen Steinmetze, die sich mit dem Abbruch der Steine auskennen und diese auch bearbeiten k&#246;nnen. Wisst ihr woher wir die M&#228;nner bekommen?“ fragend schaute Rudolf die beiden an. </p>
<p>„Da kann ich helfen. Mein Bruder ist Steinmetz, er k&#246;nnte uns helfen!“ sagte Gerald. </p>
<p>„Gut, dann machst du dich auf den Weg zu ihm. Meinst du er kann noch einige Leute organisieren?“ </p>
<p>„Ich glaube schon. Ich werde sehen was sich machen l&#228;sst!“ </p>
<p>Gerald verlie&#223; den Rittersaal, um sich auf den Weg zu seinem Bruder zu machen. Dieser lebte einen Tagesmarsch entfernt in einem Dorf. Da er dort nicht viel Arbeit hatte, nagte dessen Familie st&#228;ndig am Hungertuch. Gerald der seinen Bruder liebte, konnte ihm und seiner Familie endlich helfen. So beeilte er sich, um die freudige Nachricht zu &#252;berbringen. </p>
<p>§ </p>
<p>Karl war mit Georg auf der Jagd. Sie wollten ein paar Rebh&#252;hner f&#252;r Rudolf jagen. Sie waren in den letzten Wochen viel gemeinsam unterwegs gewesen. Durch Karls st&#228;ndiges Training, freute sich dieser immer darauf mit Georg die wenige Freizeit in den W&#228;ldern zu verbringen. Hier hatten sie ihre Ruhe vor den anderen und konnten &#252;ber alles M&#246;gliche reden. </p>
<p>Heute aber waren beide ruhig. Georg wollte eine brennende Frage loswerden, die ihn schon etwas l&#228;nger besch&#228;ftigte. Er wusste nur nicht wie er sie stellen sollte, also nahm er sich ein Herz und stellte seine Frage. </p>
<p>„Sag mal Karl, du magst Rudolf wohl sehr?“ </p>
<p>„Wieso fragst du, ja nat&#252;rlich. Er hat mich ja schlie&#223;lich gerettet und zu seinem Knappen gemacht.“ Karl schaute dabei vorsichtig zu Georg. </p>
<p>„Karl du bist mein bester Freund und nun ja, ich hab dich auch sehr gerne. Sei mir nicht b&#246;se, aber wenn ich sehe wie du ihn ansiehst, dann k&#246;nnte man fast denken, du liebst ihn. Ich weiss, dass das von der Kirche als Ketzerei verschrien ist. Der Bruder von meinem Vater liebte einen Mann. Er wurde mit ihm zusammen als Ketzer verbrannt. Mein Vater trauert immer noch um seinen Bruder. Er hat ihn geliebt und ihn so genommen wie er war.“ </p>
<p>Karl sah Georg staunend an. </p>
<p>„Sieht man es mir so deutlich an?“ </p>
<p>Georg l&#228;chelte verlegen und nickte. </p>
<p>„Danke, aber sage es niemanden.“ </p>
<p>„Auf mich kannst du dich verlassen. Nur ich frage mich wie lange das gut gehen soll, denn irgendwann muss Rudolf eine Frau heiraten und glaub mir, er wird nicht drum herum kommen. Sonst fangen die Leute noch an zu munkeln.“ </p>
<p>Karl hatte sich dar&#252;ber nie Gedanken gemacht, aber im innersten wusste er, dass Georg Recht hatte. Daher sah er traurig zu Georg: „Ich wei&#223;, aber was wird dann aus mir?“ </p>
<p>„He mach Dir jetzt keinen Kopf dar&#252;ber. Da findet sich bestimmt eine L&#246;sung, zum anderen wenn alle Stricke rei&#223;en, bin ich auch noch f&#252;r dich da.“ </p>
<p>Was Karl nicht wusste war, dass Georg mehr als nur Freundschaft gegen&#252;ber ihm empfand. </p>
<p>Beide machten sich daraufhin auf die Pirsch, um wenigstens ein paar Rebh&#252;hner zu erwischen. </p>
<p>§ </p>
<p>Rudolf hatte Lasse die Bewohner zusammenrufen lassen, um ihnen die Lage zu schildern in der sie sich befanden. </p>
<p>Als alle vollst&#228;ndig auf dem Markplatz versammelt waren, begann Rudolf den Leuten zu erkl&#228;ren in welcher Situation sie waren. </p>
<p>„….Nun wisst ihr was uns bevorsteht. Um &#220;berf&#228;llen vorzubeugen, m&#252;ssen wir die Burg und seine Wehranlagen reparieren. Au&#223;erdem m&#252;ssen wir, um die Stadt zu sch&#252;tzen, die nunmehr &#252;ber drei&#223;ig H&#228;user umfasst, einen Wall, besser noch eine zweite Wehrmauer bauen. Das bedeutet viel Arbeit f&#252;r alle, aber ich denke zum Schutz unserer Familien und Freunde ist das ein kleiner Preis.“ </p>
<p>Alle nickten. </p>
<p>„Gerald ist auf dem Weg, um Steinmetze hierher zu bringen, die dann im nahen Steinbruch die ben&#246;tigten Steine f&#252;r uns brechen und bearbeiten. Als erstes werden dort M&#228;nner ben&#246;tigt die mithelfen die Steine zu brechen um diese dann hierher zubringen. Wer meldet sich freiwillig?“ </p>
<p>Fast gleichzeitig mit der Frage gingen von etlichen M&#228;nnern die H&#228;nde nach oben. </p>
<p>„Sehr sch&#246;n. Lasse wird euch einteilen wer was macht. Noch ein Wort von mir, ich freue mich, dass ihr alle mit anpackt damit unser Ort noch sicherer wird. Danke!“ </p>
<p>Damit trat Ritter Rudolf zur&#252;ck und &#252;berlies Lasse die weitere Planung mit den M&#228;nnern. </p>
<p>Einige Frauen die zusammenstanden tuschelten miteinander. Rudolf, der das mit bekam, ging auf die Gruppe zu. </p>
<p>„&#220;ber was unterhaltet ihr euch?“ </p>
<p>Die Frauen wichen erschrocken zur&#252;ck. Aus deren Reihe aber trat pl&#246;tzlich eine Frau heraus. Sie musste um die zwanzig sein und hatte hellblondes Haar das ein recht h&#252;bsches Gesicht umrahmte, fand Rudolf. </p>
<p>„Herr verzeiht, wir Frauen &#228;rgern uns dar&#252;ber, dass niemand uns fragt ob wir nicht auch helfen k&#246;nnen. Wir sind genauso f&#228;hig Steine zu tragen und schlie&#223;lich geht es hier auch um uns und unsere Kinder. Wir wollen dabei auch mithelfen.“ </p>
<p>Rudolf konnte sich ein L&#228;cheln nicht verkneifen: „Wie es aussieht habt ihr ja wohl alles schon geplant. Nat&#252;rlich freue ich mich, wenn ihr Frauen uns helfen wollt. Also abgemacht ihr werdet mit eingeteilt. Geht zu Lasse und sagt ihm, dass ich dem zugestimmt habe. Sollte er noch Fragen haben dann soll er zu mir kommen.“ </p>
<p>Die Frau nickte und machte einen Knicks vor Rudolf, ehe sie sich umdrehte und mit den anderen zu Lasse ging. </p>
<p>§ </p>
<p>Es war Abend geworden, die Sonne stand am Horizont und strahlte in einem tiefen Rot. </p>
<p>Rudolf stand auf dem Burgtor und sah herunter auf das kleine St&#228;dtchen. Heute waren wieder zwanzig Neuank&#246;mmlinge eingetroffen, die hier sesshaft werden wollten. Mittlerweile lebten 100 Menschen in dem Ort. Rudolf war stolz was er in drei Monaten schon erreicht hatte. Lasse trat hinter ihn und sprach ihn an:“ Herr die Leute lieben Euch! Das mit den Frauen war eine gute Entscheidung, das hat Euer Ansehen noch weiter erh&#246;ht.“ </p>
<p>„Lasse sag wo w&#252;rdest Du eine Kirche bauen?“ </p>
<p>„Dort!“ Lasse zeigte dabei zu einem freien Platz der von einigen H&#228;usern umstanden war. </p>
<p>„Ja du hast recht, das ist ein guter Ort. Sobald wir fertig sind mit den Wehranlagen, fangen wir an die Kirche zu bauen und ich wei&#223; auch schon wer als Prediger zu uns kommen soll!“ </p>
<p>„Wer denn?“ </p>
<p>„Bruder Gregorius, er hat mich aufgezogen und zu dem gemacht, was ich heute bin. Er ist ein weiser und gerechter Mann. Er ist schon auf dem Weg hierher.“ </p>
<p>„Kommt, ich glaube Karl und Georg sind von Ihrer Jagd zur&#252;ck. Jedenfalls nach dem Lachen zu urteilen, das ich h&#246;re.“ </p>
<p>„Ja du hast Recht, das k&#246;nnen nur die beiden sein.“ </p>
<p>Lasse und Rudolf gingen hinunter in den Burghof wo gerade Georg die Jagdbeute an Hiltrud &#252;bergab. </p>
<p>„Na, da wird sich unser Herr aber freuen. Morgen gibt es gebratene Rebh&#252;hner f&#252;r ihn.“ </p>
<p>Rudolf sah beim n&#228;her kommen, dass mit Karl etwas nicht stimmte. Er hielt seinen Kopf gesenkt und sah irgendwie traurig aus. </p>
<p>‚Ich muss mit ihm heute Abend sprechen.’ dachte Rudolf als er bei den dreien ankam. </p>
<p>„Na ihr schon zur&#252;ck? Wolltet ihr nicht im Wald &#252;bernachten?“ fragend schaute Rudolf die beiden abwechselnd an. </p>
<p>„Ja schon, aber dann hatten wir doch keine rechte Lust!“ antwortete Georg. </p>
<p>In diesem Augenblick rannte Karl pl&#246;tzlich weg und verschwand in dem Burggeb&#228;ude. </p>
<p>„Was ist mit ihm?“ fragend schaute Hiltrud Karl hinterher. </p>
<p>„Ach, ist ne l&#228;ngere Geschichte.“ </p>
<p>„Dann wirst du mir mal die l&#228;ngere Geschichte unter vier Augen erz&#228;hlen!“ dabei schob der Ritter Georg in Richtung Burg. </p>
<p>Nachdem beide in Rudolfs Zimmer waren, drehte dieser sich abrupt zu Georg: </p>
<p>„So, was ist jetzt mit Karl?“ </p>
<p>„Ich wei&#223; nicht wie ich es sagen soll Herr. Ich mag Karl sehr und mir ist aufgefallen wie nah er Euch steht. Tja und da hab ich ihn gefragt ob er verliebt in Euch sei.“ </p>
<p>„Was hast du? Was erlaubst du dir?“ w&#252;tend blickte Rudolf den Jungen an. </p>
<p>„Entschuldigt ich… ich wollte das doch nicht. Er war ziemlich bedr&#252;ckt und er ist mein bester Freund, ich wollte ihm doch nur sagen, dass wenn es so w&#228;re ich es verstehe und meinen Mund halten werde!“ </p>
<p>„Entschuldige Georg, was hat er geantwortet?“ Rudolfs Stimme die vorher w&#252;tend klang, war jetzt etwas ruhiger. </p>
<p>„Er hat ja gesagt. Leider…“ entfleuchte es noch seinem Mund bevor Georg sich auf die Zunge bei&#223;en konnte. </p>
<p>Rudolf, der das letzte Wort nicht mit bekommen hatte, sah ihn in die Augen: </p>
<p>„Ich kann mich darauf verlassen, dass du niemanden davon erz&#228;hlst?“ </p>
<p>Georg konnte nur nicken, ihm standen Tr&#228;nen in den Augen. </p>
<p>„H&#246;r zu Georg, Karl h&#228;lt gro&#223;e St&#252;cke auf dich, also entt&#228;usche ihn nicht und mich auch nicht! Hast du verstanden?“ </p>
<p>„Ja Herr, er ist doch mein bester Freund! Ich werde meinen Mund halten versprochen!“ </p>
<p>„Gut nun geh, dein Vater wird schon auf Dich warten.“ </p>
<p>Georg verschwand durch die T&#252;r. </p>
<p>Nachdem Rudolf im Zimmer alleine war, &#252;berlegte er wie es weitergehen sollte. Er musste auf alle F&#228;lle mit Karl reden und das gleich. Er ging aus dem Zimmer zu der Kammer von Karl, als er dort ankam h&#246;rte er aus dieser ein leises Weinen. Sachte klopfte er gegen die T&#252;r. </p>
<p>„Darf ich rein kommen?“ fragte er leise. </p>
<p>Zur Antwort wurde die T&#252;r leise ge&#246;ffnet und Karls verweintes Gesicht erschien. </p>
<p>„Komm rein!“ </p>
<p>Karl machte Platz damit Rudolf eintreten konnte. Nachdem er hinter Rudolf die T&#252;r zugemacht hatte, nahm der Ritter, der hinter ihm stehen geblieben war, ihn in seine Arme. </p>
<p>„He was ist mit dir. Ich hab mit Georg gesprochen.“ fl&#252;sterte Rudolf. </p>
<p>„Wir haben miteinander gesprochen und nachdem Georg mir erz&#228;hlt hatte, dass er das Gef&#252;hl h&#228;tte, dass ich in dich verliebt bin, konnte ich auf seine Frage nicht l&#252;gen. Und…“ Stockend kam es aus Karl raus. </p>
<p>„Was und?“ </p>
<p>„Na ja Georg meinte irgendwann musst du sowieso heiraten, sonst w&#252;rde man &#252;ber dich schlecht sprechen und dann ist ja auch dein Stand den du wahren musst. Ja und da habe ich einsehen m&#252;ssen, dass wir wohl nie zusammen gl&#252;cklich werden k&#246;nnen und d&#252;rfen.“ </p>
<p>Rudolf schwieg kurz um seine Gedanken zu ordnen. </p>
<p>„Dein Freund hat leider Recht! Irgendwann muss ich eine Dame von Stand heiraten. Aber bis dahin haben wir noch Zeit und ich will dich nicht verlieren.“ </p>
<p>„Ich habe nur solche Angst dich zu verlieren und ich wei&#223;, wenn du erst verheiratet bist k&#246;nnen wir uns nicht mehr sehen und wenn dann nur unter gr&#246;&#223;ten Vorsichtsma&#223;nahmen.“ </p>
<p>„Du hast recht, lass uns diese Zeit genie&#223;en die uns gegeben wurde. Ich kann dir nicht sagen was die Zukunft noch mit uns vorhat.“ dabei drehte Rudolf Karl zu sich um und ihre Lippen trafen sich zu einem sehr langen Kuss. </p>
<p>Diese Nacht blieben beide in der Kammer des Jungen und liebten sich. </p>
<p>In diesen Zeiten war es nicht einfach zu leben und zu &#252;berleben. Beide wussten, dass Ihre Liebe nur auf Raten gekauft war und jederzeit entdeckt werden konnte. Da die Kirche sehr gro&#223;en Einfluss hatte und mehr Macht &#252;ber das Volk aus&#252;bte als der Kaiser, war es nicht verwunderlich, dass diese den Leuten vordiktierte was falsch und richtig war und das ganze im Namen Gottes. Als Ketzer wurden damals Tausende hingerichtet. Unschuldige und Schuldige. Aber leider traf es mehr Unschuldige als Schuldige. </p>
<p>§ </p>
<p>Es waren wieder drei Wochen vergangen. Karl ging es nach der Nacht und dem Gespr&#228;ch mit Rudolf wieder besser. Er hatte sich mit der Situation abgefunden und wollte nur die Zeit die ihnen blieb auskosten und das taten sie ausf&#252;hrlich. </p>
<p>Gerald hatte seinen Bruder, dessen Familie und einige M&#228;nner mit zu Rudolf gebracht. Der Wehrturm war wieder hergestellt und mit Hilfe der Frauen gingen der Bau und die Wiederherstellung der Wehranlage schnell und z&#252;gig voran. Vor zwei Wochen erschien ein Priester mit Namen Gregorius, der in der Burg erst mal wohnte, bis die Kirche gebaut war. Den Gottesdienst hielt dieser jeden Tag auf dem Markplatz ab, damit auch alle Bewohner Platz hatten. </p>
<p>Karl selbst war durch die t&#228;glichen Schulungen von Gerald ziemlich kr&#228;ftig geworden. Wenn Rudolf mit ihm im Bett war, bewunderte dieser das Muskelspiel von Karl und sagte ihm immer wieder wie sch&#246;n er sei. </p>
<p>Georg war immer um Karl rum, obwohl sein Vater ihn st&#228;ndig ermahnte, dass er nun mal M&#252;ller wird und kein Ritter. Aber das hielt Georg nicht davon ab heimlich mit Karl zu &#252;ben, der ihn das beibrachte was Gerald ihm bei den &#220;bungen beibrachte. </p>
<p>Pater Gregorius selber brachte Karl das Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Er war ein geduldiger Lehrer und bald auch ein Vertrauter von Karl. </p>
<p>An einem der Tage wo Karl wieder bei ihm war und vorlesen sollte, hatte Pater Gregorius ein besonderes Buch hervorgeholt. </p>
<p>„Was ist das f&#252;r ein Buch Gregorius?“ </p>
<p>„Nun Karl schlag es auf und lese mir den Titel vor! Dann wirst du in etwa wissen wor&#252;ber es in diesem Buch geht.“ </p>
<p>Vorsichtig &#246;ffnete Karl das Buch und las laut vor: „Von den Lehren der Heilkunde.“ </p>
<p>„Dieses Buch arbeiten wir durch, denn als angehender Ritter musst du auch die Heilkunde kennen und anwenden k&#246;nnen.“ </p>
<p>„Ja Gregorius, aber ich will doch kein Arzt werden.“ </p>
<p>„Das hat damit nichts zu tun. Trotzdem musst du nach einer Schlacht auch wissen wie jemand verbunden werden muss und wie eine Wunde zu behandeln ist. Ist das klar angekommen in deinem Oberst&#252;bchen?“ </p>
<p>„Mmmh ja ist angekommen. Dann werde ich mal anfangen zu lesen.“ </p>
<p>„Nicht nur lesen sondern auch lernen!“ </p>
<p>„Ja doch….“ </p>
<p>In dem Augenblick wurden beide unterbrochen, weil die T&#252;r aufgerissen wurde und Georg in die Stube gerannt kam.“ </p>
<p>„Karl der Markgraf und seine Gattin sind gekommen. Komm Rudolf sucht dich schon und umziehen musst du dich auch noch. Los beeil Dich.“ </p>
<p>Karl entschuldigte sich bei Gregorius und rannte dann mit Georg in seine Kammer, um sich umzuziehen. Georg der es sich auf dem Bett von Karl bequem gemacht hatte, sah Karl beim umziehen zu. Er starrte regelrecht Karls Oberk&#246;rper an, der mittlerweile ziemlich muskul&#246;s war. </p>
<p>„Sag mal was schaust du mich so verdattert an? Ist was?“ </p>
<p>Georg der ziemlich rot bei den Fragen wurde stotterte nur etwas von getr&#228;umt herum. </p>
<p>Georgs Gef&#252;hle f&#252;r Karl waren in der Zwischenzeit immer st&#228;rker gewachsen. Er tr&#228;umte nachts von ihm und wie sie beide sich liebten. Aber es blieb nur ein Traum. </p>
<p>„He aufwachen …“ dabei r&#252;ttelte Karl an Georgs Schulter. </p>
<p>„&#196;hmm…. Ja entschuldige ich hab wohl wieder mal getr&#228;umt.“ kam es kleinlaut von Georg. </p>
<p>„Typisch und was hast du wieder getr&#228;umt?“ </p>
<p>„Nichts dolles wirklich nicht…“ stotterte Georg rum. </p>
<p>„Na gut und kann ich so gehen?“ </p>
<p>„Mhh ja du siehst toll aus.“ </p>
<p>„Na dann los!“ lachend liefen beide auf den Burghof wo Ritter Rudolf und Gerald schon warteten. </p>
<p>Kaum waren beide auf dem Hof ritt schon die Vorhut der Wachen ein, die den Markgrafen begleiteten. </p>
<p>Kurz darauf rollte die Kutsche durch das Burgtor. Im Burghof angekommen hielt sie und ein Diener sprang herunter, um die Kutschent&#252;r zu &#246;ffnen. </p>
<p>Kurz darauf stieg der Markgraf aus und ging auf Rudolf zu. </p>
<p>„Ihr habt hier was auf die Beine gestellt. Ich wusste, dass ich dem richtigen diese Aufgabe &#252;bertragen habe. Da w&#228;chst vor der Burg ja eine richtige Stadt.“ </p>
<p>Hinter ihm sah Ritter Rudolf wie erst die Markgr&#228;fin ausstieg und dann ein junges Fr&#228;ulein. </p>
<p>„Wir mussten ja nach Euren Nachrichten uns wappnen.“ </p>
<p>„Ja, da habt ihr Recht, aber dar&#252;ber sprechen wir sp&#228;ter. Ich habe euch eine &#220;berraschung mitgebracht oder besser gesagt meine Gattin!“ </p>
<p>Rudolf schwante schon was kommen w&#252;rde als er die Markgr&#228;fin auf sich zu kommen sah. L&#228;chelnd hielt sie ihm ihre Hand entgegen. Rudolf verbeugte sich und k&#252;sste den Siegelring an ihrer Hand. </p>
<p>„Na mein Lieber, Ihr habt hier gro&#223;artiges vollbracht. Die Stadt sieht so sch&#246;n aus und es scheint das Ihr eine starke Hand habt.“ Damit drehte sich die Markgr&#228;fin kurz um und winkte das junge Fr&#228;ulein zu sich. </p>
<p>„Das mein lieber Rudolf ist meine Cousine Sophie von Lauenstein. Sie hat schon soviel von Euch geh&#246;rt, dass Sie Euch unbedingt kennen lernen wollte. Zum anderen mein lieber wird es auch f&#252;r Euch Zeit zu heiraten und ihr Vater ist nicht abgeneigt Euch die Hand seiner Tochter anzuvertrauen.“, dabei zwinkerte die Markgr&#228;fin verschw&#246;rerisch Rudolf zu. </p>
<p>„Kommt lasst uns in den Rittersaal gehen, dort wartet auf Euch etwas zur Erfrischung von der langen Reise.“, sagte Rudolf zu seinen G&#228;sten. </p>
<p>„Ein guter Tropfen Bier w&#228;re jetzt das Beste!“ meinte der Markgraf. </p>
<p>Daraufhin gingen sie in die Burg um sich von der Reise zu erholen. Die Markgr&#228;fin und Sophie folgten Rudolf und dem Markgrafen. Dieser fragte derweil Rudolf &#252;ber die Bauvorg&#228;nge aus. </p>
<p>Karl und Georg standen immer noch im Burghof. Karl war wie erstarrt, als er von den Pl&#228;nen der Markgr&#228;fin geh&#246;rt hatte. Nun war alles aus und vorbei. Georg, der merkte wie es um Karl stand, sprach leise auf ihn ein. </p>
<p>„Was steht ihr hier noch rum, los Karl du hast heute noch eine &#220;bungsstunde auf dem Pferd.“, sprach Gerald die beiden an. Karl nickte nur und ging r&#252;ber zum Pferdestall, um sein Pferd zu holen, dass ihm Rudolf geschenkt hatte. Georg ging mit ihm mit. Als sie im Stall standen, liefen Karl Tr&#228;nen &#252;ber das Gesicht. Georg, dem nicht entging wie es seinem Freund ging, nahm ihn in den Arm. </p>
<p>„Es wird schon wieder. Du wirst sehen.“ </p>
<p>„Es wird niemals mehr so sein, wie es war. Ich wei&#223; es!“ </p>
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		<title>Was nicht sein darf – Teil 1</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Jun 2007 15:31:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joerschi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Was nicht sein darf]]></category>
		<category><![CDATA[History]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Karre rumpelte &#252;ber den Feldweg, gezogen wurde dieser von einem &#228;rmlich gekleideten Jungen. Der Karren war schwer beladen mit Getreides&#228;cken, so das der Junge ziemliche m&#252;he hatte, diesen vorw&#228;rts zu bewegen. 
Karl so hie&#223; der Junge, hielt kurz an um sich den Schwei&#223; aus dem Gesicht zu wischen. Danach begann er den Karren weiter <a href="http://www.pitstories.de/2007/06/02/was-nicht-sein-darf-teil-1/">[...]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Karre rumpelte &#252;ber den Feldweg, gezogen wurde dieser von einem &#228;rmlich gekleideten Jungen. Der Karren war schwer beladen mit Getreides&#228;cken, so das der Junge ziemliche m&#252;he hatte, diesen vorw&#228;rts zu bewegen. </p>
<p>Karl so hie&#223; der Junge, hielt kurz an um sich den Schwei&#223; aus dem Gesicht zu wischen. Danach begann er den Karren weiter zu ziehen. Er hatte den Auftrag erhalten f&#252;r seinen Vater das Getreide zur M&#252;hle zu bringen um es dort vom M&#252;ller zu Mehl mahlen zu lassen. <span id="more-298"></span></p>
<p>Karl zog in Gedanken den Karren weiter, als er hinter sich das Ger&#228;usch eines sich n&#228;hernden Pferdes h&#246;rte. </p>
<p>Man musste das jetzt sein wo er fast bei der M&#252;hle war und zog den Karren an die Seite des Weges um dem Reiter platz zu machen. Als der Karren endlich am Rand des Weges stand, drehte sich Karl in die Richtung aus der das Pferd zu h&#246;ren war. Er sah in der Ferne eine Staubwolke die schnell n&#228;her kam. Langsam tauchten aus der Staubwolke das Pferd und sein Reiter auf. Als der Reiter Karl fast erreicht hatte, z&#252;gelte dieser das Pferd und brachte es vor Karl zum stehen. </p>
<p>Karl sah den Reiter kurz an und blickte dann zu Boden. </p>
<p>„Guten Morgen Junge, kannst Du mir sagen ob es noch weit ist bis zur Burg vom Landgrafen Weinheim?“ </p>
<p>„Die Burg ist nicht mehr weit, Herr. Hinter dem H&#252;gel k&#246;nnt ihr sie schon sehen.“ </p>
<p>„Danke Junge, wie ich sehe hast Du ganz sch&#246;n zu tun mit der Ladung. Da ich ja fast da bin, ist wohl nichts einzuwenden wenn ich eine kurze Rast einlege. Willst Du mir dabei etwas Gesellschaft leisten?“ </p>
<p>Karl sah verwundert zu dem Reiter auf. </p>
<p>Obwohl die Kleidung des Reiters ziemlich verdreckt war, konnte man doch erkennen, dass es sich um teure Kleidung handelte. Zudem hing ein Schwert an der Seite des Reiters. </p>
<p>„Herr ich glaube kaum, dass ich die richtige Unterhaltung f&#252;r euch bin.“ Dabei sah Karl schnell wieder auf den Boden. </p>
<p>„Na das lass mich mal entscheiden.“ Mit diesen Worten sprang der Reiter vom Pferd und l&#246;ste einen Beutel, der am Sattel hing. </p>
<p>„Na komm schon, alleine macht es keinen Spa&#223;.“ Dabei setzte der Reiter sich an den Rand des Feldweges und sah Karl von der Seite an. </p>
<p>Karl setzte sich in respektvoller Entfernung hin und sah den Reiter an. </p>
<p>Karl sch&#228;tzte das Alter des Reiters auf knapp 18 Jahre. Als dieser l&#228;chelnd zu Karl sah, wandte dieser sich schnell ab und sah zu dem Pferd des Reiters. Dieses hatte sich auf der anderen Seite des Feldweges begeben und hatte angefangen zu grasen. </p>
<p>„Wie ist dein Name?“ </p>
<p>„Ich hei&#223;e Karl.“ </p>
<p>„Mein Name ist Rudolf.“ Dabei reichte der Reiter Karl ein St&#252;ck Brot. </p>
<p>Karl nahm es ihm ab und bedankte sich. </p>
<p>„Und wie weit musst Du noch mit Deiner Ladung?“ </p>
<p>„Nicht mehr weit, die M&#252;hle kann man von hier aus schon sehen.“ Dabei zeigte Karl in die Richtung. In der Ferne konnte man schon die Fl&#252;gel der M&#252;hle erkennen. </p>
<p>„MMMHH na das ist aber trotzdem noch eine ganz sch&#246;ne Strecke.“ </p>
<p>Karl nickte und sah vorsichtig zu dem Reiter wieder hin. Dieser sah immer noch in die Richtung, wo die M&#252;hle stand. </p>
<p>Das Gesicht des Reiters war schmal und wurde von halblangen braunen Haaren umrahmt. </p>
<p>„Bist Du ein Ritter?“ kaum war die Frage Karl aus dem Mund entschl&#252;pft, bereute er diese schon wieder. </p>
<p>Der Reiter aber drehte sich zu Karl und lachte. </p>
<p>„Ja das bin ich und ich komme direkt vom Hof des Markgrafen von Mei&#223;en.“ </p>
<p>„Oh das ist aber ein ganz sch&#246;ner Weg den ihr da hinter euch habt.“ </p>
<p>„Stimmt. Ich bin jetzt vier Tage unterwegs. Aber nun habe ich es ja fast geschafft.“ </p>
<p>Karl sah den Ritter wieder an, dieser l&#228;chelte ihm aufmunternd zu. </p>
<p>„Na und wie alt bist Du?“ fragte Rudolf Karl. </p>
<p>„Ich bin jetzt 16 Sommer alt. Sagt meine Mutter.“ f&#252;gte Karl noch hinzu. </p>
<p>„Dann bist Du ja bestimmt schon verheiratet?“ </p>
<p>„Nein Herr bin ich nicht.“ </p>
<p>„Wieso das denn nicht?“ </p>
<p>„Es hat sich noch nicht ergeben und da mein &#228;ltester Bruder den Bauernhof &#252;bernimmt, habe ich nicht viel zu bieten, au&#223;er meiner Arbeitskraft.“ </p>
<p>Der Ritter sah Karl dabei an und zog seine Stirn kraus als ob er &#252;ber etwas nachdachte. </p>
<p>„Na dann Karl ich muss dann weiter. Wo liegt eigentlich euer Bauernhof?“ </p>
<p>„Ihr m&#252;sst nur dem Feldweg folgen und an der n&#228;chsten Gabelung rechts abbiegen, dann kommt ihr direkt zum Hof.“ </p>
<p>„Na dann vielleicht sieht man sich wieder.“ Daraufhin schwang der Ritter sich auf sein Pferd und trabte los. </p>
<p>Karl sah verbl&#252;fft dem Ritter hinterher. Das w&#252;rde ihm zu Hause niemand glauben, dass er mit einem echten Ritter gesprochen hatte. Mit diesen Gedanken machte sich Karl auf und zog den Karren weiter zur M&#252;hle. </p>
<p>§ </p>
<p>Rudolf ritt nun der Burg des Landgrafen entgegen. Als er den H&#252;gel erreichte, von wo aus man die Burg sehen konnte, wie der junge Bauer es ihm gesagt hatte, hielt Rudolf sein Pferd an. Er sah zu der Burg die man nun sehen konnte. Was er sah gefiel ihm gar nicht. Die Burg sah eher wie eine Ruine aus. Der Wehrturm war halb eingest&#252;rzt und die Mauern die die Burg umgaben, waren halb zerfallen. Einige &#228;rmliche Katen sowie halb abgebrannte H&#228;user standen in der N&#228;he der Burg. </p>
<p>Er z&#252;gelte sein Pferd und gab ihm die Sporen und ritt zur Burg. </p>
<p>Nachdem er am Burgtor angekommen war, kam ihm die Wache entgegen. </p>
<p>„Ich habe eine wichtige Nachricht f&#252;r euren Herrn.“ sagte Rudolf der Wache, bevor diese ihn fragen konnte was er wollte. </p>
<p>Daraufhin gaben die beiden Wachleute den Weg frei und Rudolf ritt in den Burghof. Dort angekommen, kam ihm ein junger Bursche entgegen und nahm die Z&#252;gel des Pferdes in die Hand, nachdem Rudolf abgestiegen war. </p>
<p>„Wo ist der Landgraf, ich muss ihn sofort sprechen.“ dabei sah Rudolf den Burschen an.“ </p>
<p>„Der Herr ist im Rittersaal.“ stammelte der Bursche ver&#228;ngstigt. </p>
<p>Rudolf ging daraufhin zum Eingang des Hauptgeb&#228;udes der Burg und &#246;ffnete die T&#252;r. Nachdem er durch die T&#252;r getreten war, stand er im Rittersaal. Rudolf sah sich suchend nach dem Burgherrn um. Diesen sah er dann auch. Der Landgraf sa&#223; in einem gro&#223;en Stuhl am Kamin und sah Rudolf fragend entgegen. </p>
<p>„Wer will mich sprechen?“ kam es dann auch von dem Landgrafen. Rudolf ging daraufhin auf den Landgrafen zu und verneigte sich kurz. </p>
<p>„Ich habe Nachrichten vom Markgrafen von Mei&#223;en f&#252;r euch.“ Dabei &#252;bergab Rudolf dem Landgrafen die Botschaft. </p>
<p>Dieser nahm sie entgegen und &#246;ffnete die Nachricht mit zitternden H&#228;nden. Beim lesen der Nachricht runzelte der Landgraf die Stirn. Rudolf wusste was in dem Schreiben stand. Der Landgraf von Weinheim war mittlerweile zwei Jahre mit seinen Abgaben im Verzug und der Markgraf von Mei&#223;en gab ihm eine letzte Frist um seine Schulden zu tilgen. Sollte er bis Ende des Monats diese nicht aufbringen, w&#252;rde der Markgraf ihn seines Titels entheben und ihn von der L&#228;nderei jagen. Rudolf wusste was dies bedeutete, der Landgraf w&#252;rde in den Schuldnerturm geworfen und seine Familie musste das Land verlassen. </p>
<p>„Wie soll ich das Geld denn aufbringen. Wir hatten zwei schlechte Erntejahre und dieses Jahr ist sie endlich wieder gut ausgefallen und das hier ist der Dank f&#252;r meine Treue.“ </p>
<p>Der Landgraf stand pl&#246;tzlich auf und zerkn&#252;llte den Brief in seiner Hand. </p>
<p>§ </p>
<p>Karl war gerade mit dem Karren beim M&#252;ller angekommen, als eine Reiterschar auf den Hof des M&#252;llers eintraf. Karl erkannte sofort die beiden S&#246;hne des Landgrafen. Er wusste sofort, dass es &#196;rger geben wird. Der M&#252;ller der auf Karl zugekommen war, sah ziemlich ver&#228;ngstigt auf die Reiter und blieb stehen. </p>
<p>„Ach wen haben wir denn da!“ kam es auch sofort, nachdem die Reiter abgesessen waren. </p>
<p>„Ist das nicht der Karl vom Hardenberghof. Oder sollte ich sagen vom ehemaligen Hardenberghof!“ kam es von Kuno dem &#228;ltesten Sohn des Landgrafen. </p>
<p>Karl blieb wie erstarrt am Karren stehen. In seinem Kopf schwirrten nur so die Gedanken. Nur langsam drangen die Worte zu ihm vor. </p>
<p>„Hat`s Dir die Sprache verschlagen? Hungerleider!“ </p>
<p>Kuno ging auf Karl zu und schlug ihn mit der Faust nieder. </p>
<p>„Also hier versteckt ihr euer Getreide vor uns!“ kam es von Kuno. „Na gut dann wirst Du zusehen m&#252;ssen, was wir mit Helfern wie dem M&#252;ller machen!“ </p>
<p>Daraufhin winkte Kuno seinem j&#252;ngeren Bruder Heinrich zu. Dieser ging mit einem der anderen auf dem M&#252;ller zu. Dieser stand immer noch &#228;ngstlich da und verstand nicht was hier vor sich ging. Als er erkannte, dass Heinrich und der andere in sein Haus wollten und sank vor den beiden auf die Knie. </p>
<p>„Bitte Herr, wir haben doch schon unsere Steuern bezahlt.“ </p>
<p>Heinrich trat auf den M&#252;ller zu und sah ihn geringsch&#228;tzig an. </p>
<p>„Ach wir wollten uns nur davon &#252;berzeugen, dass du auch wirklich die Wahrheit sagst. Und so wie ich das sehe, sagst du nicht die Wahrheit.“ Bei diesen Worten holte Heinrich mit seinem Fuss aus und rammte diesen dem M&#252;ller mit voller Wucht in den Bauch. Dieser sackte in sich zusammen und versuchte krampfhaft nach Luft zu schnappen. In dem Augenblick ging die T&#252;r vom Wohnhaus des M&#252;llers auf und die M&#252;llersfrau erschien. </p>
<p>Jammernd rannte sie zu dem am Boden liegenden M&#252;ller hin und kniete sich neben diesem nieder. </p>
<p>Karl sah wie Heinrich die M&#252;llerin anz&#252;glich anschaute, dann seinen Blick auf seinen Bruder richtete und in seinem Gesicht ein l&#252;sternes Grinsen breitmachte. Dann b&#252;ckte er sich und griff in die Haare der M&#252;llerin und zog sie mit einem ruck vom M&#252;ller weg in Richtung Haus. Im gleichen Moment fing die M&#252;llerin an zu schreien und versuchte mit ihren H&#228;nden die Hand von Heinrich zu l&#246;sen, doch dieser zog sie immer weiter zum Haus und verschwand mit der schreienden M&#252;llerin im Haus. </p>
<p>„So du Bastard jetzt zu dir.“ Damit wandte sich Kuno Karl wieder zu und zog diesen an den Haaren nach oben. </p>
<p>Karl sah im gleichen Moment wieder die Faust von Kuno auf sich zukommen. Als die Faust ihn traf wurde es schwarz vor seinen Augen. </p>
<p>§ </p>
<p>Als Karl wieder zu sich kam, konnte er sich vor Schmerzen kaum bewegen. Langsam versuchte er aufzustehen, das ihm dann auch gelang. Das erste was er sah war der M&#252;ller. Dieser lag etwas entfernt von ihm auf dem Boden und r&#252;hrte sich nicht. Karl ging stolpernd auf den M&#252;ller zu. Als er bei dem am Boden liegenden M&#252;ller ankam, sah er das Blut. Karl erkannte, dass der M&#252;ller nicht mehr lebte. Mit gebrochenen Augen starrte dieser in den Himmel. Karl sah sich langsam um und sah zu der offenen T&#252;r vom Wohnhaus. Langsam und vorsichtig ging er auf die offene T&#252;r zu. Nachdem er an der T&#252;r angekommen war, sah er in den Wohnraum hinein. </p>
<p>Kuno und sein Bruder hatten mit Ihren Freunden ganze Arbeit geleistet. Die sp&#228;rliche Einrichtung war vollkommen zertr&#252;mmert. In dem Chaos sah er die Beine der M&#252;llerin herausragen. Langsam ging Karl in das Haus um nach der M&#252;llerin zu sehen. Was er zu sehen bekam, sollte er sein ganzes Leben nicht vergessen. Die M&#252;llerin lag mit verrenkten Gliedern am Boden. Den Rock hatte man ihr gewaltsam heruntergerissen, und der Unterleib war vom Bauch bis zu ihrem Geschlechtsteil aufgeschlitzt. Karl schluckte und wankte aus dem Haus. Drau&#223;en angekommen erbrach er sich. Was sollte er jetzt nur machen. Pl&#246;tzlich erinnerte er sich an die Worte von Kuno. Was hatte er gesagt, und in seinem Kopf dr&#246;hnten die Worte von Kuno: „Ist das nicht der Karl vom Hardenberghof. Oder sollte ich sagen vom ehemaligen Hardenberghof!“ </p>
<p>Erschrocken sah Karl sich um. </p>
<p>`Nicht meine Familie, oh mein Gott bitte lass ihnen nichts passiert sein. ` </p>
<p>Trotz der Schmerzen wandte sich Karl um und schwankte den Weg zur&#252;ck zum Bauernhof seiner Familie. </p>
<p>§ </p>
<p>Rudolf sch&#252;ttelte den Kopf und sah den Landgrafen an. Dieser verzog keine Miene und schaute nur vor sich hin. </p>
<p>Pl&#246;tzlich wurde die T&#252;r aufgerissen und eine johlende Gruppe von M&#228;nnern kam in den Saal. </p>
<p>„Man haben wir es den gegeben und dann das bl&#246;de Gesicht des Weibs, als sie merkte das ihr letztes St&#252;ndlein geschlagen hat.“ Dabei kr&#252;mmten die anderen sich vor lachen. </p>
<p>Der Landgraf straffte seine Schultern und wandte sich den M&#228;nnern zu. </p>
<p>„Kuno, Heinrich ich muss mit euch sprechen.“ Kam es von ihm barsch, dann wandte er sich an Rudolf. </p>
<p>„Verzeiht mir aber ich muss mit meinen S&#246;hnen sprechen.“ Und zu einem der M&#228;nner die den Saal mit seinen S&#246;hnen betreten hatte befahl er, Rudolf zur K&#252;che zu bringen. </p>
<p>Rudolf verneigte sich kurz und ging hinter dem Mann her. Die anderen aus der Gruppe sahen ihn absch&#228;tzend nach. </p>
<p>Kurz nachdem Rudolf den Saal verlassen hatte, befahl der Landgraf das alle au&#223;er seinen S&#246;hnen den Saal verlassen sollten. Nachdem sie alleine unter sich waren, schilderte der Landgraf seinen S&#246;hnen den Sachverhalt, warum der Ritter auf ihrer Burg war. </p>
<p>„So dankt der Markgraf von Mei&#223;en dir deine Treue.“ sagte Kuno aufgebracht. </p>
<p>„Halt Deinen Mund.“ kam es kurz vom Landgrafen. </p>
<p>„Aber….“ Kuno war sprachlos. </p>
<p>„Du und Dein Bruder habt doch nichts anderes im Sinn als die Leute zu schikanieren und zu bestehlen. Wo wart ihr heute?“ lauernd schaute der Landgraf seine S&#246;hne an. </p>
<p>„Wir wa…“ ein warnender Blick traf Heinrich von seinem Bruder. </p>
<p>„Also, ich warte!“ </p>
<p>„Vater wir waren beim M&#252;ller und haben ihn dabei erwischt wie er versuchte Getreides&#228;cke zu verstecken. Und wir haben ihn daf&#252;r bestraft.“ sagte Kuno. </p>
<p>„Wie bestraft?“ fragend sah der Landgraf in die Runde. </p>
<p>„Wir haben ihn gerichtet.“ antwortete Heinrich etwas leiser. </p>
<p>„Was habt ihr? Ich bin immer noch der Landgraf hier! Was erlaubt ihr euch. Oh mein Gott wenn der Ritter davon erf&#228;hrt und das dem Markgrafen von Mei&#223;en berichtet, dann gnade uns Gott.“ der Landvogt war au&#223;er sich. Er lief aufgeregt hin und her und &#252;berlegte was sie unternehmen k&#246;nnten. Dann kam ihm eine Idee und sah zu seinen S&#246;hnen. </p>
<p>„Wir m&#252;ssen so schnell wie m&#246;glich hier verschwinden. Wenn der Ritter unsere Burg verlassen hat, werden wir zu meinem Bruder in den Elsass fliehen. Bei ihm habe ich unser gesamtes Verm&#246;gen in Sicherheit gebracht. Ihr werdet euch darum k&#252;mmern, dass wir so schnell wie m&#246;glich uns aus dem Staube machen. Niemand darf etwas auf der Burg von unserem Plan erfahren. “ Kuno und Heinrich drehten sich um und liefen nach oben um ihre Habseligkeiten zu packen. </p>
<p>§ </p>
<p>Karl stolperte den Feldweg entlang. Als er an der Weggabelung ankam sah er schon von weitem Rauch aufsteigen. Er ahnte schlimmes und begann schneller zu laufen, was ihm leidlich gelang. Je n&#228;her er dem Bauernhof kam umso mehr manifestierte sich bei ihm die Gewissheit, dass der Rauch von dem Bauernhof seiner Eltern aufstieg. </p>
<p>Nach endlosen Minuten stand er dann endlich vor dem Bauernhof. Die Scheune und das Haupthaus brannten lichterloh. Nirgends waren seine Geschwister und auch seine Eltern zu sehen. Er stolperte halb blind durch den Rauch. Tr&#228;nen liefen ihm durch das Gesicht und er fing an nach seinen Eltern zu rufen, aber niemand antwortete ihm. Aus der brennenden Scheune h&#246;rt er das Schreien der Tiere die in h&#246;chster Not waren. Karl stolperte weiter in die Richtung der Scheune. Vielleicht schaffte er es noch die Scheunent&#252;r zu &#246;ffnen um wenigstens die Kuh und die zwei Ziegen zu retten. Je n&#228;her er der Scheune kam umso hei&#223;er wurde die Luft. Das Atmen wurde immer qu&#228;lender und so zog Karl seinen Kittel &#252;ber die Nase um besser Atmen zu k&#246;nnen. Als er das Tor erreicht hatte versuchte er dieses zu &#246;ffnen. Das Tor gab kurz nach und &#246;ffnete sich, sengende Hitze schlug ihm aus der Scheune entgegen. In der Scheune stand alles in Flammen und aus dieser Flammenh&#246;lle kamen ihm die beiden Ziegen entgegen gerannt. Pl&#246;tzlich h&#246;rte er einen lauten Aufschrei und sah die Kuh die den Ziegen hinterher rannte. </p>
<p>Die Kuh rannte an Karl vorbei und wurde kurz darauf vom Rauch verschluckt. Nur noch das &#228;ngstliche br&#252;llen von ihr war noch zu vernehmen, das aber immer leiser wurde. </p>
<p>Karl fingen die Augen an zu brennen und er bekam immer weniger Luft. Er torkelte mehr als das er lief aus dem Rauch heraus. Kaum das er aus dem Gefahrenbereich heraus war h&#246;rte er das bersten von Holz hinter sich. Er drehte sich im Laufen um und sah wie sein Elternhaus in sich zusammenfiel, dabei stolperte er &#252;ber einen Stein und fiel hin. Dort blieb er liegen und fing an zu weinen. Die Hoffnung seine Eltern und die Geschwister lebend wieder zusehen hatte er bereits beim Anblick des brennenden Bauernhofes aufgegeben. Mit sich und seiner Trauer tief versunken, h&#246;rte er nicht das Pferd das sich dem Bauernhof n&#228;herte. </p>
<p>§ </p>
<p>Rudolf sa&#223; an einem Tisch in der Burgk&#252;che und wollte gerade beginnen zu essen, als pl&#246;tzlich die T&#252;r aufging und eine junge Magd weinend in die K&#252;che stolperte. </p>
<p>Die K&#246;chin fuhr von der Kochstelle herum und sah die junge Frau erschrocken an. </p>
<p>„Margret was ist passiert?“ fragte die K&#246;chin entsetzt, die wie es schien vergessen hatte dass der junge Ritter in der K&#252;che sa&#223;. </p>
<p>„Oh bei Gott sie haben den M&#252;ller und die M&#252;llerin erschlagen und Karl vom Hardenberghof haben sie zusammengeschlagen.“ jammerte die junge Magd. </p>
<p>Die K&#246;chin schlug sich entsetzt die Hand vor dem Mund. </p>
<p>„OH heilige Jungfrau Maria!“ kam es entsetzt aus ihrem Mund und sie bekreuzigte sich schnell. Rudolf auf den keiner der Frauen achtete stand auf und ging zu der jungen Magd. Als er bei ihr war, wurde dem M&#228;dchen erst gewahr das sie nicht alleine waren. Zitternd fiel sie vor dem Ritter auf die Knie “Oh bitte Herr tut mir nichts. Ich werde meinen Mund verschlossen halten und niemanden etwas erz&#228;hlen.“ </p>
<p>Rudolf b&#252;ckte sich und zog das M&#228;dchen nach oben. </p>
<p>„Hat dich jemand gesehen als du in die Burg gerannt bist?“ fragend sah Rudolf sie an. </p>
<p>„Nein Herr ich habe mich an der Wache vorbei geschlichen.“ &#228;ngstlich sah sie dabei Rudolf an. </p>
<p>„Was ist genau passiert?“ fragte Rudolf. </p>
<p>„Ich bin bei dem M&#252;ller als Magd angestellt und wollte Wasser holen, als ich die S&#246;hne unseres Herrn Landgrafen auf den Hof reiten sah. Ich habe mich hinter der alten Scheune versteckt und gesehen wie sie erst Karl zusammenschlugen und dann den M&#252;ller. Die M&#252;llerin die ihrem Mann zur Hilfe eilen wollte hat dann Heinrich an den Haaren in das Haus gezogen. Dann h&#246;rte ich nur noch ihre Schreie. Oh Herr ich hatte solche Angst, ich konnte mich nicht bewegen. Kuno hat dann den M&#252;ller mit dem Schwert erstochen und ist dann mit seinen Kumpanen Heinrich in das Haus gefolgt. Es war so entsetzlich. Ich h&#246;re die M&#252;llerin immer noch schreien.“ Jammernd hatte sich die junge Magd die H&#228;nde vor das Gesicht gedr&#252;ckt. </p>
<p>Die K&#246;chin die w&#228;hrend die Magd erz&#228;hlte, an die T&#252;r gegangen war, &#246;ffnete vorsichtig die T&#252;r einen Spalt um sich zu vergewissern, dass niemand dem M&#228;dchen gefolgt war. </p>
<p>Dann schloss sie die T&#252;r und wandte sich um: „ Herr ihr seid in Gefahr, wenn der Landgraf erst mitbekommt das ihr von der Sache wissen, ist euer Leben keinen Pfifferling mehr wert.“ </p>
<p>Rudolf nickte der K&#246;chin zu. </p>
<p>„Was wird aus der Magd?“ </p>
<p>„Das lasst meine Sorge sein, Herr. Ich werde sie verstecken.“ </p>
<p>„Nun gut. K&#246;nnt ihr unbemerkt dem Stallburschen auftragen mein Pferd bereitzuhalten?“ </p>
<p>Die K&#246;chin nickte und machte sich auf, den Stallburschen zu suchen. </p>
<p>Kurze Zeit sp&#228;ter erschien sie wieder. </p>
<p>„Herr euer Pferd steht im Stall bereit. Ihr solltet euch beeilen, es braut sich etwas zusammen auf der Burg. Die S&#246;hne des Landgrafen, sind beim packen ihrer Sachen.“ </p>
<p>Rudolf nickte und machte sich entschlossen auf den Weg zum Stall wo sein Pferd schon wartete. </p>
<p>Als er in den Stall kam, wartete der Stallbursche schon auf ihn. </p>
<p>„Herr ihr k&#246;nnt nicht durch das Burgtor. Die Wachen wurden dort verdoppelt und so wie ich ein Gespr&#228;ch zwischen zwei Wachen mitbekommen habe, will man euch eine Falle stellen um eure R&#252;ckkehr zum Markgrafen zu verhindern. Kommt ich kenne einen anderen Weg hinaus aus der Burg.“ </p>
<p>Rudolf nickte dankbar und folgte dem Stallburschen der mit dem Pferd durch den Stall zum anderen Ende lief. Dort sah Rudolf eine T&#252;r die der Stallbursche &#246;ffnete und mit dem Pferd dahinter verschwand. Als Rudolf die T&#252;r erreichte sah er, dass der Ausgang zu einer kleinen Wiese f&#252;hrte. Auf der gegen&#252;berliegenden Seite war die Burgmauer zu sehen. Diese war an dieser Stelle zum Teil zusammengebrochen so dass man die Burg hier verlassen konnte. Dankbar wendete sich Rudolf an den Stallburschen und nahm ihm die Z&#252;gel des Pferdes aus der Hand. </p>
<p>„So Herr von hier aus kommt ihr ungesehen aus der Burg.“ </p>
<p>„Ich Danke dir f&#252;r deine Hilfe und pass auf Dich auf!“ Rudolf schwang sich daraufhin auf sein Pferd und ritt vorsichtig durch die &#214;ffnung in der Mauer. Als er auf der anderen Seite war, gab er dem Pferd die Sporen und ritt in den angrenzenden Wald. Als er meinte weit genug von der Burg entfernt zu sein, z&#252;gelte er das Pferd so dass es stehen blieb. </p>
<p>„So mein guter jetzt werden wir so schnell wie m&#246;glich zum Markgrafen reiten und ihm berichten. Vorher werden wir nach diesem Bauernjungen sehen.“ er schnalzte mit der Zunge und das Pferd machte sich auf den Weg. </p>
<p>§ </p>
<p>Als Rudolf den Feldweg entlang ritt, sah er sich suchend nach der von Karl beschriebenen Weggabelung um. Kurze Zeit sp&#228;ter sah er diese. Nachdem an der Weggabelung rechts eingebogen war, sah er schon von weitem den Rauch. Er gab dem Pferd die Sporen. Als er dem Rauch immer n&#228;her kam, konnte er sehen dass ein Bauernhof in Flammen stand. Der Rauch wurde immer dichter und sein Pferd begann unruhig zu werden, so dass er ziemliche M&#252;he hatte das Pferd ruhig zu halten. </p>
<p>Pl&#246;tzlich sah er auf dem Weg vor ihm eine Gestalt liegen. Er hielt sein Pferd an und stieg ab. Dann band er das Pferd an einem Baum der am Weg stand. Dann lief er auf die liegende Gestalt zu. Als er nah genug war um zu erkennen das es sich um Karl den Bauernjungen handelte, rannte er zu ihm und beugte sich &#252;ber den Jungen. </p>
<p>Rudolf drehte Karl zu sich um, dieser wimmerte leise vor sich hin. Rudolf sah kurz auf und &#252;berlegte was er machen sollte. Hier bleiben konnte keiner von beiden. Da er bef&#252;rchtete das wenn die Leute von der Burg feststellten, dass er sich nicht mehr in der Burg befand, ihn verfolgen w&#252;rde. Also hob er Karl vorsichtig auf und ging zu seinem Pferd. Er sah dabei Karl kurz an. Das Gesicht des Jungen war blutig und voller blauer Flecken. Erbittert dachte er daran, was sie dem Jungen noch angetan haben k&#246;nnten. Nachdem er den Jungen vorne &#252;ber das Pferd gelegt hatte, band er das Pferd ab und bestieg das Pferd. Nachdem er aufgesessen war, nahm er Karl vorsichtig in seine Arme und ritt los. </p>
<p>Karl der immer noch wimmerte, schien von dem was um ihn geschah nichts mitzubekommen. </p>
<p>Rudolf sah nach vorne, bald schon hatten sie den grauenhaften Ort hinter sich gelassen. </p>
<p>Karl war in seinen Armen eingeschlafen und Rudolf genoss es den Jungen in seinen Armen zu halten. </p>
<p>Er konnte sich nicht erkl&#228;ren warum ihn Karl schon beim ersten Treffen so faszinierte. Seine blauen Augen waren ihm sofort aufgefallen und vor allen Dingen sein Gesicht das eine blonde M&#228;hne umrahmte. Er schaute kurz auf Karl, der sich an ihn gelehnt hatte und ruhig atmete. </p>
<p>Rudolf musste dabei l&#228;cheln und streichelte Karl mit seiner Hand &#252;ber deren blonde Haare. </p>
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<p>Als es anfing dunkel zu werden erreichte Rudolf einen Bauernhof. Der Bauer der ihn von weitem kommen sah, sah ihn misstrauisch entgegen. </p>
<p>Als er aber Karl erkannte wurde er etwas blass. </p>
<p>„Was ist passiert Herr? Das ist doch der Karl vom Hardenberghof.“ </p>
<p>Rudolf nickte und erz&#228;hlte kurz wie er Karl gefunden hatte. </p>
<p>„Dieser Menschenschinder von Landgraf. Wenn ihr w&#252;sstet wie viele Menschen der und seine Teufelsbrut schon auf dem Gewissen haben. Aber was stehe ich hier und erz&#228;hle euch das, ihr m&#252;sst ja hungrig sein und dann m&#252;ssen wir uns erst einmal um den Jungen k&#252;mmern.“ der Bauer ging daraufhin auf Rudolf zu und nahm ihm Karl ab, damit dieser vom Pferd absteigen konnte. Der Bauer lief mit Karl in seinen Armen zum Haus und schickte einen seiner S&#246;hne zu Rudolf, der sich um das Pferd des Ritters k&#252;mmern sollte. Als Rudolf das Bauernhaus betrat, das nur aus einem gro&#223;en Raum bestand, sah er dass sich die B&#228;uerin bereits um Karl k&#252;mmerte. </p>
<p>Der Bauer kam auf Rudolf zu und bat ihn sich an den Tisch zusetzen. Nachdem Rudolf sich an den Tisch gesetzt hatte, brachte der Bauer zwei Kr&#252;ge die mit Bier gef&#252;llt waren. </p>
<p>„Nun denn erz&#228;hlt mir was hier in der Grafschaft genau vor sich geht!“ Rudolf sah dabei gespannt auf den Bauer. </p>
<p>„Herr ihr k&#246;nnt euch nicht vorstellen wie das Volk unter dem Grafen leidet. Die Steuern wurden immer h&#246;her und wer nicht bezahlte, bekam Besuch von seinen S&#246;hnen. Was diese mit denjenigen machten, brauch ich euch nicht zu erz&#228;hlen. Ihr habt es ja sehen k&#246;nnen.“ </p>
<p>„Ich war heute beim Grafen in der Burg, er sagte mir dass es in den letzten zwei Jahren zu Missernten kam. Stimmt das?“ fragend sah Rudolf zum Bauern. </p>
<p>„Pahh das ich nicht lache. Die Ernten waren gut und sein S&#228;ckel hat nur so geklingelt. Kein Wunder bei dem was wir an Abgaben zahlen m&#252;ssen.“ </p>
<p>Als der Bauer gerade weiter erz&#228;hlen wollte, kam seine Frau an den Tisch. </p>
<p>„Herr, Karl ist eben zu sich gekommen.“ </p>
<p>Rudolf stand rasch auf und lief zu Karl der auf einem Haufen Stroh lag. </p>
<p>„Na wie geht es Dir?“ </p>
<p>Schwach kam es von Karl:“Es geht so. Aber habt ihr mich hierher gebracht?“ </p>
<p>Rudolf nickte und Karl sah ihn dankbar an. </p>
<p>„Was ist mit meiner Familie?“ Karl traten bei der Frage Tr&#228;nen in die Augen. </p>
<p>Rudolf l&#228;chelte schwach:“ Ich wei&#223; es nicht! Wenn Du m&#246;chtest kannst Du mich nach Mei&#223;en begleiten und dann sehen wir weiter!“ </p>
<p>Karl nickte dankbar. </p>
<p>„Komm Karl hier hast du etwas Suppe.“ Mit diesen Worten war die Bauersfrau hinzugetreten und hielt Karl eine Holzsch&#252;ssel mit Suppe hin. Dankbar ergriff Karl diese. </p>
<p>Rudolf erhob sich wieder und ging zu dem Bauern zur&#252;ck. Was Rudolf an diesem Abend von dem Bauern erfuhr, konnte er nicht fassen. </p>
<p>Der Landgraf und seine S&#246;hne hatten die Grafschaft buchst&#228;blich zugrunde gewirtschaftet. Viele Bauern hatten entweder die Grafschaft verlassen, oder waren durch die H&#228;nde der S&#246;hne des Grafen get&#246;tet worden. Was Rudolf da h&#246;rte, gefiel ihm gar nicht und der Verdacht lag nahe das der Graf die G&#252;ter und das eingenommene Geld zur Seite geschafft haben musste. </p>
<p>Nachdem es ziemlich sp&#228;t geworden war ging Rudolf in die Scheune und legte sich in das Heu neben seinem Pferd. Als er so dalag und &#252;ber das was er geh&#246;rt hatte nachdachte, h&#246;rte er pl&#246;tzlich leise Schritte, die sich der Scheune n&#228;herten. Rudolf ergriff sein Schwert und wartete. Er h&#246;rte wie das Scheunentor leise ge&#246;ffnet wurde und sah durch den Spalt den das Mondlicht erhellte eine Gestalt in die Scheune schl&#252;pfen. Er erkannte die Gestalt sofort und sagte leise:“ Karl solltest Du nicht schlafen?“ </p>
<p>„Ja Herr. Darf ich bei euch schlafen?“ kam es leise von Karl. </p>
<p>„Na komm her und leg dich hin.“ Rudolf musste dabei in sich hineingrinsen. Dann raschelte es neben ihm im Stroh. </p>
<p>„Gute Nacht Karl!“ </p>
<p>„Ich w&#252;nsch euch auch eine gute Nacht Herr!“ </p>
<p>Rudolf schlief kurz darauf ein. </p>
<p>§ </p>
<p>Am n&#228;chsten Morgen erwachte Rudolf durch ein taubes Gef&#252;hl im linken Arm. Als er versuchte seinen Arm zu bewegen, merkte er, dass irgendetwas auf diesem lag. Er drehte vorsichtig den Kopf und sah die Ursache daf&#252;r. Karl lag auf seinem Arm und hielt seine Hand in seinen H&#228;nden. Rudolf musste grinsen, aber dann befreite er seine Hand und seinen Arm aus dem griff von Karl und stand leise auf. </p>
<p>Als Rudolf aus der Scheune trat, wurde es bereits hell. Der Himmel strahlte in einem herrlichen rosarot und die ersten Sonnenstrahlen trafen auf das Dach des Bauernhauses. Rudolf streckte sich, in dem Moment ging die T&#252;r vom Bauernhaus auf und der Bauer trat heraus. Als er Rudolf sah lief er auf ihn zu. </p>
<p>„Guten Morgen Herr, das Fr&#252;hst&#252;ck wartet schon.“ Dabei sah der Bauer Rudolf an. </p>
<p>Rudolf nickte und ging kurz in die Scheune um Karl zu wecken. Kurz darauf sa&#223;en sie im Haus des Bauern und a&#223;en ihre Milchsuppe. Nachdem sie f